Posterous – ein zweiter Blick ins Schnipselalbum

Manchmal brauche ich ein bisschen länger, das gebe ich ja zu. Bei Twitter waren es sich zwei oder drei Anläufe innerhalb eines Jahres bis ich verstanden hatte, was den Charme des Microbloggings (für mich) ausmacht. Und dann veränderte sich meine Online-Welt: Seitdem hat Twitter dem Google Reader den Rang abgelaufen und ist zur Nummer eins geworden.

Seit einiger Zeit nun wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben: Posterous. Und ich brauche wieder etwas länger. Nach meinen ersten Gehversuchen Ende Juli hatte ich – im Kern – geurteilt: braucht kein Mensch. (Zu einem ähnlichen Schluss kam vor ein paar Tagen der geschätzte Twitter-Kritiker Halbdigitale Christian Jakubetz.) Vor allem fand ich die Idee unsinnig, von einem Ort aus alle anderen Dienste in meinem persönlichen Social Web zu bespielen („bespielen“ ist schließlich was für PR-Leute).

Es gibt aber auch andere Stimmen. Ibo, zum Beispiel. Der Sevenload-Gründer twitterte schon im September, er werde fortan Posterous nutzen. Aber warum bloß? Bei Anlauf 2,3 oder so – da bin ich ungefähr – beginne ich zu verstehen. Langsam erschließt sich mir der Reiz. Der simple Grund: der Netzwerkeffekt. Posterous ist – wie Twitter, Facebook und all die anderen Dienste seit Flickr – eher unspannend, wenn man allein ist auf der Welt im Internet. Sobald aber die eigenen Leute, also die, mit denen ich auf all den anderen Spielplätzen im Netz bereits Förmchen tausche, auch bei Posterous aufschlagen, wird es anregend.

Besonders spannend daran: Posterous ist oder besser wird durch seine Nutzer ganz anders als eigentlich gedacht (also zumindest als ich dachte). Es geht nicht darum, Posterous zur Schleuder für die eigenen Fundstücke zu benutzen, um sie anderswo im Sozialen unterzubringen. Posterous wird vielmehr zum kollektiv erarbeiteten Schnipselalbum. Wir alle befüllen es – und aus unseren Posterous wird eine Kollage, die bei jedem anderes aussieht. Schließlich folgen wir – wie bei Twitter – alle unterschiedlichen Menschen. Das hat Charme.

Ob Posterous allerdings wirklich groß wird, weiß ich immer noch nicht. Denn es gibt zwei Vor- und zwei Nachteile.

Die Vorteile:

Posterous ist einfach zu bedienen. Der geneigte Postero postet über den Browser oder einfach per E-Mail, wodurch der Dienst auch mobil wirklich einfach zu handhaben ist.

Posterous ist schnell. Ein Foto mit dem Handy aufgenommen und per E-Mail an Posterous geschickt, nach ein paar Sekunden ist der Moment Leben für die Ewigkeit ins Netz geschrieben. Ach ja, für sein erstes Posting bei Posterous muss man sich nicht einmal registrieren. Für das zweite und alle folgenden auch nicht zwingend.

Die Nachteile:

Posterous ist kompliziert. Denn irgendwie haben wir uns doch schon an das 140-Zeichen-Dogma mit seiner handvoll Funktionen gewöhnt. Wenn Twitter ein Single-Speed-Bike (Version ohne Bremsen) ist, dann ist Posterous ein Mountain-Renn-Trecking-Zwei-und-Einrad. Posterous ist Blog, Microblog, Reader, Verteiler, soziales Netzwerk und vermutlich noch eine ganze Menge mehr.

Posterous ist langsam. Natürlich lässt sich so ein Posterous in Sekunden aufsetzen und ist damit schneller als jeder Bloghoster. Doch Twitter kann Posterous niemals schlagen – und das könnte dem Dienst den Ruhm versagen.

Ich weiß daher immer noch nicht so recht, welchen Platz ich Posterous in meinem digitalen Leben zuweisen will. Im Moment hängt http://bjoernsievers.posterous.com/ irgendwo zwischen http://twitter.com/bjoern und http://bjoern-sievers.de/ – und ist damit der Ort für alles, was zu lang für Twitter und zu wenig differenziert fürs Blog ist. Aber braucht das alles einen Ort?

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
Dieser Beitrag wurde unter Das Netz, Der Nutzer veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Posterous – ein zweiter Blick ins Schnipselalbum

  1. Pingback: Tweets die Posterous – ein zweiter Blick in Schnipselalbum | Björn Sievers erwähnt -- Topsy.com

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.