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Über das Dilemma der Journalistenausbildung

Vor ein paar Monaten saß ich im kleinen Kreis mit ein paar Kollegen zusammen. Das Institut zur Förderung journalistischen Nachwuchses hatte uns gebeten, miteinander und mit den Studienleitern über die Journalistenausbildung und das Curriculum zu sprechen. Das Ergebnis lautete kurz zusammen gefasst: Handwerk, Handwerk, Handwerk. Denn wer nicht gelernt hat zu recherchieren oder seine Darstellungsformen nicht beherrscht, der kann kein guter Journalist sein. Aber: Reicht das heute noch? Ich fürchte nein.

Das mittelgroße Problem: Alles, was früher in der Journalistenausbildung gut und richtig war, ist auch heute noch wichtig, ja unumgänglich. Doch es kommen noch ein paar Dinge hinzu, die Journalisten heute dringend können oder mindestens verstehen sollten. Die Debatte, die der geschätzte Kollege Matthias Spielkamp vor einigen Tagen mit seinen Thesen zur Journalistenausbildung begonnen hat und die der ebenso geschätzte Kollege Christian Jakubetz mit seinem Buchprojekt weiterführt, ist dringend notwendig.

Das Handwerk steckt in Matthias erster These: “Es geht um Journalismus – nicht Online-Journalismus”. Anders formuliert: Die Plattform hat nichts mit der Qualität des Produkts zu tun. Oder wird ein “Zeit”-Essay anderer Journalismus, nur weil die Kollegen von “Zeit Online” es auch im Netz veröffentlicht haben?

Die vier weiteren Thesen zeigen, dass es mit Handwerk nicht getan ist: Matthias fodert “digital residents” als Ausbilder in den Verlagen, eine produktive “Fehlerkultur”, Freude am Widerspruch des Lesers und die Bereitschaft, von Volontären zu lernen. Marcus Lindemann, ebenso geschätzt, ergänzt in den Kommentaren, auch von den Lesern, Zuschauern, Grafikern, IT-Leuten, Fotografen und Sekretärinnen müssten wir lernen.

Das alles ist richtig. Und doch ist es nur ein Teil des Dilemmas, in dem wir alle stecken – und das auch das Dilemma der Journalistenausbildung ist. Denn die Ausbildung müsste noch so viel mehr vermitteln. Darunter:

Publikationstechniken:

Dereinst – als es noch kein Internet gab – war der Verlag oder Sender dafür zuständig, die Plattform zu stellen. Der Journalist recherchierte, schrieb seinen Text, als Redakteur baute er die Zeitungsseite; im Radio oder im Fernsehen wurde sein Beitrag geschnitten und gesprochen. Die Ressourcen für die Publikation stellte indes die Organisation. Natürlich gibt es dieses Modell nach wie vor, aber wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass es in jedem Fall ewig funktioniert. Und vor allem: Es ist nicht mehr das einzige Modell. Publizität kann jeder herstellen, ein Blog und ein Twitter-Account sind ebenso leicht (und kostenlos) einzurichten wie ein E-Mail-Postfach beim Anbieter der Wahl. Wenn aber jeder publizieren kann, dann wird Publizität zu einer Kulturtechnik. Und die sollten Journalisten unbedingt beherrschen. Sie sollten bloggen, twittern und bei Facebook sein. Wie sollen sie sonst ihren Lesern aus Augenhöhe begegnen?

Kommunikationstechniken:

Dereinst – als es noch kein Internet gab – war die Leserbrief- oder Zuschauer-Redaktion fürs Publikum zuständig, sie war der Rückkanal. Der Redakteur bekam nur das geliefert, was ihn betraf (Unsinn, Beschimpfungen und Niveauloses wurde ausgefiltert). Auch heute gibt es dieses Modell noch, sogar in der Online-Welt. Community-Abteilungen kümmern sich um Leserzuschriften per Mail, in Foren und in Kommentaren, sie filtern, sie veröffentlichen, werfen weg – und sie liefern dem Redakteur sein Päckchen mit Zuschriften, die ihn betreffen. Aber das ist mehr das einzige Modell: Reaktionen auf die eigene Arbeit finden auch auf Blogs und in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook statt. Online-Kommunikation auf den unterschiedlichsten Kanälen ist längst eine Kulturtechnik geworden. Journalisten müssen sie beherrschen, wollen sie ihren Lesern auf Augenhöhe begegnen.

Recherchetechniken (besser bekannt als Datenjournalismus):

Dereinst – als es noch kein Internet gab – ging der Journalist auf eine Pressekonferenz, griff zum Telefon und recherchierte so seine Geschichte, die er anschließend aufschrieb. Auch dieses Modell gibt es heute noch, es ist sogar im Online-Journalismus weit verbreitet. Aber es ist nicht mehr das Einzige. Journalisten, zum Beispiel die Kollegen vom Guardian, spielen mit Daten, visualisieren sie, motivieren ihre Leser, ihnen bei der Recherche zu helfen. Aber Journalisten sind auch auf diesem Spielfeld nicht allein, wie zum Beispiel das Projekt Offener Haushalt zeigt. Journalisten oder besser Redaktionen sollten sich jedoch mit diesen Methoden vertraut machen, sonst werden sie von anderen Akteuren abgehängt.

Das Dilemma der Journalistenausbildung ist: Journalisten sollten Physiker, Biologen, Wirtschaftswissenschaftler, Juristen, Politologen oder Historiker sein, die das traditionelle Handwerk ebenso wie die neuen Kulturtechnik der Medien- und Kommunikationswelt beherrschen. Nur das ist kaum in einer Ausbildung zu vermitteln. Und angewandt widerspricht es dem an sich ja sehr erfolgreichen Prinzip der Arbeitsteilung – gegen das auch nichts spricht, außer der Personalabbau in den Medien.

Der Vollständigkeit halber: Die Folien von Matthias, auch ohne Tonspur aufschlussreich.

Die Zukunft der Medien. Oder: Jeff Jarvis, kritisch gelesen

In den vergangenen Tagen gab es hier und dort (vor allem auf Twitter) einigen Applaus für die Keynote von Jeff Jarvis auf den Medientagen (Jeff, sorry for writing in German, but I know you read quite well). Das ist erstaunlich (auch weil die Medientage schon ein Weilchen vorbei sind; zugleich erklärbar, denn carta hat die Keynote als Transkript veröffentlicht). Nicht weil Jarvis unter seinen Möglichkeiten geblieben wäre, im Gegenteil, er war wie immer prägnant und provozierend. Nur hat er im Kern nichts Neues gesagt. Seine Thesen stehen in seinem Blog, und er hat sie mit „What would Google do“ zwischen zwei Buchdeckeln verewigt.

Wenn also das geneigte Netzpublikum – wieder einmal – applaudiert, was heißt das dann? Denkbar ist, dass Jarvis zwar gehört, aber nicht verstanden wird. Da er jedes Mal brillant klingt, kann man immer erneut begeistert sein, ohne jedoch seine Erkenntnisse in den Medienalltag zu übertragen. Deshalb die Frage: Was sagt er denn eigentlich? Eine Interpretation.

„We had a content economy when we could obviously sell many copies of anything we created. Now we have a link economy, where there is the need for only one copy of anything online.“

In der analogen Welt konnten zum Beispiel Tageszeitungen es sich leisten, ihre Überregionale Berichterstattung vor allem auf Agenturmaterial aufzubauen (viele tu das heute noch). Da der typische Leser nur eine Zeitung liest, fällt ihm nicht auf, dass überall (mehr oder weniger) die gleiche Nachrichtensuppe gereicht wird.

Im Netz sieht das dann so aus:

Jarvis und seine Link-Ökonomie ist also noch nicht angekommen bei den Zeitungen bzw. deren Online-Ablegern. Sie machen im Netz weiter wie bisher. Google ist da anders, denn Google News erkennt – wie andere Aggregatoren auch – Inhalte, die es an vielen Orten im Netz gibt und sortiert diese aus den Ergebnislisten aus:

Denkt man die Link-Ökonomie konsequent weiter, dann müssten alle Online-Medien – als ersten Schritt – ihre dpa-Ticker abschalten und dürften Agenturmaterial allenfalls als Steinbruch für Autorengeschichten verwenden. Kürzungen oder Kündigungen der Agenturverträgen wären die Folge. Nachrichtenagenturen ginge ihr tradiertes Geschäftsmodell verloren. Sie müssten eigene Portale aufbauen und ihre Inhalte an den Endkunden verkaufen – gegen Gebühren oder Werbeeinblendung. Gemeinsam ist Autoren- und Agenturportalen ein Schönheitsfehler: Es gibt kein Finanzierungsmodell. Der Werbekuchen jedenfalls dürfte zu klein sein. Und Bezahlinhalte funktionieren bisher nur bei Fachinformationen.

Mit den Bezahlschranken sind wir auch wieder bei Jarvis angekommen, der aus der Link-Ökonomie ein paar Schlüsse zieht, unter anderem diesen:

„The first is that you have to have your content open to the world. If you’re not searchable, you will not be found. So talk of going behind pay walls I think is dangerous because you potentially lose audience, you lose discovery. And you have unlimited competitors out there that will be free.“

Die Botschaft ist eindeutig: Lass die Schranke herunter und Du bist tot. Ob das auch für Inhalte auf dem Handy gilt? Ich vermute, dass das so ist. In Deutschland läuft die Diskussion allerdings in die entgegengesetzte Richtung (als Pars pro toto sei WAZ-Chef Bodo Hombach an dieser Stelle angeführt).

Die Notwendigkeit, die Nachrichtenticker abzuschalten, präzisiert Jarvis mit seinem – fast schon zum Mantra gewordenen – Rat:

„Do what you do best and link the rest.“

Gemeint ist damit nichts anders als: radikale Spezialisierung. Brauchte in der analogen Medienwelt noch jede Zeitung Kinokritiken, so reichen heute ein paar Kinoportale aus. Und braucht es wirklich von 190 (so viele Verlage und Sender sind Gesellschafter der dpa) und mehr Medien Leitartikel oder Kommentare zur Politik in Berlin? Jeden Tag? In der Link-Ökonomie reichen vermutlich ein paar Dutzend, um Pluralität zu gewährleisten. Denn es kann ja jeder, der will, seine Meinung ins Internet schreiben. In einer Link- und (wir kommen zum übernächsten Jarvis-Argument) Stream-Ökonomie hat sogar jeder (fast) die gleiche Chance, Gehör zu finden. Große Medienmarken haben auf Twitter und Facebook kein Abo für die Link-Verbreitung. In einer Stream-Ökonomie wird jede Geschichte zur „Bild“-Zeitung, die sich ja auch jeden Tag am Kiosk aufs neue verkaufen muss (nur dass es in sozialen Medien nicht einmal die Gewohnheit gibt, jeden Tag Links von diesem oder jenem Medium zu verbreiten.

Ok, das klingt erst Mal aussichtslos. Doch das ist es nicht, sagt Jarvis. In den USA funktioniert auch jenseits der „Huffington Post“ einiges, zum Beispiel lokale Berichterstattung:

„We found that hyperlocal sites, sites covering a small town – fifty thousand people – were bringing in between $ 100.000 and $ 200.000 advertising revenue.“

Auch in Deutschland gibt es erste Versuche in diese Richtung, etwa Hardy Prothmann mit seinem Heddesheimblog und fussball-passau.de. Ob sich diese Modelle tragen: offen.

Folgen wir Jarvis, dann ist das Heddesheimblog die Zukunft:

„(…) we have to rethink what we are as media companies and that is very hard, because the future is a bunch of very small companies. And we have used to be very big. And I am not sure if it’s possible to go from big to small. It’s very painful. There’s a lot of jobs lost in that process.“

Zu sehen ist davon in Deutschland bisher kaum etwas. Nur eine handvoll Sites. Nun ja, und die Entlassungen bei der WAZ, die sind natürlich schon real.

Als wäre das alles noch nicht schlimm genug, die Medien haben noch ein weiteres Problem, sie ächzen unter der ganzen neuen Konkurrenz:

„I don’t know what the numbers are for sites in Germany, but in the U.S. most news sites get about 12 page views per user per month. That is criminally low. Facebook gets 12 page views per user per day.“

Jarvis vergleicht damit natürlich Äpfel und Birnen. In der analogen Welt hat ja auch keiner gefragt, wie viel Zeit die Menschen mit ihrer Zeitung und anderen Arten von Papier verbracht haben. Und dennoch ist es Teil des Problems. Denn wenn es Medien nicht schaffen, die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen, dann haben sie verloren. Wer grad bei Facebook chattet, der liest keine Nachrichten (also allenfalls die, auf die ihn gerade seine Freunde hinweisen).

Auch die Produktionsmethoden von Journalismus haben, folgt man Jarvis, ihr Verfallsdatum bereits überschritten. Als Grund nennt er die hohe Aufmerksamkeit, die Social-Media-Sites wie Facebook bekommen:

„We really are about process. Journalism and news is a process that doesn’t begin and that doesn’t end. When you think like that, I think you open up your world to collaboration.“

Das klitzekleine Problem: Journalisten (die meisten jedenfalls) sind bisher als Einzelkämpfer bekannt. Allenfalls bei den wirklich großen Medien entstehen Texte in Zusammenarbeit. Auch diese Teams sind jedoch noch sehr weit weg von der Zusammenarbeit, die Jarvis meint: Er sieht den ganzen Journalismus als Prozess. Journalisten machen in beta. Kaum vorstellbar. Im Perfektionsland Deutschland noch ein bisschen weniger.

So, das sind die Dinge, die mir in Jarvis Keynote aufgefallen sind. Alles in allem sind wir von der Vision des ständigen Deutschlandreisenden Jeff Jarvis noch sehr weit entfernt. Und: Es ist nur eine Vision. Für die meisten Argumente fehlt der Beweis, dass die Mechanismen wirklich funktionieren, vor allem der ökonomische Beweis fehlt. Den wird uns die Geschichte liefern.

Das wäre die ganze Keynote:

Jeff Jarvis: „Google is not an enemy, Google is a model“ from Carta on Vimeo.

Kaiser Konken oder die Selbstherrlichkeit im DJV-Bundesverband

Der DJV ist ein seltsames Gebilde. Da äußert sich sein Vorstandschef Michael Konken zum Internet – und reist nach dem Diktat der Pressemitteilung in den Urlaub (oder er war schon im Urlaub und hat äußern lassen oder wurde geäußert, die Darstellungen gehen wild durcheinander). Auf meinen offenen Brief, der in erster Linie ein Hilferuf war und die einzige Möglichkeit für mich, nicht sofort aus dem Verband auszutreten, antwortet seine Stellvertreterin Ulrike Kaiser – und da der DJV kein Medium, also so etwas wie ein Blog zum Beispiel, besitzt, in dem er als Verband reagieren könnte, übernehme ich hilfsweise die Veröffentlichung. Derweil läuft in Blogs und über Twitter eine Diskussion, die die Herrschaften im Bundesvorstand vermutlich nicht einmal mitbekommen.

So weit, so schlecht. Inzwischen wird klar, dass die öffentliche Diskussion über den DJV nur ein Tel der Debatte ist. Auch intern wird sie geführt. Leider nur haben die Leute, die die offizielle Position des Verbandes betrifft, also zum Beispiel im Verband aktive Onliner, nicht das Gefühl, dass sie von ihren gewählten Vertretern gehört werden (wie bereits gezeigt). Und die Verzweiflung ist größer als ich dachte. Anders ist es nicht zu erklären, dass Albrecht Ude seinen Kollegen im Fachausschuss Online gestattet, seine Analyse der Situation im Verband über die interne Mailingliste hinaus bekannt zu machen – und dass dies dann auch tatsächlich geschieht. Bei mir zum Beispiel ist sein Schreiben gelandet. Auch das ist nichts anderes, als ein verzweifelter Hilferuf von Kollegen, die Energie haben, die sich engagieren, die kompetent sind, doch die der Bundesvorstand ignoriert – und das nicht erst seit gestern.

In der E-Mail zeichnet Albrecht ein desolates Bild der internen Strukturen und der Arbeitsweise des DJV. Er bemängelt, dass weder der Fachausschuss Online, noch der Vorsitzende Thomas Mrazek konsultiert worden sind, bevor Michael Konken sich (ein weiteres Mal) zum Internet geäußert hat (Thomas hatte das ja auch bereits kritisiert). Das Urteil von Albrecht:

„Ich moechte ganz deutlich sagen, dass ich das fuer SATZUNGSWIDRIG halte.“

In der Satzung steht nämlich:

„Die Fachausschüsse haben die Aufgabe, die Organe des DJV in fachlichen Fragen zu beraten und deren Beschlussfassung vorzubereiten.“ (Quelle)

Weiterhin kommt Albrecht zu dem Schluss, dass die Belange gerade freier Journalisten mit der Pressemitteilung mit Füßen getreten werden. Schließlich verbrüdert sich die Gewerkschaft DJV mit den Arbeitgebern, vergisst aber das Thema Urheberrecht zu erwähnen. Albrechts Erkenntnis: Es wird in Zukunft viel schwerer für den Verband, gegen Verträge vorzugehen, die freien Kollegen die gesamten Nutzungsrechte ihrer Werke für ein Honorar abnehmen.

Außerdem kritisiert Albrecht die Entstehung und Veröffentlichung der Pressemeldung. Dass der Fachausschuss nicht gehört wurde, ist wohl nur Teil des Problems.

„Zum einen ist das fachlich kompetente Gremium nicht konsultiert worden, wie es die Satzung vorschreibt. Zweitens ist fraglich, auf wessen Initiative diese PM entstand und wer vor Veroeffentlichung dazu gefragt wurde bzw. davon wusste. Salopp gefragt: Auf wessen Mist ist das gewachsen? Ich habe diese Frage gestellt. Beantwortet wurde sie bislang nicht, auch das ist bezeichnend.“

Und so geht es munter weiter:

„Jetzt haben wir a) eine externe Diskussion ueber den DJV in verschiedenen Weblogs stattfindet, an der sich der DJV eigentlich nicht beteiligt (Ausnahme: Frau Kaiser und Thomas Mrazeks Replik); b) keine interne Diskussion! Weder findet eine Diskussion um die Willensbildung statt, noch kann ich erkennen, dass die offensichtliche Fehlleistung dieser PM analysiert wird.“

Albrechts Schlussfolgerung:

„Es ist offensichtlich, dass seitens Angehoeriger der Bundesgeschaeftsstelle Positionen vertreten und veroeffentlich werden, die niemals mit den Mitgliedern oder uns als deren gewaehlten Vertretern abgestimmt wurden.“

Und:

„Die PM ist falsch, dumm, und die Interessen von Journalisten werden dadurch nicht vertreten. Im Resultat haben wir jetzt ein Desaster, denn der DJV (und namentlich Herr Konken) steht als bescheuert da. Mitglieder treten aus.“

Wir fassen zusammen:

Irgend jemand aus dem DJV will sich mit Politik und Verlegern gegen Google verbünden. Laut Pressemitteilung ist dieser jemand DJV-Chef Michael Konken; ob er wirklich Urheber seiner eigenen Zitate ist, wissen nicht einmal Leute, die sich auf Bundesebene im Verband engagieren.

Der DJV kann Pressemitteilungen veröffentlichen, an der damit angezettelten öffentlichen Debatte vermag er nicht teilzunehmen; nur Einzelnen gelingt das mithilfe von (sonst gerne gehassten) Bloggern und Kommentarfunktionen in (sonst gerne gehassten) Blogs.

Ups, mir war nicht klar, dass es so schlimm steht um den DJV.

Ein Schlusswort: Ganz ehrlich, es war nie mein Ziel, dieses Blog (und auch nicht mich selbst) zum Teil einer Verbandsdiskussion zu machen. Deshalb habe ich ein Angebot abgelehnt, die Erwiderung eines Landesverbandes auf Ulrike Kaiser an dieser Stelle zu veröffentlichen. Liebe Kollegen, ein Blog einzurichten ist in etwa so schwer, wie sich bei einem beliebigen Anbieter eine neue E-Mail-Adresse zu holen. Es gibt Unternehmen, die stellen die gesamte Infrastruktur zur Verfügung, so dass man wirklich nur noch schreiben muss, um ins Internet schreiben mit diskutieren zu können.

Dieses Wissen ist jedoch im DJV noch nicht angekommen. Wie sonst ist es zu erklären, dass der brandenburgische DJV-Vorstand Klaus Minhardt zwar Position bezieht, das aber in einem Kommentar auf Netzpolitik.org tut? Da darauf natürlich keiner kaum jemand kommen kann, weist er per Tweet auf den Text hin – und verlinkt direkt auf den Kommentar (dass die Tweets des DJV-Brandenburg nur drei Dutzend Menschen oder Maschinen verfolgen, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt). Nun ja, immerhin ist der DJV-Bandenburg der einzige Landesverband, der twittert (Hamburg hat das im vergangenen Jahr mal versucht, aber bald wieder aufgegeben).

Nachtrag: Erst jetzt gesehen, dass die Redaktion der Freien Infos, eine Art DJV-Blog für freie Journalisten, die Diskussion über den Verband auf der eigenen Site vor zehn Tagen abgewürgt und die Kollegen stattdessen hierher verweisen hat:

„So, alle Argumente sind ausgetauscht, es wird ermüdend. Dann werden wir wohl den Freien empfehlen dürfen, Google-Aktien zu kaufen. Auch gut. Vorschlag: Bei Björn Sievers kann man ja weiterdiskutieren. Das wäre hier: http://bjoern-sievers.de/2009/07/23/djv-antwortet-auf-offenen-brief/ Danke für die schöne Diskussion, die insgesamt interessant war.“

So kann man das natürlich auch nicht machen. (Danke für den Hinweis, Giesbert.)

DJV antwortet auf offenen Brief

In der vergangenen Woche habe ich mich über diese Äußerungen von DJV-Chef Michael Konken aufgeregt und ihm einen offenen Brief geschrieben (zu Kartellrecht und Google hatte ich dann noch ein ausführlicheres Posting verfasst). Seine Stellvertreterin Ulrike Kaiser antwortet nun. Da mir an einer öffentlichen Diskussion liegt, veröffentliche ich ihr Schreiben an dieser Stelle – mit ihrem Einverständnis und zunächst unkommentiert.

Lieber Kollege Sievers,

danke für Ihren Offenen Brief, den Sie an den DJV-Vorsitzenden Michael Konken gerichtet haben. Da dieser in Urlaub ist, möchte ich Ihnen als seine Stellvertreterin antworten und greife damit gerne das Angebot zum Dialog auf.

Was den DJV betrifft, freue ich mich, dass Sie Mitglied sind (und hoffentlich bleiben), weil wir nach meiner festen Überzeugung den argumentativen Diskurs pflegen müssen, der häufig viel zu kurz kommt. Und da sind uns alle willkommen, die sich für den Journalismus, für die Zukunft der Medien, für berufsethische Fragen engagieren und in diesem Sinne äußern.

Zum konkreten Anlass: Auch Sie betonen eingangs die Ausnahmestellung von Google, die für mich weit über die Online-Werbung hinausreicht. Google hat sein erfolgreiches Geschäftsmodell auf der systematischen Auflistung und Verlinkung zu Beiträgen Dritter aufgebaut, für die das Unternehmen keinen Cent bezahlt. In Google News wird dieses Modell aktuell ausgeweitet.

Von diesen Modellen profitieren vordergründig alle: der Konzern selbst unmittelbar durch Werbung, die (Online-) Medien durch publizitäts- und damit werbewirksame Zugriffsraten (welches Medium wollte darauf verzichten?), wir Journalisten – wie die jüngste Studie (M. Machill) ergeben hat – handwerklich in der Recherche (manchmal auch nicht) und die nichtjournalistischen Internet-Nutzer ganz allgemein im Zugang zu weltweitem Wissen. Das alles ist unbestritten. Und der DJV wäre der Letzte, der die Vorzüge von Suchmaschinen im Speziellen und dem Internet im Allgemeinen nicht erkennen und in seine Überlegungen einbeziehen würde. So von Gestern sind wir nun wirklich nicht …

Aber neben den Vorteilen sehen wir Gefahren, auf die auch Sie aufmerksam machen. Die eine besteht darin, dass hier gutes Geld verdient wird, ohne die eigentlichen Urheber am Geschäft zu beteiligen. Die andere besteht in einer Machtballung, deren medien- und gesellschaftspolitischen Folgen erst in Konturen zu erkennen sind; denken Sie nur an die Frage, welche Anbieter und Themen (künftig) berücksichtigt werden, wer das Ranking beeinflusst etc…

Mit beiden Problembereichen muss sich der DJV als Vertreter von journalistischen Urheberinnen/Urhebern und als Verfechter publizistischer Vielfalt befassen. Letztere wird trotz der, von Ihnen zu Recht betonten, allgemeinen Meinungsvielfalt per Netz im professionell-journalistischen Bereich gerade auf lokaler Ebene erheblich eingeschränkt (nicht nur die WAZ mit ihren Einsparungen lässt grüßen). Und wenn der DJV dann – wie im Fall Google – weder durch Selbstkontrolle (die uns immer lieber als gesetzliche Regulierung ist) noch durch tarifliche Vereinbarungen weiterkommt, dann wird ein Gesetzgeber regulierend eingreifen müssen. Wie in der Vergangenheit auch. Ich nenne nur die Stichworte Urheberrecht, Pressefusionskontrolle, Leiharbeit etc. Auf welcher Grundlage arbeiteten sonst Urheberorganisationen wie die GEMA oder die Verwertungsgesellschaften Wort bzw. Bild. Wie sonst wäre es zu einer Kopierabgabe gekommen, von der noch heute Journalistinnen und Journalisten profitieren. Vergleichbares ist auch in Sachen Internet denkbar.

In unserem Rechtsstaat ist – wenn Grundrechte dabei nicht eingeschränkt, sondern im Gegenteil gestützt werden – genau dieser gesetzliche Weg der angemessene und legitime, vor allem, wenn es um weitreichende Strukturveränderungen in der Medienlandschaft geht. Diese ausschließlich dem angeblich freien Spiel der Kräfte zu überlassen wäre nicht im Sinn der demokratischen, kulturellen Funktion von Medien, wie sie nach 1945 bewusst organisiert wurden.

Dass wir dabei das Schlagwort von der „Gratiskultur“ (besser: „Gratis-Unkultur“?) aufgreifen, richtet sich selbstverständlich nicht gegen das Geschäftsmodell von focus online oder anderer Gratis-Angebote im Netz, erst recht nicht gegen Blogger. Wir greifen damit aber die berechtigten Bedenken der Medienmacher/innen auf, die inzwischen selbst problematisieren, ob es der richtige Weg war, den Gratis-Gedanken für professionelle journalistische Arbeit im Internet wie selbstverständlich nachzuvollziehen. Inzwischen scheinen damit Fakten geschaffen worden zu sein, die als beinahe unumstößlich gelten. Aber sind sie es? Das ist die Frage an die Geschäftsmodelle von morgen, von denen dann auch wiederum Journalisten profitieren könnten.

Sie beschreiben das Dilemma der Medien treffend. Auf der einen Seite müssen sie Google den Datenzugang gestatten, um auffindbar zu sein und weltweit Gehör zu finden (das allein ist schon auf die Machtposition von Google zurückzuführen). Auf der anderen Seite wollen sie das nicht gratis erlauben, sondern am Geschäft partizipieren. Kommen wir also noch mal zu den Urheberrechten. Die Urheber sind, wie Sie zu Recht feststellen, die Journalisten. Und die sind von ihren eigenen Auftrag- bzw. Arbeitgebern ziemlich gebeutelt. Denn häufig sollen sie Rechte abtreten, die sie von weiteren Einnahmen aus der Verwertung ausschließen. Das weiß gerade der DJV, und er kämpft auf allen möglichen Gebieten dagegen, individuell durch Rechtsschutz, tariflich, juristisch (die Axel Springer AG oder der „Nordkurier“ können da aktuell Auskunft geben) und auch politisch (wieder Richtung Gesetzgeber übrigens!).

Der DJV weiß, welch schwache Karten Urheber gegenüber ihren Auftrag-/Arbeitgebern haben, wie Urheberrechte mit Füßen getreten, wie freie Journalistinnen und Journalisten mit Billighonoraren abgespeist werden. Deshalb haben wir uns auch (übrigens ausführlich begründet!) so wohlfeilen Verleger-PR-Aktionen wie jüngst zum Leistungsschutzrecht nicht angeschlossen. Der DJV-Bundesvorstand singt zwar überzeugt das Hohe Lied auf die geistigen Leistungen und die Kreativen – aber nicht unbedingt im Chor mit Medienunternehmern, die sich in der Praxis weigern, diese geistigen Leistungen und diese kreativen Freien angemessen zu bezahlen und sie an Weiterverwertung zu beteiligen.

Wir haben allerdings noch Hoffnung auf „gemeinsame Sache“ zwischen Urhebern und Medienunternehmern. Durch Tarifverträge, durch Verwertungsgesellschaften, durch die noch nicht abgeschlossenen Verhandlungen über gemeinsame Vergütungsregeln für Freie. Wenn wir die Hoffnung aufgegeben hätten, dass Urheber und Verleger zu gemeinsamen Lösungen finden könnten (und sei es durch Arbeitskampf oder gesetzlich bewirkt!), könnten wir einpacken. Als Gewerkschaft und als Berufsverband.

Nein, es ist nicht alles schwarz-weiß, weder im DJV noch anderswo. Deshalb, lieber Kollege Sievers: Bleiben Sie dabei, und gestalten Sie mit. Manchmal an Grautönen. Aber auch die sind wichtig in einem stimmigen Medienbild.

Ich freue mich auf weitere Diskussionsbeiträge,

freundliche Grüße

Ulrike Kaiser
Stellvertretende Vorsitzende

Deutscher Journalisten-Verband
Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Zum Thema hat sich (neben vielen anderen) auch Thomas Knüwer geäußert – und seinen Austritt aus dem DJV begründet. Eine muntere Debatte läuft bei Twitter.

Der Mohr erklärt nicht nur Twitter

Fabian Mohr schreibt auf ZEIT ONLINE drei Sätze, die sich hervorragend als Textblock eignen, um neun von zehn Twitter-Geschichten in deutschen Mainstream-Medien zu kommentieren (ist ja inzwischen langweilig, immer dagegen zu halten):

„Journalisten neigen dazu, neue technologische Entwicklungen daran zu messen, was sie bereits kennen. Ein gesunder Reflex. Nur haben die Medien traditioneller Prägung, in denen sie sich zu Hause fühlen, bislang mit Blogs, Twitter oder Facebook bestenfalls am Rande zu tun.“

Dass der Mohrsche Text auch jenseits dieser Sätze höchst lesenswert ist, versteht sich von selbst. Noch eine Kostprobe:

„Als Berichtsgebiet ist das Internet nicht nur ähnlich komplex wie die Finanzkrise oder das Thema Afghanistan – in der Lebenswirklichkeit vieler Menschen, die ihr Geld in Berufen verdienen, die es vor 15 Jahren noch nicht gab, hat das Internet auch eine ähnlich hohe Relevanz.“

Also, lesen!