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Nachrichtenagenturen und Bewegtbild

Erst kürzlich formulierte ich die These, dass Nachrichtenagenturen selbst am Ast sägen, auf dem sie sitzen – indem sie Google ihre Inhalte verkaufen. Als der DJV sich dann aufschwang, die dpa zu retten, begann ich mir ernsthaft Sorgen zu machen. Und jetzt bin ich eigentlich nur noch erstaunt. Denn eben lese ich in der Online-taz, dass der scheidende dpa-Chefredakteur Wilm Herlyn noch schnell ein bisschen Mutimedia in die Agentur bringen will, bevor er in ein paar Monaten in den Ruhestand wechselt:

Bevor Herlyn geht, will er seinen Reportern kleine Kameras in die Hand drücken. Ob Unfälle oder neues Eisbärenbaby: Die dpa will den Internet-Ablegern ihrer Kunden künftig Videos liefern – bunte Geschichten statt dröge Politik.

Nun könnte man meinen, Herlyn habe sich was tolles und neues ausgedacht. Nun ja. Die Idee gab es – wie so viele Ideen auf dieser Welt – schon einmal. Als ProSieben sich 1998 die Nachrichtenagentur ddp (damals noch ddpADN) einverleibte, um einen vertikal integrierten Nachrichten- und Unterhaltungskonzern (vermutlich schon damals eher Unterhaltungs- und Nachrichtenkonzern) aufzubauen, wollte man (der amtierende Vorstandschef Georg Kofler, soweit ich mich entsinne) genau das: Die dpp-Korrespondenten sollten mit Videokameras zu Terminen gehen, um Bewegtbild für N24 mitzubringen. Daraus ist bekanntlich nichts geworden – nicht nur, weil Kofler plötzlich weg war.

Kenner mögen nun einwenden: Wie hätte es auch, schließlich war die Technik noch nicht soweit. Stimmt, dieser Teil der Voraussetzungen ist erst heute gegeben. Eine Kamera für Webvideos könnte ein dpa-Korrespondent problemlos in seiner Notebook-Tasche unterbringen. Aber will er das? Und wäre das wirklich sinnvoll?

Nachrichtenagenturen sind hocheffiziente Apparate (ok, die dpa sicherlich ein bisschen weniger als ddp, bei der ich gut sechs Jahre arbeiten durfte). Ihr Geschäft ist Genauigkeit und Geschwindigkeit – und das gilt umso mehr heute, da wir und die lieben Kollegen in Hamburg und Berlin Eilmeldungen gerne innerhalb weniger Minuten auf die Seiten werfen. Die Gefahr, dass beides – Qualität und Schnelligkeit – leidet, wenn Korrespondenten sich nicht mehr nur auf den Text konzentrieren können, den sie häufig genug direkt am Ort des Geschehens schreiben, ist immens (nicht unerwähnt soll bleiben, dass auch die dpa natürlich viele Geschichten „kalt“ macht, d.h. sie werden vom Schreibtisch aus recherchiert und eben dort auch geschrieben – ohne eine Chance auf Bewegtbild).

Und noch etwas könnte ein Stein auf dem Weg sein, den Herlyn gehen möchte: Die Zeit, in der Internetangebote mit Video experimentiert und auch mal weniger professionelles Material auf die Seite geworfen haben, nur um dabei zu sein, die ist vorbei. Zumindest in den großen Redaktionen haben längst Profis das Geschäft mit dem Bewegtbild übernommen. Amateurvideos haben da allenfalls Chancen in nicht ganz so ernst gemeinten Formaten wie unserer Netzvideoschau.

Aber vielleicht fragen wir die dpa-Kollegen: Wie kommt sie an die neue Initiative des bald ehemaligen Chefredakteurs?

Nachrichtenagenturen sägen am Ast

Auf den ersten Blick könnte man meinen, das Geschäftsmodell Nachrichtenagentur überholt sich gerade. Erst hat die WAZ-Gruppe der dpa den Rücken gekehrt (was nicht immer funktioniert), nun folgt bei der „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ ein Test: Sechs Wochen lang will die Redaktion ohne die Meldungen, Features und Hintergründe der größten deutschen Agentur auskommen. Anschließende Kündigung des Agenturvertrags nicht ausgeschlossen.

Auf den zweiten Blick, besser gesagt beim Kramen in Erinnerungen, fällt auf: All das gab es schon mal. In der vorigen Krise haben es die „Rhein-Zeitung“ und die „Rheinische Postohne dpa probiert. Das war 2003. Heute bietet die „Rhein-Zeitung“ einen dpa-Ticker an, und auch die „Rheinische Post“ kommt nicht ohne aus.

Die Argumente von damals und heute ähneln sich sehr: dpa sei zu teuer, heißt es, zu schlecht, zu unflexibel – und man wolle ja eigentlich eine Autorenzeitung machen, dpa sparen heiße mehr Redakteure beschäftigen.

Nun ließe sich schlicht folgern: Die dpa hat die Krise nach dem Platzen der New-Economy-Blase mit anschließender Anzeigenflaute und Medienkrise überstanden, dann wird sie das auch heute schaffen. Doch es gibt ein paar Gründe, warum es dieses Mal deutlich schwerer werden könnte, warum Nachrichtenagenturen vielleicht gerade dabei sind, sich zur Hälfte selbst überflüssig zu machen und zu anderen Hälfte von der Medienentwicklung hinweggespült zu werden.

Da wären zunächst ein paar inhaltliche Gründe, die Augen-geradeaus!-Blogger Thomas Wiegold unlängst auf Peter Zschunkes agenturjournalismus.de zusammengefasst hat. Die Kernpunkte: Die Agenturen sind nicht mehr in erster Linie Anbieter exklusiver Informationen, sondern zum Distributionskanal verkommen. In der Praxis heißt das, Agenturen schreiben all das zusammen, was Medien ihnen zutragen, garnieren aber nur in Ausnahmefällen mit Informationen, die nur sie haben.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn auf der anderen Seite nagt das Netz an der Existenzberechtigung von Agenturen.

Online-Medien zahlen nicht so viel Geld für Agenturen, wie es einst Print tat. Denn dazu reichen die Werbeeinnahmen nicht aus, ob das künftig anders sein wird, ist mindestens fraglich. Auch Print wird weniger zahlen wollen. Denn schließlich bröckeln die Erlöse auch bei den Holzmedien. Zugleich schließen immer mehr Agenturen Verträge mit Google. Damit sägen sich nicht nur am Ast der Online-Ableger klassischer Medienhäuser, sondern auch an ihrem eigenen.

Bisher leitet Google viel Traffic aus dem eigenen Suchschlitz auf große und kleine Nachrichtenangebote, die einen größeren oder kleineren Teil ihrer Berichterstattung mit Agenturen bestreiten. Künftig wird ein großer Anteil dieser Zugriffe den Kosmos von Google nicht mehr verlassen. Denn die Agenturmeldungen hostet der Such- und Werbekonzern schließlich selbst.

Für Medien bleibt somit nur ein Weg: Sie müssen – wie vielfach versprochen und selten wirklich verwirklicht – in eigene, originäre Berichterstattung investieren, damit ihr Angebot sich vom allgemeinen Google-Agenturen-Strom abhebt. Zur Kündigung zumindest von einem Teil der Agenturverträge ist es dann nur noch ein kurzer, logischer Schritt.

Und natürlich bleibt eine weitere Frage damit ungelöst: Wie soll künftig Qualitätsjournalismus und Medienvielfalt finanziert werden, wenn Google ein noch größeres Stück vom Werbekuchen für sich beansprucht? Vielleicht sind die Modelle Huffington, ProPublica und Spot.us ja wirklich ein Teil der Zukunft.

Update: DonAlphonso geht davon aus, dass die Zeitungen eh zur dpa zurückgehen, spätestens wenn sie merken, dass ihre Redakteure keine Autoren sind.

Update2: In den USA lassen Zeitungen AP fallen. Via Jeffs Buzzmachine.

Update 3: Auch der Tagesspiegel hat das Thema entdeckt: „Das Sparmodell“. Und Meedia.

Update 4: Jeff Jarvis hält Stiftungen für einen Teil der Zukunft.