Online-PR und das Ende des Gatekeepers

Immer wieder stehe ich vor jungen Kollegen von diesseits und jenseits des Schreibtisches, vor allem hier und hier, und dann schlägt mir gerne und viel, ja sehr viel Skepsis entgegen, was dieses ganze Internetzeugs angeht. Und ich kann das sogar verstehen. Denn was ist die kleine und nur zum kleinsten Teil feine deutsche Blogosphäre gegen real existierende Massenmedien? Was Twitter gegen dpa und Reuters? Geplätscher und Gezwitscher eben. Könnte man meinen, wenn man nicht ganz so genau hinguckt.

Sieht man genauer hin, dann kommt man auf Beispiele wie das von Dell. Der Konzern hat aus Fehlern in seiner Vergangenheit gelernt, als der Eintrag in einem Verbraucherforum zu einer viele Millionen Dollar teueren Rückrufaktion defekter Akkus führte. Dell hat das Lehrgeld offenbar als Investition begriffen und verdient inzwischen Geld mit neuen Kommunikationsformen im Netz: mit Twitter nach eigenen Angaben eine Millionen Dollar. Der Computerhersteller twittert seine Sonderangebote und über 3000 Menschen haben diese abonniert.

Doch es sind nicht nur große Konzerne, die Veränderungen verstehen, eigene Strategien entwickeln und dadurch Strömungen verstärken. Die Veränderung passiert auch – eher schleichend – von unten. An der FH Darmstadt zum Beispiel organisieren Studenten von Thomas Pleil eine kleine Fachtagung mit dem Titel „Zukunft Online-PR„. Die Agenda besteht aus ein paar Vorträgen und Workshops, vor allem geht es um soziale Netzwerke, Twitter und Schreiben für Suchmaschinen. Journalisten und Mainstream-Medien? Nicht (mehr) wichtig. Der Gatekeeper, das war einmal.

Natürlich ist es mit diesem Netz wie auch sonst im Leben: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Das alte (Medien-) Leben verschwindet nicht plötzlich. Doch wer – egal auf welcher Seite des Schreibtisches – die Rente noch nicht greifen kann, wird die neue Kommunikationswelt leben und mit ihr arbeiten müssen.

PR-Menschen müssen mit ihrer Botschaft nicht mehr vorbei am Gatekeeper Journalist, um gehört zu werden. Die Agentur Achtung Kommunikation zeigt, wie das gehen kann. Das ist natürlich ein Riesenvorteil – für beide Seiten. Endlich keine unpassenden Anrufe mehr von der PR-Seite der Manege. Und endlich keine Journalisten mehr anrufen müssen, die weder Zeit noch den Durchblick haben. Doch die neue Kommunikationswelt müssen auch PR-Leute erst einmal verstehen, denn das Netz verzeiht noch weniger als der Redakteur.

Journalisten können sich nicht mehr darauf verlassen, dass PR-Leute ihnen Informationen „exklusiv“ zur Verfügung stellen, um diese dann, mit einer Beilage garniert, dem Publikum als Journalismus zu verkaufen. Die Generation StudiVZ wird ihnen das nicht mehr abnehmen, und sie wird es ihnen erst recht nicht mehr abkaufen. Das ist hart. Und das ist auch eine Chance für bessere Medien. Vor allem aberkönnen wir alle miteinander lernen, sehr viel lernen.

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Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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4 Antworten auf Online-PR und das Ende des Gatekeepers

  1. Fabian sagt:

    Wenn ich höre, dass einem Dozenten im Jahr 2008 noch „Skepsis“ entgegenschlägt, wenn er vom Internet redet – dann frage ich mich, wie überholungsbedürftig eigentlich die Rekrutierungsmechanismen für Journalistenschulen und Volontariate sind. Kann ich auch Architekt werden, wenn ich Statik doof finde? Oder Chirurg, wenn ich kein Blut sehen kann?

  2. „PR-Menschen müssen mit ihrer Botschaft nicht mehr vorbei am Gatekeeper Journalist, um gehört zu werden.“

    Ich freu mich schon:

    „Die Landesgruppe Norddeutschland der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG) hatte zum Vortrag „Personal and Public Relations – Social Media als Chance für die PR“ geladen. Bei 50 Teilnehmer in der Funk & TV Akademie Hamburg ein erwiesen sich Social Media Communications und Digital Relations wie erwartet als heiße Diskussionsthemen.“
    (http://www.prportal.de/artikel/20081204-9b744b25)

    Ist schon klar, wer so packend schreibt, braucht wirklich keine Journalisten mehr.

  3. bjoern sagt:

    Klar brauchten wir noch Jornalisten; dafür zum Beispiel:

    „Rheda-Wiedenbrück (ew). Die DRK-Unfallhilfsstelle am Autobahnkreuz Rheda-Wiedenbrück der A 2 war die erste Rettungswache und ist die letzte Unfallhilfsstelle ihrer Art in Deutschland. Sie wurde im März 1959 von einigen Idealisten des Ortsvereins Rheda des Deutschen Roten Kreuzes ins Leben gerufen und feiert 2009 ihr Gold-Jubiläum.“

    (http://www.die-glocke.de/gl/cgi/news/shownews.php?id=10049)

    Full disclosure: Ich habe von 1990 bis 1994 frei für „Die Glocke“ gearbeitet und sicher auch solche Sachen geschrieben.

  4. Pingback: Was Journalisten und Schauspieler (doch) unterscheidet - Björn Sievers

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