Was Journalisten können sollten

FAZ-Netzökonom Holger Schmidt hat die Diskussion um Thomas Knüwer und Sönke Iwersen auf eine neue Ebene gewuppt. In der Debatte um einen gelöschten Kommentar sieht er vor allem eines: eine neue Auseinandersetzung Print gegen Online. Und wahrscheinlich ist es das wirklich. Bedauerlich. Und doch sind wir ein ganzes Stück weiter als noch vor ein paar Jahren.

Das Argument zum Beispiel, mit Online lasse sich kein Geld verdienen, zieht nicht mehr. Es gibt sehr wohl Medienhäuser, die mit Online-Journalismus Geld verdienen. Es mögen noch nicht die Renditen sein, von denen Josef Ackermann nachts träumt. Doch Online ist nicht mehr in jedem Fall ein Zuschussgeschäft (auch wenn es ein bisschen schwieriger ist, als in den USA – und von Martin Recke dargestellt;  der deutsche Markt ist viel, viel kleiner, das Geschäft skaliert schlicht nicht so gut). Leicht ist es jedoch noch lange nicht. Denn die Erlöse wachsen nicht so schnell, wie sie anderswo schrumpfen. Eine Redaktion, wie sie große Magazine und überregionale Zeitungen unterhalten, sind Online (noch) nicht möglich. Doch wie lange kann Print das noch?

Betrachtet man die Nachrichtenlage, sieht es zurzeit eher danach aus, als lasse sich mit Print zumindest nicht mehr so viel Geld verdienen, wie Verlage es einst gewohnt waren. Die WAZ streicht fast 30 Prozent ihrer Stellen, Gruner + Jahr bastelt sich eine – deutlich billigere – Zentralredaktion für seine Wirtschaftstitel, die “Süddeutsche Zeitung” gibt Kollegen Geld dafür, dass sie gehen. Und das ist wohl erst der Anfang. Auch hier laufen wir den USA hinterher, wo das Schlusskapitel der Zeitungsindustrie bereits eingeläutet ist.

Print geht es also schlecht. Und Online geht es noch nicht gut genug. Das ist bitter, denn damit gehen unweigerlich Jobs verloren, ohne dass anderswo in gleichem Maße aufgebaut würde. Journalisten werden auf der Straße und in anderen Jobs landen, weil der Medienbetrieb als Erwerbsmodell nicht mehr für alle funktioniert. Wen wird es treffen? Den überzeugten Printjournalisten? Den twitternden und bloggenden Innovator? Was müssen Journalisten heute und künftig können, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Holger Schmidt hält ein Blog für wichtig und RSS für sehr praktisch. Doch Twitter, Facebook und Xing?

Ich stelle mir diese Fragen immer wieder, vor allem dann, wenn ich mal wieder vor jüngeren Kollegen stehe, die häufig genug ein bisschen Nachrichten online lesen, ihre Leben über StudiVZ organisieren, von RSS aber noch nie etwas gehört haben und Blogs im wesentlichen für die Klowände des Internet halten.

In einem ersten Reflex bin ich dann geneigt, dieses Desinteresse dem Netz gegenüber für Ignoranz zu halten. Doch schon im nächsten Moment reiße ich mich zusammen. Denn Medien – und eben auch das Netz, so man es als Medium verstehen möchte – mag jeder nutzen, wie er will. Es ist die Aufgabe von Journalisten (ebenso wie die von Reisebüros oder von Versandhäusern), ihre Zielgruppe zu kennen und zu wissen, wie sie sie erreichen. Egal ob das Medium dann Zeitung oder Twitter heißt.

Deshalb müssen Journalisten vor allem ihr Handwerk beherrschen. Sie müssen recherchieren, an ihrem Netzwerk schnitzen, und sie müssen Schreiben können. Ganz klassisch eben. Was vermutlich in Zukunft weniger eine Rolle spielen wird, ist ein konkretes Medium zu beherrschen. Auch diese Kollegen wird es weiter geben, aber sie werden weniger werden. Für das persönliche Erwerbsmodell ist in jedem Fall sinnvoll, Augen und Ohren offen zu halten, nicht um auf jeden Zug aufzuspringen, doch um zu wissen, dass da gerade einer fährt.

Eine Redaktion nur aus twitternden Kollegen. Eine grauenhafte Vorstellung. Wer sollte dann den Gesundheitsfonds oder die Finanzkrise erklären? Eine Redaktion ohne Twitter. Undenkbar. Inzwischen. Hoffentlich liegt Jan-Eric Peters richtig und wir reden bald tatsächlich nur noch von Journalisten und eben nicht mehr von Hütern einer Mediengattung.

Am Ende ist es wie mit dem Kindern beim Abendessen: Du musst es nicht mögen, aber ich würde mich freuen, wenn Du einmal probierst. Journalisten sind gut beraten, RSS, Twitter, Blogs, Facebook, Friendfeed, Netvibes, YouTube, Flickr usw. ausprobiert zu haben. Dass da draußen im Netz nichts ist, was der eigenen Arbeit nutzt: kaum vorstellbar. Oder die Lücke für ein Geschäftsmodell.

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Über Björn Sievers

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4 Antworten auf Was Journalisten können sollten

  1. Christiane sagt:

    Gab es da wirklich eine Diskussion? Ich habe da nur einen Hahnenkampf zwischen zwei Kollegen gesehen, die sich nicht sonderlich mögen. Bei Frauen würde sofort jemand “Zickenalarm” rufen und das Theater wäre beendet. Ich wundere mich doch sehr, dass dieses Theater es in die FAZ & Co. geschafft hat und Focus Online ein Interview wert ist.

  2. bjoern sagt:

    Hm, ich finde, wenn man 149 Kommentare bei Knüwer, ein paar Blogpostings, Artikel in der SZ und Interview bei FOCUS Online zusammenrechnet, kommt schon eine Diskussion heraus. Und der Kern der Debatte, den man Print gegen Online nennen kann, läuft mir ständig über den Weg.

  3. Pingback: KoopTech » Titelgeschichte » Chancen sichten - Nachrichten vom Medienumbruch VI

  4. meise sagt:

    Print isn’t dead …

    Der nächste Schritt ist, dass wir unsere eigenen (wie auch immer gearteten) Verlagshäuser gründen, damit wir unser Wissen auch anwenden können. Denn wenn wir von ein oder zwei Ausnahmen absehen, riechen doch auch die deutschen Verlage bereits ziemlich funny. Da geht es glaube ich nicht nur um Print vs. Online, da geht es darum, ob die marktbeherrschenden Player (oder soll ich sagen: marktverstopfenden?) überhaupt anschlussfähig sind. Und dann kannst du als Journalist noch so weit vorne sein, das bringt dir gar nix, weil es nämlich gar keinen interessiert, weil die Leute, die etwas zu entscheiden haben, gerade damit beschäftigt sind, das Klopapier zu rationieren.

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