Und dann doch wieder Paid Content

Der „Spiegel“ steht nicht eben im Ruf, es schwer zu haben – was die Penunzen angeht. Auch „Spiegel Online“ ist profitabel. Im Geschäftsjahr 2007 hat der Online-Ableger immerhin einen Überschuss von 3,4 Millionen Euro abgeworfen. Das vergangene Jahr dürfte noch besser gelaufen sein.

Umso erstaunlicher ist es, dass „Spiegel“-Verlagsleiter Fried von Bismarck nun über Paid Content spricht (nachdem „Spiegel Online“ das Kassenhäuschen vorm Archiv vor nicht allzu langer Zeit abgebaut hat). Er stimme etwa dem Modell einer Inhalte-Flatrate zu, schreibt Horizont. Kassieren könnte die Gebühren eine Verwertungsgesellschaften wie die Gema oder die VG Wort. Ausgeschüttet würde an die Verlage.

Nun bin ich mir nicht sicher, ob das zu Ende gedacht ist. Natürlich könnte man, wie das heute schon bei Kopierern und CD-ROMs üblich ist, für DSL-Anschlüsse eine Inhalte-Pauschale erheben, die dann in einen gemeinsamen Topf fließt, aus dem die Verlage bedient werden. Doch das wäre eine sehr deutsche Lösung. Würde die ins europäische Recht passen? Und: Passte eine solche Lösung zum Internet? Klopfte dann nicht die „New York Times“ – zu recht – an die Tür, um auch ihren Anteil zu bekommen?

Nun ja, es überrascht mich nicht, wenn Verlage, die seit jeher mit Vertriebserlösen kalkuliert haben, es nicht schaffen, dieses Denken zu eliminieren. Was mich allerdings erstaunt: Olaf Kolbrück stößt ins gleiche Horn – und rennt in bekannte Fallen.

„Man denke an Napster. Es galt lange Zeit als Symbol für das Ende bezahlter Musik im Web. Und heute? Der einfache und bequeme Download (Kostenfaktor Zeit) und die niedrigen Preisschwelle macht den illegalen Download weitestgehend uninteressant.“

Denn so uninteressant ist Filesharing offenbar nicht, warum sonst wäre die Unterhaltungsindustrie gegen Pirate Bay vorgegangen? Außerdem wäre da noch der kleine Unterschied zwischen Musik und Nachrichten. Manche Musikstücke möchte ich einfach besitzen. Bei einer Nachricht, selbst einer tollen Reportage hatte ich noch nie das Gefühl. Zeitungen wandern bei mir ja auch ins Altpapier und nicht in den Schrank.

Und diesen Vorschlag von Kollege Kolbrück möchte ich mir nicht vorstellen:

„Ich bin sicher, eine Online-Bilder-Strecke der Opfer von Winnenden, die nur als Paid Content per Micro-Payment angeboten worden wäre, hätte sich bezahlt gemacht.“

Realistischer scheint mir, was „Zeit“-Geschäftsführer Rainer Esser sagt: „Wir alle hier (er mein Mainstreammedien, Anm. des Bloggers) haben kaum Inhalte, die so unique sind, dass Paid-Content-Modelle funktionieren.“

Update: Eine kleine Ergänzung zum Thema Musik und Internet: Wer sich Musik im Internet über Tauschplattformen zieht, kauft auch mehr, hat die BI Norwegian School of Management mit einer Studie herausgefunden.

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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3 Antworten auf Und dann doch wieder Paid Content

  1. Natürlich ist Filesharing für einige Kreise weiterhin nicht uninteressant. Und aus Sicht der Musik- und Filmindustrie selbst dann schmerzhaft, wenn sie nur ein paar Prozent (zweistellig?) des Umsatzes dort verlieren. Und selbst wenn es weniger Geld wäre. Auch ein Milchdieb bei Aldi würde wohl verfolgt. Trotz Einzelfall, trotz niedriger Milchpreise.
    Es ging mir bei dem Verweis auf Napster auch mehr um den Gedanken, dass trotz einer scheinbar bereits etablierten Kostenloskultur Bezahlmodelle umsetzbar sind, wenn sie eigene Vorteile bieten.
    Ich glaube auch, dass Esser die Chancen eigener Inhalte eher kleinredet. Unique wertige Inhalte gibt es schon. Man muss nur einmal an all die Focus-Rankings zu Ärzten etc denken. Dafür würden Kunden sicherlich durchaus auch bezahlen, wenn die Münze nicht zu groß ausfällt und der Vorgang einfach ist.
    Das Problem der Umsetzung liegt mir gegenwärtig eher in der Frage eines praktikablen Micropayments. Lizenzfragen in der Zusammenarbeit mit einem Dienstleister, Kosten der Rechnungsstellung bei einem Vorgang der vielleicht 50 Cent einbringt. Das scheint mir noch ein Kern (einer von vielen) des Problems zu sein

  2. bjoern sagt:

    Die FOCUS-Ärzte sind ein gutes Beispiel. Denn diese Inhalte sind ja inzwischen auch online, sie sind in die Ärztebewertungsplattform http://www.jameda.de/ integriet. Und kostenlos abrufbar.

    Es bringt auch nichts, auf das „Wall Street Journal“ oder die Stiftung Warentest zu vergleichen. Denn beide haben ein Alleinstellungsmerkmal. Bei der Post handelt es sich um eine Wirtschaftszeitung, die einen weltweiten Markt bedient. Da geht es mit dem Kassenhäuschen (ginge vermutlich aber auch mit Werbung). Die Stiftung Warentest hat wiederum einzigartige Inhalte, die auf dem deutschen Markt ohne Konkurrenz sind. Beide Modelle lassen sich jedoch nicht einfach auf andere Medien übertragen.

    Was Micropayment angeht: Das Problem ist seit mindestens zehn Jahren ungelöst. Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass sich daran bald etwas ändert.

  3. Christiane sagt:

    Also wie ich die jüngste Studie zur Kulturflatrate verstanden habe, ginge das nach dem europäischen und deutschen Recht (vgl. http://blog.kooptech.de/2009/04/schweden-grossbritannien-polen-auf-dem-weg-zur-kulturflatrate/). Einige Anpassungen muss man vornehmen müssen. Nur eine Ausschüttung nur an Verlage geht nicht, sondern an die „Rechteinhaber“ als da wären in erster Linie die Urheber (Autoren) und erst in zweiter Linie die Distributoren (Verlage).

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