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Internet, Algorithmen und die Wirklichkeit – Gedanken über Manipulation

In den vergangenen Tagen ist eine Fliege durch die kleine deutsche Blogosphäre geflogen. Und einige haben aus ihr einen Elefanten gemacht. Die wesentliche Erkenntnis: In Deutschland gibt es Unternehmen, die versuchen Links in Blogs zu kaufen, um Internetangebote in den Indizes von Suchmaschinen ein paar Positionen nach oben zu schieben. So weit, so uninteressant. Denn dass es das gibt, weiß jeder, der ein Blog betreibt. Nun, ich will die Geschichte nicht nacherzählen, denn Versionen von ihr gibt es grad frisch an fast jeder Ecke des Netzes, unter anderem hier, hier und hier.

Google und unsere Wirklichkeiten

Was mich nachdenklich gemacht hat, ist ein Posting von Mirko Lange zum Thema: “Und der Haifisch, der hat Zähne”. Mirko will “eine Debatte über die SEO-Industrie und Google” anstoßen, einen Diskurs auch “über Manipulation und Meinungsbildung”. Er schreibt:

“Google gibt Wirklichkeiten wieder. Google gestaltet Wirklichkeiten. (…) Wir vertrauen Google, dass die Suchergebnisse und die Sortierung relevant sind. Die Links auf der ersten, vielleicht noch auf der zweiten Seite von Google bestimmen unsere Wirklichkeit! Und wer diese Ergebnisse manipuliert, manipuliert die Wirklichkeit der Menschen, und den Prozess einer angemessenen Meinungsbildung.”

Das stimmt alles. Doch es erscheint mir deutlich zu kurz gesprungen. Es ist die Argumentation des scheuen Bräutigams und der unsicheren Braut, die etwas verschüchtert sagen: “Nein, einen Ehevertrag brauchen wir nicht.” Da möchte ich dann immer schreien: “Hey Baby, Du unterschreibst gleich einen, nämlich genau den Ehevertrag, den sich der Staat für Dich ausgedacht hat.” Nicht dass man mit der Standardversion nicht leben könnte, aber man sollte sich schon gefragt haben, ob sie tatsächlich passt.

Ein Ehevertrag mit Google

Google ist – in Deutschland besonders – unser Standard-Ehevertrag. Wir fragen uns kaum mal, ob die Ergebnisse in Ordnung sind, wir nehmen sie hin, sie sind, in diesem Punkt hat Mirko recht, unsere Wirklichkeit. Aber sind sie deshalb die einzige Wirklichkeit? Gibt es Wirklichkeit überhaupt? Und wenn ja, was ist das? Ist die Wirklichkeit, die “saubere” Suchergebnisse schaffen, besser als eine “manipulierte”? Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich bin weder ein Freund von Manipulation, noch von nicht gekennzeichneter Werbung. Doch das ist nicht der Punkt.

Entscheidend ist: Diese unsere Welt ist manipuliert. Manipulation ist ihr Normalzustand. Manipulation schafft unsere Wirklichkeiten. Um mal nur beim Internet und der Suche zu bleiben: Google bildet eine Wirklichkeit ab, und die Suchmaschine liefert jedem User, den der Werbekonzern mittels Cookie oder Account wiedererkennt, seine eigene Wirklichkeit. Website-Betreiber, die es sich leisten können, beschäftigen Suchmaschinenoptimierer, die versuchen, die Google-Wirklichkeit zu manipulieren. Da mag es transparente und weniger transparente Wege geben. Vor allem aber ist eines klar: Wer sich keinen Suchmaschinenspezialisten leisten kann, hat in jedem Fall das Nachsehen. Da mögen seine Inhalte noch so einzigartig sein.

Und auch im Offline-Leben regiert Geld die Wirklichkeit: Wer PR-Leute wie Mirko Lange bezahlen kann, um seine Botschaft zu kommunizieren, verbessert seine Chancen, dass diese beim Empfänger ankommt und Teil von Wirklichkeit wird. Stell Dir vor es ist Journalismus und kein PR-Mensch ruft an. Unsere Wirklichkeit sähe anders aus.

Lügen schaffen Wirklichkeiten

Der Appell von diesem Sofa lautet deshalb: Wir sollten immer davon ausgehen, dass das, was uns als Wirklichkeit angeboten wird, das Ergebnis von Lug und Trug ist. Denn nur dann sind wir wachsam und entdecken vielleicht wenigstens die größeren Versuche, unser Weltsicht nach den Wünschen Dritter zu formen.

Was die Blogs angeht: Die waren wohl alle eher sehr unbedeutend. Viel spannender erscheint die Liste der Unternehmen, deren Websites mit Hilfe von Suchmaschinen-Spam hochgeschraubt werden sollten, veröffentlicht hier. Ich merk sie mir für den nächsten Einkauf. Und nicht nur für den.

Medien? Done! Einige zumindest.

Chris Anderson ist der Mann, der den Long Tail erfand, und er ist der Autor von „Free“, einem Buch das beschreibt, wie kostenlos als Geschäftsmodell funktionieren kann (die Basics gibt es hier). Außerdem er ist Chefredaketeur eines Holzmediums: des Zukunftsmagazins „Wired“ (von dem es auch eine Internetversion gibt, mit Inhalten, die für den Nutzer kostenlos sind). Als Autor und Redakteur produziert er also eine Menge Gedrucktes. Ansonsten sind seine Ansichten … manche würden sagen radikal … andere halten realistisch für das richtige Adjektiv.

In einem „Spiegel“-Interview erklärt Anderson die Begriffe „Medien“, „Journalismus“ und „Nachrichten“ für tot:

„I don’t use the word journalism. (…) Sorry, I don’t use the word media. I don’t use the word news. I don’t think that those words mean anything anymore.“

Und Anderson sagt, wie er sich informiert. Zeitungen spielen da keine Rolle. Auf die Frage, die Neuigkeiten ihn errreichen sagt er:

„It comes to me in many ways: via Twitter, it shows up in my inbox, it shows up in my RSS feed, through conversations. I don’t go out looking for it.“

Wenn man das nicht für totalen Quatsch hält, dann muss man zu der Erkenntnis gelangen, dass wir erst ganz am Anfang eines sehr, sehr umfassenden Medienwandels stehen. Unweigerlich muss man eben genau dorthin gelangen.

Bei mir hat sich Twitter vor einigen Monaten vor den RSS-Reader geschoben. Und der stand lange auf der Eins. Ups.

Die posterous-Sau im Dorf

Vor einiger Zeit bin ich über posterous gestolpert. Und ich muss sagen, wow, das Ding ist wirklich einfach. Nicht mal ein Konto muss ich mir zulegen, um Dinge ins Internet zu schreiben (was wohl die sagen, denen das Netz auch vorher schon zu anonym war?). Selbst wenn ich mit meinem Namen zu meinen Bekanntmachungen stehen will, brauche ich keinen weiteren Zugang – und kein weiteres Passwort. Ich logge mich einfach mit meinem Facebook-Konto ein (ein gewisses Grundvertrauen vorausgesetzt). Also: Hier bin ich.

So, und dann? Posterous bedient alles für mich. Mit wenigen Klicks habe ich posterous mitgeteilt, wo ich sonst im Netz zu finden bin: Twitter, Flickr, Delicious … das ließe sich jetzt fortsetzen. Aber wozu brauche ich das?

Früher hatte ich eine (ziemlich statische) Homepage, die ich irgendwann gegen ein Blog eingetauscht habe. So vor fünf Jahren kam Flickr, vor gefühlt vier Jahren Delicious, vor gut zwei Jahren Twitter – Facebook zwischendurch. Irgendwann habe ich viele Dinge, die da dezentral im Netz herumschwirrten, auf Facebook und Friendfeed zusammengefasst. Wer dort mit mir verbunden ist, weiß nicht nur was ich so lese und mir merke, sondern erfährt auch, welche Musik ich bei Last.fm mag. Ach ja, all das lässt sich auch aus der Randspalte (der Startseite) dieses Blogs ablesen.

Nun wollen all diese Plattformen bedient werden. Und das ist nicht einfach. Für Twitter habe ich Clients unter Windows und Mac OS sowie auf dem BlackBerry (an Linux schraube ich gerade). Das Blog füttere ich über den Browser (seit ich Flock abgeschworen habe). Delicous auch, Flickr je nach Stimmung und Rechner per Client oder Browser. Die Lösung für diese etwas verfahrene Situation könnte posterous heißen. Das zumindest entnehme ich Jubelmeldungen und -tweets. Aber ich bin noch nicht überzeugt. Und bin damit nicht allein.

Ein Twitter-Client auf Rechner oder Telefon bietet mir immer mehr als es posterous kann. Meine WordPress-Installationen ebenso (abgesehen davon, dass jeden Tag ein Plugin ein Update braucht). Oder habe ich etwas entscheidendes übersehen? Ich bitte um wüste Beschimpfungen Anregungen, die meine Ignoranz brechen mögen. In den Kommentaren oder per Pingback.

Vom Blogger zum Journalisten

Wenn Journalismus (in manchen Fällen) nichts anderes ist als Bloggen auf Papier, dann könnte Bloggen ja auch Journalismus sein. Hier und da.

Zum Beispiel hier:

„Netzsperren – Von der Leyens unseriöse Argumentation“

Lutz Donnerhacke hat seine vorzügliche Analyse zu den geplanten Netzsperren für ZEIT ONLINE ein wenig gestrafft – nachdem der Text zuerst (und ausführlicher) im Odem-Blog von Alvar Freude erschienen war.

Ich fürchte, die Sache mit der Trennschärfe zwischen Journalisten und Bloggern war vorgestern. Irgendwie. Aber die Diskussion ist ja jetzt auch schon ein paar viele Jahre alt …

Bloggen auf Papier

Vor ein paar Tagen war ich enttäuscht von diesem Text, vor allem, weil er in einem sonst sehr geschätzten Medium stand, der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Zu den Zeilen von Susanne Gaschke ist inzwischen viel geschrieben, auch vieles, das mir aus der Seele spricht. Von mir kam nur ein launiger Tweet.

Gestern dann las ich in der gleichen Zeitung (also fast, es war die Dienstagausgabe der FAZ) einen Text, in dem Miriam Meckel, Professorin für Kommunikation an der Uni St. Gallen, ein Schwaz-Weiß-Bild vom Internet und traditionelleren Medien wie Tageszeitungen malt. Im Kern sagt ihre These: Journalisten sind die Guten, denn sie gehen raus, sammeln Informationen und bringen der Welt damit Neues zu Gehör; im Internet kreisen dagegen Blogger und andere nur um sich selbst, zitieren allenfalls das, was Journalisten ausgegraben haben – und fördern eben nichts Neues zutage. Ohne Journalisten würden wir uns also nur um uns selbst drehen. (Das Stück „In der Grotte der Erinnerung“ steht inzwischen auch in ihrem Blog, was den charmanten Vorteil hat, dass man es eben dort auch kommentieren kann.)

Ich möchte jetzt nicht darüber schreiben, dass ich in jüngster Zeit viele kundige Blogbeiträge zur geplanten Sperre von Kinderporno-Seiten auf den DNS-Servern deutscher Provider und der Prtition eben gegen dieses Vorhaben in Blogs gelesen habe. Und dass ich mich auch in anderen Bereichen des Lebens, zugeben meist des digitalen Teils, vorzüglich und manchmal sogar besser von Blogs informiert fühle. Nein, darum soll es nicht gehen. Denn an dieser Stelle ist es an der Zeit für mich, gleich zweimal zu gestehen.

Als Journalist gestehe ich, in den vergangenen zehn Jahren (so lange mache ich das im Hauptberuf) nicht mit jeder Zeile Neues verkündet zu haben. Als Agenturredakteur habe ich mich jahrelang auch des Abschreibens schuldig gemacht; ich habe Vorabmeldungen der lieben Kollegen in meine Berichterstattung eingebaut. Und das habe ich hin und wieder sogar dann getan, wenn ich den Sprecher von Siemens, der Telekom oder wem auch immer grad nicht erreicht habe.

Auch heute übernehme ich zuweilen das, was Kollegen recherchiert haben, reichere es mit den Dingen an, die wir selbst haben; manchmal setzen wir auch genau dort an, um unsere Sicht der Dinge zu finden. Wie ich es auch drehe und wende, es bleibt bei dem bitteren Geständnis: Ich bin Journalist und ich verbreite Dinge, die so auch schon anderswo zu finden sind, die also nicht neu sind.

Mein zweites Geständnis: Als Blogger mache ich das auch. Ich greife Dinge auf, manchmal verbreite ich nur ein Zitat weiter, manchmal ordne ich die Dinge ein, setze sie neu zusammen – oder muss sie unbedingt kommentieren. (Was vielleicht noch schlimmer ist, damit bleibe ich weit hinter den Möglichkeiten zurück; nicht meinen zu dieser Zeit, doch denen des Bloggens.)

Damit bin ich wieder bei meinem Tweet von vor ein paar Tagen. Denn ich komme zu Stefan Niggemeier, der sich das viel diskutierte SZ-Magazin der vergangenen Woche angesehen hat und zu einer erstaunlichen Erkenntnis kommt:

Fast alle Texte sind Mini-Essays, die ohne all das auskommen, was angeblich den Zeitungsjournalismus so auszeichnet: die Vor-Ort-Recherche, das Neue-Fakten-Schöpfen. Es sind nette Artikel dabei, keine Frage, viele sind klug und gut geschrieben und manche sehr lesenwert. Aber eigentlich ähneln sie verblüffenderweise: Blog-Einträgen. Es sind aus persönlicher Betroffenheit geschriebene Kommentare.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass Journalismus und Bloggen sich irgendwie im gleichen Teich der Intertextualität tummeln, dass ihre Gemeinsamkeiten wichtiger sind als ihre Unterschiede, dass es am Ende ums Publizieren geht – und der Kanal und das Medium herzlich egal sind. Denn es schließt sich ja auch die Frage an: Ist der Beitrag von Miriam Meckel Journalismus (weil in der FAZ erschienen) oder ein Blog-Beitrag (weil in ihrem Blog puliziert)?

Möglicherweise kämen wir schon ein wenig weiter, wenn wir nicht versuchten, die Welt – die im Netz und die auf der Straße da draußen – in Schwarz und Weiß abbilden zu wollen. Am Ende reichen nicht mal alle Grautöne. Die Welt und das Netz, all das ist ziemlich bunt.