Waschmaschinen zu Computern, Computer zu Waschmaschinen

Damals, das ist schon ein bisschen länger her, da bediente man eine Waschmaschine noch per Hand. Also zum Beispiel die Rührflügelmaschine von Jacob Christian Gottlieb Schäffern (1767) oder die erste Trommelwaschmaschine von Hamilton Smirt (1858). Irgendwann kam dann die Elektrizität in die Maschine (1901) und die Dinger begannen sich von selbst zu drehen. Die erste vollautomatische Waschmaschine (1946) war dann irgendwie ein logischer Schritt. Und seither waschen wir unsere Hemden und Hosen mit kleinen Computern. Die Maschinen spulen ihre Programme ab (die in meinem Haushalt nimmt diese noch von Lochstreifen und knackt dabei auf ihre ganze eigene Weise).

Mit der Waschmaschine ist es heute wie mit dem Auto der Jetztzeit: vollgestopft mit Elektronik. Und mit Software. In einschlägigen Foren in diesem Internet wurden deshalb auch schon Einträge wie dieser gesichtet: „Weiss jemand wie man die Software der Waschmaschine überprüfen kann, bzw. wie man sie updaten kann?“ Nein, weiß ich leider nicht. Und ehrlich gesagt, würde ich nicht versuchen. Beim Auto fiele mir das ja auch nicht ein. Ich will, dass es fährt, wenn es soll, und vor allem will ich, dass es bremst, wenn ich will. Funktioniert die Elektrik im Auto mal nicht wie sie sollte, dann gibt es ein Riesengeschrei zu Recht.

Mit Computern, zumindest mit den Mehrheitsrechnern, war das jahrzehntelang anders. Ein großer Softwarehersteller ließ gerne mal die Beta-Version seines Betriebssystems auf die Verbraucher los. Die konnten sich (kaum) nicht wehren, wir hatten ja (kaum etwas) nichts anderes. Irgendwann ist den Damen und Herren zum Glück die Vista aufgegangen und jetzt geht es wohl einigermaßen (ich höre hier und da, dass das Vor-Vorgänger-System aus dem Jahre Anno-Dazumal jetzt nach und nach aufs Altenteil geschoben wird).

Ja, wir haben gelitten. Aber es war trotzdem eine schöne Zeit. Irgendwie. Die Bastelarbeiten haben uns schließlich so manchen Abend davon abgehalten, uns vor dem Fernseher zu langweilen. Deshalb kann ich es ja verstehen, dass sich einige dort draußen jetzt beschweren, dass damit endgültig Schluss sein soll. Schließlich hat unser aller Steveness gerade das iPad vorgestellt, einen Kleincomputer, den meine ganzen Geek- und Nerd-Kumpels in diesem Twitter jetzt ihren Offline-Eltern schenken wollen. Warum? Weil er (sehr wahrscheinlich) funktioniert. Kein Kabelsalat, keine Tastatur, keine Maus – und keine Software, die seine Steveness nicht für gut und würdig befunden hat.

Das ist – im besten wie im schlechtesten Sinne – das Ende des Computers, wie wir ihn kannten. Wir waren es gewohnt, die Betriebssysteme, die nicht wirklich funktionierten, mit allerlei Programmen (heute sagt man Apps) zu füttern, von denen viele auch nicht richtig funktionierten. All das soll vorbei sein. Und wahrscheinlich können wir nicht mal etwas dagegen tun. Das ist umso ärgerlicher, als dass die Masche, mit der seine Steveness uns auf seine Seite gelockt hat, nicht eben fair war.

Er gab uns das iPhone. Vom ersten Moment an war es so viel schicker, als all die Dinge, die sich die Ingenieure in Finnland und anderswo ausgedacht hatten. Dann öffnete er es sogar noch für Entwickler. Seither sind die Apps das, was dereinst Klingeltöne waren. Nur viel, viel praktischer. Hier und da gab es zwar mal Einwürfe, seine Steveness gebärde sich sehr restriktiv an der Ladentheke und lasse nicht alles in den App-Store, was Mensch programmieren kann. Aber alles in allem gab es keine Grund sich zu beschweren. Mehr als das iPhone kann bis heute kein Taschencomputer.

Und jetzt kommt das iPad. Es sieht nicht nur aus wie ein zu groß geratenes iPhone. Es ist auch noch genauso verschlossen. Die ehemaligen Offline-Eltern werden nicht einfach mit Software aus dem Internet spielen können auf ihrem Weihnachtsgeschenk. Alles, was sie nach Meinung seiner Steveness brauchen, finden sie im App-Store. Dem einen oder anderen schmeckt das nicht (zum Beispiel der Free Software Fundation aus politischen und Adobe aus wirtschaftlichen Gründen). Ich kann das verstehen. Aber ist das schlimm?

Der App-Store für das iPad hat den unschätzbaren Vorteil, dass sich die ehemaligen Offline-Eltern der Geeks und Nerds einfach bedienen können. Angst vor Viren und Trojanern? Quatsch! Abstürzende Programme? Kann sein. Macht aber vermutlich nichts. Und wird nicht von Dauer sein. Der iPad ist eine Waschmaschine mit Internetanschluss. Nichts für Schrauber, weil zu komplex und vor allem zu verschlossen. Perfekt für jeden, der einfach nur seine Wäsche waschen im Netz hin und her surfen will (ja, erst wenn alle auf HTML5 umgesattelt haben, ich weiß).

An dieser Stelle – und ich komme damit auch zum Schluss – betritt ein (nicht so furchtbar populäres) Konzept aus der Wirtschaftswissenschaft die Bühne dieses Blogs: die Konsumentenethik. Die Idee ist mir zum ersten Mal 1998 begegnet, als ich das Vergnügen hatte, die Diplomarbeit meines lieben Freundes Kai kritisch zu würdigen. Extrem verkürzt geht es darum, dass Konsumenten ja auch die Wirtschaft in der Hand haben, nämlich durch ihre Kaufentscheidungen. Voraussetzung: Man gibt ihnen ausreichend Informationen an die Hand, um mündig und gern auch ethisch zu entscheiden).

Zum iPad – das ist ja das Schöne an dieser Welt des Überflusses – gibt es mehr als genug Informationen (und Meinungen) da draußen. Es wird eine Schwemme an Testberichten geben. Dann kann jeder selbst entscheiden, ob das Ding gut (und ethisch) ist oder nicht. Wem das geschlossene System seiner Steveness nicht passt, der kann sich ja einfach einen richtigen Computer kaufen. Die wird es ja auch noch nach April 2010 geben, hört man. Das gilt übrigens auch für den B2B-Bereich: Mal die Musikindustrie fragen wie es ist, wenn man verschläft und plötzlich feststellt, an Apple kommt keiner mehr vorbei.

Zum Schluss eine persönliche Erklärung: Ich habe sie alle gehabt. DOS, Windows (in den Darreichungsformen 3.1, 95, 98, NT, 2000, XP, Vista (3 Tage) und 7), Linux (als Suse, Ubuntu und Moblin (drei Tage)), Mac OS (seit Tiger). Ich liebe Mac OS (privat und als Nutzer), ich liebe Linux (privat und politisch), ich lebe mit Windows (beruflich). Ach ja, ich liebe auch mein iPhone (beruflich und irgendwie auch privat).

(Die kleine Geschichte der Waschmaschine habe ich Wikibedia entliehen.)

Update: Martin macht sich drüben auf seinem posterous benachbarte Gedanken zu unserem und ihrem Web.

In der Publizitätsfalle

Das vergangene Jahr hat dieses Internet nicht eben einfacher gemacht. Also für mich nicht. Gestartet bin ich mit zwei Blogs (dieses und jenes, das grad wieder ein bisschen tot ist), einem Twitter-Account und ein bisschen Facebook hier und da (neben den Dingen, die mich schon seit vielen Jahren begleiten, so Sachen wie delicious, Flickr, Last.fm und so).

Irgendwann im Sommer 2009, es wurde vermutlich gerade heiß, lief das digitale Leben um mich herum schneller und schneller (oder ich wurde träger). In immer kürzeren Abständen, so schien es mir, hetzte die digitale Meute von einem neuen Ich-mach-Euch-noch-glücklicher-Ding zum nächsten. In Erinnerung geblieben sind mir: posterous, foursquare und formspring.me. Aber was davon bleibt wirklich hängen? Das meiste – jenseits der genannten drei – habe ich vermutlich jetzt schon vergessen.

Full stop! Ein Blick zurück in die Frühzeit meiner Internetpublizität. Damals, das war 2002, war die Welt irgendwie überschaubarer – und sah handgeschnitzt aus:

Dereinst dachte ich, das ist jetzt mein Ort im Netz – und da kommt alles hin, was ich digital so sein will. Ein wenig später schon, das war wohl 2004, habe ich gemerkt, dass alle ihre Fotos zu Flickr hochladen. Habe ich auch gemacht. Auf die erste, die zweite und die dritte Version meiner Homepage – selbst aus HTML geschöpft – folgte 2006 das erste und 2007 oder so das zweite Blog. Was war ich froh, als Wordpress irgendwann Widgets einführte und ich endlich all die Dinge, die ich an anderen Orten im Netz so publizierte wieder an dieser Stelle, irgendwie ja immer noch mein Zuhause, zusammen führen konnte.

Und jetzt? Zwischen meine Blogs (von denen jenes mal wieder reanimiert werden will) und Twitter hat sich posterous geschlichen – und kann doch die Blogs nicht ersetzen. Foursquare ist eine nette Spielerei, vermutlich aber nur ein Übergangsdings, dessen wesentlicher Dienst es ist, uns die Richtung zu deuten, ein Twitter mit Lokalbezug für iPhone-Besitzer, also eine sehr spitze Zielgruppe (sowas ähnliches wird sicher groß, nur noch nicht jetzt). Formspring.me mach ich nicht mehr mit (ok, mich fragt halt keiner was).

Was bleibt? Das Bild wird immer diffuser. Ein paar Leute aus meiner digitalen Umgebung sind immer schon da, wenn ich in eine neue Site springe. Andere kommen nach wie vor nicht mit dem nicht-öffentlichen Teil meines Flickr-Feeds klar (das erste Foto habe ich am 1.1.2005 hochgelanden). Einige von denen fragen hin und wieder, wie ich das denn eigentlich alles mache. Ich denke dann immer: So viel mache ich doch gar nicht. Und sage: Ich habe keine Modelleisenbahn. Frage mich aber zugleich: Muss das? Und passt das (noch)?

Unterm Strich bleibt die Feststellung: Es wird nicht einfacher. Und: Nichts ist ewig. Aber haben wir eine Alternative? Nein. Zumindest diejenigen unter uns nicht, die nicht gelernt haben, mit ihren Händen zu arbeiten.

(Ich würde dann bei Gelegenheit auch mal wieder aufhören, mich um mich selbst zu drehen. Versprochen.)

Google und die Medien – ein paar Gedanken und Thesen

Am Samstag habe ich das Vergnügen, auf der DJV-Tagung “Besser Online” mit den Kollegen Albrecht Ude und Lars Reppesgaard sowie dem Suchmaschinenentwickler Wolfgang Sander-Beuermann über Google und die Medien zu diskutieren. Der Titel des Eröffnungspodiums, das Peter Jebsen moderiert: “Google sei bei uns!?” Ich sammle dann an dieser Stelle schon mal ein paar steile Thesen Argumente.

Die Leitfrage des Panels – so steht es im Programm – lautet: “Ist die von dem Unternehmen (Google, Anm. des Bloggers) bereitgestellte Infrastruktur ein Segen für Onliner oder sollte man Google mit Vorsicht genießen?” Also los.

Google ist ein Segen für Journalisten

Der Journalist und der Internetnutzer in mir liebt Google. Die Suche ist toll, der E-Mail-Dienst unübertroffen, der Google Reader mein gelebter Traum seit Jahren, Google Docs immer wieder sehr praktisch. Alls in allem kann ich allein mit der Bookmarkverwaltung nichts anfangen, da gibt es mit Delicious wahrlich etwas besseres. Und Flickr hat Google mit Picasa bei weitem nicht erreicht. Ergo: Für vieles, was Journalisten so tun, ist Google praktisch. Die Suche ist ein unverzichtbares Instrument für die Recherche.

Der Bürger in mir ist gleichwohl besorgt. Denn Google sammelt sehr, sehr viele Daten. Und Google sitzt in den USA, meine Daten damit auch. Gleichzeitig ist die US-Regierung (noch stärker als die deutsche) in den vergangenen Jahren immer hungriger nach Daten geworden. Ziehe ich daraus Konsequenzen: nicht wirklich. Ich rede mir ein, dass ich ja von einem Tag auf den anderen die Finger von Google lassen könnte, wohl wissend, dass mir das mit jedem Tag, an dem ich diese wundervollen Dienste nutze, schwerer fiele.

Google ist ein Segen für Online-Medien

Für alle Produzenten von Internetinhalten (also nicht nur für Journalisten) ist Google ein Traum. Dem durchschnittlichen deutschen Nachrichtenportal spült Google zwischen 30 und 60 Prozent der Zugriffe auf die Seite. Würden die Verlage und Sender Google nun ausschließen (was mithilfe der robots.txt auch ohne ausgefeiltere Programmierkenntnisse ziemlich einfach ist), ihre Portale würden deutlich schrumpfen. Weniger Seitenabrufe bedeuten weniger ausgelieferte Werbung, bedeuten weniger Einnahmen, bedeuten weniger Geld für Journalismus, bedeuten kleinere Redaktionen, bedeuten weniger Journalismus.

Und trotzdem führen Medienmanager und Verleger eine rege Debatte über Google. Die Argumentation: Google verdiene mit den Inhalten der Verlage Geld, weil neben den Suchergebnissen Werbung angezeigt wird. Und in der Tat: Google ist eigentlich ein Werbekonzern, der einen ungesund großen Teil des Online-Werbemarktes erobert hat. Einer der jüngeren Beiträge zu diesem Thema kommt von einem Dinosaurier der Branche: Rupert Murdoch – das ist der 78-Jährige, der vom australischen Regionalverleger zum wohl wichtigsten Medienmenschen der Welt wurde und der sich vor einiger Zeit mit dem “Wall Street Journal” die renommierteste Wirtschaftszeitung mindestens der USA einverleibt hat – möchte Google ausschließen, hat er vor ein paar Tagen gesagt.

Das klingt – auf den ersten Blick – nach ökonomischer Selbstaufgabe und kommt doch nicht überraschend. Schließlich ist Murdoch der Verleger, der mit dem “Wall Street Journal” ein – nach allem was man so hört – erfolgreiches Paid-Content-Modell sein eigen nennt. Die Wirtschaftszeitung verdient im Internet mit journalistischen Inhalten Geld, und zwar weil die Leser für die Inhalte bezahlen. Leute wie Mathias Döpfner denken deshalb wohl an Murdoch, wenn sie, wie der Springer-Chef vor ein paar Tagen auf dem “Monaco Media Forum” im Streitgespräch mit US-Blog-Verlegerin Ariana Huffington, vehement Bezahlinhalte auch für ihre eigenen Häuser propagieren.

Auf den zweiten Blick fällt auf, dass Murdoch mit seinem Vorstoß einen Paradigmenwechsel einleiten könnte. Was passiert, wenn Microsoft Murdochs News Corp. dafür bezahlen würde, die Inhalte mit der eigenen Suchmaschine Bing indizieren zu dürfen, der Medienkonzern Google aber ausgeschlossen würde? Das könnte Google in Bedrängnis bringen – und zum Umdenken zwingen, schreibt US-Blogger Michael Arrington, der eine These des Chefs der Suchmaschie Mahalo, Jason Calacanis, aufgreift (Jeff Jarvis ist da anderer Meinung). Möglicherweise hat es schon ein Treffen großer Verlage mit Bing gegeben, um eine gemeinsame Aktion gegen Google vorzubereiten. (Nachzulesen auch bei Holger Schmidt.)

Einen ersten Hinweis auf einen möglichen Paradigmenwechsel im Suchmarkt (wir erinnern uns: Google indexiert, schaltet Werbung neben Suchergebnissen und leitet den Traffic weiter) haben jüngst die Vereinbarungen von Twitter mit Google und Microsoft bzw. Bing geliefert: Twitter wird den Suchmaschinen seine Inhalte zur Verfügung stellen, damit diese sie indizieren können. Und vermutlich zahlen beide Konzerne dafür. Denn die Entwicklung zum Live-Web hat sie in jüngster Vergangenheit ein wenig alt aussehen lassen (alt hier im Sinn von 1998).

Google zerfläddert Journalismus

Google trägt einen erheblichen Anteil daran, dass Medien die Klammer um ihre Inhalte verlieren. Eine Zeitung ist eine solche Klammer um Inhalte (das neue “Handelsblatt” ist sogar geheftet), das macht den Charme dieses Produkts ja gerade aus. In der frühen Phase der Entwicklung von Medien im Netz haben AOL und Yahoo ihr Geschäftsmodell darauf aufgebaut, dem Nutzer einen Ort zu bauen, an dem er alles findet: seine Mails, seine Freunde, seine Nachrichten. Dieses Modell ist tot (AOL fast vergessen und Yahoo nicht eben in bester Verfassung), und das ist auch eine Folge der Googelisierung unserer Internetnutzung. In jüngster Zeit tragen auch Facebook und Twitter dazu bei.

FOCUS-Online-Chefredakteur Jochen Wegner hat diese Entwicklung vor einiger Zeit in einem Interview mit dem “Kress Report” so zusammengefasst:

“Die Online-Medien wechseln derzeit in einen neuen Aggregatzustand, sie sind nicht mehr in einer festen Klammer gebunden sondern werden gleichsam flüssig – unsere Inhalte fließen in Einzelteilen durchs Netz, Medienmarken gewinnen damit als Absender eine ganz neue Bedeutung.”

Das hat auch für den Journalismus Konsequenzen: Es zählt nicht mehr das Gesamtprodukt. In einer Zeitung kann ja auch mal ein schwacher Artikel stehen, der schadet nicht unmittelbar dem Gesamtprodukt. Im Netz müssen Medien mit jedem Stück, das dort draußen weitergereicht wird oder über Suchmaschinen zu finden ist, ihr Markenversprechen einlösen.

Die Google-Informationsgesellschaft ist (auch) vorindustriell

Wir lebten einst in einer hochspezialisierten Gesellschaft. Für jede Aufgabe gab es jemanden, der sie erledigte für uns. Und wir bezahlten dafür. Wir haben das Reisebüro dafür bezahlt, uns einen Urlaub zu buchen, den Buchhändler, uns ein Buch zu bestellen – und den Zeitungsverlag dafür, uns Nachrichten und Reportagen zu bündeln, auf Papier zu drucken und dieses zu unserem Briefkasten oder wenigstens unserem Kiosk zu transportieren.

Und heute? Ein Reisebüro habe ich seit mehr als fünf Jahren nicht mehr betreten. Ferienhäuser findet Google für mich, Flug und Mietwagen buche ich auch übers Netz. Auch wenn ich hin und wieder noch in eine Buchhandlung gehe – vor allem in die Kleine ein paar Straßen weiter, weil ich so kleine Buchhandlungen einfach mag -, der größte Teil meines Bücherbudgets landet bei Amazon. Seit Jahren. Mein Verhältnis zu Zeitungen ist ähnlich, wie das zu Buchhandlungen: Ich liebe sie, aber den größten Teil meines Medienbudgets (hier im Sinn von Aufmerksamkeit) schenke ich dem Netz. Twitter, Blogs und all den Dingen, die mein Google Reader für mich zusammenhält. RSS und nicht ein Verlag oder eine Redaktion ist die Klammer meiner kleinen Medienwelt.

Und deshalb ist das Google-Zeitalter auch vorindustriell: Wir machen wieder viel mehr selbst. Das geht sogar soweit, dass Handarbeit sich wieder lohnen kann. Mit dem Netz gibt es einen weltweiten Markt für Nischenprodukte, die es niemals in die Regale von Ladengeschäften schaffen würden.

Google ist eine Chance für Journalismus in der Nische

Journalisten können sich ihre Nische suchen und dort selbst Verleger werden. Das geht schon kostenlos bei einem Bloghoster; und selbst wenn es ein bisschen professioneller aussehen und selbstgehostet sein soll, beläuft sich die Investitionssumme auf weniger als 100 Euro im Jahr (die eigene Arbeitszeit, der Internetanschluss und das Netbook, das wir eh alle haben, nicht mitgerechnet). Für die Distribution der Inhalte sorgt Google. Und Twitter. Und Facebook. Refinanzierungsmodell: Werbung.

Wie das funktionieren kann, erklärt zum Beispiel Sascha Pallenberg, der Macher von netbooknews.de in diesem Video:

Dass das mit einem IT-Thema relativ einfach und mit Reportagen aus Nepal eher schwierig ist, ist einer der Haken, den die Sache noch hat. Doch was sollen wir machen. Google ist. Vor allem die deutschen Internetnutzer wollen fast nur Google. Die pessimistische Sicht lautet: Damit müssen wir leben. Der Optimist denkt: Darauf kann ich aufbauen. Mir ist aufbauen lieber.

Hab ich was vergessen? Bestimmt.

Die Zukunft der Medien. Oder: Jeff Jarvis, kritisch gelesen

In den vergangenen Tagen gab es hier und dort (vor allem auf Twitter) einigen Applaus für die Keynote von Jeff Jarvis auf den Medientagen (Jeff, sorry for writing in German, but I know you read quite well). Das ist erstaunlich (auch weil die Medientage schon ein Weilchen vorbei sind; zugleich erklärbar, denn carta hat die Keynote als Transkript veröffentlicht). Nicht weil Jarvis unter seinen Möglichkeiten geblieben wäre, im Gegenteil, er war wie immer prägnant und provozierend. Nur hat er im Kern nichts Neues gesagt. Seine Thesen stehen in seinem Blog, und er hat sie mit “What would Google do” zwischen zwei Buchdeckeln verewigt.

Wenn also das geneigte Netzpublikum – wieder einmal – applaudiert, was heißt das dann? Denkbar ist, dass Jarvis zwar gehört, aber nicht verstanden wird. Da er jedes Mal brillant klingt, kann man immer erneut begeistert sein, ohne jedoch seine Erkenntnisse in den Medienalltag zu übertragen. Deshalb die Frage: Was sagt er denn eigentlich? Eine Interpretation.

“We had a content economy when we could obviously sell many copies of anything we created. Now we have a link economy, where there is the need for only one copy of anything online.”

In der analogen Welt konnten zum Beispiel Tageszeitungen es sich leisten, ihre Überregionale Berichterstattung vor allem auf Agenturmaterial aufzubauen (viele tu das heute noch). Da der typische Leser nur eine Zeitung liest, fällt ihm nicht auf, dass überall (mehr oder weniger) die gleiche Nachrichtensuppe gereicht wird.

Im Netz sieht das dann so aus:

Jarvis und seine Link-Ökonomie ist also noch nicht angekommen bei den Zeitungen bzw. deren Online-Ablegern. Sie machen im Netz weiter wie bisher. Google ist da anders, denn Google News erkennt – wie andere Aggregatoren auch – Inhalte, die es an vielen Orten im Netz gibt und sortiert diese aus den Ergebnislisten aus:

Denkt man die Link-Ökonomie konsequent weiter, dann müssten alle Online-Medien – als ersten Schritt – ihre dpa-Ticker abschalten und dürften Agenturmaterial allenfalls als Steinbruch für Autorengeschichten verwenden. Kürzungen oder Kündigungen der Agenturverträgen wären die Folge. Nachrichtenagenturen ginge ihr tradiertes Geschäftsmodell verloren. Sie müssten eigene Portale aufbauen und ihre Inhalte an den Endkunden verkaufen – gegen Gebühren oder Werbeeinblendung. Gemeinsam ist Autoren- und Agenturportalen ein Schönheitsfehler: Es gibt kein Finanzierungsmodell. Der Werbekuchen jedenfalls dürfte zu klein sein. Und Bezahlinhalte funktionieren bisher nur bei Fachinformationen.

Mit den Bezahlschranken sind wir auch wieder bei Jarvis angekommen, der aus der Link-Ökonomie ein paar Schlüsse zieht, unter anderem diesen:

“The first is that you have to have your content open to the world. If you’re not searchable, you will not be found. So talk of going behind pay walls I think is dangerous because you potentially lose audience, you lose discovery. And you have unlimited competitors out there that will be free.”

Die Botschaft ist eindeutig: Lass die Schranke herunter und Du bist tot. Ob das auch für Inhalte auf dem Handy gilt? Ich vermute, dass das so ist. In Deutschland läuft die Diskussion allerdings in die entgegengesetzte Richtung (als Pars pro toto sei WAZ-Chef Bodo Hombach an dieser Stelle angeführt).

Die Notwendigkeit, die Nachrichtenticker abzuschalten, präzisiert Jarvis mit seinem – fast schon zum Mantra gewordenen – Rat:

“Do what you do best and link the rest.”

Gemeint ist damit nichts anders als: radikale Spezialisierung. Brauchte in der analogen Medienwelt noch jede Zeitung Kinokritiken, so reichen heute ein paar Kinoportale aus. Und braucht es wirklich von 190 (so viele Verlage und Sender sind Gesellschafter der dpa) und mehr Medien Leitartikel oder Kommentare zur Politik in Berlin? Jeden Tag? In der Link-Ökonomie reichen vermutlich ein paar Dutzend, um Pluralität zu gewährleisten. Denn es kann ja jeder, der will, seine Meinung ins Internet schreiben. In einer Link- und (wir kommen zum übernächsten Jarvis-Argument) Stream-Ökonomie hat sogar jeder (fast) die gleiche Chance, Gehör zu finden. Große Medienmarken haben auf Twitter und Facebook kein Abo für die Link-Verbreitung. In einer Stream-Ökonomie wird jede Geschichte zur “Bild”-Zeitung, die sich ja auch jeden Tag am Kiosk aufs neue verkaufen muss (nur dass es in sozialen Medien nicht einmal die Gewohnheit gibt, jeden Tag Links von diesem oder jenem Medium zu verbreiten.

Ok, das klingt erst Mal aussichtslos. Doch das ist es nicht, sagt Jarvis. In den USA funktioniert auch jenseits der “Huffington Post” einiges, zum Beispiel lokale Berichterstattung:

“We found that hyperlocal sites, sites covering a small town – fifty thousand people – were bringing in between $ 100.000 and $ 200.000 advertising revenue.”

Auch in Deutschland gibt es erste Versuche in diese Richtung, etwa Hardy Prothmann mit seinem Heddesheimblog und fussball-passau.de. Ob sich diese Modelle tragen: offen.

Folgen wir Jarvis, dann ist das Heddesheimblog die Zukunft:

“(…) we have to rethink what we are as media companies and that is very hard, because the future is a bunch of very small companies. And we have used to be very big. And I am not sure if it’s possible to go from big to small. It’s very painful. There’s a lot of jobs lost in that process.”

Zu sehen ist davon in Deutschland bisher kaum etwas. Nur eine handvoll Sites. Nun ja, und die Entlassungen bei der WAZ, die sind natürlich schon real.

Als wäre das alles noch nicht schlimm genug, die Medien haben noch ein weiteres Problem, sie ächzen unter der ganzen neuen Konkurrenz:

“I don’t know what the numbers are for sites in Germany, but in the U.S. most news sites get about 12 page views per user per month. That is criminally low. Facebook gets 12 page views per user per day.”

Jarvis vergleicht damit natürlich Äpfel und Birnen. In der analogen Welt hat ja auch keiner gefragt, wie viel Zeit die Menschen mit ihrer Zeitung und anderen Arten von Papier verbracht haben. Und dennoch ist es Teil des Problems. Denn wenn es Medien nicht schaffen, die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen, dann haben sie verloren. Wer grad bei Facebook chattet, der liest keine Nachrichten (also allenfalls die, auf die ihn gerade seine Freunde hinweisen).

Auch die Produktionsmethoden von Journalismus haben, folgt man Jarvis, ihr Verfallsdatum bereits überschritten. Als Grund nennt er die hohe Aufmerksamkeit, die Social-Media-Sites wie Facebook bekommen:

“We really are about process. Journalism and news is a process that doesn’t begin and that doesn’t end. When you think like that, I think you open up your world to collaboration.”

Das klitzekleine Problem: Journalisten (die meisten jedenfalls) sind bisher als Einzelkämpfer bekannt. Allenfalls bei den wirklich großen Medien entstehen Texte in Zusammenarbeit. Auch diese Teams sind jedoch noch sehr weit weg von der Zusammenarbeit, die Jarvis meint: Er sieht den ganzen Journalismus als Prozess. Journalisten machen in beta. Kaum vorstellbar. Im Perfektionsland Deutschland noch ein bisschen weniger.

So, das sind die Dinge, die mir in Jarvis Keynote aufgefallen sind. Alles in allem sind wir von der Vision des ständigen Deutschlandreisenden Jeff Jarvis noch sehr weit entfernt. Und: Es ist nur eine Vision. Für die meisten Argumente fehlt der Beweis, dass die Mechanismen wirklich funktionieren, vor allem der ökonomische Beweis fehlt. Den wird uns die Geschichte liefern.

Das wäre die ganze Keynote:

Jeff Jarvis: “Google is not an enemy, Google is a model” from Carta on Vimeo.

Posterous – ein zweiter Blick ins Schnipselalbum

Manchmal brauche ich ein bisschen länger, das gebe ich ja zu. Bei Twitter waren es sich zwei oder drei Anläufe innerhalb eines Jahres bis ich verstanden hatte, was den Charme des Microbloggings (für mich) ausmacht. Und dann veränderte sich meine Online-Welt: Seitdem hat Twitter dem Google Reader den Rang abgelaufen und ist zur Nummer eins geworden.

Seit einiger Zeit nun wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben: Posterous. Und ich brauche wieder etwas länger. Nach meinen ersten Gehversuchen Ende Juli hatte ich – im Kern – geurteilt: braucht kein Mensch. (Zu einem ähnlichen Schluss kam vor ein paar Tagen der geschätzte Twitter-Kritiker Halbdigitale Christian Jakubetz.) Vor allem fand ich die Idee unsinnig, von einem Ort aus alle anderen Dienste in meinem persönlichen Social Web zu bespielen (“bespielen” ist schließlich was für PR-Leute).

Es gibt aber auch andere Stimmen. Ibo, zum Beispiel. Der Sevenload-Gründer twitterte schon im September, er werde fortan Posterous nutzen. Aber warum bloß? Bei Anlauf 2,3 oder so – da bin ich ungefähr – beginne ich zu verstehen. Langsam erschließt sich mir der Reiz. Der simple Grund: der Netzwerkeffekt. Posterous ist – wie Twitter, Facebook und all die anderen Dienste seit Flickr – eher unspannend, wenn man allein ist auf der Welt im Internet. Sobald aber die eigenen Leute, also die, mit denen ich auf all den anderen Spielplätzen im Netz bereits Förmchen tausche, auch bei Posterous aufschlagen, wird es anregend.

Besonders spannend daran: Posterous ist oder besser wird durch seine Nutzer ganz anders als eigentlich gedacht (also zumindest als ich dachte). Es geht nicht darum, Posterous zur Schleuder für die eigenen Fundstücke zu benutzen, um sie anderswo im Sozialen unterzubringen. Posterous wird vielmehr zum kollektiv erarbeiteten Schnipselalbum. Wir alle befüllen es – und aus unseren Posterous wird eine Kollage, die bei jedem anderes aussieht. Schließlich folgen wir – wie bei Twitter – alle unterschiedlichen Menschen. Das hat Charme.

Ob Posterous allerdings wirklich groß wird, weiß ich immer noch nicht. Denn es gibt zwei Vor- und zwei Nachteile.

Die Vorteile:

Posterous ist einfach zu bedienen. Der geneigte Postero postet über den Browser oder einfach per E-Mail, wodurch der Dienst auch mobil wirklich einfach zu handhaben ist.

Posterous ist schnell. Ein Foto mit dem Handy aufgenommen und per E-Mail an Posterous geschickt, nach ein paar Sekunden ist der Moment Leben für die Ewigkeit ins Netz geschrieben. Ach ja, für sein erstes Posting bei Posterous muss man sich nicht einmal registrieren. Für das zweite und alle folgenden auch nicht zwingend.

Die Nachteile:

Posterous ist kompliziert. Denn irgendwie haben wir uns doch schon an das 140-Zeichen-Dogma mit seiner handvoll Funktionen gewöhnt. Wenn Twitter ein Single-Speed-Bike (Version ohne Bremsen) ist, dann ist Posterous ein Mountain-Renn-Trecking-Zwei-und-Einrad. Posterous ist Blog, Microblog, Reader, Verteiler, soziales Netzwerk und vermutlich noch eine ganze Menge mehr.

Posterous ist langsam. Natürlich lässt sich so ein Posterous in Sekunden aufsetzen und ist damit schneller als jeder Bloghoster. Doch Twitter kann Posterous niemals schlagen – und das könnte dem Dienst den Ruhm versagen.

Ich weiß daher immer noch nicht so recht, welchen Platz ich Posterous in meinem digitalen Leben zuweisen will. Im Moment hängt http://bjoernsievers.posterous.com/ irgendwo zwischen http://twitter.com/bjoern und http://bjoern-sievers.de/ – und ist damit der Ort für alles, was zu lang für Twitter und zu wenig differenziert fürs Blog ist. Aber braucht das alles einen Ort?