Der Online-Journalismus ist am Ende

Der Online-Journalismus ist am Ende. Und das ist auch gut so. Das ist natürlich vor allem eines: eine Provokation. Und doch ist es genauso gemeint.

Gleich mehrere Nachrichten aus den vergangenen Tagen deuten darauf hin, dass es das, was wir in den vergangenen Jahren als Online-Journalismus verstanden haben, nicht mehr lange geben wird.

Da ist zum einen die US-amerikanische „New York Times“ (NYT). Die Tageszeitung stellt seit Anfang des Monats eine Programmierschnittstelle zur Verfügung, über die jeder das Archiv des Blattes anzapfen kann. 2,8 Millionen Artikel und damit alles, was seit 1981 geschrieben wurde, steht anderen Anbietern im Internet zur Verfügung. Ähnlich wie Karten von Google dürfen sie Artikel der Zeitung auf ihren Seiten darstellen. Das Kalkül dahinter: Inhalte NYT verbreiten sich deutlich schneller als bisher im Netz, jede Einbindung erzeugt Links zurück zur Website nytimes.com und steigert deren Link- und am Ende auch deren Werbewert.

Modell „Guardian“

Da ist zum anderen der britische „Gurardian„, gewissermaßen der Gegenspieler der NYT aus der alten Welt und im Internet ähnlich weit vorn. Und eben dieses Blatt ist gerade innerhalb des Londoner Bezirks Islington von Farringdon an den King’s Place in ein neues Gebäude gezogen, Luftlinie nicht einmal zwei Kilometer, für eine Stadt wie London also nichts. Doch für den „Guardian“ bricht mit dem Umzug eine neue Zeit an: Im alten Gebäude haben nach Angaben von Chefredakteur Alan Rusbridger 800 Journalisten gearbeitet, davon 100 für Online. An der neuen Adresse seien es nun 800 Online-Mitarbeiter, d.h. jeder „Guardian“-Redakteur arbeitet auch für das Internet-Angebot. (Ok, Springer ist mit den „Welt“-Titeln und der „Berliner Morgenpost“ seit rund zwei Jahren so ähnlich organisiert, aber das zu erwähnen würde an dieser Stelle die Argumentation stören und natürlich die Provokation zerstören.)

Modell „New York Times“

Wenn die NYT und der „Guardian“ im Netz nun State of the Art sind, dann heißt das: Der Online-Journalismus traditionellen Typs, also mit eigenen Redaktionen, einem von der Print- oder TV-Marke weitgehend unabhängigen Angebot ist – zumindest bei den beiden Verlagen – passé. Sie bezahlen Fachredakteure, Korrespondenten und Reporter, die recherchieren, schreiben, fotografieren, filmen, schneiden. Und sie bezahlen Blattmacher, die Inhalte in die Zeitung oder/und ins Netz heben. Außerdem schwört die NYT der Illusion der Kontrolle ab gibt zumindest die NYT die Kontrolle über ihre Inhalte auf. Jeder kann damit machen, was er will. Hauptsache die Zeitung ist im Netz und im Gespräch.

Für Journalisten ist das eine sehr gute Nachricht. Können sie sich doch auf das konzentrieren, was sie wirklich gut können. Die einen können recherchieren und schreiben, für die gute Geschichte leben. Die andere können ihr Blatt oder ihre Site machen. Was zählt ist, dass die Geschichte da ist. In welcher Form sie den Lesern gereicht wird, ist sekundär. Es ist nicht einmal wichtig, ob der eigene Text auf der eigenen Homepage oder ganz woanders im Netz verlinkt ist.

Der Online-Journalismus ist am Ende. Es lebe der Journalismus.

(Für Journalistenausbilder heißt das natürlich, dass sie das Gattungsdenken ablegen müssen. Aber darauf verwies ich ja unlängst schon einmal.)

Über Björn Sievers

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Eine Antwort auf Der Online-Journalismus ist am Ende

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