Archiv der Kategorie: Alles und nichts

Viele Medien heißt nicht Vielfalt

Der Medienforscher Stephan Ruß-Mohl weist nochmal auf den Jahresbericht zum Zustand der amerikanischen Medien des Project for Excellence in Journalism hin. Und diese Sätze seiner kurzen Analyse machen mich sehr nachdenklich:

„Spannend an dem Bericht ist vor allem, wie sich der drastische Schrumpf-Prozess der Redaktionen auf die journalistische Qualität auswirkt. Die Forscher beobachten eine „deutliche Verengung“ der Berichterstattungs-Agenda. Paradoxerweise erhielten in einer „sich fragmentierenden Medienkultur“ immer weniger Themen Medienaufmerksamkeit, obschon sich die Zahl der Anbieter dank des Internets vervielfältige.“

Im Klartext heißt das: Die neuen Anbieter (im Internet) schreiben voneinander ab oder bedienen sich (automatischer) Agenturfeeds. Eigenständige Berichterstattung wird seltener. Zunächst in den USA, die in Sachen Zeitungskrise bekanntlich schon deutlich weiter sind als wir – selbst die Großstadtzeitungen verschwinden dort, in diesen Tagen geht es zum Beispiel ums Überleben des „Boston Globe“.

Über den zitierten Jahresbericht haben auch bereits FAZ-Netzökonom Holger Schmidt und Medienforscher Robin Meyer-Lucht geschrieben.

Der DJV versucht die dpa zu retten

Eben stolpere ich drüben bei Peters agenturjournalismus.de über das DJV-Statement zur dpa – und ich bin erschüttert. Wie schlecht muss es der dpa gehen, wenn sich jetzt schon eine Gewerkschaft für die Agentur, ein Wirtschaftsunternehmen, stark machen muss und die Verleger aufordert, nicht auf die Meldungen aus Hamburg zu verzichten (vom eigenen Ast, an dem die Agenturen sägen, war hier unlängst die Rede). Eigentlich hätte ich eine Gegendarstellung erwartet, kann unter den Pressemitteilungen der dpa aber nichts finden.

Erschütternd finde ich das Statement aber noch aus einem weiteren Grund: dem Inhalt.

„Die Verleger stehen in der doppelten Pflicht“, sagte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken, „gegenüber den Lesern ihrer Zeitungen und den Arbeitsplätzen bei dpa.“ Es sei schwer nachvollziehbar, dass manche Zeitungsverlage ausgerechnet die Dienste derjenigen Nachrichtenagentur nicht mehr in Anspruch nehmen wollten, an der sie beteiligt seien. Der DJV-Vorsitzende forderte die Verleger deshalb auf, „nicht am falschen Ende zu sparen“. Die Texte und Bilder der dpa seien ein unverzichtbarer Bestandteil des deutschen Qualitätsjournalismus.

Wenn die Dienste der dpa tatsächlich so wichtig sind, dann ist doch alles gut. Dann werden Verleger die Agentur zwar ein bisschen ärgern, weil sie die Verträge neu verhandeln wollen. Doch sie werden niemals auf dpa verzichten. Und wenn nicht? Nun, dann hat die dpa ein Problem, denn dann ist sie offenbar ersetzbar oder verzichtbar. In beiden Fällen sehe ich keinen Grund, warum der DJV (in dem ich Mitglied bin) sich einmischen müsste.

Bleiben noch die Arbeitsplätze. Sich für sie einzusetzen ist Aufgabe der Gewerkschaft. Doch bisher redet niemand von Kündigungen bei der dpa. Nur von einem Umzug nach Berlin – und zu dem hat sich der DJV ja bereits geäußert.

Es ist kaum anzunehmen, dass sich der Strukturwandel in den Medien, der von der Rezession in diesen Tagen erheblich beschleunigt wird, nicht auf die deutsche Agenturlandschaft auswirken wird. Bisher ist Deutschland ein außerordentliches Biotop, in dem sich nicht nur mit dpa und ddp zwei deutsche Agenturen, sondern mit AFP, AP und Reuters auch die ausländische Konkurrenz um die Kunden streiten. Hinzu kommen die beiden kirchlichen Agenturen epd und KNA, außerdem Spezialanbieter wie der Sportdienst sid. Sollte der eine oder andere Anbieter verschwinden oder übernommen werden, wird sich das auf den Qualitätsjournalismus sicher nicht negativ auswirken. Und was die Arbeitsplätze angeht: Agenturjournalisten sind extrem schnelle Arbeiter. Könnte ja sein, dass sie schnell neue Aufgaben finden.