Archiv der Kategorie: Der Nutzer

Die Einsamkeit des Internetnutzers

Internetnutzer sind Nerds, und Nerds sind asozial. Außerdem dick, hässlich und allenfalls sehr einseitig interessiert. Statt am Leben teilzunehmen, schließen sie sich weg und gucken nur in dieses Netz. Soziale Kontakte: Fehlanzeige. Von ein paar Internet-”Freundschaften” abgesehen. Aber was ist schon ein “Freund” im Netz. So weit, so stereotyp.

Ein Interview in der “Süddeutsche Zeitung” (SZ) vom Samstag (leider nicht online) hat mein Denken angeregt, ein Nachdenken über (digitale) Freundschaften und das Netz und das Leben. SZ-Redakteur Alex Rühle hat Thorsten Sleegers befragt, den RTL-Reporter, der sich für eine Arbeitswoche in einer kleinen Wohnung verkrochen und nur noch über das Internet kommuniziert hat (RTL berichtete). Eine interessante Ausgangssituation, schließlich ist das genau das Gegenteil dessen, was Rühle im vergangenen Jahr getan hat: Er hat nämlich sechs Monate ohne Internet und Mobilfunk gelebt.

Die wesentliche Erkenntnis des Gesprächs: Von zu viel Internet (also eigentlich Computerbildschirm) kriegt man rote Augen. Das soll aber an dieser Stelle nicht der Punkt sein. Viel spannender finde ich den Subtext, der sich durch das Gespräch zieht, bevor er kurz vor Schluss an die Oberfläche gespült wird, als Sleegers sagt: “Für viele Leute ist das, was ich hier kurz teste, Alltag.” Stimmt. Vermutlich. Einen Beleg bleibt der Text schuldig. Wahrscheinlich aber ist das Internet nicht anders als die Eckkneipe. Oder der Fernseher. Oder der Alkohol. Oder der Job. Jedem Junkie seine Droge, das ist das Leben.

Trotzdem habe ich mich gefragt: Wie sieht das eigentlich bei Dir aus? 17 Stunden online schaffe ich nicht, aber zwölf sind nicht außergewöhnlich – an Arbeitstagen. Was macht das mit meinen Freundschaften? Ein Versuch in vier Kategorien.

Alte Freunde

Die gibt es. Wir haben die Schulzeit miteinander verlebt, Partys, das erste Bier, die erste Liebe und die erste Trennung. Das Studium brachte die Entfernung, die Feste wurden seltener, intensive Gespräche auch. Das Internet spielt noch heute kaum eine Rolle in unserer Kommunikation. Wir telefonieren zu selten. Aber wenn wir uns sehen, dann ist es innig wie dereinst. Freundschaft, wetterfest wie eine alte Eiche.

Verlorene alte Freunde

Die gibt es auch. Der verlorene alte Freund zeichnet sich dadurch aus, dass er eine Epoche mit geprägt hat, bevor er oder ich in einem neuen Leben verschwand. Manchmal tat das weh, aber irgendwann lernt man, das ein Leben ohne Brüche nicht denbar ist, ja dass es vermutlich nicht einmal erstrebenswert wäre. Also: Schwamm drüber und die schönen Erinnerungen als das bewahren, was sie sind: schöne Erinnerungen.

Jetzt kommt das Internet ins Spiel, meistens verkleidet als Facebook. Als kleiner Nerd war ich sehr früh dort – und ich werde gefunden. Immer wieder tauchen alte Freunde auf und wollen Facebook-Freunde werden, und zwar nicht nur diejenigen, die Epochen geprägt haben, sondern auch die, die eine zeitlang nur so mit im Klassenzimmer saßen. Ich freue mich jedes Mal und finde es spannen zu sehen, wie Lebenswege verlaufen. Gleichzeitig stelle ich fest: Nur selten haben wir uns heute noch etwas zu sagen. Wenn die Klammer fehlt, die Schule, Uni oder Sportverein bildeten, ist es schwierig.

Neue “reale” Freunde

Ich bin in der glücklichen Lage, dass das Leben immer wieder Menschen meinen Weg kreuzen lässt, die mein Sein bereichern, die ich spannend finde, die mich mögen, mit denen ich “eine gute Zeit haben kann”. Manche wohnen im die Ecke, unsere Wege queren sich im Alltag – und schwups sitzen wir sommers an der Isar und grillen und reden. Herrlich, das Leben mit lieben “Nachbarn”. Von einigen dieser lieben Menschen habe ich keine E-Mail-Adresse, in mindestens einem Fall fehlt mir sogar die Handynummer. Auf die Idee, diese Freunde bei Facebook oder Twitter zu suchen, komme ich nicht.

Neue “digitale” Freunde

Mein Kiez oder mein Beruf sind nicht die einzigen Räume, in denen Menschen meinen Weg kreuzen, die das Potenzial haben, wichtig zu werden. Das Internet ist auch so ein Raum, ein bedeutender. Im Netz habe ich Kollegen kennen und schätzen gelernt, mit denen ich Stammtische und Kongresse organisiert habe und die zu “alten Freunden” geworden sind. Wir sehen uns selten, aber wenn wir uns treffen, dann ist es wie damals, als wir uns noch mit analogen Modems in dieses Internet einwählten.

Auch heute funktioniert das noch, also mit DSL und den neumodischen Kommunikationswerkzeugen aus dem Netz. Ich habe in den vergangenen Jahren Menschen per Twitter getroffen, die ich aus vielerlei Gründen sehr schätze und die mir immer wieder über den Weg laufen. Den Austausch mit ihnen möchte ich nicht missen – im Netz wie im stofflichen Leben.

Ein Freund ist ein Freund ist auch ein Freund

Die erstaunliche Erkenntnis meiner kleinen Selbstanalyse: Ohne meine guten alten Freunde würde ich nicht leben wollen. Doch für meinen Alltag haben sie keine große Bedeutung. Die wichtigste Rolle darin spielen die “Nachbarn” und meine “digitalen” Freunde. Die Nachbarn sind meine soziale Atemluft (RTL-Reporter Sleegers sagte im Interview, er freue ich riesig darauf, “einfach wieder durch die Straße zu laufen”), sie bereichern mein (Offline-) Leben. Meine “digitalen” Freunde liefern mir jeden Tag eine großen Teil des (fachlichen) Inputs, den ich brauche. Distanzen spielen für den Diskurs keine Rolle mehr. Wir reden halt einfach miteinander.

Am Ende ist es wohl so: Das Internet ist in Sachen Freundschaft eine Einbahnstraße. Einige Netzfreunde werden Freunde, Freunde aber höchst selten Netzfreunde. Vielleicht ist das wie in der Liebe: Aus Freundschaft wird zuweilen Liebe, aus Liebe aber nur sehr selten Freundschaft.

Und was war noch gleich der Unterschied zwischen on und off, zwischen digitalem und realem Leben? Ok, nur vor dem Rechner sitzen macht wirklich dick und vermutlich auch Pickel.

Internet, Algorithmen und die Wirklichkeit – Gedanken über Manipulation

In den vergangenen Tagen ist eine Fliege durch die kleine deutsche Blogosphäre geflogen. Und einige haben aus ihr einen Elefanten gemacht. Die wesentliche Erkenntnis: In Deutschland gibt es Unternehmen, die versuchen Links in Blogs zu kaufen, um Internetangebote in den Indizes von Suchmaschinen ein paar Positionen nach oben zu schieben. So weit, so uninteressant. Denn dass es das gibt, weiß jeder, der ein Blog betreibt. Nun, ich will die Geschichte nicht nacherzählen, denn Versionen von ihr gibt es grad frisch an fast jeder Ecke des Netzes, unter anderem hier, hier und hier.

Google und unsere Wirklichkeiten

Was mich nachdenklich gemacht hat, ist ein Posting von Mirko Lange zum Thema: “Und der Haifisch, der hat Zähne”. Mirko will “eine Debatte über die SEO-Industrie und Google” anstoßen, einen Diskurs auch “über Manipulation und Meinungsbildung”. Er schreibt:

“Google gibt Wirklichkeiten wieder. Google gestaltet Wirklichkeiten. (…) Wir vertrauen Google, dass die Suchergebnisse und die Sortierung relevant sind. Die Links auf der ersten, vielleicht noch auf der zweiten Seite von Google bestimmen unsere Wirklichkeit! Und wer diese Ergebnisse manipuliert, manipuliert die Wirklichkeit der Menschen, und den Prozess einer angemessenen Meinungsbildung.”

Das stimmt alles. Doch es erscheint mir deutlich zu kurz gesprungen. Es ist die Argumentation des scheuen Bräutigams und der unsicheren Braut, die etwas verschüchtert sagen: “Nein, einen Ehevertrag brauchen wir nicht.” Da möchte ich dann immer schreien: “Hey Baby, Du unterschreibst gleich einen, nämlich genau den Ehevertrag, den sich der Staat für Dich ausgedacht hat.” Nicht dass man mit der Standardversion nicht leben könnte, aber man sollte sich schon gefragt haben, ob sie tatsächlich passt.

Ein Ehevertrag mit Google

Google ist – in Deutschland besonders – unser Standard-Ehevertrag. Wir fragen uns kaum mal, ob die Ergebnisse in Ordnung sind, wir nehmen sie hin, sie sind, in diesem Punkt hat Mirko recht, unsere Wirklichkeit. Aber sind sie deshalb die einzige Wirklichkeit? Gibt es Wirklichkeit überhaupt? Und wenn ja, was ist das? Ist die Wirklichkeit, die “saubere” Suchergebnisse schaffen, besser als eine “manipulierte”? Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich bin weder ein Freund von Manipulation, noch von nicht gekennzeichneter Werbung. Doch das ist nicht der Punkt.

Entscheidend ist: Diese unsere Welt ist manipuliert. Manipulation ist ihr Normalzustand. Manipulation schafft unsere Wirklichkeiten. Um mal nur beim Internet und der Suche zu bleiben: Google bildet eine Wirklichkeit ab, und die Suchmaschine liefert jedem User, den der Werbekonzern mittels Cookie oder Account wiedererkennt, seine eigene Wirklichkeit. Website-Betreiber, die es sich leisten können, beschäftigen Suchmaschinenoptimierer, die versuchen, die Google-Wirklichkeit zu manipulieren. Da mag es transparente und weniger transparente Wege geben. Vor allem aber ist eines klar: Wer sich keinen Suchmaschinenspezialisten leisten kann, hat in jedem Fall das Nachsehen. Da mögen seine Inhalte noch so einzigartig sein.

Und auch im Offline-Leben regiert Geld die Wirklichkeit: Wer PR-Leute wie Mirko Lange bezahlen kann, um seine Botschaft zu kommunizieren, verbessert seine Chancen, dass diese beim Empfänger ankommt und Teil von Wirklichkeit wird. Stell Dir vor es ist Journalismus und kein PR-Mensch ruft an. Unsere Wirklichkeit sähe anders aus.

Lügen schaffen Wirklichkeiten

Der Appell von diesem Sofa lautet deshalb: Wir sollten immer davon ausgehen, dass das, was uns als Wirklichkeit angeboten wird, das Ergebnis von Lug und Trug ist. Denn nur dann sind wir wachsam und entdecken vielleicht wenigstens die größeren Versuche, unser Weltsicht nach den Wünschen Dritter zu formen.

Was die Blogs angeht: Die waren wohl alle eher sehr unbedeutend. Viel spannender erscheint die Liste der Unternehmen, deren Websites mit Hilfe von Suchmaschinen-Spam hochgeschraubt werden sollten, veröffentlicht hier. Ich merk sie mir für den nächsten Einkauf. Und nicht nur für den.

Digitale Daten und das Vergessen

Seit der Industrialisierung übernehmen Maschinen Arbeiten, die der Mensch nicht, nicht so schnell, nicht so präzise ausführen kann. Die Maschinen des 21. Jahrhunderts sind Computer. Sie waren unsere Schreibmaschinen, sie sind unsere Kommunkationsgeräte – und sie werden zu unserem Gedächnis. Denn sie speichern unsere Fotos, E-Mails und Steuererklärungen. Was das Notebook auf dem Wohnzimmertisch ist, ist das Internet für uns alle. Ein großes, kollektives Gedächnis, in dem jeder suchen kann. Jeder öffentlich formulierte Gedanke wird zum Allgemeingut – und kann doch wieder auf den Einzelnen zurückwirken. Keine Geschichte über das Netz und die Karriere kommt aus ohne das Beispiel des googelnden Chefs, der die Bilder vom Trinkgelage aus der Studienzeit findet. Doch das ist nicht alles.

In seinem lesenswerten Stück “Glücklich ist, wer vergisst?” führt Niklas Hofmann heute in der “Süddeutschen Zeitung” ein weiteres Beispiel an: Dem kanadischen Psychotherapeuten Andrew Feldmar wird die Einreise in die USA verweigert – auf Lebenszeit – weil ein Grenzbeamter bei einer kurzen Internetrecherche einen Jahre alten Artikel in einer Fachzeitschrift über die LSD-Experimente des Akademikers findet. Auch diese Dinge sind Folge des kollektiven Gedächnisses Internet.

Alter Diskurs, ungelöste Probleme

Die Frage, die sich daraus ergibt: Brauchen wir ein Verfallsdatum für Daten, einen technisch gesteuerten und vom Nutzer beeinflussbaren Alterungsprozess für das Internet? Sollen Fotos mit den Jahren vergilben wie ihre Ahnen auf Papier? Sollen die Hinweise auf eine Zeit in unserem Leben, in der es noch keine Lebensversicherung, keinen Immobilien- oder Autokredit und keine grauen Haare gab, nach und nach verschwinden?

Die Diskussion ist nicht neu. Der Internet-Forscher Viktor Mayer-Schönberger, Professor am Oxford Internet Institute, hat Argumete für das digitale Vergessen in seinem im September 2009 veröfentlichten Buch “Delete: The Virtue of Forgetting in the Digital Age” zusammengetragen. Zu den Möglichkeiten, die er aufzählt, gehören digitale Abstinenz, neue Gesetze und – eben – technische Lösungen über ein digitales Rechtemangement, Daten bekämen ein Verfallsdatum oder würden langsam altern, könnten also immer schlechter gefunden werden.

Kein neuer Diskurs also, gleichwohl gibt es bislang weder einen Konsens, noch eine Lösung. Doch wie groß sind sie wirklich, die Probleme. Wie viele Personalchefs bewerten Kandidaten für eine Job tatsächlich nach dem Muster: Party gleich raus? Und sind das nicht am Ende die gleichen Vorurteile wie: lange Haare gleich raus? Braucht es tatsächlich eine technische Lösung, weil wenig selbstbewusste Staaten in Einzelfällen ein seltsames Sittenwächtergehabe offenbaren? Oder sollten wir uns alle einfach nur raushalten aus diesem Internet?

Ein Leben ohne Netz?

Sowohl Abstinenz als auch der Vorschlag eines Verfallsdatums für digitale Daten erscheinen mir wenig zielführend. Das Netz existiert, Menschen nutzen es, und es werden immer mehr. Unsere Wirtschaft, ja unsere ganze Gesellschaft digitalisiert sich. Aus gutem Grund, denn bisher überwiegt der Nutzen. Ein technisches Verfallsdatum erscheint auf den ersten Blick logisch, könnte man doch, so auch die Argumentation von Niklas Hofmann, am ehesten das menschliche Gedächnis nachbilden, das ja auch nach und nach vergisst und lang zurückliegende Ereignisse oder gelerntes Wissen nicht oder nur noch mit Mühe bereitstellen kann.

Nur: Wie soll das praktisch funktionieren? Wie soll ich wissen, dass ich dieses Blogposting in spätestens fünf Jahren werde vergessen haben wollen, sodass es dann bitte über Google nicht mehr auffindbar ist? Oder besser schon im nächsten Jahr? Ich wüsste nicht, wie ich das heute festlegen sollte – für Blogpostings, journalistische Artikel, Tweets, Facebook-Postings, Bilder bei Flickr, Videos und Präsentationen.

Aus Menschen werden Netzmenschen

Bleibt nur eine Lösung: Gesetze. Und diesen Begriff würde ich in diesem Fall nicht eng juristisch, sondern vielmehr gesamtgesellschaftlich verstehen. Natürlich kann man per Gesetz regeln, dass Internetinhalte, die ein bestimmtes Alter überschritten haben, nicht mehr berücksichtigt werden dürfen, etwa in einem Bewerbungsverfahren. Doch das allein bringt uns kaum einen Vorteil. Wir müssen vielmehr lernen, mit unserer digitalen Historie umzugehen – und vor allem mit der unserer Mitmenschen.

Menschen ändern sich. Die Interessen eines Kindes sind nicht die eines jugendlichen Schülers, sind nicht die eines Studenten, sind nicht die eines Berufseinsteigers, sind nicht die eines Vaters, sind nicht die eines Großvaters. Was mir mit 20 etwas bedeutet hat, muss mir mit 30, 40, 50 oder 60 nicht das Gleiche bedeuten. Muss ich mich mit 50 schämen für die Musik, die ich mit 15 gehört habe? Für die Freunde von damals? Für die dereinst lustigen Bilder von der ersten Party mit einer Kiste Bier? Nein, natürlich nicht. Das Leben hatte schon immer nur eine Konstante: den Wandel. Was sich geändert hat: Vieles ist heute transparent und öffentlich, von vielen von uns auch ein gehöriges Stück Vergangenheit. Damit müssen wir umzugehen lernen.

Geschichtswissenschaft für alle

Vermutlich müssen wir einfach alle Historiker werden. Die Geschichtswissenschaft lebt von überlieferten Daten, sie sind ihr Rohstoff, nicht mehr. Ohne die richtige Einordnung sind überlieferte Dokumente wertlos. Erst mithilfe der Quellenkritik – wer hat etwas wann und vor allem warum dokumentiert und warum ist es überliefert – können wir uns den Wert einer Überlieferung erschließen. Das gilt auch für digitale Fundstücke. Der amerikanische Grenzbeamte hätte auf das Datum der Veröffentlichung des Psychotherapeuten Andrew Feldmar sehen sollen und er hätte sie lesen müssen. Dann hätte er festgestellt, dass es keinen Grund gibt, dem älteren Herren, er war immerhin schon 70 Jahre alt, die Einreise zu verweigern, nur weil er Jahrzehnte zuvor mit einer Droge experimentiert hat, die längst aus der Mode ist.

Eher als die Technik des Internets sollten wir also unsere Fähigkeit in der Bewertung überlieferter Informationen ausbauen. Ansetzen müssen wir bei unseren Kindern. Sie werden einen noch weit größeren Teil ihres Lebens über das Netz organiseren – und ihr Leben dort abbilden. Darauf sollten wir sie vorbereiten. Und dafür müssen wir, die wir dereinst noch mit Wählscheibe Telefonnummern eingegeben haben, uns vorbereiten. Einige müssen erst mal akzeptieren, dass das Netz ist und bleibt.

Staunen über die Generation @

Generation Golf, Generation Praktikum, Generation C64 – seit Douglas Couplands “Generation X” (das war 1991) gab es zahlreiche Versuche, das Lebensgefühl einer Altersgruppe mit einem Schlagwort zu beschreiben. Der aktuelle “Spiegel” (Nr. 31, Seite 120-123) fügt der langen Reihe der Generationen eine weitere hinzu: die Null-Blog-Generation. Es sind die Jugendlichen im Jahr 2010. Sie sind online, aber sie nutzen die Möglichkeiten des Internets nur selten aus. Und vor allem: Ihr eigentliches Interesse gilt dem Offline-Leben.

Ein Missverständnis

Was auf den ersten Blick nach einer erstaunlichen Erkenntnis klingt – denn wer heute noch nicht erwachsen ist, für den war das Internet schon immer da -, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Missverständnis. War doch das Netz immer schon vor allem das, als was es Jugendliche heute benutzen: ein Kommunikationskanal. Aber der Reihe nach.

Zunächst: Einen Teil der These des Artikels kann ich aus meiner subjektiven und nicht repräsentativen Erfahrung bestätigen. Junge Menschen haben im Schnitt weniger Ahnung vom Netz, als man ihnen gemeinhin zutraut. Unter den Kollegen, denen ich hin und wieder (z.B. hier) etwas übers Netz erzählen darf, ist nur selten jemand, der schon mal gebloggt hat (und wenn, dann meist nur während eines Auslandsaufenthalts, als Ersatz für Rundmails gewissermaßen). Auch Social Bookmarking, RSS und Twitter ist den meisten fremd.

Aber: Fast alle Kollegen in den frühen 20ern sind bei Facebook (kaum noch jemand übrigens bei StudiVZ). Sie alle organisieren ihr soziales Leben mithilfe sozialer Netzwerke. Und genau hier beginnt das Missverständnis von “Spiegel”-Autor Manfred Dworschak. Er lässt einen Gesamtschullehrer sagen: “Für sie (die Jugendlichen) ist das (Internet), wie ein Auto, es soll fahren.” Und genau das ist der Punkt, vermutlich der zentrale Punkt, um die Generation der Digital Natives zu verstehen.

Das Internet hören

Wer mit dem C64 aufgewachsen ist, der konnte die Datenströme von der Datasette hören, der hat irgendwann an einem alten Rechner herumgeschraubt, um eine größere Festplatte oder mehr Arbeitsspeicher einzubauen, der hat das Internet aus seinem 56K-Modem (und das war dann schon schnell) rauschen gehört. Online gehen war ein Weg, der in vielen Fällen schon das Ziel war.

Die Kinder aus der Wendezeit und danach sind in eine andere Welt geboren. Die DDR war Geschichte, Internet und Mobilfunk schon immer da. Zu Hause gab es immer mindestens einen Rechner und der war immer online, wenn er eingeschaltet war (die Generation iPad spart sich heute auch noch das Booten). Deshalb ist Facebook für Schüler und Studenten heute das, was Telefon und Anrufbeantworter in den 1980ern (in Westdeutschland) waren: die Medien, mit denen man sein Sozialleben organisiert, z.B. den Weg zur Schule oder das gemeinsame Bier am Abend in der Kneipe.

Das Netz und das reale Leben

Wenn Manfred Dworschak staunt, dass es für die Jugendlichen von heute wichtiger ist, sich mit Freunden zu treffen, als sich in virtuellen Welten (an dieser Stelle fällt irgendwann der Name Second Life, dieser dereinst von Medien hochgeschrieben virtuellen Welt), dann liegt auch hier ein großes Missverständnis vor: Schon immer haben sich Menschen, die im Netz unterwegs waren, auch im richtigen Leben getroffen. Die Mitglieder von Mailinglisten haben Stammtische (in echten Kneipen) organisiert, Hacker treffen sich auf Konfrenzen und Twitterer zu Twittagessen in München, Berlin oder Hamburg.

Die Konstante des Internets seit E-Mail und Usenet heißt: Kommunikation. Die jeweilige Anwendung mag sich ändern, doch das Internet in schon immer ein soziales Netz gewesen. Für viele stellt es seit jeher eine Bereicherung des eigenen sozialen Lebens dar. Für mich übrigens auch. Und daran ist nichts virtuell.

Buzz aber mal ehrlich

Ok, ich bin nun wirklich zu haben für Spielereien, ganz besonders wenn sie mir elektronisch gereicht werden. Und noch lieber, wenn ich sie mitsamt Elektrik auch in meine Jackentasche stecken kann. Aber seit gestern Abend frage ich mich: Buzz das sein?

In meiner Brust schlagen zwei Herzen: das des Spielkindes und das des Ostwestfalen. Das Spielkind will immer gleich alle Dinge ausprobieren, die das gut funktionierende Vorschlagwesen der sozialen Medien mir so vor die Füße wirft. Das funktioniert schon sehr lange, viel länger als Twitter und Facebook. Das sind ja am Ende sehr neumodische Phänomene. Das Ostwestfalenherz verbeißt sich und bleibt.

Sozialisiert wurde mein digitales Selbst in Mailinglisten, vor allem dem jonet. Schon damals warfen wir uns Links zu und griffen uns unter die Arme, wenn beim einen der Rechner oder beim anderen das Diktiergerät hakte. Das Medium mag ein anderes geworden sein, die Message bleibt. Teile, also bist Du. Und deshalb danke ich allen, die in den vergangenen zwölf Jahren oder so mit mir geteilt haben. Ihr habt mir eine Menge gegeben – und tut es noch. Ich hoffe, ich kann mich hier und dort revangieren – und Ihr habt auch Spaß beim Spielen.

Der Ostwestfale (nicht nur der in mir) ist ein sehr beständiges Wesen. Frohnaturen aus anderen Teilen des Landes und der Welt halten uns manchmal für etwas spröde und trocken. Das sind wir wohl auch. Doch wenn man uns kriegt, dann hat man uns auch (am Hals). Mein Ostwestfalenherz verbeißt sich deshalb auch im digitalen Teil des Lebens in Dinge und Dienste. Das jonet, Flickr, Delicious, Gmail, Google Reader – Begleiter seit vielen Jahren, denen ich gerne die Treue halte. Twitter hatte es ein bisschen schwer anfangs – und hat doch einen Platz erobert. Das haben auch viele liebe Menschen, denen ich auf dem Weg durchs Netz begegnet bin. Aber buzz jetzt noch mehr sein?

Was mich angeht: Für den Moment fühle ich mich sozial ausgelastet – digital wie real. Zwei Welten übrigens, die mehr gemein haben, als der gelernte Feuilletonist auf den ersten Blick vermuten mag. Pflegte das jonet dereinst – in der Frühzeit der populären Version des Netzes – schon eine rege Stammtischkultur (damals rauchte man zum Bier in der Kneipe noch Zigaretten), so ist heute jedes Twittagessen ein Familientreffen. Wer sich liest – auf Twitter, Facebook und Friendfeed -, der kennt sich. Und der sieht sich auch gern mal in die Augen beim Reden. Erst in den vergangenen Wochen habe ich bei solchen Gelegenheiten Menschen erstmals getroffen, die mein Denken schon lange bereichern. Das ist jedes Mal großartig.

Und doch: Irgendwann ist Buzz! Denn was passiert, wenn jemand dort draußen im Digitalen eine neue Tür für soziale Interaktion aufstößt? Sie strömen. Alle. Alle, die sowieso schon twittern, facebooken, flickrn und friendfeeden. Vor einigen Monaten bevölkerten wir Posterous, seit einigen Wochen Foursquare – und seit gestern Abend Google Buzz. Nichts gegen einen gesunden Spieltrieb. Aber bringt uns das wirklich weiter? Zu früh, das zu sagen. Aber eines ist gewiss: Bei Buzz treffe ich kaum jemanden, mit dem ich nicht nicht twittere, facebooke oder flickre. Wer bisher draußen blieb, tritt vermutlich auch jetzt nicht in die soziale Stube. Das ist schade. Irgendwie. Am Ende aber die Realität, mit der wir leben.

Ich werde Buzz wohl noch eine zweite und vielleicht auch eine dritte Chance geben. So bin ich. Doch für den Moment weiß ich: Buzz nicht sein.