Lustige Absatzspiele, heute: o2

Es ist ja so, ich bin Wirtschaftsjournalist. Ok, da kommt man nicht sofort drauf, weil das Thema meines Broterwerbs an diesem Ort nur hin und wieder durchscheint. Also mal ein Versuch. Objekt: o2, der Mobilfunkanbieter. Thema: Wie poliere ich meine Bilanz auf.

Das Mobilfunkunternehmen o2 hat es nicht so leicht. Die Tochter des spanischen Ex-Monopolisten Telefónica gehört mit 15 Millionen Kunden (Stand 30.7.2009) zur Gruppe der kleineren Netzbetreiber (T-Mobile und Vodafone sind viel, viel größer). Während nun E-Plus, der zweite kleine Netzbetreiber, das Rennen um einen möglichst guten Service wohl aufgegeben hat und sich seit geraumer Zeit versucht über den Preis von der (großen) Konkurrenz abzusetzen, spielt o2 immer noch mit. Das Unternehmen hatte 2008 massive Investitionen ins eigene Netz angekündigt, vor allem um es fit zu machen für schnelle Datentransfers (genau das tut E-Plus bisher nicht).

Das kleine Problem des kleinen Anbieters ist die Betriebswirtschaft: o2 spielt in Sachen Technik mit den Großen mit, hat aber nicht einmal halb so viele Kunden wie T-Mobile oder Vodafone. Das ist ungünstig, denn schließlich kostet ein tolles o2-Netz ebenso viel wie ein tolles T-Mobile- oder Vodafone-Netz. Für o2 lautet die vermutlich bedeutendste Frage deshalb: Wie kriegen wir mehr Kunden.

Das geht zum Beispiel über den Preis. Auf diesem Gebiet hat sich in den vergangenen Monaten einiges getan, o2 hat seine ganze Tarifstruktur umgekrempelt – und spricht mit einem Tarif, bei dem die Kosten bei 60 Euro im Monat abgeriegelt werden (wobei dann nicht das Netz abgeklemmt, sondern die Rechnungsbetrag eingefroren wird) vor allem Vieltelefonierer an, die auch auf den Preis achten (müssen). Anders formuliert: o2 wildert bei E-Plus.

Eine weitere Möglichkeit, die Zahl der Kunden nach oben zu korrigieren, bieten die vorhandenen Kunden (der Mobilfunker – und nicht nur der – nennt diese Gruppe „Bestandskunden“): Menschen, die sowieso schon jeden Monat eine Rechnung bekommen, kann man einfach noch mehr Mobilfunk verkaufen. Und genau das macht o2 gerade.

Erst kam ein Brief (Marketing-Sprech: Mailing), in dem o2 mir anbot, ich könnte doch noch eine (oder mehr?) weitere Mobilfunkkarten kaufen. Wobei „kaufen“ nicht das richtige Verb ist, denn o2 wollte sie mir schicken, nur die Versandkosten von gerade einmal 3,90 Euro hätte ich bezahlen sollen. Dafür hätte ich noch eines dieser kleinen blauen Kärtchen bekommen, das ich in eines der Handys hätte stecken können, die in dieser Wohnung sicher noch irgendwo liegen. Und ich hätte telefonieren können. 15 Cent pro Minute, bei 60 Euro wäre Schluss. Oder ich hätte nicht telefonieren können. Dann hätte ich auch nichts bezahlen müssen. Karteileichen sind also eingebaut bei dem Angebot. Der vernunftbegabte Mensch in mir fragt sich: Was bringt das?

Nun nehme ich an, dass nicht nur ich einen solchen Brief erhalten habe, denn so persönlich war die Ansprache dann doch nicht. Viele der anderen o2-Kunden scheinen allerdings reagiert zu haben wie ich: Brief ins Altpapier. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass o2 jetzt noch einmal anrief, um mir das Angebot persönlich zu unterbreiten. Und der vernunftbegabte Mensch in mir fragt sich wieder: Was bringt das? Und jetzt auch: Was das wohl kostet?

Erklären lässt sich die teure (und vermutlich sinnlose) Aktion mit der Bilanz und dem o2-Management. Das Mobilfunkunternehmen hat seit Mai einen neuen Chef. Der heißt Rene Schuster und war – so liest man – „wesentlich an der Entwicklung des neuen Tarifs o2o beteiligt“. Das ist nun zufällig der Tarif, der mit viel Aufwand in den Markt und Bestandskunden aufs Auge gedrückt wird.

Was folgt, ist typisch für den Mobilfunk: Weil eben doch eine beträchtliche Zahl o2-Kunden alte Handys mit neuen Karten bestücken wird, um sie dann doch wieder in der Schublade zu vergessen (oder das bisherige o2-Handy eben dorthin zu legen), werden wird alsbald eine Jubelmeldung aus München lesen. Das Unternehmen wird uns mitteilen, das o2o ein voller Erfolg ist, weil Tausende Kunden den Tarif gewählt haben. Außerdem wird o2 mächtig viele neue Kunden gewonnen haben (wie viele der neuen Karten unbenutzt in Schubladen liegen, untersucht ja niemand).

Also ich freu mich drauf. Vor allem weil ich dann gern wüsste, was das gekostet hat. Was ich und die anderen 15 Millionen o2-Kunden bezahlen mussten, damit Mobilfunkkarten in Schubladen verstauben die Bilanz des neuen Chefs ordentlich glänzt.

Über Björn Sievers

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2 Antworten auf Lustige Absatzspiele, heute: o2

  1. Christiane sagt:

    Naja so schlecht finde ich das Angebot jetzt nicht, vor allem für Familien. 15 cent ist allerdings recht teuer oder? Aber ich bin nicht so im Bilde, was die Minutenpreise in Deutschland angeht.
    Ich wollte mir gerade einen Datenstick in Deutschland kaufen. Da waren wirklich unverschämte Angebote dabei. O2 war weit preiswerter als T-Mobile, die den gleichen Stick in UK für 29 Pfund verkaufen, aber in Deutschland 99 Euro.

    • bjoern sagt:

      Der Tarif ist toll. Für Vieltelefonierer. Und nur für die. Aber das ist gar nicht der entscheidende Punkt. Denn o2 drückt vor allem Karten in den Markt, die dann nicht oder kaum genutzt werden. Alter (und teurer) Trick, um die eigne Bilanz zu schönen.

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