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Nachrichtenagenturen und Bewegtbild

10. April 2009 von Björn Sievers

Erst kürzlich formulierte ich die These, dass Nachrichtenagenturen selbst am Ast sägen, auf dem sie sitzen – indem sie Google ihre Inhalte verkaufen. Als der DJV sich dann aufschwang, die dpa zu retten, begann ich mir ernsthaft Sorgen zu machen. Und jetzt bin ich eigentlich nur noch erstaunt. Denn eben lese ich in der Online-taz, dass der scheidende dpa-Chefredakteur Wilm Herlyn noch schnell ein bisschen Mutimedia in die Agentur bringen will, bevor er in ein paar Monaten in den Ruhestand wechselt:

Bevor Herlyn geht, will er seinen Reportern kleine Kameras in die Hand drücken. Ob Unfälle oder neues Eisbärenbaby: Die dpa will den Internet-Ablegern ihrer Kunden künftig Videos liefern – bunte Geschichten statt dröge Politik.

Nun könnte man meinen, Herlyn habe sich was tolles und neues ausgedacht. Nun ja. Die Idee gab es – wie so viele Ideen auf dieser Welt – schon einmal. Als ProSieben sich 1998 die Nachrichtenagentur ddp (damals noch ddpADN) einverleibte, um einen vertikal integrierten Nachrichten- und Unterhaltungskonzern (vermutlich schon damals eher Unterhaltungs- und Nachrichtenkonzern) aufzubauen, wollte man (der amtierende Vorstandschef Georg Kofler, soweit ich mich entsinne) genau das: Die dpp-Korrespondenten sollten mit Videokameras zu Terminen gehen, um Bewegtbild für N24 mitzubringen. Daraus ist bekanntlich nichts geworden – nicht nur, weil Kofler plötzlich weg war.

Kenner mögen nun einwenden: Wie hätte es auch, schließlich war die Technik noch nicht soweit. Stimmt, dieser Teil der Voraussetzungen ist erst heute gegeben. Eine Kamera für Webvideos könnte ein dpa-Korrespondent problemlos in seiner Notebook-Tasche unterbringen. Aber will er das? Und wäre das wirklich sinnvoll?

Nachrichtenagenturen sind hocheffiziente Apparate (ok, die dpa sicherlich ein bisschen weniger als ddp, bei der ich gut sechs Jahre arbeiten durfte). Ihr Geschäft ist Genauigkeit und Geschwindigkeit – und das gilt umso mehr heute, da wir und die lieben Kollegen in Hamburg und Berlin Eilmeldungen gerne innerhalb weniger Minuten auf die Seiten werfen. Die Gefahr, dass beides – Qualität und Schnelligkeit – leidet, wenn Korrespondenten sich nicht mehr nur auf den Text konzentrieren können, den sie häufig genug direkt am Ort des Geschehens schreiben, ist immens (nicht unerwähnt soll bleiben, dass auch die dpa natürlich viele Geschichten “kalt” macht, d.h. sie werden vom Schreibtisch aus recherchiert und eben dort auch geschrieben – ohne eine Chance auf Bewegtbild).

Und noch etwas könnte ein Stein auf dem Weg sein, den Herlyn gehen möchte: Die Zeit, in der Internetangebote mit Video experimentiert und auch mal weniger professionelles Material auf die Seite geworfen haben, nur um dabei zu sein, die ist vorbei. Zumindest in den großen Redaktionen haben längst Profis das Geschäft mit dem Bewegtbild übernommen. Amateurvideos haben da allenfalls Chancen in nicht ganz so ernst gemeinten Formaten wie unserer Netzvideoschau.

Aber vielleicht fragen wir die dpa-Kollegen: Wie kommt sie an die neue Initiative des bald ehemaligen Chefredakteurs?

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