Der neue Zeitungsjunge heißt Twitter

Haben Zeitungen zum Tod von Elvis Presly oder zum Mord an John Lennon eigentlich Extrablätter gedruckt? Gefühlt ist es schon ein paar viele Jahre her, dass mir ein Extrablatt in die Hand geflattert ist. Zum ersten Irak-Krieg, zum 11. September? Ein bisschen schade, dass ich mich nicht erinnere, denn es war die letzte Sonderausgabe “zum Zwecke maximaler Aktualität”, wie Wikipedia etwas hölzern schreibt.

Heute geht das so:

“Certainly the Jackson news spread quickly via Twitter. TMZ.com got the news first and it spread from tweet to retweet and then it spread beyond the web as each of those Twitterers acted as a node in a real-life network. An AP reporter told me she was riding on a bus when someone came on and announced the news to all the passengers – that person was a node, the bus the network – and then everyone on the bus, she said, took out their smart phones and spread the news farther. The live, ubquitous, mobile web is an incredible distribution channel for news.”

Die Geschwindigkeit ist enorm. Das ist das eine. Die Herausforderung für Journalisten das andere. Franziska Blum schreibt über ihre Nacht mit Michael Jackson:

“Das ewige Beobachten der verschiedenen Quellen, das Warten auf seriöse Quellen, das Checken, was sich hinter den Eilmeldungen der Agenturen verbarg. Erst berichteten sie gar nicht und dann verschickten sie Eilmeldungen, die sich auf die Quellen beriefen, die schon gefühlte Ewigkeiten vorher über die Geschehnisse berichtet hatten. Und immer wieder die Frage: Darf man das jetzt melden? Oder lieber noch warten? Wie darstellen?”

Twitter ist schlicht schneller als Nachrichtenagenturen. Das ist eine Tatsache, die man als Journalist erst mal akzeptieren muss. Und das ist nicht einfach. Denn auf Agenturen konnten wir uns (meistens) verlassen (mindestens darauf, dass sie sich korrigieren, wenn sie eine Falschinformation verbreitet haben). Was aber nun, wenn eine Information bereits da ist (per Twitter), die Agenturen aber schweigen? Nichts tun ist dann keine Option mehr.

Wer per Twitter mitbekommt, dass Michael Jackson tot ist, der will mehr wissen, der will vor allem wissen, dass es sich nicht um einen üblen Scherz handelt (denn so medienkompetent sind die lieben Leser). Schweigt das Nachrichtenportal des Vertrauens, enttäuscht das Produkt. Unweigerlich. Journalisten, zumindest diejenigen, die ihre Geschichten nicht ausschließlich auf Papier drucken, müssen sich neue Quellen erschließen, müssen vor allem lernen, wie sie mit dem sozialen und dem Live-Web umgehen. Nur dann haben sie eine Chance, mit ihrem Produkt, das vor allem verlässliche Information heißt, zu überzeugen. Einfach ist das nicht, denn der Grat zwischen schneller Reaktion auf vermeintlich große Nachrichten und dem Hinterherhecheln falscher Informationen ist schmal, sehr schmal.

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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Eine Antwort auf Der neue Zeitungsjunge heißt Twitter

  1. Hm, ja. Nun hat die Wahl des Bundespräsidenten nicht ganz so viele Leute interessiert wie der Tod von MJ, aber der Trend war da auch schon erkennbar. Und die Frage lässt sich noch zuspitzen: Was ist, wenn die twitternde Quelle nicht – wie im Fall MJ – ein wenig fragwürdig ist, sondern als vertrauenswürdig etabliert? (hatte ich hier schon mal aufgeschrieben.)

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