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Freemium, Postjournalismus und die Medienmenschen

Gunnar Bender hat seinen Wechsel vom Medienkonzern Bertelsmann als freier Berater zur FDP mit einem spannenden Posting begründet, in dem auch folgender Satz steht. Bender argumentiert, er verlasse die Medienbranche nicht, selbst wenn das auf den ersten Blick so aussehe:

Denn meiner Meinung nach ist heute jeder im Mediengeschäft – jeder Unternehmer, jeder Kunde, jeder Politiker, jeder Wähler, jeder Lehrer, jeder Schüler, ja letztlich jeder Einzelne.

Genau über diesen Zusammenhang habe ich in den vergangenen Tagen viel nachgedacht – motiviert unter anderem durch Chris Andersons „Freemium“ und das, was Verlage daraus möglicherweise machen – sowie das Postjournalismus-Posting von Michel Reimon. Gestern nun auf dem Rennrad haben sich wie von selbst die Gedanken zusammengefügt, und ich bin sicher, hätte ich sie aufschreiben können, sie wären zu einem brillanten Posting geworden. Aber so gibt es wieder nur die gewohnte Flughöhe.

Also: Jeder ist im Mediengeschäft. Jeder Einzelne, jedes Unternehmen, jede Institution, jeder Politiker. Auf den ersten Blick bedeutet das eine neue Form der Gleichheit. Ein Blog zu starten oder auf Twitter zu publizieren zu beginnen, ist in etwa so schwierig, wie sich eine neue E-Mail-Adresse zuzulegen. Bei Google sind eh alle gleich. Und auch der Rest, das Handwerk ist kein Hexenwerk. Das werden wir alle viele von uns lernen. Schließlich haben wir auch gelernt mit E-Mails umzugehen, Reisen zu buchen und Bücher zu kaufen. (Vor einigen Wochen hatte ich ein Déjà-vu, in meinem Postfach landete doch tatsächlich ein Hoax. So etwas hatte ich jahrelang nicht erlebt.)

Nun ist es so, dass ich den Gedanken, dass jeder im Mediengeschäft ist, nicht zum ersten Mal höre. Kombiniere ich ihn mit Andersons „Freemium“, bringt er mich dennoch neu zum Nachdenken. Der einfache Grund: Wenn Unternehmen, Institutionen und Parteien verstehen, dass sie es selbst sind, die publizieren können, dann wird es für Medien noch ein bisschen schwerer Erlösmodelle jenseits von Werbung zu finden. Ich versuche den Gedanken mal in ein Beispiel zu pressen.

Nehmen einen deutschen Maschinenbauer, eines dieser typisch deutschen Unternehmen aus dem Rückgrad der Wirtschaft, so ein groß gewordener Mittelständler, der Maschinen anbietet, die sonst keiner bauen kann. Dieser nicht ganz kleine, aber weitgehend unbekannte Weltmarktführer aus der deutschen Provinz merkt plötzlich, dass auch er ein Publizist ist. Denn im Unternehmen gibt es Wissen, das es (fast) nur dort gibt. Vieles kann unser Unternehmen preisgeben, weil es eben nicht die Coca-Cola-Formel ist. Das hat es auch getan, nur hat kaum jemand zugehört. Nur dieser eine Redakteur dieses Fachmagazins zum Maschinen- und Anlagenbau, der wollte alle Informationen – am liebsten vorab.

Sobald unser Beispiel-Weltmarktführer sein Wissen mit dem Internet zusammenbringt, verliert der Redakteur seine Bedeutung. Natürlich darf er weiter über die Maschinen des Unternehmens schreiben. Doch das Netz wird schnell zur wichtigsten Plattform für die Publikationen aus dem Hause Maschinenschrauber. Ingenieure, die nach Begriffen googeln, die zu Maschinen passen, die das Unternehmen herstellt, landen auf der Website. Dort finden sie alles hübsch erklärt – Berichte von Anwendern inklusive. Natürlich sind diese Berichte kein Journalismus, nur ein – gut gemachtes – Imitat von Medienberichten. Geschrieben hat sie eine kleine PR-Agentur am Rande der großen Stadt. Kein Journalismus und doch gefährlich für Medien.

An dieser Stelle rühren wir Andersons „Freemium“ in die Gedankensuppe. Das „Wall Street Journal“ macht es vor, Rupert Murdoch will, dass alle Medien aus seinem Imperium nachziehen und auch einige Medienmenschen in Deutschland hoffen auf: Bezahlinhalte (der Medienmanager sagt lieber Paid Content). Das „Freemium“-Modell – für Medien grob erklärt: Nachrichten und alles, was es sonst noch an jeder Ecke im Netz gibt, bleiben kostenlos, für spezielle Inhalte muss der Nutzer zahlen. So weit, so einfach. Was aber heißt das für unser Gedankenspiel?

Die Inhalte des eben erfundenen Fachmagazins fallen in die Kategorie Bezahlinhalte. Denn das, was der Redakteur für das Blatt aufschreibt, interessiert in Deutschland gerade ein paar Hundert Ingenieure. Und die zahlen auch dann sicher gern, wenn die Texte nur über den Umweg des Kassenhäuschens zu haben sind. In der Rechnung taucht jedoch unser Weltmarktführer noch nicht auf. Der hat doch auch alle Informationen – im Kleid des Journalismus-Imitats – im Netz stehen. Nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch und Chinesisch versteht sich. Wie wird sich der Ingenieur am anderen Ende der Datenleitung entscheiden? Wie wird er sich entscheiden, wenn nicht nur unser Weltmarktführer, sondern auch der Konkurrent, Journalismus imitieren lässt?

Meine Prognose: Wenn das Fachmagazin einen guten Ruf hat und die Informationen im Netz frei zugänglich sind, dann wird es – mindestens auch – zur Kenntnis genommen. Sobald es ein Kassenhäuschen aufstellt, minimiert es seine Chancen, wahrgenommen zu werden.

Paid Content funktioniert. Sicher. Die Stiftung Warentest ist der lebende Beweis. Das Modell ist nur ebenso wie das Modell „Wall Street Journal“ nur schwer kopierbar. Im Moment habe ich das Gefühl, das derjenige gewinnt, der den längsten Atem hat, seine Türen offen zu halten. Aber das ist eben auch nicht mehr, wieder nur eine dieser Anekdoten. Und über Inhalte auf dem Telefon sagt es auch noch nicht so viel. Vermutlich.

Kaiser Konken oder die Selbstherrlichkeit im DJV-Bundesverband

Der DJV ist ein seltsames Gebilde. Da äußert sich sein Vorstandschef Michael Konken zum Internet – und reist nach dem Diktat der Pressemitteilung in den Urlaub (oder er war schon im Urlaub und hat äußern lassen oder wurde geäußert, die Darstellungen gehen wild durcheinander). Auf meinen offenen Brief, der in erster Linie ein Hilferuf war und die einzige Möglichkeit für mich, nicht sofort aus dem Verband auszutreten, antwortet seine Stellvertreterin Ulrike Kaiser – und da der DJV kein Medium, also so etwas wie ein Blog zum Beispiel, besitzt, in dem er als Verband reagieren könnte, übernehme ich hilfsweise die Veröffentlichung. Derweil läuft in Blogs und über Twitter eine Diskussion, die die Herrschaften im Bundesvorstand vermutlich nicht einmal mitbekommen.

So weit, so schlecht. Inzwischen wird klar, dass die öffentliche Diskussion über den DJV nur ein Tel der Debatte ist. Auch intern wird sie geführt. Leider nur haben die Leute, die die offizielle Position des Verbandes betrifft, also zum Beispiel im Verband aktive Onliner, nicht das Gefühl, dass sie von ihren gewählten Vertretern gehört werden (wie bereits gezeigt). Und die Verzweiflung ist größer als ich dachte. Anders ist es nicht zu erklären, dass Albrecht Ude seinen Kollegen im Fachausschuss Online gestattet, seine Analyse der Situation im Verband über die interne Mailingliste hinaus bekannt zu machen – und dass dies dann auch tatsächlich geschieht. Bei mir zum Beispiel ist sein Schreiben gelandet. Auch das ist nichts anderes, als ein verzweifelter Hilferuf von Kollegen, die Energie haben, die sich engagieren, die kompetent sind, doch die der Bundesvorstand ignoriert – und das nicht erst seit gestern.

In der E-Mail zeichnet Albrecht ein desolates Bild der internen Strukturen und der Arbeitsweise des DJV. Er bemängelt, dass weder der Fachausschuss Online, noch der Vorsitzende Thomas Mrazek konsultiert worden sind, bevor Michael Konken sich (ein weiteres Mal) zum Internet geäußert hat (Thomas hatte das ja auch bereits kritisiert). Das Urteil von Albrecht:

„Ich moechte ganz deutlich sagen, dass ich das fuer SATZUNGSWIDRIG halte.“

In der Satzung steht nämlich:

„Die Fachausschüsse haben die Aufgabe, die Organe des DJV in fachlichen Fragen zu beraten und deren Beschlussfassung vorzubereiten.“ (Quelle)

Weiterhin kommt Albrecht zu dem Schluss, dass die Belange gerade freier Journalisten mit der Pressemitteilung mit Füßen getreten werden. Schließlich verbrüdert sich die Gewerkschaft DJV mit den Arbeitgebern, vergisst aber das Thema Urheberrecht zu erwähnen. Albrechts Erkenntnis: Es wird in Zukunft viel schwerer für den Verband, gegen Verträge vorzugehen, die freien Kollegen die gesamten Nutzungsrechte ihrer Werke für ein Honorar abnehmen.

Außerdem kritisiert Albrecht die Entstehung und Veröffentlichung der Pressemeldung. Dass der Fachausschuss nicht gehört wurde, ist wohl nur Teil des Problems.

„Zum einen ist das fachlich kompetente Gremium nicht konsultiert worden, wie es die Satzung vorschreibt. Zweitens ist fraglich, auf wessen Initiative diese PM entstand und wer vor Veroeffentlichung dazu gefragt wurde bzw. davon wusste. Salopp gefragt: Auf wessen Mist ist das gewachsen? Ich habe diese Frage gestellt. Beantwortet wurde sie bislang nicht, auch das ist bezeichnend.“

Und so geht es munter weiter:

„Jetzt haben wir a) eine externe Diskussion ueber den DJV in verschiedenen Weblogs stattfindet, an der sich der DJV eigentlich nicht beteiligt (Ausnahme: Frau Kaiser und Thomas Mrazeks Replik); b) keine interne Diskussion! Weder findet eine Diskussion um die Willensbildung statt, noch kann ich erkennen, dass die offensichtliche Fehlleistung dieser PM analysiert wird.“

Albrechts Schlussfolgerung:

„Es ist offensichtlich, dass seitens Angehoeriger der Bundesgeschaeftsstelle Positionen vertreten und veroeffentlich werden, die niemals mit den Mitgliedern oder uns als deren gewaehlten Vertretern abgestimmt wurden.“

Und:

„Die PM ist falsch, dumm, und die Interessen von Journalisten werden dadurch nicht vertreten. Im Resultat haben wir jetzt ein Desaster, denn der DJV (und namentlich Herr Konken) steht als bescheuert da. Mitglieder treten aus.“

Wir fassen zusammen:

Irgend jemand aus dem DJV will sich mit Politik und Verlegern gegen Google verbünden. Laut Pressemitteilung ist dieser jemand DJV-Chef Michael Konken; ob er wirklich Urheber seiner eigenen Zitate ist, wissen nicht einmal Leute, die sich auf Bundesebene im Verband engagieren.

Der DJV kann Pressemitteilungen veröffentlichen, an der damit angezettelten öffentlichen Debatte vermag er nicht teilzunehmen; nur Einzelnen gelingt das mithilfe von (sonst gerne gehassten) Bloggern und Kommentarfunktionen in (sonst gerne gehassten) Blogs.

Ups, mir war nicht klar, dass es so schlimm steht um den DJV.

Ein Schlusswort: Ganz ehrlich, es war nie mein Ziel, dieses Blog (und auch nicht mich selbst) zum Teil einer Verbandsdiskussion zu machen. Deshalb habe ich ein Angebot abgelehnt, die Erwiderung eines Landesverbandes auf Ulrike Kaiser an dieser Stelle zu veröffentlichen. Liebe Kollegen, ein Blog einzurichten ist in etwa so schwer, wie sich bei einem beliebigen Anbieter eine neue E-Mail-Adresse zu holen. Es gibt Unternehmen, die stellen die gesamte Infrastruktur zur Verfügung, so dass man wirklich nur noch schreiben muss, um ins Internet schreiben mit diskutieren zu können.

Dieses Wissen ist jedoch im DJV noch nicht angekommen. Wie sonst ist es zu erklären, dass der brandenburgische DJV-Vorstand Klaus Minhardt zwar Position bezieht, das aber in einem Kommentar auf Netzpolitik.org tut? Da darauf natürlich keiner kaum jemand kommen kann, weist er per Tweet auf den Text hin – und verlinkt direkt auf den Kommentar (dass die Tweets des DJV-Brandenburg nur drei Dutzend Menschen oder Maschinen verfolgen, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt). Nun ja, immerhin ist der DJV-Bandenburg der einzige Landesverband, der twittert (Hamburg hat das im vergangenen Jahr mal versucht, aber bald wieder aufgegeben).

Nachtrag: Erst jetzt gesehen, dass die Redaktion der Freien Infos, eine Art DJV-Blog für freie Journalisten, die Diskussion über den Verband auf der eigenen Site vor zehn Tagen abgewürgt und die Kollegen stattdessen hierher verweisen hat:

„So, alle Argumente sind ausgetauscht, es wird ermüdend. Dann werden wir wohl den Freien empfehlen dürfen, Google-Aktien zu kaufen. Auch gut. Vorschlag: Bei Björn Sievers kann man ja weiterdiskutieren. Das wäre hier: http://bjoern-sievers.de/2009/07/23/djv-antwortet-auf-offenen-brief/ Danke für die schöne Diskussion, die insgesamt interessant war.“

So kann man das natürlich auch nicht machen. (Danke für den Hinweis, Giesbert.)

Medien? Done! Einige zumindest.

Chris Anderson ist der Mann, der den Long Tail erfand, und er ist der Autor von „Free“, einem Buch das beschreibt, wie kostenlos als Geschäftsmodell funktionieren kann (die Basics gibt es hier). Außerdem er ist Chefredaketeur eines Holzmediums: des Zukunftsmagazins „Wired“ (von dem es auch eine Internetversion gibt, mit Inhalten, die für den Nutzer kostenlos sind). Als Autor und Redakteur produziert er also eine Menge Gedrucktes. Ansonsten sind seine Ansichten … manche würden sagen radikal … andere halten realistisch für das richtige Adjektiv.

In einem „Spiegel“-Interview erklärt Anderson die Begriffe „Medien“, „Journalismus“ und „Nachrichten“ für tot:

„I don’t use the word journalism. (…) Sorry, I don’t use the word media. I don’t use the word news. I don’t think that those words mean anything anymore.“

Und Anderson sagt, wie er sich informiert. Zeitungen spielen da keine Rolle. Auf die Frage, die Neuigkeiten ihn errreichen sagt er:

„It comes to me in many ways: via Twitter, it shows up in my inbox, it shows up in my RSS feed, through conversations. I don’t go out looking for it.“

Wenn man das nicht für totalen Quatsch hält, dann muss man zu der Erkenntnis gelangen, dass wir erst ganz am Anfang eines sehr, sehr umfassenden Medienwandels stehen. Unweigerlich muss man eben genau dorthin gelangen.

Bei mir hat sich Twitter vor einigen Monaten vor den RSS-Reader geschoben. Und der stand lange auf der Eins. Ups.

Gesammelte Zitate von DJV-Chef Michael Konken

Nun habe ich zwar nicht jedes dieser Zitate nachrecherchiert. Doch allein die, die ich noch im Kopf hatte, sind ausreichend erschütternd. (Via Kühlschranknotizen).

Update: Ok, doch noch das böse, böse Google bemüht. Bis aus das Zitat auf Folie 8 alles gefunden.

DJV antwortet auf offenen Brief

In der vergangenen Woche habe ich mich über diese Äußerungen von DJV-Chef Michael Konken aufgeregt und ihm einen offenen Brief geschrieben (zu Kartellrecht und Google hatte ich dann noch ein ausführlicheres Posting verfasst). Seine Stellvertreterin Ulrike Kaiser antwortet nun. Da mir an einer öffentlichen Diskussion liegt, veröffentliche ich ihr Schreiben an dieser Stelle – mit ihrem Einverständnis und zunächst unkommentiert.

Lieber Kollege Sievers,

danke für Ihren Offenen Brief, den Sie an den DJV-Vorsitzenden Michael Konken gerichtet haben. Da dieser in Urlaub ist, möchte ich Ihnen als seine Stellvertreterin antworten und greife damit gerne das Angebot zum Dialog auf.

Was den DJV betrifft, freue ich mich, dass Sie Mitglied sind (und hoffentlich bleiben), weil wir nach meiner festen Überzeugung den argumentativen Diskurs pflegen müssen, der häufig viel zu kurz kommt. Und da sind uns alle willkommen, die sich für den Journalismus, für die Zukunft der Medien, für berufsethische Fragen engagieren und in diesem Sinne äußern.

Zum konkreten Anlass: Auch Sie betonen eingangs die Ausnahmestellung von Google, die für mich weit über die Online-Werbung hinausreicht. Google hat sein erfolgreiches Geschäftsmodell auf der systematischen Auflistung und Verlinkung zu Beiträgen Dritter aufgebaut, für die das Unternehmen keinen Cent bezahlt. In Google News wird dieses Modell aktuell ausgeweitet.

Von diesen Modellen profitieren vordergründig alle: der Konzern selbst unmittelbar durch Werbung, die (Online-) Medien durch publizitäts- und damit werbewirksame Zugriffsraten (welches Medium wollte darauf verzichten?), wir Journalisten – wie die jüngste Studie (M. Machill) ergeben hat – handwerklich in der Recherche (manchmal auch nicht) und die nichtjournalistischen Internet-Nutzer ganz allgemein im Zugang zu weltweitem Wissen. Das alles ist unbestritten. Und der DJV wäre der Letzte, der die Vorzüge von Suchmaschinen im Speziellen und dem Internet im Allgemeinen nicht erkennen und in seine Überlegungen einbeziehen würde. So von Gestern sind wir nun wirklich nicht …

Aber neben den Vorteilen sehen wir Gefahren, auf die auch Sie aufmerksam machen. Die eine besteht darin, dass hier gutes Geld verdient wird, ohne die eigentlichen Urheber am Geschäft zu beteiligen. Die andere besteht in einer Machtballung, deren medien- und gesellschaftspolitischen Folgen erst in Konturen zu erkennen sind; denken Sie nur an die Frage, welche Anbieter und Themen (künftig) berücksichtigt werden, wer das Ranking beeinflusst etc…

Mit beiden Problembereichen muss sich der DJV als Vertreter von journalistischen Urheberinnen/Urhebern und als Verfechter publizistischer Vielfalt befassen. Letztere wird trotz der, von Ihnen zu Recht betonten, allgemeinen Meinungsvielfalt per Netz im professionell-journalistischen Bereich gerade auf lokaler Ebene erheblich eingeschränkt (nicht nur die WAZ mit ihren Einsparungen lässt grüßen). Und wenn der DJV dann – wie im Fall Google – weder durch Selbstkontrolle (die uns immer lieber als gesetzliche Regulierung ist) noch durch tarifliche Vereinbarungen weiterkommt, dann wird ein Gesetzgeber regulierend eingreifen müssen. Wie in der Vergangenheit auch. Ich nenne nur die Stichworte Urheberrecht, Pressefusionskontrolle, Leiharbeit etc. Auf welcher Grundlage arbeiteten sonst Urheberorganisationen wie die GEMA oder die Verwertungsgesellschaften Wort bzw. Bild. Wie sonst wäre es zu einer Kopierabgabe gekommen, von der noch heute Journalistinnen und Journalisten profitieren. Vergleichbares ist auch in Sachen Internet denkbar.

In unserem Rechtsstaat ist – wenn Grundrechte dabei nicht eingeschränkt, sondern im Gegenteil gestützt werden – genau dieser gesetzliche Weg der angemessene und legitime, vor allem, wenn es um weitreichende Strukturveränderungen in der Medienlandschaft geht. Diese ausschließlich dem angeblich freien Spiel der Kräfte zu überlassen wäre nicht im Sinn der demokratischen, kulturellen Funktion von Medien, wie sie nach 1945 bewusst organisiert wurden.

Dass wir dabei das Schlagwort von der „Gratiskultur“ (besser: „Gratis-Unkultur“?) aufgreifen, richtet sich selbstverständlich nicht gegen das Geschäftsmodell von focus online oder anderer Gratis-Angebote im Netz, erst recht nicht gegen Blogger. Wir greifen damit aber die berechtigten Bedenken der Medienmacher/innen auf, die inzwischen selbst problematisieren, ob es der richtige Weg war, den Gratis-Gedanken für professionelle journalistische Arbeit im Internet wie selbstverständlich nachzuvollziehen. Inzwischen scheinen damit Fakten geschaffen worden zu sein, die als beinahe unumstößlich gelten. Aber sind sie es? Das ist die Frage an die Geschäftsmodelle von morgen, von denen dann auch wiederum Journalisten profitieren könnten.

Sie beschreiben das Dilemma der Medien treffend. Auf der einen Seite müssen sie Google den Datenzugang gestatten, um auffindbar zu sein und weltweit Gehör zu finden (das allein ist schon auf die Machtposition von Google zurückzuführen). Auf der anderen Seite wollen sie das nicht gratis erlauben, sondern am Geschäft partizipieren. Kommen wir also noch mal zu den Urheberrechten. Die Urheber sind, wie Sie zu Recht feststellen, die Journalisten. Und die sind von ihren eigenen Auftrag- bzw. Arbeitgebern ziemlich gebeutelt. Denn häufig sollen sie Rechte abtreten, die sie von weiteren Einnahmen aus der Verwertung ausschließen. Das weiß gerade der DJV, und er kämpft auf allen möglichen Gebieten dagegen, individuell durch Rechtsschutz, tariflich, juristisch (die Axel Springer AG oder der „Nordkurier“ können da aktuell Auskunft geben) und auch politisch (wieder Richtung Gesetzgeber übrigens!).

Der DJV weiß, welch schwache Karten Urheber gegenüber ihren Auftrag-/Arbeitgebern haben, wie Urheberrechte mit Füßen getreten, wie freie Journalistinnen und Journalisten mit Billighonoraren abgespeist werden. Deshalb haben wir uns auch (übrigens ausführlich begründet!) so wohlfeilen Verleger-PR-Aktionen wie jüngst zum Leistungsschutzrecht nicht angeschlossen. Der DJV-Bundesvorstand singt zwar überzeugt das Hohe Lied auf die geistigen Leistungen und die Kreativen – aber nicht unbedingt im Chor mit Medienunternehmern, die sich in der Praxis weigern, diese geistigen Leistungen und diese kreativen Freien angemessen zu bezahlen und sie an Weiterverwertung zu beteiligen.

Wir haben allerdings noch Hoffnung auf „gemeinsame Sache“ zwischen Urhebern und Medienunternehmern. Durch Tarifverträge, durch Verwertungsgesellschaften, durch die noch nicht abgeschlossenen Verhandlungen über gemeinsame Vergütungsregeln für Freie. Wenn wir die Hoffnung aufgegeben hätten, dass Urheber und Verleger zu gemeinsamen Lösungen finden könnten (und sei es durch Arbeitskampf oder gesetzlich bewirkt!), könnten wir einpacken. Als Gewerkschaft und als Berufsverband.

Nein, es ist nicht alles schwarz-weiß, weder im DJV noch anderswo. Deshalb, lieber Kollege Sievers: Bleiben Sie dabei, und gestalten Sie mit. Manchmal an Grautönen. Aber auch die sind wichtig in einem stimmigen Medienbild.

Ich freue mich auf weitere Diskussionsbeiträge,

freundliche Grüße

Ulrike Kaiser
Stellvertretende Vorsitzende

Deutscher Journalisten-Verband
Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Zum Thema hat sich (neben vielen anderen) auch Thomas Knüwer geäußert – und seinen Austritt aus dem DJV begründet. Eine muntere Debatte läuft bei Twitter.