Archiv des Autors: Björn Sievers

Über Björn Sievers

Director @ Edelman | PR for telco and internet companies | lecturer from time to time | (lazy) part-time blogger | cyclist (not lazy at all)

App für eine Splittergruppe

Es gibt Überschriften, die lassen das Herz von Kommunikationsarbeitern nicht nur ein bisschen höher schlagen. Diese zum Beispiel:

Welt HD” wird von kaufkräftigen Entscheidern gelesen

Ein toller Erfolg. Für die PR-Abteilung des Springer Verlags. Denn das ist DIE Zielgruppe. Das sind die Menschen, die nicht nur Informationen wollen, sondern auch Werbung. Schließlich verfügen sie über ein überdurchschnittlich hohes Einkommen. Klingt nach einer runden Sache für den Verlag. Aber ist die App tatsächlich ein Erfolg? Vermutlich nicht.

Die Redaktion der Welt erreicht mit ihrer App 30.000 Leser pro Woche. Das ist traurig wenig, bedenkt man, dass die gedruckte Zeitung im ersten Quartal eine Auflage von gut 250.000 Exemplaren (pro Tag) ausgewiesen hat, mit der sie (angeblich) gut 700.000 Leser erreichte (pro Tag).

Noch ein bisschen trauriger werden die Zahlen zur iPad-App, wenn man bedenkt, dass nur 9100 Leser pro Woche die App tatsächlich gekauft haben. Alle übrigen Nutzer lesen die Zeitung im Abo und bekommen die App oben drauf oder probieren sie nur mal aus.

Bei sieben Ausgaben in der Woche lesen also vielleicht nur 1300 Menschen pro Tag “Die Welt” auf dem iPad und bezahlen dafür (das stimmt natürlich nicht, denn der eine oder andere Leser greift sicher mehr als einmal pro Woche zu seiner iPad-Zeitung). Im schlechtesten Fall sind das nur knapp 0,2 Prozent der “Welt”-Printleser (auch diese Zahl stimmt nicht, weil wir Leser pro Tag und Leser pro Woche nicht vergleichen können).

Nun habe ich nichts gegen Splittergruppen, auch nichts dagegen, dass Unternehmen sich um kleine Marktsegmente kümmern. Aber ich frage mich allen Ernstes: Wird diese iPad-App jemals zu einem ökonomischen Erfolg?

Meine Vermutung lautet: nein. Das legen auch die negativen Kommentare zur App dar. Die experimentierfreudigen und einkommensstarken App-Nutzer finden es vor allem sehr schade, dass sie die Inhalte nicht herunterladen können – um sie im Flieger zu lesen.

Wiesenhof und die Zukunft der PR

Eines vorweg: Ich esse Fleisch, auch Geflügel. Und nicht immer stammt das, was auf meinem Teller liegt, aus einer Bioproduktion. So, das ist schon mal raus. Gut. Außerdem bin ich nicht naiv. Dass es Massentierhaltung gibt, dass die nicht wirklich toll ist für die Tiere, all das ist mir klar. Auch, dass ich als Fleischesser den Markt und damit die Tierhaltung mitgestalte. Produziert wird, was ich kaufe. (Bei Hähnchen habe ich ehrlich gesagt noch nie auf die Marke geachtet, höchstens auf das Biosiegel.)

Was aber nun sagt mir die Aufregung um den Geflügelkonzern Wiesenhof? Mir als Verbraucher? Und mir als Berater?

Da ist zunächst die SWR-Reportage: Der Film hat eine klare Botschaft: Wiesenhof ist böse.

Doch schon einen Klick weiter frage ich mich, haben die Reporter tatsächlich sauber gearbeitet. Wiesenhof ist schon einmal ins Visier von SWR-Reportern geraten, vor gut anderthalb Jahren.

Nun bin ich kein Spezialist für bewegte Bilder. Doch mein Eindruck ist, dass der SWR seine Argumentation damals wie heute nicht nur auf dieselbe Kronzeugin (eine ehemalige Wiesenhof-Pächterin) gestützt hat, sondern auch auf dieselben Bilder aus Wiesenhof-Ställen. Was also an der neuen Reportage ist wirklich neu?

Und dann ist da natürlich noch das “Gegenmedium”, Wiesenhof selbst. Die Reporter mit einem eigenen Kamera-Team zu filmen ist: sehr schlau.

Der Beitrag ist (nein, ich bin kein Bewegtbild-Spezialist) gut gemacht. Er zeigt das SWR-Team aus Wiesenhof-Perspektive, auch den hilflosen Versuch des Reporters, den Titel der Reportage “Das System Wiesenhof – Wie ein Geflügelkonzern Menschen, Tiere und die Umwelt ausbeutet” als Arbeitstitel zu verkaufen (wohlgemerkt, der Titel stand bereits fest, bevor die Dreharbeiten abgeschlossen waren). Diesen Teil zeigt der SWR-Film nicht.

Außerdem hat Wiesenhof eigene Kronzeugen befragt, die den Reportern eine unredliche Arbeitsweise vorwerfen (eigentlich allen Journalisten). Besonders geschickt sind zwei Kameraeinstellungen, in denen Wiesenhof zeigt, wie man Hähnchenställe filmen kann, um entweder Enge oder viel Platz zu zeigen (nein, der Wahrheitsgehalt dieser Einstellungen lässt sich nicht überprüfen).

Am Ende bleibe ich, der Verbraucher, ratlos zurück. Ich habe immer schon, so seit meiner Jugend, angenommen, dass in der Massentierhaltung nicht immer alles fein ist. Ich weiß auch, dass der Verbraucher als sparsames Wesen gerne billig einkauft und dass wir heute wesentlich weniger für unser Essen ausgeben als noch vor ein paar Jahrzehnten. Dafür fahren wir häufiger in den Urlaub und gerne weiter weg.

Wesentlich erhellender finde ich die Wiesenhof-Geschichte aus der Perspektive des Ex-Journalisten und Beraters, der ich bin. Denn Journalisten und PR-Leute können eine ganze Menge lernen. Nicht mehr nur Reporter haben Kameras, nicht nur Redaktionen drehen Reportagen. Unternehmen können das auch. Und sie brauchen keinen TV-Sender, um ihre Botschaft in die Welt zu bringen. YouTube und die eigene Website reichen völlig. Wer sich mit Wiesenhof beschäftigt, stößt fast automatisch auch auf den Film des Unternehmens und damit dessen Version der Wahrheit. Am Ende steht Aussage gegen Aussage.

Und weil das so ist, nehme ich als Verbraucher nur eines mit: Weniger Fleisch ist kein Fehler.

Die Einsamkeit des Internetnutzers

Internetnutzer sind Nerds, und Nerds sind asozial. Außerdem dick, hässlich und allenfalls sehr einseitig interessiert. Statt am Leben teilzunehmen, schließen sie sich weg und gucken nur in dieses Netz. Soziale Kontakte: Fehlanzeige. Von ein paar Internet-”Freundschaften” abgesehen. Aber was ist schon ein “Freund” im Netz. So weit, so stereotyp.

Ein Interview in der “Süddeutsche Zeitung” (SZ) vom Samstag (leider nicht online) hat mein Denken angeregt, ein Nachdenken über (digitale) Freundschaften und das Netz und das Leben. SZ-Redakteur Alex Rühle hat Thorsten Sleegers befragt, den RTL-Reporter, der sich für eine Arbeitswoche in einer kleinen Wohnung verkrochen und nur noch über das Internet kommuniziert hat (RTL berichtete). Eine interessante Ausgangssituation, schließlich ist das genau das Gegenteil dessen, was Rühle im vergangenen Jahr getan hat: Er hat nämlich sechs Monate ohne Internet und Mobilfunk gelebt.

Die wesentliche Erkenntnis des Gesprächs: Von zu viel Internet (also eigentlich Computerbildschirm) kriegt man rote Augen. Das soll aber an dieser Stelle nicht der Punkt sein. Viel spannender finde ich den Subtext, der sich durch das Gespräch zieht, bevor er kurz vor Schluss an die Oberfläche gespült wird, als Sleegers sagt: “Für viele Leute ist das, was ich hier kurz teste, Alltag.” Stimmt. Vermutlich. Einen Beleg bleibt der Text schuldig. Wahrscheinlich aber ist das Internet nicht anders als die Eckkneipe. Oder der Fernseher. Oder der Alkohol. Oder der Job. Jedem Junkie seine Droge, das ist das Leben.

Trotzdem habe ich mich gefragt: Wie sieht das eigentlich bei Dir aus? 17 Stunden online schaffe ich nicht, aber zwölf sind nicht außergewöhnlich – an Arbeitstagen. Was macht das mit meinen Freundschaften? Ein Versuch in vier Kategorien.

Alte Freunde

Die gibt es. Wir haben die Schulzeit miteinander verlebt, Partys, das erste Bier, die erste Liebe und die erste Trennung. Das Studium brachte die Entfernung, die Feste wurden seltener, intensive Gespräche auch. Das Internet spielt noch heute kaum eine Rolle in unserer Kommunikation. Wir telefonieren zu selten. Aber wenn wir uns sehen, dann ist es innig wie dereinst. Freundschaft, wetterfest wie eine alte Eiche.

Verlorene alte Freunde

Die gibt es auch. Der verlorene alte Freund zeichnet sich dadurch aus, dass er eine Epoche mit geprägt hat, bevor er oder ich in einem neuen Leben verschwand. Manchmal tat das weh, aber irgendwann lernt man, das ein Leben ohne Brüche nicht denbar ist, ja dass es vermutlich nicht einmal erstrebenswert wäre. Also: Schwamm drüber und die schönen Erinnerungen als das bewahren, was sie sind: schöne Erinnerungen.

Jetzt kommt das Internet ins Spiel, meistens verkleidet als Facebook. Als kleiner Nerd war ich sehr früh dort – und ich werde gefunden. Immer wieder tauchen alte Freunde auf und wollen Facebook-Freunde werden, und zwar nicht nur diejenigen, die Epochen geprägt haben, sondern auch die, die eine zeitlang nur so mit im Klassenzimmer saßen. Ich freue mich jedes Mal und finde es spannen zu sehen, wie Lebenswege verlaufen. Gleichzeitig stelle ich fest: Nur selten haben wir uns heute noch etwas zu sagen. Wenn die Klammer fehlt, die Schule, Uni oder Sportverein bildeten, ist es schwierig.

Neue “reale” Freunde

Ich bin in der glücklichen Lage, dass das Leben immer wieder Menschen meinen Weg kreuzen lässt, die mein Sein bereichern, die ich spannend finde, die mich mögen, mit denen ich “eine gute Zeit haben kann”. Manche wohnen im die Ecke, unsere Wege queren sich im Alltag – und schwups sitzen wir sommers an der Isar und grillen und reden. Herrlich, das Leben mit lieben “Nachbarn”. Von einigen dieser lieben Menschen habe ich keine E-Mail-Adresse, in mindestens einem Fall fehlt mir sogar die Handynummer. Auf die Idee, diese Freunde bei Facebook oder Twitter zu suchen, komme ich nicht.

Neue “digitale” Freunde

Mein Kiez oder mein Beruf sind nicht die einzigen Räume, in denen Menschen meinen Weg kreuzen, die das Potenzial haben, wichtig zu werden. Das Internet ist auch so ein Raum, ein bedeutender. Im Netz habe ich Kollegen kennen und schätzen gelernt, mit denen ich Stammtische und Kongresse organisiert habe und die zu “alten Freunden” geworden sind. Wir sehen uns selten, aber wenn wir uns treffen, dann ist es wie damals, als wir uns noch mit analogen Modems in dieses Internet einwählten.

Auch heute funktioniert das noch, also mit DSL und den neumodischen Kommunikationswerkzeugen aus dem Netz. Ich habe in den vergangenen Jahren Menschen per Twitter getroffen, die ich aus vielerlei Gründen sehr schätze und die mir immer wieder über den Weg laufen. Den Austausch mit ihnen möchte ich nicht missen – im Netz wie im stofflichen Leben.

Ein Freund ist ein Freund ist auch ein Freund

Die erstaunliche Erkenntnis meiner kleinen Selbstanalyse: Ohne meine guten alten Freunde würde ich nicht leben wollen. Doch für meinen Alltag haben sie keine große Bedeutung. Die wichtigste Rolle darin spielen die “Nachbarn” und meine “digitalen” Freunde. Die Nachbarn sind meine soziale Atemluft (RTL-Reporter Sleegers sagte im Interview, er freue ich riesig darauf, “einfach wieder durch die Straße zu laufen”), sie bereichern mein (Offline-) Leben. Meine “digitalen” Freunde liefern mir jeden Tag eine großen Teil des (fachlichen) Inputs, den ich brauche. Distanzen spielen für den Diskurs keine Rolle mehr. Wir reden halt einfach miteinander.

Am Ende ist es wohl so: Das Internet ist in Sachen Freundschaft eine Einbahnstraße. Einige Netzfreunde werden Freunde, Freunde aber höchst selten Netzfreunde. Vielleicht ist das wie in der Liebe: Aus Freundschaft wird zuweilen Liebe, aus Liebe aber nur sehr selten Freundschaft.

Und was war noch gleich der Unterschied zwischen on und off, zwischen digitalem und realem Leben? Ok, nur vor dem Rechner sitzen macht wirklich dick und vermutlich auch Pickel.

Internet, Algorithmen und die Wirklichkeit – Gedanken über Manipulation

In den vergangenen Tagen ist eine Fliege durch die kleine deutsche Blogosphäre geflogen. Und einige haben aus ihr einen Elefanten gemacht. Die wesentliche Erkenntnis: In Deutschland gibt es Unternehmen, die versuchen Links in Blogs zu kaufen, um Internetangebote in den Indizes von Suchmaschinen ein paar Positionen nach oben zu schieben. So weit, so uninteressant. Denn dass es das gibt, weiß jeder, der ein Blog betreibt. Nun, ich will die Geschichte nicht nacherzählen, denn Versionen von ihr gibt es grad frisch an fast jeder Ecke des Netzes, unter anderem hier, hier und hier.

Google und unsere Wirklichkeiten

Was mich nachdenklich gemacht hat, ist ein Posting von Mirko Lange zum Thema: “Und der Haifisch, der hat Zähne”. Mirko will “eine Debatte über die SEO-Industrie und Google” anstoßen, einen Diskurs auch “über Manipulation und Meinungsbildung”. Er schreibt:

“Google gibt Wirklichkeiten wieder. Google gestaltet Wirklichkeiten. (…) Wir vertrauen Google, dass die Suchergebnisse und die Sortierung relevant sind. Die Links auf der ersten, vielleicht noch auf der zweiten Seite von Google bestimmen unsere Wirklichkeit! Und wer diese Ergebnisse manipuliert, manipuliert die Wirklichkeit der Menschen, und den Prozess einer angemessenen Meinungsbildung.”

Das stimmt alles. Doch es erscheint mir deutlich zu kurz gesprungen. Es ist die Argumentation des scheuen Bräutigams und der unsicheren Braut, die etwas verschüchtert sagen: “Nein, einen Ehevertrag brauchen wir nicht.” Da möchte ich dann immer schreien: “Hey Baby, Du unterschreibst gleich einen, nämlich genau den Ehevertrag, den sich der Staat für Dich ausgedacht hat.” Nicht dass man mit der Standardversion nicht leben könnte, aber man sollte sich schon gefragt haben, ob sie tatsächlich passt.

Ein Ehevertrag mit Google

Google ist – in Deutschland besonders – unser Standard-Ehevertrag. Wir fragen uns kaum mal, ob die Ergebnisse in Ordnung sind, wir nehmen sie hin, sie sind, in diesem Punkt hat Mirko recht, unsere Wirklichkeit. Aber sind sie deshalb die einzige Wirklichkeit? Gibt es Wirklichkeit überhaupt? Und wenn ja, was ist das? Ist die Wirklichkeit, die “saubere” Suchergebnisse schaffen, besser als eine “manipulierte”? Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich bin weder ein Freund von Manipulation, noch von nicht gekennzeichneter Werbung. Doch das ist nicht der Punkt.

Entscheidend ist: Diese unsere Welt ist manipuliert. Manipulation ist ihr Normalzustand. Manipulation schafft unsere Wirklichkeiten. Um mal nur beim Internet und der Suche zu bleiben: Google bildet eine Wirklichkeit ab, und die Suchmaschine liefert jedem User, den der Werbekonzern mittels Cookie oder Account wiedererkennt, seine eigene Wirklichkeit. Website-Betreiber, die es sich leisten können, beschäftigen Suchmaschinenoptimierer, die versuchen, die Google-Wirklichkeit zu manipulieren. Da mag es transparente und weniger transparente Wege geben. Vor allem aber ist eines klar: Wer sich keinen Suchmaschinenspezialisten leisten kann, hat in jedem Fall das Nachsehen. Da mögen seine Inhalte noch so einzigartig sein.

Und auch im Offline-Leben regiert Geld die Wirklichkeit: Wer PR-Leute wie Mirko Lange bezahlen kann, um seine Botschaft zu kommunizieren, verbessert seine Chancen, dass diese beim Empfänger ankommt und Teil von Wirklichkeit wird. Stell Dir vor es ist Journalismus und kein PR-Mensch ruft an. Unsere Wirklichkeit sähe anders aus.

Lügen schaffen Wirklichkeiten

Der Appell von diesem Sofa lautet deshalb: Wir sollten immer davon ausgehen, dass das, was uns als Wirklichkeit angeboten wird, das Ergebnis von Lug und Trug ist. Denn nur dann sind wir wachsam und entdecken vielleicht wenigstens die größeren Versuche, unser Weltsicht nach den Wünschen Dritter zu formen.

Was die Blogs angeht: Die waren wohl alle eher sehr unbedeutend. Viel spannender erscheint die Liste der Unternehmen, deren Websites mit Hilfe von Suchmaschinen-Spam hochgeschraubt werden sollten, veröffentlicht hier. Ich merk sie mir für den nächsten Einkauf. Und nicht nur für den.

Digitale Daten und das Vergessen

Seit der Industrialisierung übernehmen Maschinen Arbeiten, die der Mensch nicht, nicht so schnell, nicht so präzise ausführen kann. Die Maschinen des 21. Jahrhunderts sind Computer. Sie waren unsere Schreibmaschinen, sie sind unsere Kommunkationsgeräte – und sie werden zu unserem Gedächnis. Denn sie speichern unsere Fotos, E-Mails und Steuererklärungen. Was das Notebook auf dem Wohnzimmertisch ist, ist das Internet für uns alle. Ein großes, kollektives Gedächnis, in dem jeder suchen kann. Jeder öffentlich formulierte Gedanke wird zum Allgemeingut – und kann doch wieder auf den Einzelnen zurückwirken. Keine Geschichte über das Netz und die Karriere kommt aus ohne das Beispiel des googelnden Chefs, der die Bilder vom Trinkgelage aus der Studienzeit findet. Doch das ist nicht alles.

In seinem lesenswerten Stück “Glücklich ist, wer vergisst?” führt Niklas Hofmann heute in der “Süddeutschen Zeitung” ein weiteres Beispiel an: Dem kanadischen Psychotherapeuten Andrew Feldmar wird die Einreise in die USA verweigert – auf Lebenszeit – weil ein Grenzbeamter bei einer kurzen Internetrecherche einen Jahre alten Artikel in einer Fachzeitschrift über die LSD-Experimente des Akademikers findet. Auch diese Dinge sind Folge des kollektiven Gedächnisses Internet.

Alter Diskurs, ungelöste Probleme

Die Frage, die sich daraus ergibt: Brauchen wir ein Verfallsdatum für Daten, einen technisch gesteuerten und vom Nutzer beeinflussbaren Alterungsprozess für das Internet? Sollen Fotos mit den Jahren vergilben wie ihre Ahnen auf Papier? Sollen die Hinweise auf eine Zeit in unserem Leben, in der es noch keine Lebensversicherung, keinen Immobilien- oder Autokredit und keine grauen Haare gab, nach und nach verschwinden?

Die Diskussion ist nicht neu. Der Internet-Forscher Viktor Mayer-Schönberger, Professor am Oxford Internet Institute, hat Argumete für das digitale Vergessen in seinem im September 2009 veröfentlichten Buch “Delete: The Virtue of Forgetting in the Digital Age” zusammengetragen. Zu den Möglichkeiten, die er aufzählt, gehören digitale Abstinenz, neue Gesetze und – eben – technische Lösungen über ein digitales Rechtemangement, Daten bekämen ein Verfallsdatum oder würden langsam altern, könnten also immer schlechter gefunden werden.

Kein neuer Diskurs also, gleichwohl gibt es bislang weder einen Konsens, noch eine Lösung. Doch wie groß sind sie wirklich, die Probleme. Wie viele Personalchefs bewerten Kandidaten für eine Job tatsächlich nach dem Muster: Party gleich raus? Und sind das nicht am Ende die gleichen Vorurteile wie: lange Haare gleich raus? Braucht es tatsächlich eine technische Lösung, weil wenig selbstbewusste Staaten in Einzelfällen ein seltsames Sittenwächtergehabe offenbaren? Oder sollten wir uns alle einfach nur raushalten aus diesem Internet?

Ein Leben ohne Netz?

Sowohl Abstinenz als auch der Vorschlag eines Verfallsdatums für digitale Daten erscheinen mir wenig zielführend. Das Netz existiert, Menschen nutzen es, und es werden immer mehr. Unsere Wirtschaft, ja unsere ganze Gesellschaft digitalisiert sich. Aus gutem Grund, denn bisher überwiegt der Nutzen. Ein technisches Verfallsdatum erscheint auf den ersten Blick logisch, könnte man doch, so auch die Argumentation von Niklas Hofmann, am ehesten das menschliche Gedächnis nachbilden, das ja auch nach und nach vergisst und lang zurückliegende Ereignisse oder gelerntes Wissen nicht oder nur noch mit Mühe bereitstellen kann.

Nur: Wie soll das praktisch funktionieren? Wie soll ich wissen, dass ich dieses Blogposting in spätestens fünf Jahren werde vergessen haben wollen, sodass es dann bitte über Google nicht mehr auffindbar ist? Oder besser schon im nächsten Jahr? Ich wüsste nicht, wie ich das heute festlegen sollte – für Blogpostings, journalistische Artikel, Tweets, Facebook-Postings, Bilder bei Flickr, Videos und Präsentationen.

Aus Menschen werden Netzmenschen

Bleibt nur eine Lösung: Gesetze. Und diesen Begriff würde ich in diesem Fall nicht eng juristisch, sondern vielmehr gesamtgesellschaftlich verstehen. Natürlich kann man per Gesetz regeln, dass Internetinhalte, die ein bestimmtes Alter überschritten haben, nicht mehr berücksichtigt werden dürfen, etwa in einem Bewerbungsverfahren. Doch das allein bringt uns kaum einen Vorteil. Wir müssen vielmehr lernen, mit unserer digitalen Historie umzugehen – und vor allem mit der unserer Mitmenschen.

Menschen ändern sich. Die Interessen eines Kindes sind nicht die eines jugendlichen Schülers, sind nicht die eines Studenten, sind nicht die eines Berufseinsteigers, sind nicht die eines Vaters, sind nicht die eines Großvaters. Was mir mit 20 etwas bedeutet hat, muss mir mit 30, 40, 50 oder 60 nicht das Gleiche bedeuten. Muss ich mich mit 50 schämen für die Musik, die ich mit 15 gehört habe? Für die Freunde von damals? Für die dereinst lustigen Bilder von der ersten Party mit einer Kiste Bier? Nein, natürlich nicht. Das Leben hatte schon immer nur eine Konstante: den Wandel. Was sich geändert hat: Vieles ist heute transparent und öffentlich, von vielen von uns auch ein gehöriges Stück Vergangenheit. Damit müssen wir umzugehen lernen.

Geschichtswissenschaft für alle

Vermutlich müssen wir einfach alle Historiker werden. Die Geschichtswissenschaft lebt von überlieferten Daten, sie sind ihr Rohstoff, nicht mehr. Ohne die richtige Einordnung sind überlieferte Dokumente wertlos. Erst mithilfe der Quellenkritik – wer hat etwas wann und vor allem warum dokumentiert und warum ist es überliefert – können wir uns den Wert einer Überlieferung erschließen. Das gilt auch für digitale Fundstücke. Der amerikanische Grenzbeamte hätte auf das Datum der Veröffentlichung des Psychotherapeuten Andrew Feldmar sehen sollen und er hätte sie lesen müssen. Dann hätte er festgestellt, dass es keinen Grund gibt, dem älteren Herren, er war immerhin schon 70 Jahre alt, die Einreise zu verweigern, nur weil er Jahrzehnte zuvor mit einer Droge experimentiert hat, die längst aus der Mode ist.

Eher als die Technik des Internets sollten wir also unsere Fähigkeit in der Bewertung überlieferter Informationen ausbauen. Ansetzen müssen wir bei unseren Kindern. Sie werden einen noch weit größeren Teil ihres Lebens über das Netz organiseren – und ihr Leben dort abbilden. Darauf sollten wir sie vorbereiten. Und dafür müssen wir, die wir dereinst noch mit Wählscheibe Telefonnummern eingegeben haben, uns vorbereiten. Einige müssen erst mal akzeptieren, dass das Netz ist und bleibt.