Wenn selbst Fachmagazine auf Recherche verzichten

Leser dieses Blogs könnten leicht auf die Idee kommen, dass mir auf Papier Gedrucktes nicht so sehr am Herzen liegt. Ich würde das verstehen. Und dennoch ist es ganz anders. Gedrucktes liegt mir am Herzen, manches sogar sehr. Einen Platz eben dort, also in meinem Herzen, hat schon seit Jahren die „Message“, eine Fachzeitschrift über Journalismus, die sich im Grenzbereich zwischen Medienmagazin und Wissenschaft bewegt. In der Verbundenheit mit dieser Zeitschrift liegt auch der Grund für: meine Enttäuschung.

In der aktuellen Ausgabe 2/2009 schreibt Sebastian Feuß, Mitglied der Redaktion, unter dem Titel „Gezwitscher im Minutentakt“ über Social Media (Artikel nicht online). Nun hat er mit vier Seiten zwar einigermaßen viel Platz, um dieses Sozialdings zu erklären ist es dennoch extrem wenig. Denn vermutlich müsste man dem geneigten „Message“-Leser erst einmal erklären, wie Twitter, Social Bookmarks, Social-News-Communities und all die anderen Dienste funktionieren, die Nutzern die Gelegenheit geben, ins Internet zu schreiben. Das versucht Feuß aber gar nicht erst. Stattdessen verrührt er alles mit allem – und hält sich mit Nebensächlichkeiten auf.

Nehmen wir zum Beispiel den Einstieg. Die ersten anderthalb Seiten widmet Feuß Yigg.de, einer Nachrichten-Community, in die Nutzer – wie beim Original Digg.com – Meldungen einstellen und bewerten können. Auf diese Weise entsteht ein von Nutzern geschaffenes und gewichtetes Nachrichtenportal. Feuß tut das, was Journalisten gerne tun, er fischt sich irrelevantes und auch irreführendes von der Website und garniert das mit der Traffic-Entwicklung. Wir lernen: Yigg.de hat schon bessere Zeiten gesehen. Was das aber mit der im Teaser formulierten These zu tun hat, Redaktionen produzierten mit ihren Engagements im Bereich Social Media „Banalitäten-Beschuss und peinliche Selbstbespiegeltung“, bleibt offen. Denn schließlich sind in diesen Online-Gemeinschaften die Nutzer und eher nicht die Redaktionen unterwegs.

Das alles wäre noch zu verschmerzen, wenn da nicht das andere Problem wäre: der Mangel an Recherche. Auf den ganzen Seiten tauchen nur zwei Zitatgeber auf: der Medienwissenschaftler Christoph Neuberger und Frank Schmiechen, stellvertretender Chefredakteur bei Springer und verantwortlich für „Welt Kompakt“. Während der „Welt“-Ableger Erfahrung mit Twitter sammelt, hat Neuberger keinen Account, zumindest nicht unter seinem richtigen Namen (Feuß übrigens auch nicht). Auch sonst scheint Neuberger mit diesen Sozialdings eher nicht so viel am Hut zu haben. Warum sonst sollte er über Social-News-Communities sagen:

„Es findet keine Differenzierung statt, der Journalismus hier nur schwer als Marke etablieren. Diese Differenzierung ist aber notwendig, um den Mehrwert, die besondere Qualität des Journalismus deutlich zu machen.

Wenn sich Journalismus es auf von Nutzern generierten Nachrichtenseiten nicht nach vorne schafft, dann sagt das vor allem viel über den Journalismus.

Warum aber hat Feuß nicht auch die Chefredakteure der anderen großen Online-Medien gefragt. Rüdiger Ditz von „Spiegel Online“ hätte sicher gerne etwas über die Facebook-Seiten, die Feuß als erfolglos einstuft, Jochen Wegner über die Tweets, die „FOCUS Online“ seit einigen Wochen pflegt (und die im Zusammenhang mit dem Amoklauf von Winnenden kritisiert und gelobt wurden). Vielleicht wäre er dann darauf gekommen, dass Redaktionen auf unterschiedliche Art mit Social Media spielen. Vermutlich hätte sogar jemand zugegeben, dass noch niemand den Stein der Weisen gefunden hat – und dass es den wohl auch nicht gibt. Dass sich Nutzerströme immer mehr fragmentieren und dass es schon lange nicht mehr ausreicht, eine Homepage zu pflegen und ein paar Feeds ins Netz zu pusten. Dass aber auch niemand weiß, was das richtige Maß ist und schon gar nicht, was es sein wird.

Alles in allem hätte es eine Menge Fragen gegeben, die mich sehr interessiert hätten. Doch Feuß stellt sie nicht. Stattdessen täuscht er Antworten vor, um seine These zu belegen. Vielleicht sollte Feuß vor dem nächsten Twitter-Social-Media-Artikel ein wenig twittern, so wie des Dirk von Gehlen getan hat. Zeit hat er ja, „Message“ erscheint nur viermal im Jahr.

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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