Das Verschwinden von Zeitungen und ein Fragezeichen

Die Medienforscher Stephan Weichert und Leif Kramp haben ihre jüngste Studie zum deutschen und internationalen Zeitungsmarkt mit dem Titel „Das Verschwinden der Zeitung?“ (PDF, 1,3 MB) versehen. Und das lässt stutzen. Stellt sich doch (bei mir auf den zweiten Blick) die Frage, ob eine Studie mit einem Fragezeichen im Titel ihre Kernthese überhaupt belegen oder widerlegen kann. In diesem Fall kann sie es nicht. Nach der Lektüre bleibt vor allem eines: ein großes Fragezeichen.

Der wichtigste Grund: Die Handlungsempfehlungen, die die Autoren der eigentlichen Auswertung vorweg stellen, wollen nicht so recht zum Resümee am Schluss passen.

Auf den ersten Seiten heißt es unter anderem:

„Das Internet ist nicht einfach ein neues, höher entwickeltes Medium; vielmehr saugt es alle bestehenden Massenmedien in sich auf, deutet sie um und definiert deren Ausdrucksformen und publizistische Wirkung neu.“

„Die Vertriebsform der klassischen Zeitung auf Papier ist überholt; elektronische Verteilformen sind nutzerfreundlicher, wirtschaftlicher und ökologischer.“

„Elektronische Datenträger bieten kompakte, handliche Darstellungen von Zeitungsinhalten, ohne vollständig auf den haptischoptischen Eindruck des Zeitungslesens verzichten zu müssen.“

Alles in allem wollen die Autoren offenbar sagen: Die Zeitung ist ein Auslaufmodell.

Rund 100 Seiten schreiben die beiden Forscher dann aber:

„Das Ende der Zeitung ist dennoch keine ausgemachte Sache: Der journalistische Geist der gedruckten Presse kann – und muss – weiterleben, nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil er identisch ist mit der Idee einer lebendigen Demokratie: Ohne das publizistische Gegengewicht einer funktionierenden Medienlandschaft kann keine Aufklärung, keine Meinungsbildung mehr stattfinden. Glaubwürdigkeit, Orientierung, Unabhängigkeit sind die Pfunde, mit denen der Zeitungsjournalismus nach wie vor wuchern kann.“

Um Missverständnissen vorzubeugen: Weder wünsche ich irgendeiner Zeitung, dass sie vom Markt verschwindet (schon gar nicht denen, die ich liebe), noch glaube ich, dass das Ende bedruckten Papiers unmittelbar bevorsteht. Aber ich frage mich: Wieso brauchen wir Zeitungen, um Demokratie zu leben?

Was wir tatsächlich brauchen, ist ein funktionierender Journalismus, sind Ressourcen für Recherchen, ist ein Rückgrat für unbequeme Geschichten (das stellt auch die Studie klar). All das lässt sich jedoch nicht durch das Überleben einer Mediengattung sicherstellen, schon gar nicht, wenn diese subventioniert würde. Eine Zeitung ist ja nicht per se ein gutes Medium, nur weil sie auf Papier gedruckt ist (und einige Leuchttürme des Journalismus in den vergangenen Jahrzehnten zu dieser Gattung gehören). Fundament können allein gesicherte Geschäftsmodelle für Journalismus (und nicht Mediengattungen) oder – sollte es diese künftig nicht mehr geben – alternative Wege, etwa über Stiftungen (ich bin allerdings ausreichend kulturoptimistisch und glaube an Geschäftsmodelle, wenngleich sie nicht die Renditen abwerfen dürften, wie gut gemachtes Investmentbanking vor der Finanzkrise).

Auf der Suche nach einem Grund für die Widersprüche in der Studie von Weichert und Kramp fallen mir die Befragungen ins Auge, auf denen ein wesentlicher Teil der Analyse fußt. Die Autoren haben „ausgewählte Experten auf Basis persönlicher Kontakte und fachlicher Netzwerke kontaktiert“. Das klingt ein bisschen nach: Wir haben unser Adressbuch durchgesehen und angerufen, wen wir finden konnten.

Nun sind zum Beispiel der Medienforscher Stephan Russ-Mohl und Volker Lilienthal, Verantwortlicher Redakteur von epd-Medien, ganz sicher wertvolle Gesprächspartner, die sehr nah an der aktuellen Medienentwicklung dran sind. Bei anderen, wie etwa Hans Joachim Otto, Medienpolitischer Sprecher der FDP, kann ich das nicht beurteilen. Was jedoch alle Experten gemein haben: Sie gehören einer Generation an, über die das Internet irgendwann hereingebrochen ist. In ihrer Kindheit hat das Netz keine Rolle gespielt. Ein Notebook gab es nicht im Wohnzimmer oder auf dem Küchentisch. Stattdessen lag dort die Tageszeitung, die die Eltern jeden morgen aus dem Briefkasten fischten.

Es verwundert daher nicht, wenn Hans Joachim Otto mit „gewachsenen Lesegewohnheiten“ argumentiert, die ein Aussterben von Zeitungen unwahrscheinlich erscheinen ließen (es könnten seine eigenen Gewohnheiten sein). Wie aber sieht es mit den Lesegewohnheiten der Generation aus, die Don Tapscott digital natives nennt. Für die meisten Menschen, die sich nicht an den Mauerfall erinnern können, war nicht nur Deutschland immer eins, sondern auch das Internet immer schon da. Handys natürlich auch. Für all diejenigen, die das Platzen der Dotcom-Blase nicht miterlebt haben, werden Mobiltelefone auch immer schon online gewesen sein.

Es ist kaum zu vermuten, dass diese Generation die gleichen Lesegewohnheiten entwickeln wird, als ihre Großeltern. Das liegt nicht zuletzt daran, weil schon ihre Eltern häufig keine Tageszeitung mehr abonniert hatten. Statt des Fernsehers am Abend ist der Rechner eingeschaltet – und immer online.

Und deshalb stellt sich die dringende Frage: Wieso haben Weichert und Kramp nicht (auch) die junge Generation befragt, um aus dem Studien-Titel mit dem Fragezeichen eine echte These zu machen?

Und trotzdem: Lesenswert ist die Studie allemal. Vielleicht gerade weil man sich so vortrefflich an ihr reiben kann.

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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