Was die Fragen verraten

Die SZ hat für ihre Serie „Zeitenwechsel“, in der sie nach der Zukunft des Journalismus sucht, jetzt auch endlich Jeff Jarvis an die Strippe bekommen. Nun ist Jarvis ohne Zweifel einer der bekanntesten Vordenker, wenn es um Medien und das Internet geht. Doch selbst er erfindet die Zukunft nicht jeden Tag neu. Viele seiner Antworten sind bekannt oder mindestens zu erwarten – auch wenn Christian Jakubetz ein wenig staunt.

Viel spannender als die Antworten finde ich deshalb die Fragen.

Die SZ will in Bezug auf die geringe Neigung von Zeitungen zu Innovationen z.B. wissen:

Gilt das auch für überregionale Titel?

Und fragt damit ängstlich: Tun wir etwa auch zu wenig.

Wie viele Jahre geben Sie der Zeitung noch?

Übersetzt: Sind wir etwa schon bald tot.

Meine Lieblingsfrage aber ist diese:

Besteht aber nicht gerade in einem zu frühen Wechsel ins Online-Geschäft die Gefahr, ohne selbsttragendes Geschäftsmodell vor die Hunde zu gehen?

Wie lange sollen Medienhäuser denn noch warten? Die Leser werden nicht mit den Fäusten gegen das Verlagstor hämmern, um tollen Journalismus im Netz zu fordern. Sie werden ihn finden, denn er ist schon da.

Und es geht ängstlich weiter:

Wie gefährdet ist der Qualitätsjournalismus in einer Zeit, in der Mediennutzer via Blogs, sozialen Netzwerken und allgegenwärtigen Videoproduktionen ihre eigene Form von Journalismus machen?

Jarvis antwortet mit einer Gegenfrage: Wieso suchen Journalisten so oft nach der dunklen Seite, nach den schlechten Dingen, wenn es um Veränderungen geht? Ja wieso eigentlich?

Weil es so schön ist:

Sind denn Zeitungsjournalisten überhaupt bereit, ihre publizistische Macht mit dem Heer von Amateuren im Netz zu teilen?

Das ist egal, sagt Jarvis. Und er hat recht.

Im zweiten Teil des Gesprächs beschleicht Interviewer Leif Kramp offenbar das Gefühl, dass es nicht etwa zu früh ist für den Einstieg ins Netz, sondern schon zu spät sein könnte:

Bis zu welchem Grad passen Zeitungen und Online-Communities wie Facebook oder MySpace zusammen? Können Sie sich ein Geschäftsmodell vorstellen, das beides verbindet?

Hätte also die SZ vielleicht doch für StudiVZ bieten sollen?

Selten, vielleicht noch nie habe ich so viel Angst in den Fragen eines Interviews gelesen. Aber warum nur? Warum diese Verkrampfung beim Umgang mit dem Netz? Das Internet ist da, in fast allen deutschen Haushalten, in den Büros sowieso. Der Abiturjahrgang 2008 hat die DDR nicht mehr erlebt, und die Schulabgänger können sich auch nicht an ein Leben ohne Internet erinnern. Sie sind eingeborene Netzbürger. Das ist weder gut noch schlecht. Das ist schlicht so. Medien müssen das akzeptieren lernen. Das ist ihre Chance.

Kleine Anmerkung zu Schluss. Ich wünsche der gedruckten SZ ein langes Leben, denn ich lese sie sehr gerne.

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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