Die seltsame Diskussion um kostenpflichtige Inhalte

Es ist noch gar nicht so lange her, da hat sich die Ansicht Einsicht durchgesetzt, dass sich mit kostenpflichtigen Inhalten (im Fachjargon Paid Content genannt) kaum Geld verdienen lässt. Ausnahmen bilden Angebote, die sehr einmalige Informationen liefern, in Deutschland zum Beispiel die Stiftung Warentest, deren elektronischer Einzelverkauf von Produkttests wohl recht erfolgreich ist.

Für Nachrichten hingegen, die es im Netz an jeder Ecke des für lau gibt, und auch für die edlere Variante, also aktuelle Berichterstattung mit eigenen Autoren, lassen sich, so die Erkenntnis bis vor kurzem, keine Gebühren ergeben. Ergo: Journalismus lässt sich nur durch Werbung finanzieren.

Das war auch früher mehr oder weniger so. Ohne das jetzt im Detail auszurechnen, zahlte in der analogen Zeit der Käufer einer Zeitung für den Vertrieb, also dafür, dass er Papier bekam, die Werbung kam für den Rest, also am Ende auch für den Journalismus auf (ja, das ist eine arg verkürzte Darstellung). Nur ist Werbung eben nur ein Standbein, und das ist so ganz grundsätzlich schlecht. Auf einem Bein steht man ja nicht so furchtbar sicher.

Zudem ist der Reklamemarkt sehr volatil. Eine Krise, zum Beispiel die, die wir gerade wohl haben, schlägt da sehr schnell durch. Denn Werbung kann man als Unternehmen einfach nicht mehr buchen, spart damit unmittelbar Kosten, merkt die Folgen jedoch erst später (und kann etwa einen Absatzrückgang ja auch nicht unmittelbar darauf zurückführen, dass ein paar TV-Spots weniger gelaufen sind).

Insgesamt kein Wunder, dass die Diskussion um die Finanzierung von Journalismus in dieser Zeit wieder hochkocht. Die Auflagen und Werbeerlöse von Printmedien bröckeln, und im Internet kommen nur „lousy pennies“ an. Wenn es Werbung also nicht richten kann, dann vielleicht doch das Abo?

Der Medienforscher Robin Meyer-Lucht hält das zumindest in den USA für möglich:

„Jedenfalls zeichnet sich immer deutlicher ab, dass hochwertiger Journalismus mehr Geld kostet, als die Verlage im Internet auch bei steigenden Nutzerzahler durch Werbeeinkünfte erzielen können. Könnte also sein, dass sich die Leserinnen und Leser in Amerika schon bald daran gewöhnen müssen, dass ihr Leib- und Magenblatt mehr kostet als ein „Latte Macchiato“ bei Starbucks – auch dann, wenn sie es „nur“ online lesen möchten.“

Aber ist das wirklich wahrscheinlich? Ein Online-Medium als Abo, ich glaube nicht daran. Die großen Nachrichten-Sites in Deutschland bekommen mindestens 30 Prozent ihres Traffics von Google; in manchen Fällen dürften es sogar 50 Prozent und mehr sein. Diese Leser wären von einem Tag auf den anderen weg. Denn sie kommen nur zufällig vorbei, weil Google ihnen einen Treffer geliefert hat. Ihre Verbindung zum Medium ist noch fragiler als die eines Flugzeugpassagiers, der sich beim Einsteigen ein Bordexemplar einer Zeitung oder eines Magazins greift. Zum Stammleser werden beide nur selten.

Hinzu kommt die parallele Nutzung mehrerer Angebote. Leser müssten sich für eines entscheiden, wollten sie nicht für drei oder fünf Portale zahlen. Außerdem müsste ja jemand den Anfang machen. Und der wäre dann vermutlich sofort: tot.

Vielleicht gibt es aber dennoch eine Möglichkeit, der Werbung zumindest ein kleines Standbei hinzuzufügen. Es könnte das Nachrichtenportal noch in einer zweiten Version geben: werbefrei. Leser, die keine Werbung wollen, zahlen dafür einen kleinen Betrag, nicht mehr als ein paar Euro im Monat. Das ließe sich zumindest gefahrlos ausprobieren. Die Kosten für die technische Umsetzung dürften überschaubar sein.

Update: Offensichtlich habe ich Robin Meyer-Lucht, denn drüben bei den Kollegen aus Hamburg schreibt er heute:

„Wer allgemeinen Journalismus im Netz zahlungspflichtig stellen möchte, versteht den Wettbewerb und den Markt nicht.“

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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2 Antworten auf Die seltsame Diskussion um kostenpflichtige Inhalte

  1. meise sagt:

    Was spricht gegen eine Premiumversion von etwa Focus online? Nicht nur werbefrei, sondern mit kleinen Goodies versehen wie ein paar schicke iPhone-Apps oder editierbare RSS-Feeds, wo man uninteressante Themen wie Sport oder Gesundheitswerbung oder Autoren wie Henning Krumrey aussortieren kann …

  2. Pingback: Was Gema und YouTube mit Linux zu tun haben | Björn Sievers

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