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Glückliche Zufälle im Netz – eine Erwiderung auf Miriam Meckel

Algorithmen spielen eine große Rolle in unserem Alltag. Amazon schlägt uns Bücher oder Haushaltselektronik vor, Apple Musik und die Singlebörse den potenziellen Traumpartner fürs Leben. Nicht zu vergessen natürlich: Googles Algorithmus, der für jeden Nutzer induviduelle Ergebnisse ausspuckt (vorausgesetzt, die Suchmaschine erkennt ihn). Unser Leben, mathematisch genau berechnet. Im Voraus. Welche Bedeutung die angewandte Computermathematik hat, kann man zum Beispiel in der “Welt am Sonntag” nachlesen: Thomas Jüngling schreibt über “Die unheimliche Macht der Algorithmen”.

Fast scheint es, als hätte das Nachdenken über Algorithmen gerade Kultur. Denn warum sonst hätte die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel gleich ein ganzes Manifest zum Thema geschrieben: Unter dem Titel “Rettet den Zufall” warnt sie vor einer Welt, in der Algorithmen zu viel oder sogar alle Macht über uns haben. Die Überschrift der englischen Version, die Meckel in der vergangenen Woche – etwas nach dem deutschen Text – auf ihrem Blog gepostet hat, klingt noch ein bisschen eleganter: SOS – Save Our Serendipity.

Welt ohne Zufall

Folgt man Meckel, dann gehen uns in einer zunehmend digitalisierten Welt die glücklichen Zufälle, die unerwarteten Entdeckungen und die unvorhergesehenen Begegnungen verloren: das Buch, das man im Buchladen zufällig aufnimmt, die Reportage in der Zeitung, die man liest, nicht ahnend, dass einen das Thema interessieren würde. Vielleicht verschließen wir sogar unsere Augen vor dem potenziellen Lebenspartner, nur weil er uns nicht auf einem Bildschirm präsentiert wird, sondern im Café am Nachbartisch sitzt.

Meckels These lautet im Kern: Algorithmen machen unser Leben eindimensionaler, sie schreiben unsere Vorlieben bis in die Ewigkeit fort, sie reduzieren uns auf eine einzige Identität und sie machen uns am Ende zu Produkten.

Ist das wirklich so? Nimmt das Netz uns (alle gewohnten) Überraschungen im Leben? Und bietet es uns keine neuen? Eine Erwiderung.

Ein Leben ohne Algorithmen

Erinnern wir uns an die Zeit vor dem Netz, den Alltag ohne Computer und Algorithmen: Das Leben war, um es auf den Punkt zu bringen, überschaubar. Wer wie ich in einer typischen deutschen Stadt mittlerer Größe aufgewachsen ist, der hatte eine oder zwei Lokalzeitungen, zwei bis drei Plattenläden, noch einmal so viele Buchläden, ein paar Kinos, davon nur ein Programmkino, das anders sein wollte – und ein Theater. Neue Musik kam aus dem Radio, manchmal auch als unbekannte Vorgruppe auf die Bühne. Wir waren also immer und überall darauf angewiesen, dass jemand, ein Mensch, der einen Beruf gelernt hatte, die Welt für uns vorsortierte: der Buchhändler, der Konzertveranstalter, der Redakteur. Es gab glückliche Zufälle, die Neues ins eigene Leben schaufelten, sicher mehr als in der Kindheit und Jugend meiner Eltern oder Großeltern. Es war wie es war, kein Grund, sich zu grämen, aber auch keiner, die Vergangenheit zu glorifizieren.

Und heute? Das Netz hat das Leben verändert, vor allem, indem es mehr Möglichkeiten, mehr Vielfalt gebracht hat. Grenzen gibt es kaum noch. Allein die Festplatte kann voll laufen, dann kaufen wir eben eine neue. Manchmal entdecke ich Musik auf meinem Rechner, von der ich nicht wusste, dass ich sie habe. Wenn ich bei Dussmann in Belin bin (ja, ich kaufe gelegentlich dort Tonträger), habe ich meinen iPod dabei, das ist so ein klobiger mit Festplatte, wie sonst sollte ich sicherstellen, dass ich nicht eine CD kaufe, die ich schon längst digital besitze. In diesen Momenten würde ich mir wünschen, dass mich ein Algorythmus an die Hand nimmt und mir bedeutet, dass ich die Platte längst habe und sie nun doch endlich ausreichend würdigen sollte.

Wir leben in einer Welt, in der die Vielfalt uns zu überfordern, ja manchmal zu erschlagen droht. Da kann es nicht schaden, wenn hin und wieder ein Algorithmus eingreift, um die eine oder andere Farbschattierung auf der Palette auszublenden. Wie sollte ich mich bei iTundes oder Amazon zurecht finden, wenn ich nur einen Suchschlitz und keine Vorschläge hätte? Im Laden gibt es doch auch Regale und nicht nur einen Tresen mit Verkäufer, der Wünsche entgegen nimmt. Als es diese Läden noch gab, stand Tante Emma hinter dem Tresen, und die wusste sehr genau, was ich immer kaufte.

Die Digitalisierung als Vernichter des Zufalls?

Das Argument, durch die Digitalisierung ginge der glückliche Zufall verloren, ist eines von Zeitungsmachern, die mit der Vielfalt ihres Blattes argumentieren, das liefert, was andere für mich ausgesucht haben – und mich allein deshalb zu Dingen geleitet, für die ich mich ohne Zeitung nicht interessiert hätte. Kein schlechtes Konzept. Ich liebe Zeitungen. Sonntags. Dass das Argument in der Realität keine Bedeutung hat, belegen Untersuchungen, nach denen das Feuilleton nur von einer sehr kleinen Gruppe Leser zur Kenntnis genommen wird. Eine Zeitung ist die Chance auf eine Begegnung mit dem glücklichen Zufall, die in den meisten Fällen ungenutzt im Altpapier endet.

Ich behaupte, so ganz subjektiv, dass ich ihn heute häufiger treffe als früher, den glücklichen Zufall. Im Netz, ganz oder halb digital. Er kommt als Link zum Video eines Vortrags, den ich sonst nicht gehört hätte, er kommt als Text in einem Blog, über den ich gestolpert bin, obwohl ich weder Blog, noch Autor kannte. Er kommt als reale Begegnung mit einem Menschen, den ich nur aus dem Netz kannte und vor dem ich unerwartet stehe – typischerweise erkennen wir uns, weil wir uns schon auf Twitter “gesehen” haben. Das Netz hat mir in den bald zwei Jahrzehnten, die ich es nutze, gefühlt deutlich mehr glückliche Zufälle beschert als mein analoges Leben dereinst.

Vielfalt und Bindung

Eines aber hat sich sicher nicht zum Besseren verändert: In meiner Jugend musste ich kämpfen für die Musik, die ich hören wollte. Ich habe meine Eltern während eines London-Besuchs irgendwann in den 1980er Jahren extrem genervt, weil ich in jeden Plattenladen musste, um Singles und LPs zu kaufen, die ich daheim nicht bekommen konnte. Zu dieser Musik habe ich heute noch eine sehr emotionale Beziehung, intensiver alls zu den meisten Stücken, die ich später entdeckt habe.

Die Schlussfolgerungen von Miriam Meckel kann ich übrigens unterschreiben: Wir brauchen definitiv eine fundiertere Debatte über das Netz und seinen Einfluss auf unseren Alltag. Und ganz bestimmt brauchen wir auch Ungewissheit und Zweifel sowie Medien, die von Redaktionen und nicht von Computern gemacht werden. Ungewissheit und Zweifel sehe ich derzeit mehr denn je. Algorithmen haben ihren Teil dazu beigetragen, zur Finanzkrise zum Beispiel. Die traditionellen Medien haben wir (noch), sie brauchen nur dringend eine neue Finanzierungsgrundlage.

Die Einsamkeit des Internetnutzers

Internetnutzer sind Nerds, und Nerds sind asozial. Außerdem dick, hässlich und allenfalls sehr einseitig interessiert. Statt am Leben teilzunehmen, schließen sie sich weg und gucken nur in dieses Netz. Soziale Kontakte: Fehlanzeige. Von ein paar Internet-”Freundschaften” abgesehen. Aber was ist schon ein “Freund” im Netz. So weit, so stereotyp.

Ein Interview in der “Süddeutsche Zeitung” (SZ) vom Samstag (leider nicht online) hat mein Denken angeregt, ein Nachdenken über (digitale) Freundschaften und das Netz und das Leben. SZ-Redakteur Alex Rühle hat Thorsten Sleegers befragt, den RTL-Reporter, der sich für eine Arbeitswoche in einer kleinen Wohnung verkrochen und nur noch über das Internet kommuniziert hat (RTL berichtete). Eine interessante Ausgangssituation, schließlich ist das genau das Gegenteil dessen, was Rühle im vergangenen Jahr getan hat: Er hat nämlich sechs Monate ohne Internet und Mobilfunk gelebt.

Die wesentliche Erkenntnis des Gesprächs: Von zu viel Internet (also eigentlich Computerbildschirm) kriegt man rote Augen. Das soll aber an dieser Stelle nicht der Punkt sein. Viel spannender finde ich den Subtext, der sich durch das Gespräch zieht, bevor er kurz vor Schluss an die Oberfläche gespült wird, als Sleegers sagt: “Für viele Leute ist das, was ich hier kurz teste, Alltag.” Stimmt. Vermutlich. Einen Beleg bleibt der Text schuldig. Wahrscheinlich aber ist das Internet nicht anders als die Eckkneipe. Oder der Fernseher. Oder der Alkohol. Oder der Job. Jedem Junkie seine Droge, das ist das Leben.

Trotzdem habe ich mich gefragt: Wie sieht das eigentlich bei Dir aus? 17 Stunden online schaffe ich nicht, aber zwölf sind nicht außergewöhnlich – an Arbeitstagen. Was macht das mit meinen Freundschaften? Ein Versuch in vier Kategorien.

Alte Freunde

Die gibt es. Wir haben die Schulzeit miteinander verlebt, Partys, das erste Bier, die erste Liebe und die erste Trennung. Das Studium brachte die Entfernung, die Feste wurden seltener, intensive Gespräche auch. Das Internet spielt noch heute kaum eine Rolle in unserer Kommunikation. Wir telefonieren zu selten. Aber wenn wir uns sehen, dann ist es innig wie dereinst. Freundschaft, wetterfest wie eine alte Eiche.

Verlorene alte Freunde

Die gibt es auch. Der verlorene alte Freund zeichnet sich dadurch aus, dass er eine Epoche mit geprägt hat, bevor er oder ich in einem neuen Leben verschwand. Manchmal tat das weh, aber irgendwann lernt man, das ein Leben ohne Brüche nicht denbar ist, ja dass es vermutlich nicht einmal erstrebenswert wäre. Also: Schwamm drüber und die schönen Erinnerungen als das bewahren, was sie sind: schöne Erinnerungen.

Jetzt kommt das Internet ins Spiel, meistens verkleidet als Facebook. Als kleiner Nerd war ich sehr früh dort – und ich werde gefunden. Immer wieder tauchen alte Freunde auf und wollen Facebook-Freunde werden, und zwar nicht nur diejenigen, die Epochen geprägt haben, sondern auch die, die eine zeitlang nur so mit im Klassenzimmer saßen. Ich freue mich jedes Mal und finde es spannen zu sehen, wie Lebenswege verlaufen. Gleichzeitig stelle ich fest: Nur selten haben wir uns heute noch etwas zu sagen. Wenn die Klammer fehlt, die Schule, Uni oder Sportverein bildeten, ist es schwierig.

Neue “reale” Freunde

Ich bin in der glücklichen Lage, dass das Leben immer wieder Menschen meinen Weg kreuzen lässt, die mein Sein bereichern, die ich spannend finde, die mich mögen, mit denen ich “eine gute Zeit haben kann”. Manche wohnen im die Ecke, unsere Wege queren sich im Alltag – und schwups sitzen wir sommers an der Isar und grillen und reden. Herrlich, das Leben mit lieben “Nachbarn”. Von einigen dieser lieben Menschen habe ich keine E-Mail-Adresse, in mindestens einem Fall fehlt mir sogar die Handynummer. Auf die Idee, diese Freunde bei Facebook oder Twitter zu suchen, komme ich nicht.

Neue “digitale” Freunde

Mein Kiez oder mein Beruf sind nicht die einzigen Räume, in denen Menschen meinen Weg kreuzen, die das Potenzial haben, wichtig zu werden. Das Internet ist auch so ein Raum, ein bedeutender. Im Netz habe ich Kollegen kennen und schätzen gelernt, mit denen ich Stammtische und Kongresse organisiert habe und die zu “alten Freunden” geworden sind. Wir sehen uns selten, aber wenn wir uns treffen, dann ist es wie damals, als wir uns noch mit analogen Modems in dieses Internet einwählten.

Auch heute funktioniert das noch, also mit DSL und den neumodischen Kommunikationswerkzeugen aus dem Netz. Ich habe in den vergangenen Jahren Menschen per Twitter getroffen, die ich aus vielerlei Gründen sehr schätze und die mir immer wieder über den Weg laufen. Den Austausch mit ihnen möchte ich nicht missen – im Netz wie im stofflichen Leben.

Ein Freund ist ein Freund ist auch ein Freund

Die erstaunliche Erkenntnis meiner kleinen Selbstanalyse: Ohne meine guten alten Freunde würde ich nicht leben wollen. Doch für meinen Alltag haben sie keine große Bedeutung. Die wichtigste Rolle darin spielen die “Nachbarn” und meine “digitalen” Freunde. Die Nachbarn sind meine soziale Atemluft (RTL-Reporter Sleegers sagte im Interview, er freue ich riesig darauf, “einfach wieder durch die Straße zu laufen”), sie bereichern mein (Offline-) Leben. Meine “digitalen” Freunde liefern mir jeden Tag eine großen Teil des (fachlichen) Inputs, den ich brauche. Distanzen spielen für den Diskurs keine Rolle mehr. Wir reden halt einfach miteinander.

Am Ende ist es wohl so: Das Internet ist in Sachen Freundschaft eine Einbahnstraße. Einige Netzfreunde werden Freunde, Freunde aber höchst selten Netzfreunde. Vielleicht ist das wie in der Liebe: Aus Freundschaft wird zuweilen Liebe, aus Liebe aber nur sehr selten Freundschaft.

Und was war noch gleich der Unterschied zwischen on und off, zwischen digitalem und realem Leben? Ok, nur vor dem Rechner sitzen macht wirklich dick und vermutlich auch Pickel.

Digitale Daten und das Vergessen

Seit der Industrialisierung übernehmen Maschinen Arbeiten, die der Mensch nicht, nicht so schnell, nicht so präzise ausführen kann. Die Maschinen des 21. Jahrhunderts sind Computer. Sie waren unsere Schreibmaschinen, sie sind unsere Kommunkationsgeräte – und sie werden zu unserem Gedächnis. Denn sie speichern unsere Fotos, E-Mails und Steuererklärungen. Was das Notebook auf dem Wohnzimmertisch ist, ist das Internet für uns alle. Ein großes, kollektives Gedächnis, in dem jeder suchen kann. Jeder öffentlich formulierte Gedanke wird zum Allgemeingut – und kann doch wieder auf den Einzelnen zurückwirken. Keine Geschichte über das Netz und die Karriere kommt aus ohne das Beispiel des googelnden Chefs, der die Bilder vom Trinkgelage aus der Studienzeit findet. Doch das ist nicht alles.

In seinem lesenswerten Stück “Glücklich ist, wer vergisst?” führt Niklas Hofmann heute in der “Süddeutschen Zeitung” ein weiteres Beispiel an: Dem kanadischen Psychotherapeuten Andrew Feldmar wird die Einreise in die USA verweigert – auf Lebenszeit – weil ein Grenzbeamter bei einer kurzen Internetrecherche einen Jahre alten Artikel in einer Fachzeitschrift über die LSD-Experimente des Akademikers findet. Auch diese Dinge sind Folge des kollektiven Gedächnisses Internet.

Alter Diskurs, ungelöste Probleme

Die Frage, die sich daraus ergibt: Brauchen wir ein Verfallsdatum für Daten, einen technisch gesteuerten und vom Nutzer beeinflussbaren Alterungsprozess für das Internet? Sollen Fotos mit den Jahren vergilben wie ihre Ahnen auf Papier? Sollen die Hinweise auf eine Zeit in unserem Leben, in der es noch keine Lebensversicherung, keinen Immobilien- oder Autokredit und keine grauen Haare gab, nach und nach verschwinden?

Die Diskussion ist nicht neu. Der Internet-Forscher Viktor Mayer-Schönberger, Professor am Oxford Internet Institute, hat Argumete für das digitale Vergessen in seinem im September 2009 veröfentlichten Buch “Delete: The Virtue of Forgetting in the Digital Age” zusammengetragen. Zu den Möglichkeiten, die er aufzählt, gehören digitale Abstinenz, neue Gesetze und – eben – technische Lösungen über ein digitales Rechtemangement, Daten bekämen ein Verfallsdatum oder würden langsam altern, könnten also immer schlechter gefunden werden.

Kein neuer Diskurs also, gleichwohl gibt es bislang weder einen Konsens, noch eine Lösung. Doch wie groß sind sie wirklich, die Probleme. Wie viele Personalchefs bewerten Kandidaten für eine Job tatsächlich nach dem Muster: Party gleich raus? Und sind das nicht am Ende die gleichen Vorurteile wie: lange Haare gleich raus? Braucht es tatsächlich eine technische Lösung, weil wenig selbstbewusste Staaten in Einzelfällen ein seltsames Sittenwächtergehabe offenbaren? Oder sollten wir uns alle einfach nur raushalten aus diesem Internet?

Ein Leben ohne Netz?

Sowohl Abstinenz als auch der Vorschlag eines Verfallsdatums für digitale Daten erscheinen mir wenig zielführend. Das Netz existiert, Menschen nutzen es, und es werden immer mehr. Unsere Wirtschaft, ja unsere ganze Gesellschaft digitalisiert sich. Aus gutem Grund, denn bisher überwiegt der Nutzen. Ein technisches Verfallsdatum erscheint auf den ersten Blick logisch, könnte man doch, so auch die Argumentation von Niklas Hofmann, am ehesten das menschliche Gedächnis nachbilden, das ja auch nach und nach vergisst und lang zurückliegende Ereignisse oder gelerntes Wissen nicht oder nur noch mit Mühe bereitstellen kann.

Nur: Wie soll das praktisch funktionieren? Wie soll ich wissen, dass ich dieses Blogposting in spätestens fünf Jahren werde vergessen haben wollen, sodass es dann bitte über Google nicht mehr auffindbar ist? Oder besser schon im nächsten Jahr? Ich wüsste nicht, wie ich das heute festlegen sollte – für Blogpostings, journalistische Artikel, Tweets, Facebook-Postings, Bilder bei Flickr, Videos und Präsentationen.

Aus Menschen werden Netzmenschen

Bleibt nur eine Lösung: Gesetze. Und diesen Begriff würde ich in diesem Fall nicht eng juristisch, sondern vielmehr gesamtgesellschaftlich verstehen. Natürlich kann man per Gesetz regeln, dass Internetinhalte, die ein bestimmtes Alter überschritten haben, nicht mehr berücksichtigt werden dürfen, etwa in einem Bewerbungsverfahren. Doch das allein bringt uns kaum einen Vorteil. Wir müssen vielmehr lernen, mit unserer digitalen Historie umzugehen – und vor allem mit der unserer Mitmenschen.

Menschen ändern sich. Die Interessen eines Kindes sind nicht die eines jugendlichen Schülers, sind nicht die eines Studenten, sind nicht die eines Berufseinsteigers, sind nicht die eines Vaters, sind nicht die eines Großvaters. Was mir mit 20 etwas bedeutet hat, muss mir mit 30, 40, 50 oder 60 nicht das Gleiche bedeuten. Muss ich mich mit 50 schämen für die Musik, die ich mit 15 gehört habe? Für die Freunde von damals? Für die dereinst lustigen Bilder von der ersten Party mit einer Kiste Bier? Nein, natürlich nicht. Das Leben hatte schon immer nur eine Konstante: den Wandel. Was sich geändert hat: Vieles ist heute transparent und öffentlich, von vielen von uns auch ein gehöriges Stück Vergangenheit. Damit müssen wir umzugehen lernen.

Geschichtswissenschaft für alle

Vermutlich müssen wir einfach alle Historiker werden. Die Geschichtswissenschaft lebt von überlieferten Daten, sie sind ihr Rohstoff, nicht mehr. Ohne die richtige Einordnung sind überlieferte Dokumente wertlos. Erst mithilfe der Quellenkritik – wer hat etwas wann und vor allem warum dokumentiert und warum ist es überliefert – können wir uns den Wert einer Überlieferung erschließen. Das gilt auch für digitale Fundstücke. Der amerikanische Grenzbeamte hätte auf das Datum der Veröffentlichung des Psychotherapeuten Andrew Feldmar sehen sollen und er hätte sie lesen müssen. Dann hätte er festgestellt, dass es keinen Grund gibt, dem älteren Herren, er war immerhin schon 70 Jahre alt, die Einreise zu verweigern, nur weil er Jahrzehnte zuvor mit einer Droge experimentiert hat, die längst aus der Mode ist.

Eher als die Technik des Internets sollten wir also unsere Fähigkeit in der Bewertung überlieferter Informationen ausbauen. Ansetzen müssen wir bei unseren Kindern. Sie werden einen noch weit größeren Teil ihres Lebens über das Netz organiseren – und ihr Leben dort abbilden. Darauf sollten wir sie vorbereiten. Und dafür müssen wir, die wir dereinst noch mit Wählscheibe Telefonnummern eingegeben haben, uns vorbereiten. Einige müssen erst mal akzeptieren, dass das Netz ist und bleibt.

Staunen über die Generation @

Generation Golf, Generation Praktikum, Generation C64 – seit Douglas Couplands “Generation X” (das war 1991) gab es zahlreiche Versuche, das Lebensgefühl einer Altersgruppe mit einem Schlagwort zu beschreiben. Der aktuelle “Spiegel” (Nr. 31, Seite 120-123) fügt der langen Reihe der Generationen eine weitere hinzu: die Null-Blog-Generation. Es sind die Jugendlichen im Jahr 2010. Sie sind online, aber sie nutzen die Möglichkeiten des Internets nur selten aus. Und vor allem: Ihr eigentliches Interesse gilt dem Offline-Leben.

Ein Missverständnis

Was auf den ersten Blick nach einer erstaunlichen Erkenntnis klingt – denn wer heute noch nicht erwachsen ist, für den war das Internet schon immer da -, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Missverständnis. War doch das Netz immer schon vor allem das, als was es Jugendliche heute benutzen: ein Kommunikationskanal. Aber der Reihe nach.

Zunächst: Einen Teil der These des Artikels kann ich aus meiner subjektiven und nicht repräsentativen Erfahrung bestätigen. Junge Menschen haben im Schnitt weniger Ahnung vom Netz, als man ihnen gemeinhin zutraut. Unter den Kollegen, denen ich hin und wieder (z.B. hier) etwas übers Netz erzählen darf, ist nur selten jemand, der schon mal gebloggt hat (und wenn, dann meist nur während eines Auslandsaufenthalts, als Ersatz für Rundmails gewissermaßen). Auch Social Bookmarking, RSS und Twitter ist den meisten fremd.

Aber: Fast alle Kollegen in den frühen 20ern sind bei Facebook (kaum noch jemand übrigens bei StudiVZ). Sie alle organisieren ihr soziales Leben mithilfe sozialer Netzwerke. Und genau hier beginnt das Missverständnis von “Spiegel”-Autor Manfred Dworschak. Er lässt einen Gesamtschullehrer sagen: “Für sie (die Jugendlichen) ist das (Internet), wie ein Auto, es soll fahren.” Und genau das ist der Punkt, vermutlich der zentrale Punkt, um die Generation der Digital Natives zu verstehen.

Das Internet hören

Wer mit dem C64 aufgewachsen ist, der konnte die Datenströme von der Datasette hören, der hat irgendwann an einem alten Rechner herumgeschraubt, um eine größere Festplatte oder mehr Arbeitsspeicher einzubauen, der hat das Internet aus seinem 56K-Modem (und das war dann schon schnell) rauschen gehört. Online gehen war ein Weg, der in vielen Fällen schon das Ziel war.

Die Kinder aus der Wendezeit und danach sind in eine andere Welt geboren. Die DDR war Geschichte, Internet und Mobilfunk schon immer da. Zu Hause gab es immer mindestens einen Rechner und der war immer online, wenn er eingeschaltet war (die Generation iPad spart sich heute auch noch das Booten). Deshalb ist Facebook für Schüler und Studenten heute das, was Telefon und Anrufbeantworter in den 1980ern (in Westdeutschland) waren: die Medien, mit denen man sein Sozialleben organisiert, z.B. den Weg zur Schule oder das gemeinsame Bier am Abend in der Kneipe.

Das Netz und das reale Leben

Wenn Manfred Dworschak staunt, dass es für die Jugendlichen von heute wichtiger ist, sich mit Freunden zu treffen, als sich in virtuellen Welten (an dieser Stelle fällt irgendwann der Name Second Life, dieser dereinst von Medien hochgeschrieben virtuellen Welt), dann liegt auch hier ein großes Missverständnis vor: Schon immer haben sich Menschen, die im Netz unterwegs waren, auch im richtigen Leben getroffen. Die Mitglieder von Mailinglisten haben Stammtische (in echten Kneipen) organisiert, Hacker treffen sich auf Konfrenzen und Twitterer zu Twittagessen in München, Berlin oder Hamburg.

Die Konstante des Internets seit E-Mail und Usenet heißt: Kommunikation. Die jeweilige Anwendung mag sich ändern, doch das Internet in schon immer ein soziales Netz gewesen. Für viele stellt es seit jeher eine Bereicherung des eigenen sozialen Lebens dar. Für mich übrigens auch. Und daran ist nichts virtuell.

In der Publizitätsfalle

Das vergangene Jahr hat dieses Internet nicht eben einfacher gemacht. Also für mich nicht. Gestartet bin ich mit zwei Blogs (dieses und jenes, das grad wieder ein bisschen tot ist), einem Twitter-Account und ein bisschen Facebook hier und da (neben den Dingen, die mich schon seit vielen Jahren begleiten, so Sachen wie delicious, Flickr, Last.fm und so).

Irgendwann im Sommer 2009, es wurde vermutlich gerade heiß, lief das digitale Leben um mich herum schneller und schneller (oder ich wurde träger). In immer kürzeren Abständen, so schien es mir, hetzte die digitale Meute von einem neuen Ich-mach-Euch-noch-glücklicher-Ding zum nächsten. In Erinnerung geblieben sind mir: posterous, foursquare und formspring.me. Aber was davon bleibt wirklich hängen? Das meiste – jenseits der genannten drei – habe ich vermutlich jetzt schon vergessen.

Full stop! Ein Blick zurück in die Frühzeit meiner Internetpublizität. Damals, das war 2002, war die Welt irgendwie überschaubarer – und sah handgeschnitzt aus:

Dereinst dachte ich, das ist jetzt mein Ort im Netz – und da kommt alles hin, was ich digital so sein will. Ein wenig später schon, das war wohl 2004, habe ich gemerkt, dass alle ihre Fotos zu Flickr hochladen. Habe ich auch gemacht. Auf die erste, die zweite und die dritte Version meiner Homepage – selbst aus HTML geschöpft – folgte 2006 das erste und 2007 oder so das zweite Blog. Was war ich froh, als WordPress irgendwann Widgets einführte und ich endlich all die Dinge, die ich an anderen Orten im Netz so publizierte wieder an dieser Stelle, irgendwie ja immer noch mein Zuhause, zusammen führen konnte.

Und jetzt? Zwischen meine Blogs (von denen jenes mal wieder reanimiert werden will) und Twitter hat sich posterous geschlichen – und kann doch die Blogs nicht ersetzen. Foursquare ist eine nette Spielerei, vermutlich aber nur ein Übergangsdings, dessen wesentlicher Dienst es ist, uns die Richtung zu deuten, ein Twitter mit Lokalbezug für iPhone-Besitzer, also eine sehr spitze Zielgruppe (sowas ähnliches wird sicher groß, nur noch nicht jetzt). Formspring.me mach ich nicht mehr mit (ok, mich fragt halt keiner was).

Was bleibt? Das Bild wird immer diffuser. Ein paar Leute aus meiner digitalen Umgebung sind immer schon da, wenn ich in eine neue Site springe. Andere kommen nach wie vor nicht mit dem nicht-öffentlichen Teil meines Flickr-Feeds klar (das erste Foto habe ich am 1.1.2005 hochgelanden). Einige von denen fragen hin und wieder, wie ich das denn eigentlich alles mache. Ich denke dann immer: So viel mache ich doch gar nicht. Und sage: Ich habe keine Modelleisenbahn. Frage mich aber zugleich: Muss das? Und passt das (noch)?

Unterm Strich bleibt die Feststellung: Es wird nicht einfacher. Und: Nichts ist ewig. Aber haben wir eine Alternative? Nein. Zumindest diejenigen unter uns nicht, die nicht gelernt haben, mit ihren Händen zu arbeiten.

(Ich würde dann bei Gelegenheit auch mal wieder aufhören, mich um mich selbst zu drehen. Versprochen.)