Glückliche Zufälle im Netz – eine Erwiderung auf Miriam Meckel

Algorithmen spielen eine große Rolle in unserem Alltag. Amazon schlägt uns Bücher oder Haushaltselektronik vor, Apple Musik und die Singlebörse den potenziellen Traumpartner fürs Leben. Nicht zu vergessen natürlich: Googles Algorithmus, der für jeden Nutzer induviduelle Ergebnisse ausspuckt (vorausgesetzt, die Suchmaschine erkennt ihn). Unser Leben, mathematisch genau berechnet. Im Voraus. Welche Bedeutung die angewandte Computermathematik hat, kann man zum Beispiel in der “Welt am Sonntag” nachlesen: Thomas Jüngling schreibt über “Die unheimliche Macht der Algorithmen”.

Fast scheint es, als hätte das Nachdenken über Algorithmen gerade Kultur. Denn warum sonst hätte die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel gleich ein ganzes Manifest zum Thema geschrieben: Unter dem Titel “Rettet den Zufall” warnt sie vor einer Welt, in der Algorithmen zu viel oder sogar alle Macht über uns haben. Die Überschrift der englischen Version, die Meckel in der vergangenen Woche – etwas nach dem deutschen Text – auf ihrem Blog gepostet hat, klingt noch ein bisschen eleganter: SOS – Save Our Serendipity.

Welt ohne Zufall

Folgt man Meckel, dann gehen uns in einer zunehmend digitalisierten Welt die glücklichen Zufälle, die unerwarteten Entdeckungen und die unvorhergesehenen Begegnungen verloren: das Buch, das man im Buchladen zufällig aufnimmt, die Reportage in der Zeitung, die man liest, nicht ahnend, dass einen das Thema interessieren würde. Vielleicht verschließen wir sogar unsere Augen vor dem potenziellen Lebenspartner, nur weil er uns nicht auf einem Bildschirm präsentiert wird, sondern im Café am Nachbartisch sitzt.

Meckels These lautet im Kern: Algorithmen machen unser Leben eindimensionaler, sie schreiben unsere Vorlieben bis in die Ewigkeit fort, sie reduzieren uns auf eine einzige Identität und sie machen uns am Ende zu Produkten.

Ist das wirklich so? Nimmt das Netz uns (alle gewohnten) Überraschungen im Leben? Und bietet es uns keine neuen? Eine Erwiderung.

Ein Leben ohne Algorithmen

Erinnern wir uns an die Zeit vor dem Netz, den Alltag ohne Computer und Algorithmen: Das Leben war, um es auf den Punkt zu bringen, überschaubar. Wer wie ich in einer typischen deutschen Stadt mittlerer Größe aufgewachsen ist, der hatte eine oder zwei Lokalzeitungen, zwei bis drei Plattenläden, noch einmal so viele Buchläden, ein paar Kinos, davon nur ein Programmkino, das anders sein wollte – und ein Theater. Neue Musik kam aus dem Radio, manchmal auch als unbekannte Vorgruppe auf die Bühne. Wir waren also immer und überall darauf angewiesen, dass jemand, ein Mensch, der einen Beruf gelernt hatte, die Welt für uns vorsortierte: der Buchhändler, der Konzertveranstalter, der Redakteur. Es gab glückliche Zufälle, die Neues ins eigene Leben schaufelten, sicher mehr als in der Kindheit und Jugend meiner Eltern oder Großeltern. Es war wie es war, kein Grund, sich zu grämen, aber auch keiner, die Vergangenheit zu glorifizieren.

Und heute? Das Netz hat das Leben verändert, vor allem, indem es mehr Möglichkeiten, mehr Vielfalt gebracht hat. Grenzen gibt es kaum noch. Allein die Festplatte kann voll laufen, dann kaufen wir eben eine neue. Manchmal entdecke ich Musik auf meinem Rechner, von der ich nicht wusste, dass ich sie habe. Wenn ich bei Dussmann in Belin bin (ja, ich kaufe gelegentlich dort Tonträger), habe ich meinen iPod dabei, das ist so ein klobiger mit Festplatte, wie sonst sollte ich sicherstellen, dass ich nicht eine CD kaufe, die ich schon längst digital besitze. In diesen Momenten würde ich mir wünschen, dass mich ein Algorythmus an die Hand nimmt und mir bedeutet, dass ich die Platte längst habe und sie nun doch endlich ausreichend würdigen sollte.

Wir leben in einer Welt, in der die Vielfalt uns zu überfordern, ja manchmal zu erschlagen droht. Da kann es nicht schaden, wenn hin und wieder ein Algorithmus eingreift, um die eine oder andere Farbschattierung auf der Palette auszublenden. Wie sollte ich mich bei iTundes oder Amazon zurecht finden, wenn ich nur einen Suchschlitz und keine Vorschläge hätte? Im Laden gibt es doch auch Regale und nicht nur einen Tresen mit Verkäufer, der Wünsche entgegen nimmt. Als es diese Läden noch gab, stand Tante Emma hinter dem Tresen, und die wusste sehr genau, was ich immer kaufte.

Die Digitalisierung als Vernichter des Zufalls?

Das Argument, durch die Digitalisierung ginge der glückliche Zufall verloren, ist eines von Zeitungsmachern, die mit der Vielfalt ihres Blattes argumentieren, das liefert, was andere für mich ausgesucht haben – und mich allein deshalb zu Dingen geleitet, für die ich mich ohne Zeitung nicht interessiert hätte. Kein schlechtes Konzept. Ich liebe Zeitungen. Sonntags. Dass das Argument in der Realität keine Bedeutung hat, belegen Untersuchungen, nach denen das Feuilleton nur von einer sehr kleinen Gruppe Leser zur Kenntnis genommen wird. Eine Zeitung ist die Chance auf eine Begegnung mit dem glücklichen Zufall, die in den meisten Fällen ungenutzt im Altpapier endet.

Ich behaupte, so ganz subjektiv, dass ich ihn heute häufiger treffe als früher, den glücklichen Zufall. Im Netz, ganz oder halb digital. Er kommt als Link zum Video eines Vortrags, den ich sonst nicht gehört hätte, er kommt als Text in einem Blog, über den ich gestolpert bin, obwohl ich weder Blog, noch Autor kannte. Er kommt als reale Begegnung mit einem Menschen, den ich nur aus dem Netz kannte und vor dem ich unerwartet stehe – typischerweise erkennen wir uns, weil wir uns schon auf Twitter “gesehen” haben. Das Netz hat mir in den bald zwei Jahrzehnten, die ich es nutze, gefühlt deutlich mehr glückliche Zufälle beschert als mein analoges Leben dereinst.

Vielfalt und Bindung

Eines aber hat sich sicher nicht zum Besseren verändert: In meiner Jugend musste ich kämpfen für die Musik, die ich hören wollte. Ich habe meine Eltern während eines London-Besuchs irgendwann in den 1980er Jahren extrem genervt, weil ich in jeden Plattenladen musste, um Singles und LPs zu kaufen, die ich daheim nicht bekommen konnte. Zu dieser Musik habe ich heute noch eine sehr emotionale Beziehung, intensiver alls zu den meisten Stücken, die ich später entdeckt habe.

Die Schlussfolgerungen von Miriam Meckel kann ich übrigens unterschreiben: Wir brauchen definitiv eine fundiertere Debatte über das Netz und seinen Einfluss auf unseren Alltag. Und ganz bestimmt brauchen wir auch Ungewissheit und Zweifel sowie Medien, die von Redaktionen und nicht von Computern gemacht werden. Ungewissheit und Zweifel sehe ich derzeit mehr denn je. Algorithmen haben ihren Teil dazu beigetragen, zur Finanzkrise zum Beispiel. Die traditionellen Medien haben wir (noch), sie brauchen nur dringend eine neue Finanzierungsgrundlage.

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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