Kostenloskultur und das Missverständnis mit dem Preis

Immer wieder echauffieren sich Kollegen darüber, wie jetzt eben Hans-Peter Siebenhaar, dass es im Internet alles umsonst gebe, vor allem natürlich darüber, dass Journalismus kostenlos zu haben sei. Auf den erstenBlick ist das tatsächlich so. Wir lesen, lesen, lesen, ohne dafür einen Euro auszugeben, überall im Netz. Doch kostenlos sind die Inhalte deshalb trotzdem nicht. Denn jedes vermeintlich kostenlose Produkt im Netz setzt auf Werbung.Der Nutzer bezahlt also, indem er sich die Werbung ansieht – und auf Banner undTextanzeigen klickt.

Wenn nun Rupert Murdoch sich entschieden hat, sei „Wall Street Journal“ doch nicht komplett kostenlos ins Netz zu stellen, dann ist das – im Gegensatz zu Siebenhaars Vermutung – eine sehr, sehr schlechte Nachricht. Das liegt nicht daran, dass die Entscheidung nicht in die Zeit passt, weil „New York Times“ und „Focus“ ihre Archive gerade geöffnet haben, der „Spiegel“ das ebenfalls tun wird und ganz bestimmt weitere nachziehen werden.

Offenbar hat Murdoch festgestellt, dass sich Journalismus in der Qualität, wie ihn sein Journal liefert, nicht einmal für einen Markt wie die USA und den Rest der Englisch sprechenden Welt über Werbung finanzieren lässt. Da könnte man jetzt fragen: Und? Dann eben über Abos. Aber wird das gehen? Ich vermute: nein. Vielleicht gerade noch beim Journal, die meisten Medien werden jedoch mit Paid Content auch in Zukunft keine Chance haben. Ihnen bleibt allein Werbung.

In Deutschland wird es jenseits der Stiftung Warentest kaum Angebote geben, die mit ihren exklusiven Inhalten nennenswerten Umsatz im direkten Geschäft mit ihren Lesern machen. Selbst für Fachmedien dürfte das schwer werden. Damit stehen jedoch die Verlage vor einem echten Problem: Die Auflagen von Tageszeitungen und Fachmagazinen sind seit Jahren rückläufig, ein Trend, der sich kaum noch umkehren wird. Ersetzt das Netz mit seinen Werbemodellen den Erlöszweig Printwerbung also nicht – und eben das lässt Murdochs Entscheidung vermuten -, dann sieht es für Qualitätsjournalismus wirklich düster aus.

Bei Gelegenheit rechne ich dann mal aus, in welchem Verhältnis bei Holz- und Onlinemedien Herstellungskosten zu Vertriebs- und Anzeigenerlösen stehen. Mein Vermutung: Zumindest auf dem Berliner Zeitungsmarkt, wo „Tagesspiegel“ und „Berliner Zeitung“ nicht einmal einen Euro kosten, decken die Vertriebserlöse allenfalls die Kosten, die ein Onlinemedium gar nicht hat. Damit wären die Inhalte kostenlos, genau wie im Internet.

Nachtrag: Zum Thema, erst jetzt gelesen.

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Über Björn Sievers

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Eine Antwort auf Kostenloskultur und das Missverständnis mit dem Preis

  1. Matthias sagt:

    Die These, dass (zurzeit und wohl auch in Zukunft) nur die Stiftung Warentest „wertvolle“ Inhalte zu verkaufen hat, ist interessant.

    Ich sehe hingegen noch weiter einen Markt für Paid-Content, da Werbung nervt. Und für Werbung wird bekanntlich nur Geld eingenommen, wenn sie auch wahrgenommen wird. Aber darin sehe ich das Problem für Online – neben den technischen Möglichkeiten, Werbung auszuschalten, ist die Aufmerksamkeit abgesehen von ein paar Zufallsklicken zumindest nach meiner Beobachtung nicht gerade hoch.

    Interessant finde ich auch Thomas Knüwers Beitrag unter http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/eintrag.php?id=1672

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