Twitter – oder der Reiz des Live-Web

Vor ein paar Tagen fragte mich ein PR-Arbeiter: „Herr Sievers, sollen wir twittern?“ Und gestern, als beim Mittagessen das Gespräch auf Twitter kam, wieder: „Twitter ja, aber doch nicht für ein B2B-Unternehmen!?“ Ich bin dann immer ein wenig ratlos. Natürlich gibt es immer ein paar Gründe, warum ein Mensch oder eine Institution twittern könnte, z.B. um dieses Dings, über das alle reden, zu erfahren, um zu schauen, ob es einem selbst oder seinem Arbeitgeber etwas bedeuten könnte. Und natürlich spricht vieles dagegen: die Arbeitsbelastung, der Trott, (vermeintlich) kein Nutzen. Kann sein. Doch vermutlich sollten für Kommunikationsarbeiter, zu denen ich PR-Menschen sowieso, inzwischen aber auch Journalisten zähle, dringend twittern. Mindestens sollten sie ihre Lauscher aufstellen. Der simple Grund: Twitter ist das Netz. Das Netz ist Twitter. Und beides wird jeden Tag spannender, nicht nur, weil Twitter und andere Netzwerke eine bedeutende Rolle in den Protesten im Iran spielen.

Ein paar Erläuterungen: Twitter ist zunächst nichts anderes als das Angebot, in 140 Zeichen was auch immer ins Internet zu schreiben. Das kann dann jeder sehen. Oder niemand. So betrachtet ist Twitter wie eine Graffitiwand, nur lange nicht so bunt. Doch Twitter ist im Internet, und wie jeder gute Internetdienst entfaltet auch Twitter seine Macht erst, wenn Netzwerkeffekte hinzukommen. In dieser Hinsicht ist Twitter nicht anders als das Telefon. Wenn einer ein Telefon hat, ist es nutzlos für ihn. Erst wenn ein zweiter auch einen Apparat nebst Anschluss hat, ist das Ding zu gebrauchen. Mit jedem Teilnehmer steigt dann Nutzen. Kein Wunder also, dass ich mich mit meinem Twitteraccount im März 2007 noch ein wenig einsam fühlte – und den Dienst nicht gleich verstanden habe. War ja kaum jemand da, und die die da waren schrieben kaum anderes als: „Habe gerade gefurzt.“

Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass da mehr Leute sind und dass – das war noch wichtiger – diese Leute sich nicht mehr nur über Flatulenzen unterhielten. Binnen Wochen ersetzte mir Twitter plötzlich meinen RSS-Reader zum Teil. Jedenfalls merkte ich, dass diese Menschen, denen ich folgte, mich viel früher auf spannende Themen stießen, als ich diese aus meinem Reader fischen konnte. Manche Themen drehen seit Twitter richtige Runden in meiner Wahrnehmung: erst Twitter, dann Reader und später poppen sie in Bookmarks lieber Kollegen wieder auf. Dann weiß ich, dass das Netz funktioniert, dass ich im Netz ausgelegt habe.

Seit einiger Zeit ist noch eine weitere wichtige Funktion hinzu gekommen: Mit Twitter folge ich Diskussionen im realen Leben, denen ich nicht beiwohnen kann. Das habe ich zum Beispiel getan, als ich letztens keine Zeit für den mediacoffee in München hatte. Twitter hat mir über die Suche die wesentlichen Statements geliefert. Die Pressemitteilung am nächsten Tag brachte mir kaum Neues; und auch in Blogs habe ich wenig gelesen, was über die Tweets hinaus ging.

Twitter habe ich auch benutzt, um einen ersten Eindruck von den Jugendmedientagen zu bekommen. Der Kongress mit 500 jungen Medienmachern fing an einem Donnerstagabend an, ich war als Referent für den Samstag für einen Workshop zum Wirtschaftsjournalismus eingeplant. Die Tweets der Teilnehmer haben mir einen ersten Eindruck vermittelt, wie die Stimmung auf dem Expo-Gelände in Hannover ist.

Twitter ist das Netz, weil aus einer simplen Graffitiwand ein mächtiges Werkzeug geworden ist, dessen Möglichkeiten jeder für sich selbst erschließen und bestimmen kann, dessen Nutzen nicht vorab definiert ist. Twitter hat die Bedeutungen, die seine Nutzer dem Dienst einhauchen. Vielleicht sind es fast so viele Bedeutungen, wie Twitter Nutzer hat. Und das Netz ist Twitter, denn – #zensursula hin oder her – ich vertraue darauf, dass die Netzbewohner ihre eigenen Wege finden, um Mauern niederzureißen, die sie an ihrer freien Entfaltung hindern (und damit meine ich nicht Gesetzesübertretungen). Gäbe es diesen Drang nicht und wäre er nicht stärker als jede Repression, dann wäre AOL heute noch ein wichtiges Portal und das Regime in Teheran in der Lage, Twitter, Flickr und Facebook zu kontrollieren.

Wer das Netz verstehen will, sollte sich Twitter ansehen. Und wer in Zukunft noch kommunizieren will (also die Version von Kommunikation, die darauf abzielt, dass das Gegenüber versteht), der muss das Netz verstehen.

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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