Der entfesselte Skandal – eine neue Typologie von (Online-) Affären

Die Lewinsky-Affäre, der Folterskandal von Abu-Ghuraib und die Kampagne gegen Palmöl in Nestlé-Schokoriegeln von Greenpeace – auf den ersten Blick haben diese drei Geschichten nichts gemein. Für die beiden Medienforscher Hanne Detel und Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen gehören sie dennoch zusammen. Es sind drei der 15 Affären und Skandale der vergangenen Jahre, die sie in ihrem gerade erschienen Buch „Der Entfesselte Skandal“ sezieren.

Ihre These: Es ist unendlich leicht geworden, sich zu empören. Der Skandal ist allgegenwärtig, er ist zu einer Art „Medium der Medien“ geworden. Gleichzeitig können nicht mehr nur traditionelle Medien Skandale aufspüren und öffentlich machen. Das Netz gibt heute jedem die Möglichkeit, den Skandal-Scoop zu landen.

Skandale lauern scheinbar überall

Man könnte meinen, Detel und Pörksen hätten absichtlich auf einen Höhepunkt in der Ausmerksamkeit für ihr Thema hingearbeitet. Schließlich sind die Skandale im Netz, die Shitstorms unserer Zeit, gerade erst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Auch weniger netzaffine Menschen haben verstanden, dass es dieses Phänomen gibt. Allerdings konnten die Forscher kaum wissen, dass die Debatte gerade jetzt anziehen würde, als sie ihre zweifellos akribische Arbeit begonnen haben.

Shitstorms können jeden treffen. Die INGDiba dachte vermutlich, dass sie einen (hoffentlich) wirkungsvollen, im Kern aber harmlosen Werbespot drehte, als sie den Baskettballer Dirk Nowitzki in eine Metzerei schickte und ihm eine Scheibe Wurst zu essen gab. Ein paar Vegetarier interpretierten die Botschaft (vermutlich Tradition und Bodenständigkeit) auf ihre Weise und äußerten ihr entsetzten, dass die Bank zum Tiere essen aufrufe. Und sie taten dies öffentlich, vor einem potenziell weltweiten Publikum. Im Netz, vor allem auf Facebook.

Skandale jenseits des banalen Shitstorms

Was dieses Beispiel zeigt: Der nächste Shitstorm und damit der nächste Skandal oder die nächste Skandalisierung lauert hinter (fast) jeder Aktion, die ein Unternehmen oder eine einzelne Person unternimmt. Shitstorms sind Teil unserer Online-Welt. Für Detel und Pörksen sind sie gleichwohl nur ein kleiner Teil der entfesselten Skandale unserer Zeit. Ihre Analyse ist breiter, sie greift tiefer. Im Mittelpunkt ihres Interesses steht der Kontrollverlust – ausgelöst durch mangelnde Medienkompetenz, Unachtsamkeit, absichtliche Indiskretion oder schlicht Datendiebstahl.

“Man kann sich (…) beim besten Willen nicht vorstellen, was mit den eigenen Daten geschieht, wer sie plötzlich zu sehen bekommt, in welchen Kombinationen und Kontexten sie eines Tages auftauchen“, schreiben Detel und Pörksen. Das wissen wir wirklich nicht. Vermutlich haben noch nicht einmal Google und Facebook eine Vorstellung davon, was sie mit den Datenbergen, die sie anhäufen, in drei oder fünf Jahren werden anfangen können.

Ordnung für eine Welt des Kontrollverlusts

Detel und Pörksen gehen in ihrer Betrachtung weit über das bloße Nachzeichnen von Shitstorms und anderen Skandalen hinaus. Sie ordnen ein. Dabei zeigen sie weder mit dem Finger auf die Akteure oder Opfer (wie es die vermeintliche digitale Elite mit ihren „selbst Schuld“-Postings zuweilen tut), noch reihen sie sich ein in das Wehklagen der Digitalverweigerer, die nicht nur Shitstorms, sondern am besten gleich das ganze Internet abstellen würden. Damit ist „Der entfesselte Skandal“ ein wichtiger Beitrag zur Debatte um unsere Daten und den Kontrollverlust, den das Internet automatisch mit sich bringt.

Wir werden die Kontrolle nicht wieder erlangen, soviel ist sicher. Wir müssen lernen, auch ohne sie auszukommen – auch und gerade wir in der Kommunikation. Vielleicht ist dies die einzige Schwäche des Buchs von Detel und Pörksen: Die beiden Forscher analysieren die Skandale umfassend und sie finden Muster in vermeintlich unzusammenhängenden Ereignissen, Muster des Kontrollverlustes in der digitalen Welt. Was fehlt, sind Handlungsanweisungen. Was können wir tun, um auch ohne Kontrolle leben zu können? Müssen wir uns mit den entfesselten Skandalen schlicht arrangieren, werden sie gar weniger wichtig, weil es so viele, ja zu viele Affären gibt? Vermutlich trifft beides zu.

„Der entfesselte Skandal – Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“ von Bernhard Pörksen und Hanne Detel ist im Herbert von Halem Verlag erschienen und kostet 19,80 Euro. Die Autoren waren so freundlich, uns vorab ein Exemplar zuzusenden.

(Zweitverwertung: Der Beitrag ist zuerst auf dem deutschen Edelman-Blog erschienen.)

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)
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