GEZ für Blogger

Vor nicht allzu langer Zeit saß ich als Gutachter in einem Gremium, das darüber zu befinden hatte, ob ein bestimmter Studiengang einer deutschen Hochschule eine sinnvolle Investition von Geld (des Landes) und Zeit (der Studenten) sein könnte. Dafür habe ich mich durch einen mehrere 100 Seiten starken Akkreditierungsantrag gefräst, ein paar Seiten Stellungnahme verfasst, bin gereist und habe mir die Hochschule höchstselbst angesehen, mit Professoren und Studenten gesprochen, um dann eine abschließende Beurteilung zu formulieren.

Ziemlich aufwendig, könnte ein spontaner Gedanke sein. Doch im Prozess an sich, der mit Bologna über die deutschen Hochschulen gekommen ist, war ich nur ein winziges Rädchen. Denn zuvor hatte die Professorenschaft 100 Seiten Antrag verfasst (die internen Korrekturschleifen mag ich mi nicht vorstellen), bei der Akkreditierungsagentur hat jemand das Werk gebrüft, es an Gutachter wie mich verschickt, hat die Begehung (so heißt der Besuch der Hochschule) organisiert und protokolliert – und zum Schluss wird sich noch eine Komission mit der Frage auseinandersetzen, ob der Studiengang wirklich anerkannt wird. Ja, so geht das heute.

Daran musste ich eben denken, als ich den Vorschlag des britischen Soziologen Richard Collins las. Er würde, wenn er dürfte, den öffentlich-rechtlichen Sendern Gebührengelder nehmen, um die an andere Medien zu verteilen, möglicherweise auch an Blogger. Sein Argument, wie es Carta zusammenfasst: Angesichts der wachsenden Bedeutung des Internets sei es an der Zeit, dass nicht mehr allein die Öffentlich-Rechtlichen von den Gebühren profitieren. Wer Qualität liefert, soll auch an den Trog, egal woher er kommt.

Klingt toll. Aber nur auf den ersten Blick. Denn wie könnte das praktisch funktionieren? Auch dazu hat Collins sich Gedanken gemacht; er schlägt eine Kommission vor, die das Geld verteilt.

Nun stelle ich mir gerade vor, ich wollte als Blogger an den Topf. Angesichts der schwachen Erlöslage in meinem Metier schlage ich mir also die Nächte um die Ohren und schreibe Anträge. Und solange ich das tue, leidet die Qualität, von der ich im Antrag behaupte, dass ich sie liefere. Antrag toll, Angebot vernachlässigt. Kein Geld für mich.

Und ich stelle mir vor, wie ich als Chefredakteur eines Onlinemediums merke, die Werbeerlöse reichen nicht mehr. Als Rettungsanker fällt mir der Collins-Topf ein. Ich schlage mir also die Nächte um die Ohren, um den Antrag zu schreiben und stelle mich der Kommission. Endlich die Entscheidung der Kommission, wir sind dabei. Also wir wären dabei, wenn wir nicht schon vor Monaten pleite gegangen wären.

Für Hochschulen mag so ein System funktionieren, ja es ist vermutlich sogar sinnvoll. Doch für den Journalismus, den das Internet in den vergangenen Jahren extrem beschleunigt hat, ist jede Kommission zu langsam.

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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