iPad, Fire und der mündige Nutzer

Ein Geständnis gleich am Anfang: Ich bin Anhänger der Konsumentenethik. (Für die drei treuen Leser dieses Blogs ist das nicht neu.) Die Konsumentenethik ist ein Teilgebiet der Wirtschaftsethik. Grob gesprochen geht die Theorie davon aus, dass wir Menschen durch unser Kaufverhalten die Wirtschaft beeinflussen. Auf den Punkt gebracht, könnte man formulieren: Über Erfolg oder Misserfolg eines Produktes oder eines Unternehmens entscheidet eine Abstimmung mit den Füßen: Kaufen oder nicht kaufen, das ist die Frage. Was nicht gefällt, bleibt liegen. Punkt.

Ein hübsches Lehrstück in Sachen der Konsument und die Ware hat uns gerade das iPhone 4S beschert. Auf die Vorstellung des neuen Apple-Telefons folgte dieses Mal nicht der Jubel der Fanboys und Fanzines. Die Reaktionen reichten in der Mehrheit von Zurückhaltung bis Enttäuschung: Sieht aus wie 4 und steht auch ‘ne 4 drauf. Trotzdem ist das 4S das iPhone mit den meisten Bestellungen in den ersten 24 Stunden: Eine Millionen Stück hat Apple mit einem Fingerschnipp verkauft. Eine Abstimmung per Kreditkarte. Die Käufer haben entschieden, dass sie das Telefon haben wollen – und eben nicht auf die Ausgabe 5 warten. (Inzwischen gibt es die ersten Tests, und die fallen deutlich positiv aus.)

Mündigkeit und der Bürger

Als Anhänger der Konsumentenethik vertraue ich auf die Mündigkeit des Bürgers. Die meisten Menschen wissen, was gut für sie ist. Am Ende muss doch jeder von uns seinen eigenen Weg gehen. Und selbst dann, wenn ich das Gefühl habe, jemand weiß vielleicht gerade mal nicht, was ihm gut tut, dann liegt das vermutlich an meinen eigenen Maßstäben. Die eigenen Maßstäbe, das ist immer nur etwas für einen selbst.

Als sehr schade empfinde ich es deshalb, wenn Menschen anderen Menschen die Fähigkeit zum Denken absprechen. Das Gefühl hatte ich jüngst zum Beispiel bei Patrick Beuth von ZEIT ONLINE. Er schreibt unter der Überschrift “Der ‚Walled Garden‘ ist kein Garten” über Apples iPad und Amazons Kindle Fire:

“Die Geräte werden nicht gebaut, um ihren Besitzern einen mobilen Zugang zum Internet zu ermöglichen. Vielmehr sollen die Nutzer in der Welt der beiden Unternehmen verbleiben und dort konsumieren.”

In diesen beiden Sätzen steckt vermutlich ebenso viel Wahrheit wie Quatsch. Vor allem aber stellen sie die Käufer (Disclaimer: Ich besitze ein iPad.) als entweder willenlos oder eindimensional dar.

Die Wahrheit: Ja, mit dem iPad kann man Musik, Bücher und seit iOS auch Zeitschriften (oder wie heißt das auf elektronisch?) kaufen. Die Türen zu Apples Medienwelten: vorinstalliert. Bei Amazon: das gleiche Vorgehen. Fire-Besitzer, so wünscht es sich Amazon, kaufen bei Amazon ein, am besten nicht nur digitale Produkte. (Dass das auch tatsächlich so kommen könnte, beweisen ein paar Studien.)

Der Quatsch: Die Geräte sind weit mehr als Fernbedienungen für Vertriebsplattformen. Das iPad wäre sonst nicht so erfolgreich (ob der Kindle Fire ein Erfolg wird, wissen wir ja noch nicht).

Wie viel Quatsch in diesen beiden Sätzen steckt, kann jeder anhand des eigenen Verhaltens überprüfen. Ich kaufe hin und wieder Musik bei iTunes. Häufiger jedoch bei Amazon. Und manchmal sogar noch auf CD. Das iPad hat mich noch nie daran gehindert bzw. in den iTunes-Store gezwungen. Beim iPad spricht außerdem die Marge gegen das Argument, das Gerät sei nur eine Öllampe neuen Typs.

Einen weiteren Beweis dafür, dass die Argumentation von Patrick Beuth mindestens einseitig ist, liefert uns die real existierende App-Kultur: Warum basteln Tausende Unternehmen Anwendungen fürs iPad, wenn das Gerät am Ende doch nur eine Tür zu Apples Konsumwelt ist?

Das iPad ist keine Ölkanne

Das Prinzip, das Apple und Amazon anwenden (ohne es den Käufern ihrer Geräte aufzuzwingen), ist so alt wie die populäre Version des Netzes (wenn wir das Prinzip Öllampe mal außen vorlassen). AOL hätte neue Kunden gerne ins AOL-”Internet” eingeschlossen, die Mobilfunkbetreiber bauten ihr mobiles “Internet”, Microsoft installierte den Internet Explorer als Standard-Browser und integrierte ihn so fest ins Betriebssystem, dass man ihn kaum deinstallieren konnte, ohne den eigenen Rechner zu schrotten.

Und, was ist daraus geworden? Microsoft hatte den Browser-Krieg gewonnen, dann aber über Jahre Entwicklungen verschlafen, Marktanteile verloren und erst jüngst technisch wieder aufgeschlossen. AOL ist tot, mehr oder minder. Und wer surft heute eigentlich noch auf Vodafone live? Gibt es das noch?

Was diese und viele andere Beispiele zeigen: Aussagen über das Netz (und seine Konsumwelten) können sich immer nur auf eine Momentaufnahme beziehen. Kurze Zeit später hat sich das ganze Spiel vielleicht schon wieder gedreht haben. Außerdem sind die Menschen nicht doof. Nur weil iTunes oder der Amazon-Store vorinstalliert ist, heißt das noch lange nicht, dass ich bevorzugt oder gar nur dort kaufe.

Schussendlich: Die App, die ich auf meinem iPad am meisten liebe, ist der Browser. Vermutlich hätte ich das Ding sogar gekauft, wenn es nur diese eine App gäbe (dann wären wir in Sachen HTML5 wohl auch schon weiter und hätten uns diesen App-Umweg gespart). Und übrigens: Mit dem Browser, auch mit dem Safari auf dem iPad, kommt man, oh Wunder, ins Internet. Das soll ja auch mit dem Fire gehen, sehr schnell sogar, weil Amazon die Anfragen über die eigenen Server leitet und dort das (halbe) Internet im Cache hat. Aber das ist eine andere (Datenschutz-) Geschichte…

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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