Staunen über die Generation @

Generation Golf, Generation Praktikum, Generation C64 – seit Douglas Couplands “Generation X” (das war 1991) gab es zahlreiche Versuche, das Lebensgefühl einer Altersgruppe mit einem Schlagwort zu beschreiben. Der aktuelle “Spiegel” (Nr. 31, Seite 120-123) fügt der langen Reihe der Generationen eine weitere hinzu: die Null-Blog-Generation. Es sind die Jugendlichen im Jahr 2010. Sie sind online, aber sie nutzen die Möglichkeiten des Internets nur selten aus. Und vor allem: Ihr eigentliches Interesse gilt dem Offline-Leben.

Ein Missverständnis

Was auf den ersten Blick nach einer erstaunlichen Erkenntnis klingt – denn wer heute noch nicht erwachsen ist, für den war das Internet schon immer da -, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Missverständnis. War doch das Netz immer schon vor allem das, als was es Jugendliche heute benutzen: ein Kommunikationskanal. Aber der Reihe nach.

Zunächst: Einen Teil der These des Artikels kann ich aus meiner subjektiven und nicht repräsentativen Erfahrung bestätigen. Junge Menschen haben im Schnitt weniger Ahnung vom Netz, als man ihnen gemeinhin zutraut. Unter den Kollegen, denen ich hin und wieder (z.B. hier) etwas übers Netz erzählen darf, ist nur selten jemand, der schon mal gebloggt hat (und wenn, dann meist nur während eines Auslandsaufenthalts, als Ersatz für Rundmails gewissermaßen). Auch Social Bookmarking, RSS und Twitter ist den meisten fremd.

Aber: Fast alle Kollegen in den frühen 20ern sind bei Facebook (kaum noch jemand übrigens bei StudiVZ). Sie alle organisieren ihr soziales Leben mithilfe sozialer Netzwerke. Und genau hier beginnt das Missverständnis von “Spiegel”-Autor Manfred Dworschak. Er lässt einen Gesamtschullehrer sagen: “Für sie (die Jugendlichen) ist das (Internet), wie ein Auto, es soll fahren.” Und genau das ist der Punkt, vermutlich der zentrale Punkt, um die Generation der Digital Natives zu verstehen.

Das Internet hören

Wer mit dem C64 aufgewachsen ist, der konnte die Datenströme von der Datasette hören, der hat irgendwann an einem alten Rechner herumgeschraubt, um eine größere Festplatte oder mehr Arbeitsspeicher einzubauen, der hat das Internet aus seinem 56K-Modem (und das war dann schon schnell) rauschen gehört. Online gehen war ein Weg, der in vielen Fällen schon das Ziel war.

Die Kinder aus der Wendezeit und danach sind in eine andere Welt geboren. Die DDR war Geschichte, Internet und Mobilfunk schon immer da. Zu Hause gab es immer mindestens einen Rechner und der war immer online, wenn er eingeschaltet war (die Generation iPad spart sich heute auch noch das Booten). Deshalb ist Facebook für Schüler und Studenten heute das, was Telefon und Anrufbeantworter in den 1980ern (in Westdeutschland) waren: die Medien, mit denen man sein Sozialleben organisiert, z.B. den Weg zur Schule oder das gemeinsame Bier am Abend in der Kneipe.

Das Netz und das reale Leben

Wenn Manfred Dworschak staunt, dass es für die Jugendlichen von heute wichtiger ist, sich mit Freunden zu treffen, als sich in virtuellen Welten (an dieser Stelle fällt irgendwann der Name Second Life, dieser dereinst von Medien hochgeschrieben virtuellen Welt), dann liegt auch hier ein großes Missverständnis vor: Schon immer haben sich Menschen, die im Netz unterwegs waren, auch im richtigen Leben getroffen. Die Mitglieder von Mailinglisten haben Stammtische (in echten Kneipen) organisiert, Hacker treffen sich auf Konfrenzen und Twitterer zu Twittagessen in München, Berlin oder Hamburg.

Die Konstante des Internets seit E-Mail und Usenet heißt: Kommunikation. Die jeweilige Anwendung mag sich ändern, doch das Internet in schon immer ein soziales Netz gewesen. Für viele stellt es seit jeher eine Bereicherung des eigenen sozialen Lebens dar. Für mich übrigens auch. Und daran ist nichts virtuell.

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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6 Antworten auf Staunen über die Generation @

  1. Gibro sagt:

    Zu einem ähnlichen Schluss bin ich vor einigen Wochen auch in einem meiner Blogartikel gekommen, nachdem ich einen Lehrauftrag an der Uni Essen-Duisburg hinter mich gebracht hatte: http://www.dotcomblog.de/?p=1946

    Ich habe dann auch nochmal in die letzte Jim Studie geschaut, die diese These weiter untermauert. Die Digital Natives sind weit entfernt von einer emanzipativen Nutzung des Internets.

  2. Muskowski sagt:

    Sehr guter Beitrag und auch aus meiner Sicht recht treffend. Wobei ich allerdings anmerken möchte, dass, als das Netz für viele noch neu war, nicht nur die Kommunikation im Vordergrund stand. Wie ein neues, tolles Spielzeug habe ich z.B. Mitte der 90er Stunden damit verbracht die vielen bunten .gif’s zu bewundern oder die Möglichkeiten von Html auszuloten. Heute ist das natürlich anders, aus dem „Spielzeug“ Internet ist ein „Werkzeug“ geworden. Ich denke, viele Techniken durchlaufen so ein Stadium.

  3. Pingback: Generation Null-Blog « Dotcom-Blog

  4. Stimme deiner Analyse zum Spiegelartikel voll zu. Den Artikel finde ich in einer Hinsicht sehr interessant: er legt ein großes und weit verbreitetes Missverständnis offen bezüglich des Umgangs und der Nutzung des Netzes durch die jüngere Generation.
    Ich denke, gerade dieses Missverständnis erschwert teilweise den Umgang der älteren Generationen mit den jüngeren. Es werden Kompetenzen vorausgesetzt, die so nicht vorhanden sind, und Annahmen über das Freizeit- und Sozialverhalten gemacht, die unzutreffend sind.

  5. Pingback: CARTA

  6. Pingback: „Null Blog“? – Schüler und Lehrer der KAS im Spiegelinterview « Steuergruppe der Kaiserin Augusta Schule, Köln

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