Der entfesselte Skandal – eine neue Typologie von (Online-) Affären

Die Lewinsky-Affäre, der Folterskandal von Abu-Ghuraib und die Kampagne gegen Palmöl in Nestlé-Schokoriegeln von Greenpeace – auf den ersten Blick haben diese drei Geschichten nichts gemein. Für die beiden Medienforscher Hanne Detel und Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen gehören sie dennoch zusammen. Es sind drei der 15 Affären und Skandale der vergangenen Jahre, die sie in ihrem gerade erschienen Buch „Der Entfesselte Skandal“ sezieren.

Ihre These: Es ist unendlich leicht geworden, sich zu empören. Der Skandal ist allgegenwärtig, er ist zu einer Art „Medium der Medien“ geworden. Gleichzeitig können nicht mehr nur traditionelle Medien Skandale aufspüren und öffentlich machen. Das Netz gibt heute jedem die Möglichkeit, den Skandal-Scoop zu landen.

Skandale lauern scheinbar überall

Man könnte meinen, Detel und Pörksen hätten absichtlich auf einen Höhepunkt in der Ausmerksamkeit für ihr Thema hingearbeitet. Schließlich sind die Skandale im Netz, die Shitstorms unserer Zeit, gerade erst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Auch weniger netzaffine Menschen haben verstanden, dass es dieses Phänomen gibt. Allerdings konnten die Forscher kaum wissen, dass die Debatte gerade jetzt anziehen würde, als sie ihre zweifellos akribische Arbeit begonnen haben.

Shitstorms können jeden treffen. Die INGDiba dachte vermutlich, dass sie einen (hoffentlich) wirkungsvollen, im Kern aber harmlosen Werbespot drehte, als sie den Baskettballer Dirk Nowitzki in eine Metzerei schickte und ihm eine Scheibe Wurst zu essen gab. Ein paar Vegetarier interpretierten die Botschaft (vermutlich Tradition und Bodenständigkeit) auf ihre Weise und äußerten ihr entsetzten, dass die Bank zum Tiere essen aufrufe. Und sie taten dies öffentlich, vor einem potenziell weltweiten Publikum. Im Netz, vor allem auf Facebook.

Skandale jenseits des banalen Shitstorms

Was dieses Beispiel zeigt: Der nächste Shitstorm und damit der nächste Skandal oder die nächste Skandalisierung lauert hinter (fast) jeder Aktion, die ein Unternehmen oder eine einzelne Person unternimmt. Shitstorms sind Teil unserer Online-Welt. Für Detel und Pörksen sind sie gleichwohl nur ein kleiner Teil der entfesselten Skandale unserer Zeit. Ihre Analyse ist breiter, sie greift tiefer. Im Mittelpunkt ihres Interesses steht der Kontrollverlust – ausgelöst durch mangelnde Medienkompetenz, Unachtsamkeit, absichtliche Indiskretion oder schlicht Datendiebstahl.

“Man kann sich (…) beim besten Willen nicht vorstellen, was mit den eigenen Daten geschieht, wer sie plötzlich zu sehen bekommt, in welchen Kombinationen und Kontexten sie eines Tages auftauchen“, schreiben Detel und Pörksen. Das wissen wir wirklich nicht. Vermutlich haben noch nicht einmal Google und Facebook eine Vorstellung davon, was sie mit den Datenbergen, die sie anhäufen, in drei oder fünf Jahren werden anfangen können.

Ordnung für eine Welt des Kontrollverlusts

Detel und Pörksen gehen in ihrer Betrachtung weit über das bloße Nachzeichnen von Shitstorms und anderen Skandalen hinaus. Sie ordnen ein. Dabei zeigen sie weder mit dem Finger auf die Akteure oder Opfer (wie es die vermeintliche digitale Elite mit ihren „selbst Schuld“-Postings zuweilen tut), noch reihen sie sich ein in das Wehklagen der Digitalverweigerer, die nicht nur Shitstorms, sondern am besten gleich das ganze Internet abstellen würden. Damit ist „Der entfesselte Skandal“ ein wichtiger Beitrag zur Debatte um unsere Daten und den Kontrollverlust, den das Internet automatisch mit sich bringt.

Wir werden die Kontrolle nicht wieder erlangen, soviel ist sicher. Wir müssen lernen, auch ohne sie auszukommen – auch und gerade wir in der Kommunikation. Vielleicht ist dies die einzige Schwäche des Buchs von Detel und Pörksen: Die beiden Forscher analysieren die Skandale umfassend und sie finden Muster in vermeintlich unzusammenhängenden Ereignissen, Muster des Kontrollverlustes in der digitalen Welt. Was fehlt, sind Handlungsanweisungen. Was können wir tun, um auch ohne Kontrolle leben zu können? Müssen wir uns mit den entfesselten Skandalen schlicht arrangieren, werden sie gar weniger wichtig, weil es so viele, ja zu viele Affären gibt? Vermutlich trifft beides zu.

„Der entfesselte Skandal – Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“ von Bernhard Pörksen und Hanne Detel ist im Herbert von Halem Verlag erschienen und kostet 19,80 Euro. Die Autoren waren so freundlich, uns vorab ein Exemplar zuzusenden.

(Zweitverwertung: Der Beitrag ist zuerst auf dem deutschen Edelman-Blog erschienen.)

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iPad, Fire und der mündige Nutzer

Ein Geständnis gleich am Anfang: Ich bin Anhänger der Konsumentenethik. (Für die drei treuen Leser dieses Blogs ist das nicht neu.) Die Konsumentenethik ist ein Teilgebiet der Wirtschaftsethik. Grob gesprochen geht die Theorie davon aus, dass wir Menschen durch unser Kaufverhalten die Wirtschaft beeinflussen. Auf den Punkt gebracht, könnte man formulieren: Über Erfolg oder Misserfolg eines Produktes oder eines Unternehmens entscheidet eine Abstimmung mit den Füßen: Kaufen oder nicht kaufen, das ist die Frage. Was nicht gefällt, bleibt liegen. Punkt.

Ein hübsches Lehrstück in Sachen der Konsument und die Ware hat uns gerade das iPhone 4S beschert. Auf die Vorstellung des neuen Apple-Telefons folgte dieses Mal nicht der Jubel der Fanboys und Fanzines. Die Reaktionen reichten in der Mehrheit von Zurückhaltung bis Enttäuschung: Sieht aus wie 4 und steht auch ‘ne 4 drauf. Trotzdem ist das 4S das iPhone mit den meisten Bestellungen in den ersten 24 Stunden: Eine Millionen Stück hat Apple mit einem Fingerschnipp verkauft. Eine Abstimmung per Kreditkarte. Die Käufer haben entschieden, dass sie das Telefon haben wollen – und eben nicht auf die Ausgabe 5 warten. (Inzwischen gibt es die ersten Tests, und die fallen deutlich positiv aus.)

Mündigkeit und der Bürger

Als Anhänger der Konsumentenethik vertraue ich auf die Mündigkeit des Bürgers. Die meisten Menschen wissen, was gut für sie ist. Am Ende muss doch jeder von uns seinen eigenen Weg gehen. Und selbst dann, wenn ich das Gefühl habe, jemand weiß vielleicht gerade mal nicht, was ihm gut tut, dann liegt das vermutlich an meinen eigenen Maßstäben. Die eigenen Maßstäbe, das ist immer nur etwas für einen selbst.

Als sehr schade empfinde ich es deshalb, wenn Menschen anderen Menschen die Fähigkeit zum Denken absprechen. Das Gefühl hatte ich jüngst zum Beispiel bei Patrick Beuth von ZEIT ONLINE. Er schreibt unter der Überschrift “Der ‚Walled Garden‘ ist kein Garten” über Apples iPad und Amazons Kindle Fire:

“Die Geräte werden nicht gebaut, um ihren Besitzern einen mobilen Zugang zum Internet zu ermöglichen. Vielmehr sollen die Nutzer in der Welt der beiden Unternehmen verbleiben und dort konsumieren.”

In diesen beiden Sätzen steckt vermutlich ebenso viel Wahrheit wie Quatsch. Vor allem aber stellen sie die Käufer (Disclaimer: Ich besitze ein iPad.) als entweder willenlos oder eindimensional dar.

Die Wahrheit: Ja, mit dem iPad kann man Musik, Bücher und seit iOS auch Zeitschriften (oder wie heißt das auf elektronisch?) kaufen. Die Türen zu Apples Medienwelten: vorinstalliert. Bei Amazon: das gleiche Vorgehen. Fire-Besitzer, so wünscht es sich Amazon, kaufen bei Amazon ein, am besten nicht nur digitale Produkte. (Dass das auch tatsächlich so kommen könnte, beweisen ein paar Studien.)

Der Quatsch: Die Geräte sind weit mehr als Fernbedienungen für Vertriebsplattformen. Das iPad wäre sonst nicht so erfolgreich (ob der Kindle Fire ein Erfolg wird, wissen wir ja noch nicht).

Wie viel Quatsch in diesen beiden Sätzen steckt, kann jeder anhand des eigenen Verhaltens überprüfen. Ich kaufe hin und wieder Musik bei iTunes. Häufiger jedoch bei Amazon. Und manchmal sogar noch auf CD. Das iPad hat mich noch nie daran gehindert bzw. in den iTunes-Store gezwungen. Beim iPad spricht außerdem die Marge gegen das Argument, das Gerät sei nur eine Öllampe neuen Typs.

Einen weiteren Beweis dafür, dass die Argumentation von Patrick Beuth mindestens einseitig ist, liefert uns die real existierende App-Kultur: Warum basteln Tausende Unternehmen Anwendungen fürs iPad, wenn das Gerät am Ende doch nur eine Tür zu Apples Konsumwelt ist?

Das iPad ist keine Ölkanne

Das Prinzip, das Apple und Amazon anwenden (ohne es den Käufern ihrer Geräte aufzuzwingen), ist so alt wie die populäre Version des Netzes (wenn wir das Prinzip Öllampe mal außen vorlassen). AOL hätte neue Kunden gerne ins AOL-”Internet” eingeschlossen, die Mobilfunkbetreiber bauten ihr mobiles “Internet”, Microsoft installierte den Internet Explorer als Standard-Browser und integrierte ihn so fest ins Betriebssystem, dass man ihn kaum deinstallieren konnte, ohne den eigenen Rechner zu schrotten.

Und, was ist daraus geworden? Microsoft hatte den Browser-Krieg gewonnen, dann aber über Jahre Entwicklungen verschlafen, Marktanteile verloren und erst jüngst technisch wieder aufgeschlossen. AOL ist tot, mehr oder minder. Und wer surft heute eigentlich noch auf Vodafone live? Gibt es das noch?

Was diese und viele andere Beispiele zeigen: Aussagen über das Netz (und seine Konsumwelten) können sich immer nur auf eine Momentaufnahme beziehen. Kurze Zeit später hat sich das ganze Spiel vielleicht schon wieder gedreht haben. Außerdem sind die Menschen nicht doof. Nur weil iTunes oder der Amazon-Store vorinstalliert ist, heißt das noch lange nicht, dass ich bevorzugt oder gar nur dort kaufe.

Schussendlich: Die App, die ich auf meinem iPad am meisten liebe, ist der Browser. Vermutlich hätte ich das Ding sogar gekauft, wenn es nur diese eine App gäbe (dann wären wir in Sachen HTML5 wohl auch schon weiter und hätten uns diesen App-Umweg gespart). Und übrigens: Mit dem Browser, auch mit dem Safari auf dem iPad, kommt man, oh Wunder, ins Internet. Das soll ja auch mit dem Fire gehen, sehr schnell sogar, weil Amazon die Anfragen über die eigenen Server leitet und dort das (halbe) Internet im Cache hat. Aber das ist eine andere (Datenschutz-) Geschichte…

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Glückliche Zufälle im Netz – eine Erwiderung auf Miriam Meckel

Algorithmen spielen eine große Rolle in unserem Alltag. Amazon schlägt uns Bücher oder Haushaltselektronik vor, Apple Musik und die Singlebörse den potenziellen Traumpartner fürs Leben. Nicht zu vergessen natürlich: Googles Algorithmus, der für jeden Nutzer induviduelle Ergebnisse ausspuckt (vorausgesetzt, die Suchmaschine erkennt ihn). Unser Leben, mathematisch genau berechnet. Im Voraus. Welche Bedeutung die angewandte Computermathematik hat, kann man zum Beispiel in der “Welt am Sonntag” nachlesen: Thomas Jüngling schreibt über “Die unheimliche Macht der Algorithmen”.

Fast scheint es, als hätte das Nachdenken über Algorithmen gerade Kultur. Denn warum sonst hätte die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel gleich ein ganzes Manifest zum Thema geschrieben: Unter dem Titel “Rettet den Zufall” warnt sie vor einer Welt, in der Algorithmen zu viel oder sogar alle Macht über uns haben. Die Überschrift der englischen Version, die Meckel in der vergangenen Woche – etwas nach dem deutschen Text – auf ihrem Blog gepostet hat, klingt noch ein bisschen eleganter: SOS – Save Our Serendipity.

Welt ohne Zufall

Folgt man Meckel, dann gehen uns in einer zunehmend digitalisierten Welt die glücklichen Zufälle, die unerwarteten Entdeckungen und die unvorhergesehenen Begegnungen verloren: das Buch, das man im Buchladen zufällig aufnimmt, die Reportage in der Zeitung, die man liest, nicht ahnend, dass einen das Thema interessieren würde. Vielleicht verschließen wir sogar unsere Augen vor dem potenziellen Lebenspartner, nur weil er uns nicht auf einem Bildschirm präsentiert wird, sondern im Café am Nachbartisch sitzt.

Meckels These lautet im Kern: Algorithmen machen unser Leben eindimensionaler, sie schreiben unsere Vorlieben bis in die Ewigkeit fort, sie reduzieren uns auf eine einzige Identität und sie machen uns am Ende zu Produkten.

Ist das wirklich so? Nimmt das Netz uns (alle gewohnten) Überraschungen im Leben? Und bietet es uns keine neuen? Eine Erwiderung.

Ein Leben ohne Algorithmen

Erinnern wir uns an die Zeit vor dem Netz, den Alltag ohne Computer und Algorithmen: Das Leben war, um es auf den Punkt zu bringen, überschaubar. Wer wie ich in einer typischen deutschen Stadt mittlerer Größe aufgewachsen ist, der hatte eine oder zwei Lokalzeitungen, zwei bis drei Plattenläden, noch einmal so viele Buchläden, ein paar Kinos, davon nur ein Programmkino, das anders sein wollte – und ein Theater. Neue Musik kam aus dem Radio, manchmal auch als unbekannte Vorgruppe auf die Bühne. Wir waren also immer und überall darauf angewiesen, dass jemand, ein Mensch, der einen Beruf gelernt hatte, die Welt für uns vorsortierte: der Buchhändler, der Konzertveranstalter, der Redakteur. Es gab glückliche Zufälle, die Neues ins eigene Leben schaufelten, sicher mehr als in der Kindheit und Jugend meiner Eltern oder Großeltern. Es war wie es war, kein Grund, sich zu grämen, aber auch keiner, die Vergangenheit zu glorifizieren.

Und heute? Das Netz hat das Leben verändert, vor allem, indem es mehr Möglichkeiten, mehr Vielfalt gebracht hat. Grenzen gibt es kaum noch. Allein die Festplatte kann voll laufen, dann kaufen wir eben eine neue. Manchmal entdecke ich Musik auf meinem Rechner, von der ich nicht wusste, dass ich sie habe. Wenn ich bei Dussmann in Belin bin (ja, ich kaufe gelegentlich dort Tonträger), habe ich meinen iPod dabei, das ist so ein klobiger mit Festplatte, wie sonst sollte ich sicherstellen, dass ich nicht eine CD kaufe, die ich schon längst digital besitze. In diesen Momenten würde ich mir wünschen, dass mich ein Algorythmus an die Hand nimmt und mir bedeutet, dass ich die Platte längst habe und sie nun doch endlich ausreichend würdigen sollte.

Wir leben in einer Welt, in der die Vielfalt uns zu überfordern, ja manchmal zu erschlagen droht. Da kann es nicht schaden, wenn hin und wieder ein Algorithmus eingreift, um die eine oder andere Farbschattierung auf der Palette auszublenden. Wie sollte ich mich bei iTundes oder Amazon zurecht finden, wenn ich nur einen Suchschlitz und keine Vorschläge hätte? Im Laden gibt es doch auch Regale und nicht nur einen Tresen mit Verkäufer, der Wünsche entgegen nimmt. Als es diese Läden noch gab, stand Tante Emma hinter dem Tresen, und die wusste sehr genau, was ich immer kaufte.

Die Digitalisierung als Vernichter des Zufalls?

Das Argument, durch die Digitalisierung ginge der glückliche Zufall verloren, ist eines von Zeitungsmachern, die mit der Vielfalt ihres Blattes argumentieren, das liefert, was andere für mich ausgesucht haben – und mich allein deshalb zu Dingen geleitet, für die ich mich ohne Zeitung nicht interessiert hätte. Kein schlechtes Konzept. Ich liebe Zeitungen. Sonntags. Dass das Argument in der Realität keine Bedeutung hat, belegen Untersuchungen, nach denen das Feuilleton nur von einer sehr kleinen Gruppe Leser zur Kenntnis genommen wird. Eine Zeitung ist die Chance auf eine Begegnung mit dem glücklichen Zufall, die in den meisten Fällen ungenutzt im Altpapier endet.

Ich behaupte, so ganz subjektiv, dass ich ihn heute häufiger treffe als früher, den glücklichen Zufall. Im Netz, ganz oder halb digital. Er kommt als Link zum Video eines Vortrags, den ich sonst nicht gehört hätte, er kommt als Text in einem Blog, über den ich gestolpert bin, obwohl ich weder Blog, noch Autor kannte. Er kommt als reale Begegnung mit einem Menschen, den ich nur aus dem Netz kannte und vor dem ich unerwartet stehe – typischerweise erkennen wir uns, weil wir uns schon auf Twitter “gesehen” haben. Das Netz hat mir in den bald zwei Jahrzehnten, die ich es nutze, gefühlt deutlich mehr glückliche Zufälle beschert als mein analoges Leben dereinst.

Vielfalt und Bindung

Eines aber hat sich sicher nicht zum Besseren verändert: In meiner Jugend musste ich kämpfen für die Musik, die ich hören wollte. Ich habe meine Eltern während eines London-Besuchs irgendwann in den 1980er Jahren extrem genervt, weil ich in jeden Plattenladen musste, um Singles und LPs zu kaufen, die ich daheim nicht bekommen konnte. Zu dieser Musik habe ich heute noch eine sehr emotionale Beziehung, intensiver alls zu den meisten Stücken, die ich später entdeckt habe.

Die Schlussfolgerungen von Miriam Meckel kann ich übrigens unterschreiben: Wir brauchen definitiv eine fundiertere Debatte über das Netz und seinen Einfluss auf unseren Alltag. Und ganz bestimmt brauchen wir auch Ungewissheit und Zweifel sowie Medien, die von Redaktionen und nicht von Computern gemacht werden. Ungewissheit und Zweifel sehe ich derzeit mehr denn je. Algorithmen haben ihren Teil dazu beigetragen, zur Finanzkrise zum Beispiel. Die traditionellen Medien haben wir (noch), sie brauchen nur dringend eine neue Finanzierungsgrundlage.

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Der Tod in der Timeline

“Robin ist der dritte Tote in meiner Timeline.” Ein Satz in einem Gespräch in der vergangenen Woche, nicht einfach so dahin gesagt, im Gegenteil. Aufgeladen mit Trauer, Demut, Unverständnis und vor allem vielen Fragezeichen. Ein Satz, der mich sehr nachdenklich gemacht hat.

Wir haben in dem Gespräch schnell festgestellt, dass wir die drei Toten beide kannten, zumindest im digitalen Sinne. Der erste war ein entfernter digitaler Bekannter von mir, der zweite ein digitaler Weggefährte (fast) meiner ersten Stunden im Netz, getroffen in einer Mailingliste in den 1990er Jahren, der immer überall diskutierte, wo ich debatierte oder las. Und nun Robin Meyer-Lucht, der erste Tote in meiner Timeline, den ich nicht nur digital, sondern auch persönlich kannte – und dessen Tod mich auch deshalb sehr berührt. Ich habe Robin sehr geschätzt, seine Arbeit bewundert. Außerdem waren wir verabredet, aber er ist nicht gekommen. Inzwischen weiß ich, dass er nicht mehr kommen konnte.

Der erste Tote

Alle drei Toten eint eines: Sie waren jünger als ich, als sie gestorben sind. Das ist das Verstörende an ihrem Tod. Er ist anders als der des ersten Toten in meiner Timeline – zu einer Zeit, da wir das noch nicht Timeline nannten. W. war pensionierter Redakteur einer Zeitung in Norddeutschland, und er diskutierte mit uns, mit all den Medienmenschen, die sich in einer Mailingliste trafen. Er war einer der Exoten unter uns, denn die meisten Mitglieder der Liste hatten allenfalls ein paar Jahre gearbeitet. W. hatte sein Berufsleben bereits hinter sich. Verabschiedet hat er sich mit einer E-Mail. Er hatte den Text vorbereitet und jemand verschickte ihn in seinem Namen, nachdem er gestorben war. W. sagte „leise tschüss“.

Ich weiß nicht, wie alt W. war, als er starb. Aber als Rentner war er in einem Alter, in dem Menschen sterben. Wir haben um ihn getrauert in der Liste. Verstört hat uns sein Tod nicht, soweit ich mich erinnere. Das ist jetzt anders.

Tod als Missgeschick

Der Tod ist nicht vorgesehen, nicht in der Timeline. Und eigentlich auch sonst nicht. Er passt nicht in dieses Leben mit seinen Sicherheitsgurten hier und dort – und eigentlich überall. Ja, ich finde es richtig, wass wir unsere Kinder im Auto heute anschnallen, anders als damals in den 1970ern, als ich zum ersten Mal im Auto herum gefahren wurde. Aber ich habe immer wieder den Eindruck, dass wir den Tod ausklammern, ihn nicht (mehr) als Teil des Lebens akzeptieren. Besonders gilt das für unser virtuelles Leben.

Beispiel Facebook: Das größte soziale Netzwerk hat erst in der vergangenen Woche verkündet, dass es unser Lebensarchiv werden will. Spannend, sicher. Aber von einem Reset-Knopf für den Fall des Todes habe ich nichts gelesen. (Ergänzung: Tatsächlich hat Facebook einen solchen Knopf.) Ich glaube aber, genau diesen Knopf werden wir brauchen (nicht nur für Facebook). Denn vielleicht war früher doch etwas besser.

Digitale Gedenkkultur

Im Leben vor dem Internet haben in den meisten Fällen die Angehörigen entschieden, was von einem Menschen bleibt, es sei denn, der Verstorbene hat seine Angelegenheiten zu Lebzeiten geregelt, seine Memoiren verfasst und den Rest verbrannt. Das ist heute nicht mehr so einfach, besonders nicht für Menschen, die viel digital unterwegs sind. Die meisten von ihnen sind jung und denken nicht jeden Tag an den Tod, schon gar nicht bei jedem Foto, jeder schnoddrigen Bemerkung und jedem Like, das sie im Netz hinterlassen. Und ja, das ist gut so. Aber nachdenken sollten wir irgendwann darüber, wie wir gedenken wollen.

Die drei Toten aus meiner Timeline bekommen vermutlich auf Ewigkeit Spam, gewinnen Follower bei Twitter und sammeln Freundschaftsanfragen bei Facebook. Das hört erst auf, wenn jemand die Accounts löscht, auf Gedenken umstellt oder die Community weiter zieht, zu einem Netzwerk, das es zu ihren Lebzeiten noch nicht gab. Mich macht das sehr nachdenklich. Nicht nur das, allerdings.

Zu schnell für den Tod

Unser Leben hat sich – auch durch das Netz – erheblich beschleunigt, so sehr, dass uns kaum Zeit bleibt, wir uns selten Zeit nehmen, inne zu halten. Selbst wenn es um das Leben eines Menschen geht, das sein Ende gefunden hat. „Er ist tot?! Echt? Krass!“ und weiter geht,s. Ich schließe mich selbst mit ein. Meine vergangene Woche war so schnell, dass ich vergessen habe, etwas ins Kondolenzbuch für Robin zu schreiben, das im BASE_camp von E-Plus ausliegt. Das macht mich traurig.

Rezepte wider der Geschwindigkeit und für geregeltes Erinnern im Digitalen habe ich gerade nicht zur Hand. Ich bin nur nachdenklich. Deshalb bleibt mir nur, mich zu verneigen vor den Toten in meiner Timeline. Sie haben, jeder auf seine Weise, mein Leben bereichert. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

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App für eine Splittergruppe

Es gibt Überschriften, die lassen das Herz von Kommunikationsarbeitern nicht nur ein bisschen höher schlagen. Diese zum Beispiel:

Welt HD” wird von kaufkräftigen Entscheidern gelesen

Ein toller Erfolg. Für die PR-Abteilung des Springer Verlags. Denn das ist DIE Zielgruppe. Das sind die Menschen, die nicht nur Informationen wollen, sondern auch Werbung. Schließlich verfügen sie über ein überdurchschnittlich hohes Einkommen. Klingt nach einer runden Sache für den Verlag. Aber ist die App tatsächlich ein Erfolg? Vermutlich nicht.

Die Redaktion der Welt erreicht mit ihrer App 30.000 Leser pro Woche. Das ist traurig wenig, bedenkt man, dass die gedruckte Zeitung im ersten Quartal eine Auflage von gut 250.000 Exemplaren (pro Tag) ausgewiesen hat, mit der sie (angeblich) gut 700.000 Leser erreichte (pro Tag).

Noch ein bisschen trauriger werden die Zahlen zur iPad-App, wenn man bedenkt, dass nur 9100 Leser pro Woche die App tatsächlich gekauft haben. Alle übrigen Nutzer lesen die Zeitung im Abo und bekommen die App oben drauf oder probieren sie nur mal aus.

Bei sieben Ausgaben in der Woche lesen also vielleicht nur 1300 Menschen pro Tag “Die Welt” auf dem iPad und bezahlen dafür (das stimmt natürlich nicht, denn der eine oder andere Leser greift sicher mehr als einmal pro Woche zu seiner iPad-Zeitung). Im schlechtesten Fall sind das nur knapp 0,2 Prozent der “Welt”-Printleser (auch diese Zahl stimmt nicht, weil wir Leser pro Tag und Leser pro Woche nicht vergleichen können).

Nun habe ich nichts gegen Splittergruppen, auch nichts dagegen, dass Unternehmen sich um kleine Marktsegmente kümmern. Aber ich frage mich allen Ernstes: Wird diese iPad-App jemals zu einem ökonomischen Erfolg?

Meine Vermutung lautet: nein. Das legen auch die negativen Kommentare zur App dar. Die experimentierfreudigen und einkommensstarken App-Nutzer finden es vor allem sehr schade, dass sie die Inhalte nicht herunterladen können – um sie im Flieger zu lesen.

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