Archiv der Kategorie: Die Medien

Internet, Algorithmen und die Wirklichkeit – Gedanken über Manipulation

In den vergangenen Tagen ist eine Fliege durch die kleine deutsche Blogosphäre geflogen. Und einige haben aus ihr einen Elefanten gemacht. Die wesentliche Erkenntnis: In Deutschland gibt es Unternehmen, die versuchen Links in Blogs zu kaufen, um Internetangebote in den Indizes von Suchmaschinen ein paar Positionen nach oben zu schieben. So weit, so uninteressant. Denn dass es das gibt, weiß jeder, der ein Blog betreibt. Nun, ich will die Geschichte nicht nacherzählen, denn Versionen von ihr gibt es grad frisch an fast jeder Ecke des Netzes, unter anderem hier, hier und hier.

Google und unsere Wirklichkeiten

Was mich nachdenklich gemacht hat, ist ein Posting von Mirko Lange zum Thema: “Und der Haifisch, der hat Zähne”. Mirko will “eine Debatte über die SEO-Industrie und Google” anstoßen, einen Diskurs auch “über Manipulation und Meinungsbildung”. Er schreibt:

“Google gibt Wirklichkeiten wieder. Google gestaltet Wirklichkeiten. (…) Wir vertrauen Google, dass die Suchergebnisse und die Sortierung relevant sind. Die Links auf der ersten, vielleicht noch auf der zweiten Seite von Google bestimmen unsere Wirklichkeit! Und wer diese Ergebnisse manipuliert, manipuliert die Wirklichkeit der Menschen, und den Prozess einer angemessenen Meinungsbildung.”

Das stimmt alles. Doch es erscheint mir deutlich zu kurz gesprungen. Es ist die Argumentation des scheuen Bräutigams und der unsicheren Braut, die etwas verschüchtert sagen: “Nein, einen Ehevertrag brauchen wir nicht.” Da möchte ich dann immer schreien: “Hey Baby, Du unterschreibst gleich einen, nämlich genau den Ehevertrag, den sich der Staat für Dich ausgedacht hat.” Nicht dass man mit der Standardversion nicht leben könnte, aber man sollte sich schon gefragt haben, ob sie tatsächlich passt.

Ein Ehevertrag mit Google

Google ist – in Deutschland besonders – unser Standard-Ehevertrag. Wir fragen uns kaum mal, ob die Ergebnisse in Ordnung sind, wir nehmen sie hin, sie sind, in diesem Punkt hat Mirko recht, unsere Wirklichkeit. Aber sind sie deshalb die einzige Wirklichkeit? Gibt es Wirklichkeit überhaupt? Und wenn ja, was ist das? Ist die Wirklichkeit, die “saubere” Suchergebnisse schaffen, besser als eine “manipulierte”? Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich bin weder ein Freund von Manipulation, noch von nicht gekennzeichneter Werbung. Doch das ist nicht der Punkt.

Entscheidend ist: Diese unsere Welt ist manipuliert. Manipulation ist ihr Normalzustand. Manipulation schafft unsere Wirklichkeiten. Um mal nur beim Internet und der Suche zu bleiben: Google bildet eine Wirklichkeit ab, und die Suchmaschine liefert jedem User, den der Werbekonzern mittels Cookie oder Account wiedererkennt, seine eigene Wirklichkeit. Website-Betreiber, die es sich leisten können, beschäftigen Suchmaschinenoptimierer, die versuchen, die Google-Wirklichkeit zu manipulieren. Da mag es transparente und weniger transparente Wege geben. Vor allem aber ist eines klar: Wer sich keinen Suchmaschinenspezialisten leisten kann, hat in jedem Fall das Nachsehen. Da mögen seine Inhalte noch so einzigartig sein.

Und auch im Offline-Leben regiert Geld die Wirklichkeit: Wer PR-Leute wie Mirko Lange bezahlen kann, um seine Botschaft zu kommunizieren, verbessert seine Chancen, dass diese beim Empfänger ankommt und Teil von Wirklichkeit wird. Stell Dir vor es ist Journalismus und kein PR-Mensch ruft an. Unsere Wirklichkeit sähe anders aus.

Lügen schaffen Wirklichkeiten

Der Appell von diesem Sofa lautet deshalb: Wir sollten immer davon ausgehen, dass das, was uns als Wirklichkeit angeboten wird, das Ergebnis von Lug und Trug ist. Denn nur dann sind wir wachsam und entdecken vielleicht wenigstens die größeren Versuche, unser Weltsicht nach den Wünschen Dritter zu formen.

Was die Blogs angeht: Die waren wohl alle eher sehr unbedeutend. Viel spannender erscheint die Liste der Unternehmen, deren Websites mit Hilfe von Suchmaschinen-Spam hochgeschraubt werden sollten, veröffentlicht hier. Ich merk sie mir für den nächsten Einkauf. Und nicht nur für den.

Über das Dilemma der Journalistenausbildung

Vor ein paar Monaten saß ich im kleinen Kreis mit ein paar Kollegen zusammen. Das Institut zur Förderung journalistischen Nachwuchses hatte uns gebeten, miteinander und mit den Studienleitern über die Journalistenausbildung und das Curriculum zu sprechen. Das Ergebnis lautete kurz zusammen gefasst: Handwerk, Handwerk, Handwerk. Denn wer nicht gelernt hat zu recherchieren oder seine Darstellungsformen nicht beherrscht, der kann kein guter Journalist sein. Aber: Reicht das heute noch? Ich fürchte nein.

Das mittelgroße Problem: Alles, was früher in der Journalistenausbildung gut und richtig war, ist auch heute noch wichtig, ja unumgänglich. Doch es kommen noch ein paar Dinge hinzu, die Journalisten heute dringend können oder mindestens verstehen sollten. Die Debatte, die der geschätzte Kollege Matthias Spielkamp vor einigen Tagen mit seinen Thesen zur Journalistenausbildung begonnen hat und die der ebenso geschätzte Kollege Christian Jakubetz mit seinem Buchprojekt weiterführt, ist dringend notwendig.

Das Handwerk steckt in Matthias erster These: “Es geht um Journalismus – nicht Online-Journalismus”. Anders formuliert: Die Plattform hat nichts mit der Qualität des Produkts zu tun. Oder wird ein “Zeit”-Essay anderer Journalismus, nur weil die Kollegen von “Zeit Online” es auch im Netz veröffentlicht haben?

Die vier weiteren Thesen zeigen, dass es mit Handwerk nicht getan ist: Matthias fodert “digital residents” als Ausbilder in den Verlagen, eine produktive “Fehlerkultur”, Freude am Widerspruch des Lesers und die Bereitschaft, von Volontären zu lernen. Marcus Lindemann, ebenso geschätzt, ergänzt in den Kommentaren, auch von den Lesern, Zuschauern, Grafikern, IT-Leuten, Fotografen und Sekretärinnen müssten wir lernen.

Das alles ist richtig. Und doch ist es nur ein Teil des Dilemmas, in dem wir alle stecken – und das auch das Dilemma der Journalistenausbildung ist. Denn die Ausbildung müsste noch so viel mehr vermitteln. Darunter:

Publikationstechniken:

Dereinst – als es noch kein Internet gab – war der Verlag oder Sender dafür zuständig, die Plattform zu stellen. Der Journalist recherchierte, schrieb seinen Text, als Redakteur baute er die Zeitungsseite; im Radio oder im Fernsehen wurde sein Beitrag geschnitten und gesprochen. Die Ressourcen für die Publikation stellte indes die Organisation. Natürlich gibt es dieses Modell nach wie vor, aber wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass es in jedem Fall ewig funktioniert. Und vor allem: Es ist nicht mehr das einzige Modell. Publizität kann jeder herstellen, ein Blog und ein Twitter-Account sind ebenso leicht (und kostenlos) einzurichten wie ein E-Mail-Postfach beim Anbieter der Wahl. Wenn aber jeder publizieren kann, dann wird Publizität zu einer Kulturtechnik. Und die sollten Journalisten unbedingt beherrschen. Sie sollten bloggen, twittern und bei Facebook sein. Wie sollen sie sonst ihren Lesern aus Augenhöhe begegnen?

Kommunikationstechniken:

Dereinst – als es noch kein Internet gab – war die Leserbrief- oder Zuschauer-Redaktion fürs Publikum zuständig, sie war der Rückkanal. Der Redakteur bekam nur das geliefert, was ihn betraf (Unsinn, Beschimpfungen und Niveauloses wurde ausgefiltert). Auch heute gibt es dieses Modell noch, sogar in der Online-Welt. Community-Abteilungen kümmern sich um Leserzuschriften per Mail, in Foren und in Kommentaren, sie filtern, sie veröffentlichen, werfen weg – und sie liefern dem Redakteur sein Päckchen mit Zuschriften, die ihn betreffen. Aber das ist mehr das einzige Modell: Reaktionen auf die eigene Arbeit finden auch auf Blogs und in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook statt. Online-Kommunikation auf den unterschiedlichsten Kanälen ist längst eine Kulturtechnik geworden. Journalisten müssen sie beherrschen, wollen sie ihren Lesern auf Augenhöhe begegnen.

Recherchetechniken (besser bekannt als Datenjournalismus):

Dereinst – als es noch kein Internet gab – ging der Journalist auf eine Pressekonferenz, griff zum Telefon und recherchierte so seine Geschichte, die er anschließend aufschrieb. Auch dieses Modell gibt es heute noch, es ist sogar im Online-Journalismus weit verbreitet. Aber es ist nicht mehr das Einzige. Journalisten, zum Beispiel die Kollegen vom Guardian, spielen mit Daten, visualisieren sie, motivieren ihre Leser, ihnen bei der Recherche zu helfen. Aber Journalisten sind auch auf diesem Spielfeld nicht allein, wie zum Beispiel das Projekt Offener Haushalt zeigt. Journalisten oder besser Redaktionen sollten sich jedoch mit diesen Methoden vertraut machen, sonst werden sie von anderen Akteuren abgehängt.

Das Dilemma der Journalistenausbildung ist: Journalisten sollten Physiker, Biologen, Wirtschaftswissenschaftler, Juristen, Politologen oder Historiker sein, die das traditionelle Handwerk ebenso wie die neuen Kulturtechnik der Medien- und Kommunikationswelt beherrschen. Nur das ist kaum in einer Ausbildung zu vermitteln. Und angewandt widerspricht es dem an sich ja sehr erfolgreichen Prinzip der Arbeitsteilung – gegen das auch nichts spricht, außer der Personalabbau in den Medien.

Der Vollständigkeit halber: Die Folien von Matthias, auch ohne Tonspur aufschlussreich.

Print gegen Online – Wie Apps die Grenzen aufweichen

Seit ein paar Wochen spiele ich mit der iPhone- und der iPad-App der “Zeit”. Die “Zeit” und ich, wir sind schon seit vielen Jahren gute Freunde, und die Apps finde sie wirklich gelungen. Das liegt auch daran, dass ich mir schon am Mittwochnachmittag die aktuelle Ausgabe auf mein iPhone (und mein iPad) laden kann – was zum Beispiel heute sehr praktisch war, denn ich saß am frühen Abend bei meiner Zahnärztin, die mich einen Moment warten ließ. Gleich neben der “Zeit” findet in der App “Zeit Online” statt. Gelungen integriert, ein “Zeit”-Gesamtpaket.

Als ich aber nun so dasaß im Wartezimmer meiner Zahnärztin, da habe ich ein wenig die Orientierung verloren. Ich habe mich gefragt, was ich denn jetzt eigentlich lese auf meinem Telefon. Es sind die Inhalte, die donnerstags immer auf Papier gedruckt vor meiner Wohnungstür liegen. Aber gedruckt sind sie nicht. Daraus ergeben sich ein paar Fragen. Zum Beispiel diese hier: Wenn ich nun von der Papier-”Zeit” komplett auf die App-”Zeit” umsteige (dazu neige ich gerade), bin ich dann noch Print-Abonnent? Was überhaupt ist dann noch Print? Und was ist Online, das ja gleich auf dem Reiter nebenan stattfindet.

Noch verwirrter bin ich, wenn ich an die gängige Publikationspolitik der Verlage denke. Um beim Beispiel “Zeit” zu bleiben: Die “Anklageschrift” von Sigmar Gabriel gegen Thilo Sarrazin, die die “Zeit” in der vergangenen Woche gedruckt (und auf mein iPhone gesendet hat), ist auch bei “Zeit Online” abrufbar http://www.zeit.de/2010/38/SPD-Sigmar-Gabriel). Ist dieser Text nun Print oder Online oder beides (abgesehen davon, dass er kein Journalismus ist). Ich bin verwirrt. Und damit es nicht zu Missverständnisse kommt: alle Portale veröffentlichen Texte der angeschlossenen Printredaktionen, auch FOCUS Online.

Was aber nun machen wir damit? Mein Vorschlag: Wir lassen uns von iPhone, iPad und der mit diesen Geräten verbundenen App-Ökonomie die Augen öffnen. Denn es geht nicht um Print und Online (wie auch Stefan Niggemeier aus anderer Perspektive und sehr treffend schreibt), auch nicht um Print gegen Online. Es geht um Journalismus. Und die Qualität von Journalismus ist nicht mit der Plattform verbunden, auf der er zufällig stattfindet. Allerdings: Qualität kostet Geld. Die eigentliche Debatte handelt also von der Frage der Refinanzierung. Ob wir dieses Problem mit Apps lösen? Ich zweifle. Any further ideas?

Nachrichtenagenturen und das Missverständnis mit der Exklusivität

Lese eben das Interview von Daniel Bouhs mit Cord Dreyer zum siebten Neustart von ddp Start des neuen dapd-Dienstes – und darin diesen Satz:

„Es wird um Qualitätsjournalismus und Exklusivinhalte gehen.“

Da stecken zwei Dinge drin: eine Selbstverständlichkeit, denn natürlich erwarten die Kunden von Nachrichtenagenturen, dass diese Qualität liefern, also Inhalte, die deutlich über das Umschreiben von Pressemitteilungen hinaus gehen; und darin steckt eine Seltsamkeit, denn warum eigentlich wollen Agenturen Exklusivinhalte liefern, also Nachrichten, die nur sie haben?

Auf den ersten Blick mag das eine seltsame Frage sein, denn schließlich wollen alle Medien irgendwie exklusiv sein, sich durch die Inhalte, die sie darbieten, von den Mitbewerbern unterscheiden. Nur: Agenturen sind keine Medien. Sie sind Dienstleister. Medien leisten sich Agenturen, weil es der eleganteste und billigste Weg ist, sich Brot und Butter liefern zu lassen. Das Grundrauschen eben. Für Wurst, Käse, Honig und Marmelade, also die wirklich leckere Seite der eigenen Publikation, gebraucht aber niemand Agenturen. Das gilt umso mehr, seit das Internet das Mediengeschäft durchsichtig gemacht hat.

Was passiert also, wenn eine Agentur Exklusives liefert? Möglichkeit 1 (wenn der Inhalt nicht gar so brisant erscheint): Der diensthabende Nachrichtenredakteur rümpft die Nase und verwirft die Meldung. Hat schließlich nur eine Agentur berichtet, wer weiß, ob wirklich stimmt, was im Ticker steht. Und für eine eigene Recherche erscheint das Thema zu unbedeutend. Möglichkeit 2 (wenn die Exklusivmeldung nach einem echten Thema riecht): Der diensthabende Nachrichtenredakteur merkt auf und leitet die Meldung unverzüglich dem Fachkollegen zu, der zum Beispiel sein Telefonbuch bemüht, um die Geschichte selbst hart zu bekommen. Läuft es wirklich, wirklich gut für die Agentur, bringt die Redaktion die Meldung, bevor das eigene Stück steht.

An dieser Stelle treten wir einen Schritt zurück und betrachten das Geschehen aus der Distanz, vor allem die Frage: Welchen Nutzen hat die Agentur nun von ihrer Exklusivgeschichte? Wird sie nicht gebracht: keinen. Wird sie gebracht: auch keinen. Denn entscheidend ist, dass das, was die Agentur exklusiv herausgefunden hat, schon in dem Moment seine Exklusivität verliert, in dem der Slot-Redakteur auf den Senden-Knopf drückt. Für die Agenturkunden ist die Meldung nicht exklusiv, im Gegenteil, alle anderen Kunden haben sie auch. Und sie ist binnen Minuten überall online zu finden. Wer sich differenzieren will, muss selbst mindestens den Telefonhörer in die Hand nehmen.

Was an der ganzen Sache wirklich frustrierend ist – für die Agenturen: Nicht mal der diensthabende Nachrichtenredakteur wird sich daran erinnern, wo die neue Geschichte eigentlich hergekommen ist, aus der der neue Aufmacher wurde. Das hat er spätestens nach Feierabend vergessen.

Für Agenturen folgt daraus: Investiert in Brot und Butter!

Warum das Dilemma der Nachrichtenagenturen in die Zukunft der Medien weist

Nachrichtenagenturen stecken in der Klemme. Ihr Geschäftsmodell ist fast zwei Jahrhunderte alt – der französische Publizist Charles-Louis Havas gründete die erste Agentur bereits 1835 – und das Internet, natürlich wieder dieses Internet gräbt ihnen nun das Wasser ab. Reuters, dpa, ddp und all die anderen sind eingekeilt zwischen ihren Kunden auf der einen Seite – vor allem Zeitungen finanzieren ihre Arbeit – und dem Netz – diesem unendlichen Informationsspeicher, den nicht mehr nur Journalisten durchpflügen und sortieren – auf der anderen.

Einen Teil des Dilemmas brachte ddp-Chefredakteur Joachim Widmann (mein geschätzter Ex-Chef) während einer Diskussionsrunde am Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses in München auf seine Weise den Punkt: Agenturen müssten überlegen, ob sie mindestens einen Teil ihres Dienstes, vor allem Analysen und Feature, erst mit einer Zeitverzögerung an Onlinemedien senden sollten. Erst dann, wenn Zeitungen sie gedruckt haben. Aus Sicht der Agentur ist diese Überlegung verständlich. Zeitungen sind nach wie vor die wichtigeren Kunden, sie zahlen deutlich höhere Preise für die Agenturdienste als Onlinemedien. Eine Analyse aber, die schon am Tag zuvor auf Nachrichtenportalen zu lesen war, ist für die Zeitung wertlos. Schließlich gibt niemand Geld für Papier aus, auf dem (fast) nur steht, was er bereits aus dem Netz gefischt hat. Das ist die eine Seite des Problems.

Die andere Seite heißt Google News (neben anderen News-Aggregatoren). Diesen Nachrichten-Sammelmaschinen steht Widmann – wie dem Netz insgesamt – kritisch gegenüber. Aus seiner Sicht folgerichtig: Aggregatoren sortieren das Netz und machen riesige Mengen Informationen, darunter Agenturmaterial, überhaupt erst zugänglich. Die Agenturen bekommen dafür keinen Cent, es sei denn, sie schließen Verträge mit den Aggregatoren, wie es AP in den USA mit Google getan hat (die Lage ist zurzeit allerdings ein wenig diffus). Wenn aber sagen wir mal Google News gegen Entgelt AP-Nachrichten hostet, also nicht nur Anreißer, sondern die Volltexte auf den eigenen Seiten auszuspielt, dann könnte das der letzte Vertrag sein, den die Agentur abschließt. Warum sollten andere (Online-) Medien Agenturdienste abonnieren, wenn Google doch nur die eigenen Seiten ausliefert und nicht mehr auf identische Inhalte anderswo im Netz verweist. Klar, oder? (Und trotzdem hat ddp einen Vertrag mit nachrichten.de, den mein Arbeitgeber TOMORROW FOCUS Portal betreibt.)

Damit sind wir beim Kern des Problems: Das Geschäftsmodell der Agenturen basiert darauf, dass Korrespondenten Informationen sammeln, diese verarbeiten, also Texte schreiben, fotografieren, Videos produzieren, eine Redaktion all das zu Diensten zusammenstelllt und an die Kunden verteilt. In der analogen Medienwelt dereinst war das ein formidables System, schließlich ersparte es der Zeitung in Ulm, einen eigenen Korrespondenten in Hamburg zu haben und umgekehrt. Doch diese Welt ist Vergangenheit. Heute ist die Information aus Hamburg auch für die Redaktion in Ulm nur einen Klick entfernt.

An dieser Stelle kommt Jeff Jarvis ins Spiel. Der US-Blogger, Medienprofessor und Berater wiederholt schon seit Jahren sein Mantra: „Cover what you do best. Link to the rest.“ Sieht man sich im (deutschen) Internet um, hört ihm jedoch kaum jemand zu. Lokal- und Regionalzeitungen verlinken für Geschichten aus Berlin nicht etwa auf den „Tagesspiegel“ oder die „Berliner Zeitung“. Stattdessen fluten sie die eigenen Seiten mit dpa-Meldungen, wie mein erster Arbeitgeber „Die Glocke“ (ich war so um 1990 freier Mitarbeiter). Ist das sinnvoll? Nein. Es führt dazu, dass 80 Prozent der Inhalte im deutschen Internet austauschbare Agenturtexte sind (das sagt nachrichten.de- und mein Chef Jochen Wegner, der mit Widmann auf dem Podium saß). Aber es hat Tradition. Schließlich bedient sich die Mantelredaktion auch bei den Agenturen und bastelt aus ihren Dienste große Teile des ersten Buchs einer typischen deutschen Zeitung.

Das ganze System funktioniert so lange wie Zeitungen noch funktionieren (und die Onlineportale von den meisten lokalen und regionalen Medien eher Feigenblätter als erst gemeinte Versuche mit Onlinejournalismus sind). Das mögen sie bitte auch gerne noch sehr lange, denn Papier ist ja ein sehr schönes Medium. Aber nach allem was man so hört und liest, geht es mit der (Gesamt-) Auflage der deutschen Zeitungen Jahr für Jahr bergab. Und auch der Werbemarkt hat seine besten Zeiten im Printgeschäft wohl hinter sich gelassen.

Nun setzen wir mal voraus, dass die etablierte Medienwelt eher so denkt wie Joachim Widmann, das alte System also bewahren möchten, so lange wie es Gewinne abwirft (und das tut es ja in den meisten Verlagen noch). Vermutlich passiert dann auch in den kommenden zehn Jahren das, was schon in den vergangenen 15 Jahren passiert ist: nichts. Ok, wenig. Statt über neue Geschäftsfelder nachzudenken, bleibt der traditionsbewusste Medienmensch bei den Dingen, die er kennt. Bis es nicht mehr geht. Und ganz bestimmt wird es bei einigen Verlagen irgendwann nicht mehr gehen.

So lange Zeitungen (und andere) ihr angestammtes Geschäft verfolgen, können aber Entdecker Neues ausprobieren, Leute wie Hardy Prothmann mit seinem Heddesheimblog (Hardy saß mit Widmann und Wegner auf dem Podium im ifp). Der Journalist bastelt seit rund einem Jahr an einem kleinen Blognetzwerk für seinen Heimatort Heddesheim und die umliegenden Gemeinden. Platz dafür lässt ihm der „Mannheimer Morgen“, ist Prothmann überzeugt. Schließlich betreibe der überwiegend „Bratwurstjournalismus“, gefällige Lokalberichterstattung, die das Objekt der Berichterstattung ernster nehme als den Leser (und den Leser somit an der Nase herumführe).

Nun könnte es ja sein, dass das Heddesheimblog ein Erfolg wird und Hardy ein Leben finanziert. Und dann könnte es ja sein, dass es weitere ähnliche Projekte gibt, also noch mehr Blogs über Orte wie Heddesheim (die Gemeinde hat 10.000 Einwohner) und Publikationen wie die Ruhrbarone. In einer idealen Welt könnten all diese Nischenmedien sich zusammenschließen, ein gemeinsames Netzwerk bilden und so auf eine nennenswerte Reichweite kommen, um auch jenseits der lokalen Anzeigenakquise am Werbekuchen zu knabbern.

Was die Medien dieser neuen Welt sicher nicht brauchen, sind Agenturen. Prothmann sagt ganz klar, er fliege deutlich unter dem Radar von Agenturdiensten, er berichtet detaillierter und kleinteiliger als das selbst die dpa mit ihrem engen Korrespondentennetz je leisten könnte. Was die neuen hyperlokalen Medien allerdings gebrauchen könnten, wäre ein Aggregator, eine intelligente Maschine, die aus den einzelnen Nachrichtenströmen ein auf die Bedürfnisse einzelner Nutzer oder regional sortiertes Netz spinnt. Dann würde das Heddesheimblog auf das Berlinblog verlinken und eben kein ddp-Feature kopieren.

Natürlich könnte es auch ganz anders laufen. Schließlich hätten Zeitungen mit ihren Portalen heute schon die Möglichkeit, sich zu vernetzen. Sie müssten sich nur mal auf den Weg machen. So langsam. Doch egal wie die Entwicklung weitergeht: Die Agenturen stecken in der Klemme. Medien brauchen sie zwar noch, aber von Jahr zu Jahr ein bisschen weniger.