Autorisierung in der Qualitätspresse

Da draußen regen sich gerade ein paar Leute über die „Süddeutsche Zeitung“ auf, die ihre Medienseite heute mit folgendem Satz verziert:

„Bei Interviews in Printmedien haben die Politiker weitreichende Möglichkeiten zur Korrektur, weil ihnen der gedruckte Wortlaut zur Autorisierung vorgelegt werden muss.“

In diesem Zusammenhang wollte ich nur mal kurz anmerken, dass es dazu ein Positionspapier gibt: vom Bundesverband deutscher Pressesprecher (PDF). Darin heißt es zum Beispiel:

„Die in Deutschland bei Interviews geltende Grundregel der Autorisierung des Interviews durch den Interviewten hat sich bewährt und bedarf keiner Änderung.“

Und:

„Das Interview lebt von der persönlichen Note des Interviewten – nicht des Interviewers. (…) Diese gewünschte Personalisierung und Akzentuierung setzt allerdings voraus, dass der Interviewte tatsächlich das letzte Wort über seine eigenen Aussagen hat.“

Und:

„Autorisierung verhindert Verzerrungen und unzulässige Verkürzungen.“

Diese Sicht der Dinge kann sich Journalist zu eigen machen, muss er aber nicht. Vom DJV oder Ver.di ist mir ein entsprechendes Papier nicht bekannt. Der DJV hat sich 2003 für das Gegenteil ausgesprochen.

Und weil es dazugehört: Ja, auch ich habe Interviews schon zur Autorisierung an Gesprächspartner gesandt. Ich biete das allerdings nie von mir aus an. Denn das Misstrauen zu formulieren, das aus der Bitte um eine Autorisierung spricht, ist nicht meine Aufgabe.

Über Björn Sievers

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3 Antworten auf Autorisierung in der Qualitätspresse

  1. puh – ein Evergreen. Ich kann nur aus meiner langjährigen Erfahrung als PRler sagen, dass meine Auftraggeber die nachträgliche Kontrolle von Interviews und Zitaten als Basiskompetenz von mir erwarten. Keine Kontrolle über die Inhalte = kein guter PR-Mann. Journalisten machen halt ihren Job, wir unseren. Das sollte man bitte nicht mit mangelndem Vertrauen verwechseln.

    • bjoern sagt:

      Den Mangel an Vertrauen sehe ich weniger beim PR-Arbeiter, sondern beim Gesprächspartner. Wobei natürlich der PRler es ausbaden muss, wenn etwas nicht im Sinne des Interviewten läuft.

  2. Milo sagt:

    Ich habe mal für eine Bundestagsabgeordnete gearbeitet. In dieser Zeit habe ich reichlich Erfahrungen gemacht mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten und missverstandenen Äußerungen. Ich finde es zwar etwas ritualhaft, wie Politiker sich mit der Floskel, das sei aus dem Zusammenhang gerissen, aus allem und jedem herausreden. Aber wirklich vertrauen kann man den Journalisten nicht.

    Derzeit arbeite ich wissenschaftlich mit journalistischen Quellen und sehe häufig, wieviele Verzerrungen und falsch zitierte O-Töne es gibt. Das ist wahrscheinlich auch nicht anders möglich, schließlich kann der Journalist im Tagesgeschäft nicht wie ein Historiker arbeiten. Aber solche Fehlier provozieren Missverständnisse und Skandälchen, die mitunter sehr unverdient Leute treffen.

    Jetzt, da ich nicht mehr in der Politik arbeite, merke ich dann allerdings, dass mir die glattgebügelten Interviews auch auf die Ketten gehen.

    Deshalb kann ich eigentlich keine entschiedene Position dazu einnehmen.

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