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Über Quellenkritik

4. Februar 2008 von Björn Sievers

Wundere mich eben über eine dpa-Meldung, deren einzige Quelle offenbar diese Pressemitteilung ist, die ich heute weggeworfen habe.

“Internationale Software-Fälscher zu hohen Haftstrafen verurteilt”

lautet die Überschrift. Und ich frage mich zwei Dinge: Wie kann man Software fälschen? Indem man etwas programmiert, das vorgibt, – sagen wir mal – Windows zu sein? Und: Wie kann so ein Software-”Fälscher” “international” sein. Hat der keine Pass? Oder hat er mehr als drei?

Die Meldung wird im weiteren Verlauf leider nicht besser.

“Ein Ring von Software-Fälschern ist von einem Gericht in Taiwan zu hohen Haftstrafen verurteilt worden.”

lautet der Leadsatz. Also sind nicht “Fälscher” verurteil worden, sondern ein Ring? Gleiches Recht für alle, also auch gleiches Strafmaß? Nö, unterschiedlich lange Haftstrafen, aber man wird ja mal zusammenfassen dürfen.

Weiter geht’s:

“Der Fälscherring habe zwischen 1997 und 2003 Kopien von mehr als zwanzig Microsoft-Produkten im Wert von rund 900 Millionen US-Dollar in Umlauf gebracht.”

Aha, die haben “mehr als 20″ Produkte kopiert, die zusammen 900 Millionen Dollar wert waren. Ganz schön teuer diese Software. Oder haben die Kopien einen Wert von 900 Millionen? Das Gericht hat bestimmt gut recherchiert und die Preise von all den fliegenden Händlern in den Straßen der größeren und kleineren Priatenhochburgen in Südostasien ermittelt.

Nö, eher nicht. Der nächste Satz:

“Das teilte Microsoft am Montag mit.”

legt die Vermutung nahe, dass Microsoft einfach die Zahl der wahrscheinlich produzierten illegalen Kopien mit dem Listenpreis der eigenen Software multipliziert hat. Kann man machen. Die Rechnung stimmt für den unwahrscheinlichen Fall, dass jeder Käufer einer illegalen Kopie ein Original gekauft hätte, wenn er nicht zufällig über die billigere Alternative gestolpert wäre.

Im weiteren erfährt der Leser, dass der Chef der “Fälscher”-Firma zu vier Jahren Knast verurteilt wurde und dass das die höchste Strafe für illegales Kopieren sei, die in Taiwan jemals verhängt wurde. Einen Verweis auf eine Behörde sucht man vergeblich. Einzige Quelle, die erwähnte Pressemitteilung.

Es geht allerdings noch ein bisschen toller. ZDnet titelt:

“Größter Fälscherring von Microsoft-Software zerschlagen”

Den Superlativ haben die Kollegen hübsch von Microsoft abgeschrieben. Nun ja, eh egal, wenn jetzt schon die Software den Fälscherring zerschlägt.

Da verwundert es auch kaum mehr, wenn Maximus Technology (das ist die “Fälscher”-Butze)

“21 Programme im Wert von 900 Millionen Dollar illegal kopiert”

hat. Ist eben teuer dieses Microdings.

Und dabei hätte allein die Unterzeile der Pressemitteilung die lieben Kollegen aufhorchen lassen müssen:

“Urteil stoppt weltweit größten Hersteller und Distributor von gefälschten Microsoft-Produkten”

Wieso sind den die “Fälscher” erst durch das Urteil gestoppt worden. Kann es sein, dass die Polizei in Taiwan die Butze schon vor einer geraumen Weile hochgenommen hat? Vermutlich ist das so. Alt ist das alles also auch noch.

Noch ein paar Überschriften gefällig?

Bei Tom’s Hardware wird Microsoft zum Strafverfolger:

“Microsoft zerschlägt Software-Fälscherring”

In der Computerzeitung zerschlägt immerhin das Gericht (wie was das gleich noch nicht der Polizei?):

“Gericht in Taiwan zerschlägt Software-Fälscherring”

Damit an dieser Stelle kein falscher Eindruck entsteht: Wer glaubt, dass Microsoft-Produkte das Geld nicht wert sind, das sie legal gekauft kosten, der sehe sich bitte nach Alternativen um, also so was, so was, so was und so was. Illegales Kopieren ist keine Lösung.

Eine zweite Quelle allerdings ist meist ein Mittel. Nachdem man sich die erste Quelle genau angesehen hat.

Update: Falk hat auch ein paar Piraten gefunden.

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Tags: Microsoft, Software, Nachrichten, dpa

Geschrieben in Die Medien | Kommentar

1 Reaktion zu “Über Quellenkritik”

  1. am 06 Feb 2008 um 12:381Christoph Dernbach

    Es gibt einen Unterschied zwischen einer normalen Kopie (von der Software-Industrie auch gerne als Raubkopie bezeichnet) und einer Fälschung. Bei einer Fälschung wird nicht nur die eigentliche Software kopiert, sondern auch Trägermedium und Verpackung (inkl. Hologramm und anderen Kopierschutzmaßnahmen) imitiert, so dass die Käufer der Kopie beispielsweise der Meinung sind, sie hätten ein “genuine product” erworben. Da es sich bei den Beschuldigten um einen gewerblichen Softwarehändler (“Distributor”) gehandelt hat, könnte die Rechenformel von Microsoft wohl tatsächlich stimmen, zumindest in der Größenordnung. Opfer sind in diesem Fall auch die Käufer, die eigentlich ein Original-Produkt inkl. Support kaufen wollten – dann aber einer Fälschung aufgesessen sind.

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