Die Einsamkeit des Internetnutzers

Internetnutzer sind Nerds, und Nerds sind asozial. Außerdem dick, hässlich und allenfalls sehr einseitig interessiert. Statt am Leben teilzunehmen, schließen sie sich weg und gucken nur in dieses Netz. Soziale Kontakte: Fehlanzeige. Von ein paar Internet-”Freundschaften” abgesehen. Aber was ist schon ein “Freund” im Netz. So weit, so stereotyp.

Ein Interview in der “Süddeutsche Zeitung” (SZ) vom Samstag (leider nicht online) hat mein Denken angeregt, ein Nachdenken über (digitale) Freundschaften und das Netz und das Leben. SZ-Redakteur Alex Rühle hat Thorsten Sleegers befragt, den RTL-Reporter, der sich für eine Arbeitswoche in einer kleinen Wohnung verkrochen und nur noch über das Internet kommuniziert hat (RTL berichtete). Eine interessante Ausgangssituation, schließlich ist das genau das Gegenteil dessen, was Rühle im vergangenen Jahr getan hat: Er hat nämlich sechs Monate ohne Internet und Mobilfunk gelebt.

Die wesentliche Erkenntnis des Gesprächs: Von zu viel Internet (also eigentlich Computerbildschirm) kriegt man rote Augen. Das soll aber an dieser Stelle nicht der Punkt sein. Viel spannender finde ich den Subtext, der sich durch das Gespräch zieht, bevor er kurz vor Schluss an die Oberfläche gespült wird, als Sleegers sagt: “Für viele Leute ist das, was ich hier kurz teste, Alltag.” Stimmt. Vermutlich. Einen Beleg bleibt der Text schuldig. Wahrscheinlich aber ist das Internet nicht anders als die Eckkneipe. Oder der Fernseher. Oder der Alkohol. Oder der Job. Jedem Junkie seine Droge, das ist das Leben.

Trotzdem habe ich mich gefragt: Wie sieht das eigentlich bei Dir aus? 17 Stunden online schaffe ich nicht, aber zwölf sind nicht außergewöhnlich – an Arbeitstagen. Was macht das mit meinen Freundschaften? Ein Versuch in vier Kategorien.

Alte Freunde

Die gibt es. Wir haben die Schulzeit miteinander verlebt, Partys, das erste Bier, die erste Liebe und die erste Trennung. Das Studium brachte die Entfernung, die Feste wurden seltener, intensive Gespräche auch. Das Internet spielt noch heute kaum eine Rolle in unserer Kommunikation. Wir telefonieren zu selten. Aber wenn wir uns sehen, dann ist es innig wie dereinst. Freundschaft, wetterfest wie eine alte Eiche.

Verlorene alte Freunde

Die gibt es auch. Der verlorene alte Freund zeichnet sich dadurch aus, dass er eine Epoche mit geprägt hat, bevor er oder ich in einem neuen Leben verschwand. Manchmal tat das weh, aber irgendwann lernt man, das ein Leben ohne Brüche nicht denbar ist, ja dass es vermutlich nicht einmal erstrebenswert wäre. Also: Schwamm drüber und die schönen Erinnerungen als das bewahren, was sie sind: schöne Erinnerungen.

Jetzt kommt das Internet ins Spiel, meistens verkleidet als Facebook. Als kleiner Nerd war ich sehr früh dort – und ich werde gefunden. Immer wieder tauchen alte Freunde auf und wollen Facebook-Freunde werden, und zwar nicht nur diejenigen, die Epochen geprägt haben, sondern auch die, die eine zeitlang nur so mit im Klassenzimmer saßen. Ich freue mich jedes Mal und finde es spannen zu sehen, wie Lebenswege verlaufen. Gleichzeitig stelle ich fest: Nur selten haben wir uns heute noch etwas zu sagen. Wenn die Klammer fehlt, die Schule, Uni oder Sportverein bildeten, ist es schwierig.

Neue “reale” Freunde

Ich bin in der glücklichen Lage, dass das Leben immer wieder Menschen meinen Weg kreuzen lässt, die mein Sein bereichern, die ich spannend finde, die mich mögen, mit denen ich “eine gute Zeit haben kann”. Manche wohnen im die Ecke, unsere Wege queren sich im Alltag – und schwups sitzen wir sommers an der Isar und grillen und reden. Herrlich, das Leben mit lieben “Nachbarn”. Von einigen dieser lieben Menschen habe ich keine E-Mail-Adresse, in mindestens einem Fall fehlt mir sogar die Handynummer. Auf die Idee, diese Freunde bei Facebook oder Twitter zu suchen, komme ich nicht.

Neue “digitale” Freunde

Mein Kiez oder mein Beruf sind nicht die einzigen Räume, in denen Menschen meinen Weg kreuzen, die das Potenzial haben, wichtig zu werden. Das Internet ist auch so ein Raum, ein bedeutender. Im Netz habe ich Kollegen kennen und schätzen gelernt, mit denen ich Stammtische und Kongresse organisiert habe und die zu “alten Freunden” geworden sind. Wir sehen uns selten, aber wenn wir uns treffen, dann ist es wie damals, als wir uns noch mit analogen Modems in dieses Internet einwählten.

Auch heute funktioniert das noch, also mit DSL und den neumodischen Kommunikationswerkzeugen aus dem Netz. Ich habe in den vergangenen Jahren Menschen per Twitter getroffen, die ich aus vielerlei Gründen sehr schätze und die mir immer wieder über den Weg laufen. Den Austausch mit ihnen möchte ich nicht missen – im Netz wie im stofflichen Leben.

Ein Freund ist ein Freund ist auch ein Freund

Die erstaunliche Erkenntnis meiner kleinen Selbstanalyse: Ohne meine guten alten Freunde würde ich nicht leben wollen. Doch für meinen Alltag haben sie keine große Bedeutung. Die wichtigste Rolle darin spielen die “Nachbarn” und meine “digitalen” Freunde. Die Nachbarn sind meine soziale Atemluft (RTL-Reporter Sleegers sagte im Interview, er freue ich riesig darauf, “einfach wieder durch die Straße zu laufen”), sie bereichern mein (Offline-) Leben. Meine “digitalen” Freunde liefern mir jeden Tag eine großen Teil des (fachlichen) Inputs, den ich brauche. Distanzen spielen für den Diskurs keine Rolle mehr. Wir reden halt einfach miteinander.

Am Ende ist es wohl so: Das Internet ist in Sachen Freundschaft eine Einbahnstraße. Einige Netzfreunde werden Freunde, Freunde aber höchst selten Netzfreunde. Vielleicht ist das wie in der Liebe: Aus Freundschaft wird zuweilen Liebe, aus Liebe aber nur sehr selten Freundschaft.

Und was war noch gleich der Unterschied zwischen on und off, zwischen digitalem und realem Leben? Ok, nur vor dem Rechner sitzen macht wirklich dick und vermutlich auch Pickel.

Internet, Algorithmen und die Wirklichkeit – Gedanken über Manipulation

In den vergangenen Tagen ist eine Fliege durch die kleine deutsche Blogosphäre geflogen. Und einige haben aus ihr einen Elefanten gemacht. Die wesentliche Erkenntnis: In Deutschland gibt es Unternehmen, die versuchen Links in Blogs zu kaufen, um Internetangebote in den Indizes von Suchmaschinen ein paar Positionen nach oben zu schieben. So weit, so uninteressant. Denn dass es das gibt, weiß jeder, der ein Blog betreibt. Nun, ich will die Geschichte nicht nacherzählen, denn Versionen von ihr gibt es grad frisch an fast jeder Ecke des Netzes, unter anderem hier, hier und hier.

Google und unsere Wirklichkeiten

Was mich nachdenklich gemacht hat, ist ein Posting von Mirko Lange zum Thema: “Und der Haifisch, der hat Zähne”. Mirko will “eine Debatte über die SEO-Industrie und Google” anstoßen, einen Diskurs auch “über Manipulation und Meinungsbildung”. Er schreibt:

“Google gibt Wirklichkeiten wieder. Google gestaltet Wirklichkeiten. (…) Wir vertrauen Google, dass die Suchergebnisse und die Sortierung relevant sind. Die Links auf der ersten, vielleicht noch auf der zweiten Seite von Google bestimmen unsere Wirklichkeit! Und wer diese Ergebnisse manipuliert, manipuliert die Wirklichkeit der Menschen, und den Prozess einer angemessenen Meinungsbildung.”

Das stimmt alles. Doch es erscheint mir deutlich zu kurz gesprungen. Es ist die Argumentation des scheuen Bräutigams und der unsicheren Braut, die etwas verschüchtert sagen: “Nein, einen Ehevertrag brauchen wir nicht.” Da möchte ich dann immer schreien: “Hey Baby, Du unterschreibst gleich einen, nämlich genau den Ehevertrag, den sich der Staat für Dich ausgedacht hat.” Nicht dass man mit der Standardversion nicht leben könnte, aber man sollte sich schon gefragt haben, ob sie tatsächlich passt.

Ein Ehevertrag mit Google

Google ist – in Deutschland besonders – unser Standard-Ehevertrag. Wir fragen uns kaum mal, ob die Ergebnisse in Ordnung sind, wir nehmen sie hin, sie sind, in diesem Punkt hat Mirko recht, unsere Wirklichkeit. Aber sind sie deshalb die einzige Wirklichkeit? Gibt es Wirklichkeit überhaupt? Und wenn ja, was ist das? Ist die Wirklichkeit, die “saubere” Suchergebnisse schaffen, besser als eine “manipulierte”? Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich bin weder ein Freund von Manipulation, noch von nicht gekennzeichneter Werbung. Doch das ist nicht der Punkt.

Entscheidend ist: Diese unsere Welt ist manipuliert. Manipulation ist ihr Normalzustand. Manipulation schafft unsere Wirklichkeiten. Um mal nur beim Internet und der Suche zu bleiben: Google bildet eine Wirklichkeit ab, und die Suchmaschine liefert jedem User, den der Werbekonzern mittels Cookie oder Account wiedererkennt, seine eigene Wirklichkeit. Website-Betreiber, die es sich leisten können, beschäftigen Suchmaschinenoptimierer, die versuchen, die Google-Wirklichkeit zu manipulieren. Da mag es transparente und weniger transparente Wege geben. Vor allem aber ist eines klar: Wer sich keinen Suchmaschinenspezialisten leisten kann, hat in jedem Fall das Nachsehen. Da mögen seine Inhalte noch so einzigartig sein.

Und auch im Offline-Leben regiert Geld die Wirklichkeit: Wer PR-Leute wie Mirko Lange bezahlen kann, um seine Botschaft zu kommunizieren, verbessert seine Chancen, dass diese beim Empfänger ankommt und Teil von Wirklichkeit wird. Stell Dir vor es ist Journalismus und kein PR-Mensch ruft an. Unsere Wirklichkeit sähe anders aus.

Lügen schaffen Wirklichkeiten

Der Appell von diesem Sofa lautet deshalb: Wir sollten immer davon ausgehen, dass das, was uns als Wirklichkeit angeboten wird, das Ergebnis von Lug und Trug ist. Denn nur dann sind wir wachsam und entdecken vielleicht wenigstens die größeren Versuche, unser Weltsicht nach den Wünschen Dritter zu formen.

Was die Blogs angeht: Die waren wohl alle eher sehr unbedeutend. Viel spannender erscheint die Liste der Unternehmen, deren Websites mit Hilfe von Suchmaschinen-Spam hochgeschraubt werden sollten, veröffentlicht hier. Ich merk sie mir für den nächsten Einkauf. Und nicht nur für den.

Digitale Daten und das Vergessen

Seit der Industrialisierung übernehmen Maschinen Arbeiten, die der Mensch nicht, nicht so schnell, nicht so präzise ausführen kann. Die Maschinen des 21. Jahrhunderts sind Computer. Sie waren unsere Schreibmaschinen, sie sind unsere Kommunkationsgeräte – und sie werden zu unserem Gedächnis. Denn sie speichern unsere Fotos, E-Mails und Steuererklärungen. Was das Notebook auf dem Wohnzimmertisch ist, ist das Internet für uns alle. Ein großes, kollektives Gedächnis, in dem jeder suchen kann. Jeder öffentlich formulierte Gedanke wird zum Allgemeingut – und kann doch wieder auf den Einzelnen zurückwirken. Keine Geschichte über das Netz und die Karriere kommt aus ohne das Beispiel des googelnden Chefs, der die Bilder vom Trinkgelage aus der Studienzeit findet. Doch das ist nicht alles.

In seinem lesenswerten Stück “Glücklich ist, wer vergisst?” führt Niklas Hofmann heute in der “Süddeutschen Zeitung” ein weiteres Beispiel an: Dem kanadischen Psychotherapeuten Andrew Feldmar wird die Einreise in die USA verweigert – auf Lebenszeit – weil ein Grenzbeamter bei einer kurzen Internetrecherche einen Jahre alten Artikel in einer Fachzeitschrift über die LSD-Experimente des Akademikers findet. Auch diese Dinge sind Folge des kollektiven Gedächnisses Internet.

Alter Diskurs, ungelöste Probleme

Die Frage, die sich daraus ergibt: Brauchen wir ein Verfallsdatum für Daten, einen technisch gesteuerten und vom Nutzer beeinflussbaren Alterungsprozess für das Internet? Sollen Fotos mit den Jahren vergilben wie ihre Ahnen auf Papier? Sollen die Hinweise auf eine Zeit in unserem Leben, in der es noch keine Lebensversicherung, keinen Immobilien- oder Autokredit und keine grauen Haare gab, nach und nach verschwinden?

Die Diskussion ist nicht neu. Der Internet-Forscher Viktor Mayer-Schönberger, Professor am Oxford Internet Institute, hat Argumete für das digitale Vergessen in seinem im September 2009 veröfentlichten Buch “Delete: The Virtue of Forgetting in the Digital Age” zusammengetragen. Zu den Möglichkeiten, die er aufzählt, gehören digitale Abstinenz, neue Gesetze und – eben – technische Lösungen über ein digitales Rechtemangement, Daten bekämen ein Verfallsdatum oder würden langsam altern, könnten also immer schlechter gefunden werden.

Kein neuer Diskurs also, gleichwohl gibt es bislang weder einen Konsens, noch eine Lösung. Doch wie groß sind sie wirklich, die Probleme. Wie viele Personalchefs bewerten Kandidaten für eine Job tatsächlich nach dem Muster: Party gleich raus? Und sind das nicht am Ende die gleichen Vorurteile wie: lange Haare gleich raus? Braucht es tatsächlich eine technische Lösung, weil wenig selbstbewusste Staaten in Einzelfällen ein seltsames Sittenwächtergehabe offenbaren? Oder sollten wir uns alle einfach nur raushalten aus diesem Internet?

Ein Leben ohne Netz?

Sowohl Abstinenz als auch der Vorschlag eines Verfallsdatums für digitale Daten erscheinen mir wenig zielführend. Das Netz existiert, Menschen nutzen es, und es werden immer mehr. Unsere Wirtschaft, ja unsere ganze Gesellschaft digitalisiert sich. Aus gutem Grund, denn bisher überwiegt der Nutzen. Ein technisches Verfallsdatum erscheint auf den ersten Blick logisch, könnte man doch, so auch die Argumentation von Niklas Hofmann, am ehesten das menschliche Gedächnis nachbilden, das ja auch nach und nach vergisst und lang zurückliegende Ereignisse oder gelerntes Wissen nicht oder nur noch mit Mühe bereitstellen kann.

Nur: Wie soll das praktisch funktionieren? Wie soll ich wissen, dass ich dieses Blogposting in spätestens fünf Jahren werde vergessen haben wollen, sodass es dann bitte über Google nicht mehr auffindbar ist? Oder besser schon im nächsten Jahr? Ich wüsste nicht, wie ich das heute festlegen sollte – für Blogpostings, journalistische Artikel, Tweets, Facebook-Postings, Bilder bei Flickr, Videos und Präsentationen.

Aus Menschen werden Netzmenschen

Bleibt nur eine Lösung: Gesetze. Und diesen Begriff würde ich in diesem Fall nicht eng juristisch, sondern vielmehr gesamtgesellschaftlich verstehen. Natürlich kann man per Gesetz regeln, dass Internetinhalte, die ein bestimmtes Alter überschritten haben, nicht mehr berücksichtigt werden dürfen, etwa in einem Bewerbungsverfahren. Doch das allein bringt uns kaum einen Vorteil. Wir müssen vielmehr lernen, mit unserer digitalen Historie umzugehen – und vor allem mit der unserer Mitmenschen.

Menschen ändern sich. Die Interessen eines Kindes sind nicht die eines jugendlichen Schülers, sind nicht die eines Studenten, sind nicht die eines Berufseinsteigers, sind nicht die eines Vaters, sind nicht die eines Großvaters. Was mir mit 20 etwas bedeutet hat, muss mir mit 30, 40, 50 oder 60 nicht das Gleiche bedeuten. Muss ich mich mit 50 schämen für die Musik, die ich mit 15 gehört habe? Für die Freunde von damals? Für die dereinst lustigen Bilder von der ersten Party mit einer Kiste Bier? Nein, natürlich nicht. Das Leben hatte schon immer nur eine Konstante: den Wandel. Was sich geändert hat: Vieles ist heute transparent und öffentlich, von vielen von uns auch ein gehöriges Stück Vergangenheit. Damit müssen wir umzugehen lernen.

Geschichtswissenschaft für alle

Vermutlich müssen wir einfach alle Historiker werden. Die Geschichtswissenschaft lebt von überlieferten Daten, sie sind ihr Rohstoff, nicht mehr. Ohne die richtige Einordnung sind überlieferte Dokumente wertlos. Erst mithilfe der Quellenkritik – wer hat etwas wann und vor allem warum dokumentiert und warum ist es überliefert – können wir uns den Wert einer Überlieferung erschließen. Das gilt auch für digitale Fundstücke. Der amerikanische Grenzbeamte hätte auf das Datum der Veröffentlichung des Psychotherapeuten Andrew Feldmar sehen sollen und er hätte sie lesen müssen. Dann hätte er festgestellt, dass es keinen Grund gibt, dem älteren Herren, er war immerhin schon 70 Jahre alt, die Einreise zu verweigern, nur weil er Jahrzehnte zuvor mit einer Droge experimentiert hat, die längst aus der Mode ist.

Eher als die Technik des Internets sollten wir also unsere Fähigkeit in der Bewertung überlieferter Informationen ausbauen. Ansetzen müssen wir bei unseren Kindern. Sie werden einen noch weit größeren Teil ihres Lebens über das Netz organiseren – und ihr Leben dort abbilden. Darauf sollten wir sie vorbereiten. Und dafür müssen wir, die wir dereinst noch mit Wählscheibe Telefonnummern eingegeben haben, uns vorbereiten. Einige müssen erst mal akzeptieren, dass das Netz ist und bleibt.

Über das Dilemma der Journalistenausbildung

Vor ein paar Monaten saß ich im kleinen Kreis mit ein paar Kollegen zusammen. Das Institut zur Förderung journalistischen Nachwuchses hatte uns gebeten, miteinander und mit den Studienleitern über die Journalistenausbildung und das Curriculum zu sprechen. Das Ergebnis lautete kurz zusammen gefasst: Handwerk, Handwerk, Handwerk. Denn wer nicht gelernt hat zu recherchieren oder seine Darstellungsformen nicht beherrscht, der kann kein guter Journalist sein. Aber: Reicht das heute noch? Ich fürchte nein.

Das mittelgroße Problem: Alles, was früher in der Journalistenausbildung gut und richtig war, ist auch heute noch wichtig, ja unumgänglich. Doch es kommen noch ein paar Dinge hinzu, die Journalisten heute dringend können oder mindestens verstehen sollten. Die Debatte, die der geschätzte Kollege Matthias Spielkamp vor einigen Tagen mit seinen Thesen zur Journalistenausbildung begonnen hat und die der ebenso geschätzte Kollege Christian Jakubetz mit seinem Buchprojekt weiterführt, ist dringend notwendig.

Das Handwerk steckt in Matthias erster These: “Es geht um Journalismus – nicht Online-Journalismus”. Anders formuliert: Die Plattform hat nichts mit der Qualität des Produkts zu tun. Oder wird ein “Zeit”-Essay anderer Journalismus, nur weil die Kollegen von “Zeit Online” es auch im Netz veröffentlicht haben?

Die vier weiteren Thesen zeigen, dass es mit Handwerk nicht getan ist: Matthias fodert “digital residents” als Ausbilder in den Verlagen, eine produktive “Fehlerkultur”, Freude am Widerspruch des Lesers und die Bereitschaft, von Volontären zu lernen. Marcus Lindemann, ebenso geschätzt, ergänzt in den Kommentaren, auch von den Lesern, Zuschauern, Grafikern, IT-Leuten, Fotografen und Sekretärinnen müssten wir lernen.

Das alles ist richtig. Und doch ist es nur ein Teil des Dilemmas, in dem wir alle stecken – und das auch das Dilemma der Journalistenausbildung ist. Denn die Ausbildung müsste noch so viel mehr vermitteln. Darunter:

Publikationstechniken:

Dereinst – als es noch kein Internet gab – war der Verlag oder Sender dafür zuständig, die Plattform zu stellen. Der Journalist recherchierte, schrieb seinen Text, als Redakteur baute er die Zeitungsseite; im Radio oder im Fernsehen wurde sein Beitrag geschnitten und gesprochen. Die Ressourcen für die Publikation stellte indes die Organisation. Natürlich gibt es dieses Modell nach wie vor, aber wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass es in jedem Fall ewig funktioniert. Und vor allem: Es ist nicht mehr das einzige Modell. Publizität kann jeder herstellen, ein Blog und ein Twitter-Account sind ebenso leicht (und kostenlos) einzurichten wie ein E-Mail-Postfach beim Anbieter der Wahl. Wenn aber jeder publizieren kann, dann wird Publizität zu einer Kulturtechnik. Und die sollten Journalisten unbedingt beherrschen. Sie sollten bloggen, twittern und bei Facebook sein. Wie sollen sie sonst ihren Lesern aus Augenhöhe begegnen?

Kommunikationstechniken:

Dereinst – als es noch kein Internet gab – war die Leserbrief- oder Zuschauer-Redaktion fürs Publikum zuständig, sie war der Rückkanal. Der Redakteur bekam nur das geliefert, was ihn betraf (Unsinn, Beschimpfungen und Niveauloses wurde ausgefiltert). Auch heute gibt es dieses Modell noch, sogar in der Online-Welt. Community-Abteilungen kümmern sich um Leserzuschriften per Mail, in Foren und in Kommentaren, sie filtern, sie veröffentlichen, werfen weg – und sie liefern dem Redakteur sein Päckchen mit Zuschriften, die ihn betreffen. Aber das ist mehr das einzige Modell: Reaktionen auf die eigene Arbeit finden auch auf Blogs und in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook statt. Online-Kommunikation auf den unterschiedlichsten Kanälen ist längst eine Kulturtechnik geworden. Journalisten müssen sie beherrschen, wollen sie ihren Lesern auf Augenhöhe begegnen.

Recherchetechniken (besser bekannt als Datenjournalismus):

Dereinst – als es noch kein Internet gab – ging der Journalist auf eine Pressekonferenz, griff zum Telefon und recherchierte so seine Geschichte, die er anschließend aufschrieb. Auch dieses Modell gibt es heute noch, es ist sogar im Online-Journalismus weit verbreitet. Aber es ist nicht mehr das Einzige. Journalisten, zum Beispiel die Kollegen vom Guardian, spielen mit Daten, visualisieren sie, motivieren ihre Leser, ihnen bei der Recherche zu helfen. Aber Journalisten sind auch auf diesem Spielfeld nicht allein, wie zum Beispiel das Projekt Offener Haushalt zeigt. Journalisten oder besser Redaktionen sollten sich jedoch mit diesen Methoden vertraut machen, sonst werden sie von anderen Akteuren abgehängt.

Das Dilemma der Journalistenausbildung ist: Journalisten sollten Physiker, Biologen, Wirtschaftswissenschaftler, Juristen, Politologen oder Historiker sein, die das traditionelle Handwerk ebenso wie die neuen Kulturtechnik der Medien- und Kommunikationswelt beherrschen. Nur das ist kaum in einer Ausbildung zu vermitteln. Und angewandt widerspricht es dem an sich ja sehr erfolgreichen Prinzip der Arbeitsteilung – gegen das auch nichts spricht, außer der Personalabbau in den Medien.

Der Vollständigkeit halber: Die Folien von Matthias, auch ohne Tonspur aufschlussreich.

Print gegen Online – Wie Apps die Grenzen aufweichen

Seit ein paar Wochen spiele ich mit der iPhone- und der iPad-App der “Zeit”. Die “Zeit” und ich, wir sind schon seit vielen Jahren gute Freunde, und die Apps finde sie wirklich gelungen. Das liegt auch daran, dass ich mir schon am Mittwochnachmittag die aktuelle Ausgabe auf mein iPhone (und mein iPad) laden kann – was zum Beispiel heute sehr praktisch war, denn ich saß am frühen Abend bei meiner Zahnärztin, die mich einen Moment warten ließ. Gleich neben der “Zeit” findet in der App “Zeit Online” statt. Gelungen integriert, ein “Zeit”-Gesamtpaket.

Als ich aber nun so dasaß im Wartezimmer meiner Zahnärztin, da habe ich ein wenig die Orientierung verloren. Ich habe mich gefragt, was ich denn jetzt eigentlich lese auf meinem Telefon. Es sind die Inhalte, die donnerstags immer auf Papier gedruckt vor meiner Wohnungstür liegen. Aber gedruckt sind sie nicht. Daraus ergeben sich ein paar Fragen. Zum Beispiel diese hier: Wenn ich nun von der Papier-”Zeit” komplett auf die App-”Zeit” umsteige (dazu neige ich gerade), bin ich dann noch Print-Abonnent? Was überhaupt ist dann noch Print? Und was ist Online, das ja gleich auf dem Reiter nebenan stattfindet.

Noch verwirrter bin ich, wenn ich an die gängige Publikationspolitik der Verlage denke. Um beim Beispiel “Zeit” zu bleiben: Die “Anklageschrift” von Sigmar Gabriel gegen Thilo Sarrazin, die die “Zeit” in der vergangenen Woche gedruckt (und auf mein iPhone gesendet hat), ist auch bei “Zeit Online” abrufbar http://www.zeit.de/2010/38/SPD-Sigmar-Gabriel). Ist dieser Text nun Print oder Online oder beides (abgesehen davon, dass er kein Journalismus ist). Ich bin verwirrt. Und damit es nicht zu Missverständnisse kommt: alle Portale veröffentlichen Texte der angeschlossenen Printredaktionen, auch FOCUS Online.

Was aber nun machen wir damit? Mein Vorschlag: Wir lassen uns von iPhone, iPad und der mit diesen Geräten verbundenen App-Ökonomie die Augen öffnen. Denn es geht nicht um Print und Online (wie auch Stefan Niggemeier aus anderer Perspektive und sehr treffend schreibt), auch nicht um Print gegen Online. Es geht um Journalismus. Und die Qualität von Journalismus ist nicht mit der Plattform verbunden, auf der er zufällig stattfindet. Allerdings: Qualität kostet Geld. Die eigentliche Debatte handelt also von der Frage der Refinanzierung. Ob wir dieses Problem mit Apps lösen? Ich zweifle. Any further ideas?