Die Mär von der Kostenloskultur im Netz

Auf die Finanzkrise folgte die Rezession, auf die Rezession folgte die Werbekrise, und mit der Werbekrise kommt eine Debatte in Gang, die seit Jahren ausgefochten schien. Wenn Anzeigen Journalismus im Netz nicht finanzieren, dann müssen das eben die Leser übernehmen, ist das einfache Argument. In den USA, wo es Zeitungen bekanntlich noch ein bisschen schlechter geht als hierzulande, denkt zum Beispiel die Hearst-Zeitungsgruppe über neue Bezahlmodelle nach. Und auch in Deutschland müssen sich Chefs von Internetmedien fragen lassen, ob sie nicht bald eine Kasse für den Nutzer aufstellen wollten.

Nun liegt es mir fern, erneut zu erklären, warum Bezahlmodelle (Neudeutsch sagt der Medienmensch Paid Content) zumindest für mehr oder weniger allgemeine Nachrichtenangebote nicht funktioniert. Das haben Kollegen bereits erläutert in den vergangenen Wochen, etwa Thomas Knüwer. Aber ein Aspekt kommt mir in der Diskussion um die Frage, ob man den Nutzer zum Zahlen verdonnern kann oder nicht, bisher zu kurz (oder ich habe Beiträge zum Thema übersehen): Das Argument, Leser zahlten schließlich auch für Nachrichten und verwandte Texte, wenn diese in der Zeitung stehen, ist eine Lüge. Leser zahlen nicht für die Informationen, sie zahlen dafür, dass jemand diese auf Papier gedruckt und zum Zeitungskiosk ihrer Wahl oder direkt in den Briefkasten transportiert hat.

Es würde zu weit führen mich in diesem Moment überfordern, genau und möglicherweise für mehrere Verlage auszurechnen, wie sie ihre Druckerzeugnisse finanzieren, was Redaktion, Verwaltung Druck und Vertrieb jeweils kosten. Deshalb nähere ich mich dem Thema vom Nutzer, also vom Leser.

Ein Abo der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ kostet 37,50 Euro im Monat, die „Süddeutsche Zeitung“ belastet die Haushaltskasse mit 41,40 Euro (39,40 Euro innerhalb Bayerns). In Berlin, wo die Zeitungen traditionell günstiger, dafür aber auch nicht ganz so gehaltvoll sind, kostet der „Tagesspiegel“ 25,90 Euro. Im Jahr kostet der regelmäßige Genuss einer Tageszeitung damit zwischen 310,80 Euro („Tagesspiegel“) und 496,80 Euro (SZ, wenn man sie in Hamburg liest). Und im Internet ist das alles für lau zu haben? Mitnichten.

Wer Nachrichten im Netz lesen will, braucht einen Rechner und einen Internetanschluss. So ein Notebook fürs Sofalümmeln kostet (der Einfachheit halber angenommen) 1000 Euro. Nach drei bis fünf Jahren ist der Rechner veraltet oder kaputt. Macht pro Jahr Kosten von mindestens 200 Euro. Ein sinnvoller Internetanschluss schlägt mit etwa 15 Euro im Monat zu Buche (den gibt es in der Regel nicht ohne Festnetztelefon, zusammen sind es so gegen 30 Euro, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein). Im Jahr saugt das Netz damit etwa 180 Euro aus der Kasse. Zusammen mit dem Laptop sind es 380 Euro Bereitstellungskosten, um überhaupt Nachrichten online lesen zu können. (Nicht eingerechnet sind an dieser Stelle die Stromkosten und die vielen Stunden, die man damit verbringt, die Software auf dem Rechner aktuelle zu halten.)

Nun liest der geneigte Computernutzer nicht nur Nachrichten im Netz. Er schreibt auch E-Mails (wenn er etwas älter ist) oder treibt sich in sozialen Netzwerken herum (wenn er zur Gemeinde der Internet-Eingeborenen gehört). Es wäre also unfair, die Computer- und Internetkosten in voller Höhe anzusetzen. Die AGOF gibt in ihrer Studie „internet facts 2008-III“ an, dass 61,1 Prozent der Nutzer online Nachrichten zum Weltgeschehen lesen, 55,9 Prozent lokale und regionale Nachrichten. Hinzu kommen weitere Informationen, die Leser sich in einer vergangenen Welt aus der Zeitung gesucht haben, etwa das Kinoprogramm. Vielleicht können wir an dieser Stelle einfach mal annehmen, dass 60 Prozent der Internetnutzung Dinge sind, für die früher vor allem die Zeitung stand. Das macht Kosten von 216 Euro pro Jahr auf Nutzerseite.

Es ist also tatsächlich etwas billiger, Nachrichten um Netz zu lesen, als sich eine Zeitung zu kaufen. Aber es ist nicht für lau zu haben.

Und weil das Argument bestimmt kommt: Natürlich kann man Nachrichten im Internet auch ganz ohne Kosten lesen, etwa bei Freunden oder am Arbeitsplatz. Aber das geht ja auch mit der Tageszeitung des Kollegen oder der Freundin.

Update: Man könnte meinen, Meedia hat sich inspirieren lassen: „Wie Paid Content funktionieren kann“

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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4 Antworten auf Die Mär von der Kostenloskultur im Netz

  1. Falk sagt:

    Ich denke, dass man wirklich einmal die Vertriebs- und Abomarketingkosten sowie Bordfreiexemplare sauber gegenrechnen müsste. So ist das zu ungenau.

  2. Feel free 🙂 Im Ernst: Das ist auf beiden Seiten nicht so einfach. Was im Printgeschäft die Vertriebs- und Marketingkosten sind, sind Online Entwicklung und Hosting. Bordexemplare ist gleich gekaufter Traffic. Alles Zahlen, die niemand detailliert herausrückt. Deshalb wollte ich nur mal sagen: Der Nutzer liest nicht für lau.

  3. Manuel Kogler sagt:

    Also das ist ja eine hahnebüchene Annamhe. Solange es keine GEMA für Onlinetexte gibt, die Teil der Hardwarekosten (oder Providerkosten) ist, zahlt man natürlich keinen Cent für Onlinetexte. Hardware und Providerkosten dagegen aufzurechnen ist schlicht Blödsinn. Nur weil ich in meinem Haus Wasserleitungen verlege, habe ich noch lange keinen Anspruch auf kostenloses Wasser. Auch wenn die Leitungen aus Platin sind und damit meinen Geldbeutel ordentlich belastet haben …

  4. bjoern sagt:

    Das Beispiel hinkt. Denn für das Datenvolumen, das durch die Leitung fließt (also das Wasser), zahlt der Nutzer ja. Die Inhalte stellt jeder Anbieter freiwillig ins Netz; bisher meist ohne Kassenhäuschen, weil es sich als das bessere Modell erwiesen hat.

    Update: Was mir noch einfiel: Online-Texte können ja inzwischen bei der VG Wort gemeldet werden.

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