Warum Journalisten das Web lieben müssen

Drüben auf dem Fischmarkt versucht Martin Recke zu erklären, warum Journalisten das Web nicht mögen.

„Wie die schlesischen Weber durch die Industrialisierung verlieren die Journalisten durch das Web ihr Einkommen. (…) Und deshalb ist auch klar, warum Journalisten das Web nicht mögen.“

Das ist genau falsch herum gedacht: Ihr Einkommen verlieren vor allem Journalisten, die das Internet nicht mögen.

Natürlich vernichtet die zunehmende Vernetzung Jobs in den Redaktionen. Doch es entstehen auch neue. Am Ende ist auch das Netz nichts anderes als ein technische Zäsur, eine gewaltige gleichwohl. Ähnliche Einschnitte gab es auch in der Vergangenheit: Jeder Zeitungsredakteur schickt heute fertige Seiten in die Druckerei, einen Setzer gibt es nicht mehr. Die Bahn betreibt Dampfloks ja auch nur noch als historische Attraktion.

Aber der Reihe nach die (zusammengefassten) Argumente vom Fischmarkt:

  • Das Netz beendet die physische Knappheit von Medien und die konzentrierte öffentliche Aufmerksamkeit.

Stimmt, das Netz bietet unendlich viel Raum, Publizieren ist zudem furchtbar einfach geworden. Für jeden, der einen Rechner und Zugang zum Internet hat, tendieren die Barrieren gegen Null. Und genau hier liegt die Chance für Journalisten: Sie können selektieren und sie können moderieren. Sie werden auch in Zukunft als Gatekeeper, zum Einordnen und Kommentieren und vor allem als Moderatoren gebraucht. Allerdings dürfen sie dazu nicht das Netz nicht mögen.

  • Weil jeder publizieren kann, wächst das Angebot an Texten, Bildern und Tönen schneller als die Nachfrage.

Auch richtig, niemand kann das Netz durchlesen, das geht nicht einmal mit den Blogs der kleinen deutschen Szene. Das Problem ist allerdings nicht neu. Man kann vergangene Zeiten sogar heute noch ausprobieren, um das zu merken: an jedem durchschnittlich großen Bahnhofskiosk in Deutschland. Falls jemand mal einen durchgelesen hat, wäre ich dankbar für einen Hinweis.

  • Im Web wird erst nach der Publikation ausgewählt.

Dieser Punkt ist mir neu. Ich habe immer das Gefühl, dass ich nur eine Auswahl der Urlaubsfotos meiner Freunde tatsächlich auch online finde. In der Regel wählen sie die schönsten aus und laden sie ins Online-Album. Das ist nicht anders als damals Fotos einkleben. Und auch wenn es von außen betrachtet bei einigen Bloggern anders aussehen mag: Auch sie wählen aus. Online-Redaktionen sowieso.

  • Internet = mehr Medien = weniger Reichweite für einzelne Medien = geringere Werbeerlöse = Gehälter und Honorare sinken

Stimmt. Und doch: Im besten Fall hinkt die Werbung den Journalisten nur ein paar Jahre hinterher, spätestens in zehn Jahren haben Unternehmen und Werber verstanden, wie das Netz tickt. Dann wird alles gut. Und was die Gehälter angeht: In einigen Bereichen des Online-Journalismus müssen Medienunternehmen heute deutlich mehr Geld für ihre Mitarbeiter ausgeben als noch vor einigen Jahren. Online-Journalisten sind teurer geworden, vor allem dann, wenn sie Journalisten sind.

Für den Umgang mit dem Netz gibt es letztlich nur einen Weg: lieben lernen. Das gilt vor allem für Journalisten.

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Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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