Kulturpessimismus – oder der Gesamtsinn im Bit-Strom

Ich mag Kulturpessimisten, vor allem wenn sie sich zum Internet äußern. Wenn ich gerade Lust habe, kann ich mich herrlich an ihnen reiben. Ich muss aber nicht. Denn das erledigt (eigentlich immer) die Geschichte für mich.

Ein Beispiel:

“Das so viel gerühmte Internet steht exemplarisch und herausragend dafür, wie eine grenzenlose Öffnung informationstechnischer Kanäle, neben einer unbestrittenen Zahl anspruchsvoller Informationen, zu einer Flut von inhaltslosem Wortlärm führt, den Zugang zu einer Halde öffnet, auf der jeder, auch anonym, seinen Mist abladen kann. Im Fluss der Informationen geht für den Normalverbraucher die Wahrnehmungstiefe verloren, und Überschriften-Wissen tritt an die Stelle profunder Ausleuchtung (…) Im Bit-Strom bleibt der Gesamtsinn auf der Strecke.”

Diese Zeile schrieb der Dortmunder Kommunikationswissenschaftler Claus Eurich 1998 in seinem Buch “Mythos Multimedia. Über die Macht der neuen Technik”. Und ich bin mir nicht ganz sicher, was er meint.

Meine Erinnerung an das Netz zu dieser Zeit ist eine andere. Ich hatte ein analoges Modem und ein altes 386er Notebook, auf dem ich meine Magisterarbeit schrieb. Das Internet war für mich Kommunikationskanal (ich schrieb E-Mails) und Recherche-Instrument (über Telnet waren damals schon die Kataloge US-amerikanischer Universitäten erreichbar, das hatte ich zum ersten Mal 1996 in London ausprobiert). Wer seinen Mist auf der Eurich-Halde abladen wollte, musste entweder ein wenig HTML beherrschen oder sich noch ans Usenet erinnern (das war aber irgendwie schon out). YouTube, Flickr, Facebook und Twitter waren noch nicht einmal angedacht, Google wurde eben erst zur Garagenfirma (auf der Suche nach Mist und anderen Dingen bediente sich der geneigte Internetnutzer Altavista).

Aber lassen wir die alten Gschichten. Viel spannender finde ich, dass man in obigem Zitat nur den Begriff Internet durch Blogs oder Twitter ersetzen muss – und wir hätten den Kulturpessimismus von vor drei oder fünf Jahren beziehungsweise von heute.

Das sähe so aus:

“Blogs stehen exemplarisch und herausragend dafür, wie eine grenzenlose Öffnung informationstechnischer Kanäle, neben einer unbestrittenen Zahl anspruchsvoller Informationen, zu einer Flut von inhaltslosem Wortlärm führt, den Zugang zu einer Halde öffnet, auf der jeder, auch anonym, seinen Mist abladen kann.”

Oder:

“Im Fluss der Tweets geht für den Normalverbraucher die Wahrnehmungstiefe verloren, und Überschriften-Wissen tritt an die Stelle profunder Ausleuchtung.”

Statt eines Beweises sei Bernd Graff aus der “Südeutschen Zeitung” vom 5.12.2008 zitiert:

“Die wirklich spannende Frage aber bleibt: Warum sollte man sein Leben, seine Gedanken und Befindlichkeiten für alle einsehbar ins Internet stellen? Denn, so viel ist auch schon klar: Die gerade heftig diskutierte Möglichkeit, dass der Dienst zur Verbreitung von Augenzeugen-Nachrichten aus Krisenregionen genutzt wird, so wie es vor wenigen Tagen aus den von Terrorangriffen heimgesuchten Luxushotels in Mumbai geschah, diese Anwendung ist eher die Ausnahme als die Regel.”

Aber das nur am Rande.

Mir ist nicht ganz klar, welche Wahrnehmungstiefe traditionelle Medien liefern, also zum Beispiel die “Bild”-Zeitung. Oder Fernsehsendungen wie “Deutschland sucht den Superstar”. Oder ein beliebiges Formatradio aus der privaten Ecke. Auch bezweifle ich, dass Journalisten und andere Medienmenschen sich immer von einem “Gesamtsinn” leiten lassen bei ihrer Arbeit. Vermutlich ist es nur einfach gelernt, dass Zeitungen sowie Radio- und Fernsehsender nicht nur profunde Recherchen, sondern auch mal mehr und mal weniger intelligente Unterhaltung bieten. Aber immerhin hat man (=Medium) die Produktionsmittel in der Hand. Das ist leider zum Glück vorbei.

Mir jedenfalls ersetzt Twitter zum Teil meinen Feedreader – und ist an manchen Tagen ebenso spannend wie eine gut gemachte Zeitung. Denn ich stolpere immer wieder über Dinge, von denen ich noch nicht wusste, dass sie mich interessieren. Aber, das gebe ich zu, dazu gehört ein bisschen Medienkompetenz (nur wer das Fernsehprogramm nicht lesen kann, muss sich über das Fernsehen aufregen – alle anderen können das Ding einfach ausmachen).

Wie oben geschrieben: Ich mag Kulturpessimisten. Die Geschichte hinterlegt ihre Thesen mit einem so angenehm hintergründigen Humor. Eine der neueren Publikationen von Claus Eurich trägt übrigens den Titel “Die heilende Kraft des Scheiterns”.

Update: Markus Beckedahl von netzpolitik.org hat mit Meedia über die re:publica gesprochen – und über Kulturpessimismus. Hier entlang.

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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