Wie sich das Netz in mein (Medien-) Leben frisst

Vor einiger Zeit hat mich jemand als Nerd bezeichnet. Das war nicht negativ gemeint, sondern eher anerkennend. Vor allem war es wohl Ausdruck von Erstaunen. Wir hatten bereits ein paar Stunden übers Netz geplaudert und was es so mit Medien, Kommunikation und am Ende unserer ganzen Gesellschaft machen könnte. Und in diesen Dingen bin ich vermutlich wirklich ein bisschen nerdig, zumindest kann ich kaum aufhören zu reden, wenn ich erstmal in Schwung bin.

Nun bin ich kein Programmierer, mein HTML ist in etwa so gut wie mein Italienisch, ich kann es ein bisschen lesen, kann aber nicht viel mehr als eine Pizza und ein Bier bestellen. Um dann gleich im Bild zu bleiben: Das Internet ist wie Italien für mich. Ich bin da einfach gern, habe es gerne als Teil meines Lebens. Aber natürlich ist das Netz ganz anders – und an dieser Stelle muss der kleine Text aus dem Bild fliegen: Während ich nur entweder in Italien oder in Deutschland oder woanders sein kann, bin ich ständig im Netz und ist das Netz ständig bei mir. Es erobert mein Leben Stück für Stück, jeden Tag ein bisschen mehr und inzwischen auch mein übriges Medienleben (ja, das gibt es auch noch).

Schuld daran ist unter anderem Twitter. Ich frage mich inzwischen, wie ich das TV-Duell zwischen Merkel und Schröder vor vier Jahren ausgehalten habe. Denn Twitter gab es damals noch nicht (der Dienst wurde im März 2006 gegründet, mein eigener Account existiert seit Mai 2007, verstanden habe ich das Ding so vor einem Jahr). Vermutlich war das Duell damals wirklich eines und dadurch einfach unterhaltsamer, denn der Schröder war schon immer auch ein wenig lustig, also auf jeden Fall lustiger als der Steinmeier. Den habe ich zusammen mit Merkel nur so 15 Minuten ohne Twitter ertragen. Dann habe ich einen der Rechner aufgeklappt, die hier immer so rumliegen – und es wurde wenigstens ein bisschen witzig (wenngleich nicht unbedingt niveauvoller, aber das muss ja nicht immer sein).

Fernsehen ohne Twitter, das wird immer schwieriger. Was ich auch nicht mehr so gut kann, ist Zeitung lesen ohne das Netz. Eben habe ich immerhin das Dossier der „Zeit“ geschafft. Offline. Irgendwo im Feuilleton war dann aber Schluss. Ich setzte gerade an, um „Die Anti-Gitarren-Gitarristin“, ein Stück über die US-amerikanische Jazz-Gitarristin Mary Halvorson, zu lesen – und da war Schluss mit offline. Der Autor machte den Fehler war so freundlich, die MySpace-Seite von Halvorson zu erwähnen. Und da bin ich dann hin. Denn noch lieber, als über Jazz zu lesen, höre ich ihn.

Ich fürchte, für die „Zeit“ war es das für heute Abend. Denn jetzt habe ich ja obendrein über das Netz ins Netz geschrieben – und werde mich im Anschluss sicher verlieren in den Weiten des Virtuellen, die so viel und immer mehr von meinem realen Leben sind.

Über Björn Sievers

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