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Nokias Angst vor der Kostenloskultur

Der Mobilfunk ist nicht das Internet. Während im Internet einem populären Glauben zufolge alles kostenlos zu haben ist (weshalb ich mich jedes Mal wundere, wenn Amazon Geld von mir haben möchte), hat der geneigte Mobilfunkkunde gelernt, einmal im Monat sein Saldo glatt zu stellen (oder hin und wieder seine Prepaid-Karte mit Guthaben zu bedenken). Telefonieren mit dem Handy kostet nunmal Geld. SMS versenden auch. Und im Internet surfen erst recht. (Der Einfachheit halber erwähne ich lieber nicht, dass das Surfen mit dem Computer auch Geld kostet; das würde nur die Argumentation stören.)

Mit ihren klassischen Erlösströmen haben die Mobilfunkanbieter seit einiger Zeit ihre liebe Not. Zwar telefonieren die Menschen immer mehr. Doch die Minute Plauderei ohne Kabel ist immer billiger zu haben. Low cost und Flatrate soweit das Auge reicht. Und selbst die einstmals mehr als Apotheken teure Datenübertragung kann sich inzwischen fast jeder leisten. Da ist es verständlich, dass die Unternehmen von neuen Erlöswelten träumen. Tu ich auch. Manchmal.

Einer dieser Träume handelt von: Inhalten. Also Dingen, die das Internet heute schon bietet – Musik, Kartendienste, Medien – nur eben auf dem Handydisplay. Dafür sollen die Nutzer doch bitte in die Tasche greifen, sagt zum Beispiel Nokia-Vorstand Tero Ojanperä der „Financial Times Deutschland“:

„Die Herausforderung für uns ist nicht Apple, sondern ein Handykunde, der kein Geld für mobile Inhalte ausgibt.“

Aha, ich dachte immer, Nokia verkauft Handys und Schluss. Und mit den Mobilfunkpreisen haben die doch auch nichts zu tun, oder?

Nein, Nokia verkauft nicht mehr nur Handys, die Finnen basteln seit einiger Zeit an Ovi, einer „Tür“ zu allerlei mobilen Inhalten. Und für die soll der Nokia-Kunde bitte zahlen. Der Konzern reagiert damit auf sinkende Preise. Zwar rechnet er keine Mobilfunkminuten ab, für die er immer weniger verlangen kann. Doch der harte Wettbewerb zwischen den Handyherstellern führt dazu, dass Handys immer billiger werden. Pro verkauftem Handy fließt weniger Geld (kennen wir aus dem Internet, Verzeihung von den Computern).

Auch wenn es Ojanperä gern anders hätte: Mit dem Modell hechelt Nokia natürlich Apple hinterher. Denn das Unternehmen formerly known as kleiner Computerhersteller ist ja nicht nur mit iTunes schon heftig im Musikgeschäft unterwegs, sondern mit dem iPhone seit einiger Zeit auch im Verkauf von Software fürs Handy. Doch kann diese Rechnung aufgehen für Nokia? Ich weiß es nicht, aber ich wage mal eine Prognose: nein, kann sie nicht.

Bei Apple funktioniert die Nummer mit dem (relativ) geschlossenen Ökosystem. Wer sich einen iPod kauf, kann nur per iTunes Musik draufspielen. Besitzer eines iPhones kaufen Software bei Apple. Der Konzern aus Kalifornien schafft es, seine Produkte mit soviel Kult, Lifestyle oder Must-have-Faktor aufzuladen, dass die Kunden die Kröte proprietäres System schlucken. (Gleichzeitig ist das System Apple gerade eben noch so offen, dass es erträglich ist, denn ich kann ja auch die Musik von gekauften CDs auf den iPod spielen.)

Auch Nokia mag eine anhängliche Kundenschar haben. Doch Nokia bedient den Massenmarkt. Viele der Kunden geraten vermutlich nur zufällig an ein Nokia-Handy, etwa weil es gerade billig zu haben ist. Würden diese Kunden sich das Handy, zu dem sie keine besondere Beziehung haben, mit Inhalten vollpumpen, die Geld kosten? Nein, vermute ich, würden sie nicht.

Der Mobilfunk ist nicht das Internet. Das bedeutet vor allem, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht. Im Netz ist es ziemlich egal, ob ich mit einem PC, Mac oder einem Linux-Rechner (ich hatte sie alle) unterwegs bin. Ich muss mich immer nur daran gewöhnen, dass Programme unterschiedliche Namen tragen. Die Funktionen sind immer mehr oder weniger gleich (nur der Komfort nicht). Verschlossene Türen gibt es (so gut wie) nicht.

Und jetzt stelle ich mir gerade vor, ich habe mein Nokia-Handy mit Software, Musik und was weiß ich noch vollgeladen, es geht kaputt (alle Handys gehen irgendwann kaputt). Entweder ich kaufe mir wieder ein Nokia oder alles ist futsch!? Ich bin mir nicht sicher, ob Nokia seine Marktmacht da nicht ein klein wenig überschätzt.

Was der Mobilfunk eigentlich braucht, sind einheitliche Standards. Nokia hat es dereinst (zusammen mit anderen) mit dem Symbian-Betriebssystem versucht. Microsoft würde seit vielen, vielen Jahren gerne Windows auf jedem Handy sehen. Und jetzt hat Google den Markt für sich entdeckt und könnte sich mit Android ganz schön breit machen. Warum haben die Handyhersteller (und Microsoft) diesen Platz im Markt gelassen? Weil sie ihn mit ihren Süppchen erst geschaffen haben. Könnte also sein, dass auch auf Handys nur zwei Betriebssysteme (Verzeihung, Linus) übrig bleiben: Android und Mac OS.

Eigentlich Zeit, den Herd auszuschalten, die Suppe Suppe sein zu lassen und endlich an die Kunden zu denken, oder? Aber der Mobilfunk ist ja nicht das Internet … und selbst da werden bekanntlich Suppen und Süppchen gekocht.

Und dann doch wieder Paid Content

Der „Spiegel“ steht nicht eben im Ruf, es schwer zu haben – was die Penunzen angeht. Auch „Spiegel Online“ ist profitabel. Im Geschäftsjahr 2007 hat der Online-Ableger immerhin einen Überschuss von 3,4 Millionen Euro abgeworfen. Das vergangene Jahr dürfte noch besser gelaufen sein.

Umso erstaunlicher ist es, dass „Spiegel“-Verlagsleiter Fried von Bismarck nun über Paid Content spricht (nachdem „Spiegel Online“ das Kassenhäuschen vorm Archiv vor nicht allzu langer Zeit abgebaut hat). Er stimme etwa dem Modell einer Inhalte-Flatrate zu, schreibt Horizont. Kassieren könnte die Gebühren eine Verwertungsgesellschaften wie die Gema oder die VG Wort. Ausgeschüttet würde an die Verlage.

Nun bin ich mir nicht sicher, ob das zu Ende gedacht ist. Natürlich könnte man, wie das heute schon bei Kopierern und CD-ROMs üblich ist, für DSL-Anschlüsse eine Inhalte-Pauschale erheben, die dann in einen gemeinsamen Topf fließt, aus dem die Verlage bedient werden. Doch das wäre eine sehr deutsche Lösung. Würde die ins europäische Recht passen? Und: Passte eine solche Lösung zum Internet? Klopfte dann nicht die „New York Times“ – zu recht – an die Tür, um auch ihren Anteil zu bekommen?

Nun ja, es überrascht mich nicht, wenn Verlage, die seit jeher mit Vertriebserlösen kalkuliert haben, es nicht schaffen, dieses Denken zu eliminieren. Was mich allerdings erstaunt: Olaf Kolbrück stößt ins gleiche Horn – und rennt in bekannte Fallen.

„Man denke an Napster. Es galt lange Zeit als Symbol für das Ende bezahlter Musik im Web. Und heute? Der einfache und bequeme Download (Kostenfaktor Zeit) und die niedrigen Preisschwelle macht den illegalen Download weitestgehend uninteressant.“

Denn so uninteressant ist Filesharing offenbar nicht, warum sonst wäre die Unterhaltungsindustrie gegen Pirate Bay vorgegangen? Außerdem wäre da noch der kleine Unterschied zwischen Musik und Nachrichten. Manche Musikstücke möchte ich einfach besitzen. Bei einer Nachricht, selbst einer tollen Reportage hatte ich noch nie das Gefühl. Zeitungen wandern bei mir ja auch ins Altpapier und nicht in den Schrank.

Und diesen Vorschlag von Kollege Kolbrück möchte ich mir nicht vorstellen:

„Ich bin sicher, eine Online-Bilder-Strecke der Opfer von Winnenden, die nur als Paid Content per Micro-Payment angeboten worden wäre, hätte sich bezahlt gemacht.“

Realistischer scheint mir, was „Zeit“-Geschäftsführer Rainer Esser sagt: „Wir alle hier (er mein Mainstreammedien, Anm. des Bloggers) haben kaum Inhalte, die so unique sind, dass Paid-Content-Modelle funktionieren.“

Update: Eine kleine Ergänzung zum Thema Musik und Internet: Wer sich Musik im Internet über Tauschplattformen zieht, kauft auch mehr, hat die BI Norwegian School of Management mit einer Studie herausgefunden.