Die Einsamkeit des Internetnutzers

Internetnutzer sind Nerds, und Nerds sind asozial. Außerdem dick, hässlich und allenfalls sehr einseitig interessiert. Statt am Leben teilzunehmen, schließen sie sich weg und gucken nur in dieses Netz. Soziale Kontakte: Fehlanzeige. Von ein paar Internet-”Freundschaften” abgesehen. Aber was ist schon ein “Freund” im Netz. So weit, so stereotyp.

Ein Interview in der “Süddeutsche Zeitung” (SZ) vom Samstag (leider nicht online) hat mein Denken angeregt, ein Nachdenken über (digitale) Freundschaften und das Netz und das Leben. SZ-Redakteur Alex Rühle hat Thorsten Sleegers befragt, den RTL-Reporter, der sich für eine Arbeitswoche in einer kleinen Wohnung verkrochen und nur noch über das Internet kommuniziert hat (RTL berichtete). Eine interessante Ausgangssituation, schließlich ist das genau das Gegenteil dessen, was Rühle im vergangenen Jahr getan hat: Er hat nämlich sechs Monate ohne Internet und Mobilfunk gelebt.

Die wesentliche Erkenntnis des Gesprächs: Von zu viel Internet (also eigentlich Computerbildschirm) kriegt man rote Augen. Das soll aber an dieser Stelle nicht der Punkt sein. Viel spannender finde ich den Subtext, der sich durch das Gespräch zieht, bevor er kurz vor Schluss an die Oberfläche gespült wird, als Sleegers sagt: “Für viele Leute ist das, was ich hier kurz teste, Alltag.” Stimmt. Vermutlich. Einen Beleg bleibt der Text schuldig. Wahrscheinlich aber ist das Internet nicht anders als die Eckkneipe. Oder der Fernseher. Oder der Alkohol. Oder der Job. Jedem Junkie seine Droge, das ist das Leben.

Trotzdem habe ich mich gefragt: Wie sieht das eigentlich bei Dir aus? 17 Stunden online schaffe ich nicht, aber zwölf sind nicht außergewöhnlich – an Arbeitstagen. Was macht das mit meinen Freundschaften? Ein Versuch in vier Kategorien.

Alte Freunde

Die gibt es. Wir haben die Schulzeit miteinander verlebt, Partys, das erste Bier, die erste Liebe und die erste Trennung. Das Studium brachte die Entfernung, die Feste wurden seltener, intensive Gespräche auch. Das Internet spielt noch heute kaum eine Rolle in unserer Kommunikation. Wir telefonieren zu selten. Aber wenn wir uns sehen, dann ist es innig wie dereinst. Freundschaft, wetterfest wie eine alte Eiche.

Verlorene alte Freunde

Die gibt es auch. Der verlorene alte Freund zeichnet sich dadurch aus, dass er eine Epoche mit geprägt hat, bevor er oder ich in einem neuen Leben verschwand. Manchmal tat das weh, aber irgendwann lernt man, das ein Leben ohne Brüche nicht denbar ist, ja dass es vermutlich nicht einmal erstrebenswert wäre. Also: Schwamm drüber und die schönen Erinnerungen als das bewahren, was sie sind: schöne Erinnerungen.

Jetzt kommt das Internet ins Spiel, meistens verkleidet als Facebook. Als kleiner Nerd war ich sehr früh dort – und ich werde gefunden. Immer wieder tauchen alte Freunde auf und wollen Facebook-Freunde werden, und zwar nicht nur diejenigen, die Epochen geprägt haben, sondern auch die, die eine zeitlang nur so mit im Klassenzimmer saßen. Ich freue mich jedes Mal und finde es spannen zu sehen, wie Lebenswege verlaufen. Gleichzeitig stelle ich fest: Nur selten haben wir uns heute noch etwas zu sagen. Wenn die Klammer fehlt, die Schule, Uni oder Sportverein bildeten, ist es schwierig.

Neue “reale” Freunde

Ich bin in der glücklichen Lage, dass das Leben immer wieder Menschen meinen Weg kreuzen lässt, die mein Sein bereichern, die ich spannend finde, die mich mögen, mit denen ich “eine gute Zeit haben kann”. Manche wohnen im die Ecke, unsere Wege queren sich im Alltag – und schwups sitzen wir sommers an der Isar und grillen und reden. Herrlich, das Leben mit lieben “Nachbarn”. Von einigen dieser lieben Menschen habe ich keine E-Mail-Adresse, in mindestens einem Fall fehlt mir sogar die Handynummer. Auf die Idee, diese Freunde bei Facebook oder Twitter zu suchen, komme ich nicht.

Neue “digitale” Freunde

Mein Kiez oder mein Beruf sind nicht die einzigen Räume, in denen Menschen meinen Weg kreuzen, die das Potenzial haben, wichtig zu werden. Das Internet ist auch so ein Raum, ein bedeutender. Im Netz habe ich Kollegen kennen und schätzen gelernt, mit denen ich Stammtische und Kongresse organisiert habe und die zu “alten Freunden” geworden sind. Wir sehen uns selten, aber wenn wir uns treffen, dann ist es wie damals, als wir uns noch mit analogen Modems in dieses Internet einwählten.

Auch heute funktioniert das noch, also mit DSL und den neumodischen Kommunikationswerkzeugen aus dem Netz. Ich habe in den vergangenen Jahren Menschen per Twitter getroffen, die ich aus vielerlei Gründen sehr schätze und die mir immer wieder über den Weg laufen. Den Austausch mit ihnen möchte ich nicht missen – im Netz wie im stofflichen Leben.

Ein Freund ist ein Freund ist auch ein Freund

Die erstaunliche Erkenntnis meiner kleinen Selbstanalyse: Ohne meine guten alten Freunde würde ich nicht leben wollen. Doch für meinen Alltag haben sie keine große Bedeutung. Die wichtigste Rolle darin spielen die “Nachbarn” und meine “digitalen” Freunde. Die Nachbarn sind meine soziale Atemluft (RTL-Reporter Sleegers sagte im Interview, er freue ich riesig darauf, “einfach wieder durch die Straße zu laufen”), sie bereichern mein (Offline-) Leben. Meine “digitalen” Freunde liefern mir jeden Tag eine großen Teil des (fachlichen) Inputs, den ich brauche. Distanzen spielen für den Diskurs keine Rolle mehr. Wir reden halt einfach miteinander.

Am Ende ist es wohl so: Das Internet ist in Sachen Freundschaft eine Einbahnstraße. Einige Netzfreunde werden Freunde, Freunde aber höchst selten Netzfreunde. Vielleicht ist das wie in der Liebe: Aus Freundschaft wird zuweilen Liebe, aus Liebe aber nur sehr selten Freundschaft.

Und was war noch gleich der Unterschied zwischen on und off, zwischen digitalem und realem Leben? Ok, nur vor dem Rechner sitzen macht wirklich dick und vermutlich auch Pickel.

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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3 Antworten auf Die Einsamkeit des Internetnutzers

  1. Christiane sagt:

    Hach ja. Sehr schön aufgeschrieben. *seufz*

  2. Bei manchen wiederkehrenden „alten Freunden“ auf Facebook denke ich sehr oft: „Es hat schon seinen Grund, dass wir wir die letzten 15 Jahre nicht befreundet waren und ich möchte auch heute nicht mit Dir befreundet sein, auch nicht auf Facebook!“

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