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Waschmaschinen zu Computern, Computer zu Waschmaschinen

Damals, das ist schon ein bisschen länger her, da bediente man eine Waschmaschine noch per Hand. Also zum Beispiel die Rührflügelmaschine von Jacob Christian Gottlieb Schäffern (1767) oder die erste Trommelwaschmaschine von Hamilton Smirt (1858). Irgendwann kam dann die Elektrizität in die Maschine (1901) und die Dinger begannen sich von selbst zu drehen. Die erste vollautomatische Waschmaschine (1946) war dann irgendwie ein logischer Schritt. Und seither waschen wir unsere Hemden und Hosen mit kleinen Computern. Die Maschinen spulen ihre Programme ab (die in meinem Haushalt nimmt diese noch von Lochstreifen und knackt dabei auf ihre ganze eigene Weise).

Mit der Waschmaschine ist es heute wie mit dem Auto der Jetztzeit: vollgestopft mit Elektronik. Und mit Software. In einschlägigen Foren in diesem Internet wurden deshalb auch schon Einträge wie dieser gesichtet: „Weiss jemand wie man die Software der Waschmaschine überprüfen kann, bzw. wie man sie updaten kann?“ Nein, weiß ich leider nicht. Und ehrlich gesagt, würde ich nicht versuchen. Beim Auto fiele mir das ja auch nicht ein. Ich will, dass es fährt, wenn es soll, und vor allem will ich, dass es bremst, wenn ich will. Funktioniert die Elektrik im Auto mal nicht wie sie sollte, dann gibt es ein Riesengeschrei zu Recht.

Mit Computern, zumindest mit den Mehrheitsrechnern, war das jahrzehntelang anders. Ein großer Softwarehersteller ließ gerne mal die Beta-Version seines Betriebssystems auf die Verbraucher los. Die konnten sich (kaum) nicht wehren, wir hatten ja (kaum etwas) nichts anderes. Irgendwann ist den Damen und Herren zum Glück die Vista aufgegangen und jetzt geht es wohl einigermaßen (ich höre hier und da, dass das Vor-Vorgänger-System aus dem Jahre Anno-Dazumal jetzt nach und nach aufs Altenteil geschoben wird).

Ja, wir haben gelitten. Aber es war trotzdem eine schöne Zeit. Irgendwie. Die Bastelarbeiten haben uns schließlich so manchen Abend davon abgehalten, uns vor dem Fernseher zu langweilen. Deshalb kann ich es ja verstehen, dass sich einige dort draußen jetzt beschweren, dass damit endgültig Schluss sein soll. Schließlich hat unser aller Steveness gerade das iPad vorgestellt, einen Kleincomputer, den meine ganzen Geek- und Nerd-Kumpels in diesem Twitter jetzt ihren Offline-Eltern schenken wollen. Warum? Weil er (sehr wahrscheinlich) funktioniert. Kein Kabelsalat, keine Tastatur, keine Maus – und keine Software, die seine Steveness nicht für gut und würdig befunden hat.

Das ist – im besten wie im schlechtesten Sinne – das Ende des Computers, wie wir ihn kannten. Wir waren es gewohnt, die Betriebssysteme, die nicht wirklich funktionierten, mit allerlei Programmen (heute sagt man Apps) zu füttern, von denen viele auch nicht richtig funktionierten. All das soll vorbei sein. Und wahrscheinlich können wir nicht mal etwas dagegen tun. Das ist umso ärgerlicher, als dass die Masche, mit der seine Steveness uns auf seine Seite gelockt hat, nicht eben fair war.

Er gab uns das iPhone. Vom ersten Moment an war es so viel schicker, als all die Dinge, die sich die Ingenieure in Finnland und anderswo ausgedacht hatten. Dann öffnete er es sogar noch für Entwickler. Seither sind die Apps das, was dereinst Klingeltöne waren. Nur viel, viel praktischer. Hier und da gab es zwar mal Einwürfe, seine Steveness gebärde sich sehr restriktiv an der Ladentheke und lasse nicht alles in den App-Store, was Mensch programmieren kann. Aber alles in allem gab es keine Grund sich zu beschweren. Mehr als das iPhone kann bis heute kein Taschencomputer.

Und jetzt kommt das iPad. Es sieht nicht nur aus wie ein zu groß geratenes iPhone. Es ist auch noch genauso verschlossen. Die ehemaligen Offline-Eltern werden nicht einfach mit Software aus dem Internet spielen können auf ihrem Weihnachtsgeschenk. Alles, was sie nach Meinung seiner Steveness brauchen, finden sie im App-Store. Dem einen oder anderen schmeckt das nicht (zum Beispiel der Free Software Fundation aus politischen und Adobe aus wirtschaftlichen Gründen). Ich kann das verstehen. Aber ist das schlimm?

Der App-Store für das iPad hat den unschätzbaren Vorteil, dass sich die ehemaligen Offline-Eltern der Geeks und Nerds einfach bedienen können. Angst vor Viren und Trojanern? Quatsch! Abstürzende Programme? Kann sein. Macht aber vermutlich nichts. Und wird nicht von Dauer sein. Der iPad ist eine Waschmaschine mit Internetanschluss. Nichts für Schrauber, weil zu komplex und vor allem zu verschlossen. Perfekt für jeden, der einfach nur seine Wäsche waschen im Netz hin und her surfen will (ja, erst wenn alle auf HTML5 umgesattelt haben, ich weiß).

An dieser Stelle – und ich komme damit auch zum Schluss – betritt ein (nicht so furchtbar populäres) Konzept aus der Wirtschaftswissenschaft die Bühne dieses Blogs: die Konsumentenethik. Die Idee ist mir zum ersten Mal 1998 begegnet, als ich das Vergnügen hatte, die Diplomarbeit meines lieben Freundes Kai kritisch zu würdigen. Extrem verkürzt geht es darum, dass Konsumenten ja auch die Wirtschaft in der Hand haben, nämlich durch ihre Kaufentscheidungen. Voraussetzung: Man gibt ihnen ausreichend Informationen an die Hand, um mündig und gern auch ethisch zu entscheiden).

Zum iPad – das ist ja das Schöne an dieser Welt des Überflusses – gibt es mehr als genug Informationen (und Meinungen) da draußen. Es wird eine Schwemme an Testberichten geben. Dann kann jeder selbst entscheiden, ob das Ding gut (und ethisch) ist oder nicht. Wem das geschlossene System seiner Steveness nicht passt, der kann sich ja einfach einen richtigen Computer kaufen. Die wird es ja auch noch nach April 2010 geben, hört man. Das gilt übrigens auch für den B2B-Bereich: Mal die Musikindustrie fragen wie es ist, wenn man verschläft und plötzlich feststellt, an Apple kommt keiner mehr vorbei.

Zum Schluss eine persönliche Erklärung: Ich habe sie alle gehabt. DOS, Windows (in den Darreichungsformen 3.1, 95, 98, NT, 2000, XP, Vista (3 Tage) und 7), Linux (als Suse, Ubuntu und Moblin (drei Tage)), Mac OS (seit Tiger). Ich liebe Mac OS (privat und als Nutzer), ich liebe Linux (privat und politisch), ich lebe mit Windows (beruflich). Ach ja, ich liebe auch mein iPhone (beruflich und irgendwie auch privat).

(Die kleine Geschichte der Waschmaschine habe ich Wikibedia entliehen.)

Update: Martin macht sich drüben auf seinem posterous benachbarte Gedanken zu unserem und ihrem Web.

Google und die Medien – ein paar Gedanken und Thesen

Am Samstag habe ich das Vergnügen, auf der DJV-Tagung „Besser Online“ mit den Kollegen Albrecht Ude und Lars Reppesgaard sowie dem Suchmaschinenentwickler Wolfgang Sander-Beuermann über Google und die Medien zu diskutieren. Der Titel des Eröffnungspodiums, das Peter Jebsen moderiert: „Google sei bei uns!?“ Ich sammle dann an dieser Stelle schon mal ein paar steile Thesen Argumente.

Die Leitfrage des Panels – so steht es im Programm – lautet: „Ist die von dem Unternehmen (Google, Anm. des Bloggers) bereitgestellte Infrastruktur ein Segen für Onliner oder sollte man Google mit Vorsicht genießen?“ Also los.

Google ist ein Segen für Journalisten

Der Journalist und der Internetnutzer in mir liebt Google. Die Suche ist toll, der E-Mail-Dienst unübertroffen, der Google Reader mein gelebter Traum seit Jahren, Google Docs immer wieder sehr praktisch. Alls in allem kann ich allein mit der Bookmarkverwaltung nichts anfangen, da gibt es mit Delicious wahrlich etwas besseres. Und Flickr hat Google mit Picasa bei weitem nicht erreicht. Ergo: Für vieles, was Journalisten so tun, ist Google praktisch. Die Suche ist ein unverzichtbares Instrument für die Recherche.

Der Bürger in mir ist gleichwohl besorgt. Denn Google sammelt sehr, sehr viele Daten. Und Google sitzt in den USA, meine Daten damit auch. Gleichzeitig ist die US-Regierung (noch stärker als die deutsche) in den vergangenen Jahren immer hungriger nach Daten geworden. Ziehe ich daraus Konsequenzen: nicht wirklich. Ich rede mir ein, dass ich ja von einem Tag auf den anderen die Finger von Google lassen könnte, wohl wissend, dass mir das mit jedem Tag, an dem ich diese wundervollen Dienste nutze, schwerer fiele.

Google ist ein Segen für Online-Medien

Für alle Produzenten von Internetinhalten (also nicht nur für Journalisten) ist Google ein Traum. Dem durchschnittlichen deutschen Nachrichtenportal spült Google zwischen 30 und 60 Prozent der Zugriffe auf die Seite. Würden die Verlage und Sender Google nun ausschließen (was mithilfe der robots.txt auch ohne ausgefeiltere Programmierkenntnisse ziemlich einfach ist), ihre Portale würden deutlich schrumpfen. Weniger Seitenabrufe bedeuten weniger ausgelieferte Werbung, bedeuten weniger Einnahmen, bedeuten weniger Geld für Journalismus, bedeuten kleinere Redaktionen, bedeuten weniger Journalismus.

Und trotzdem führen Medienmanager und Verleger eine rege Debatte über Google. Die Argumentation: Google verdiene mit den Inhalten der Verlage Geld, weil neben den Suchergebnissen Werbung angezeigt wird. Und in der Tat: Google ist eigentlich ein Werbekonzern, der einen ungesund großen Teil des Online-Werbemarktes erobert hat. Einer der jüngeren Beiträge zu diesem Thema kommt von einem Dinosaurier der Branche: Rupert Murdoch – das ist der 78-Jährige, der vom australischen Regionalverleger zum wohl wichtigsten Medienmenschen der Welt wurde und der sich vor einiger Zeit mit dem „Wall Street Journal“ die renommierteste Wirtschaftszeitung mindestens der USA einverleibt hat – möchte Google ausschließen, hat er vor ein paar Tagen gesagt.

Das klingt – auf den ersten Blick – nach ökonomischer Selbstaufgabe und kommt doch nicht überraschend. Schließlich ist Murdoch der Verleger, der mit dem „Wall Street Journal“ ein – nach allem was man so hört – erfolgreiches Paid-Content-Modell sein eigen nennt. Die Wirtschaftszeitung verdient im Internet mit journalistischen Inhalten Geld, und zwar weil die Leser für die Inhalte bezahlen. Leute wie Mathias Döpfner denken deshalb wohl an Murdoch, wenn sie, wie der Springer-Chef vor ein paar Tagen auf dem „Monaco Media Forum“ im Streitgespräch mit US-Blog-Verlegerin Ariana Huffington, vehement Bezahlinhalte auch für ihre eigenen Häuser propagieren.

Auf den zweiten Blick fällt auf, dass Murdoch mit seinem Vorstoß einen Paradigmenwechsel einleiten könnte. Was passiert, wenn Microsoft Murdochs News Corp. dafür bezahlen würde, die Inhalte mit der eigenen Suchmaschine Bing indizieren zu dürfen, der Medienkonzern Google aber ausgeschlossen würde? Das könnte Google in Bedrängnis bringen – und zum Umdenken zwingen, schreibt US-Blogger Michael Arrington, der eine These des Chefs der Suchmaschie Mahalo, Jason Calacanis, aufgreift (Jeff Jarvis ist da anderer Meinung). Möglicherweise hat es schon ein Treffen großer Verlage mit Bing gegeben, um eine gemeinsame Aktion gegen Google vorzubereiten. (Nachzulesen auch bei Holger Schmidt.)

Einen ersten Hinweis auf einen möglichen Paradigmenwechsel im Suchmarkt (wir erinnern uns: Google indexiert, schaltet Werbung neben Suchergebnissen und leitet den Traffic weiter) haben jüngst die Vereinbarungen von Twitter mit Google und Microsoft bzw. Bing geliefert: Twitter wird den Suchmaschinen seine Inhalte zur Verfügung stellen, damit diese sie indizieren können. Und vermutlich zahlen beide Konzerne dafür. Denn die Entwicklung zum Live-Web hat sie in jüngster Vergangenheit ein wenig alt aussehen lassen (alt hier im Sinn von 1998).

Google zerfläddert Journalismus

Google trägt einen erheblichen Anteil daran, dass Medien die Klammer um ihre Inhalte verlieren. Eine Zeitung ist eine solche Klammer um Inhalte (das neue „Handelsblatt“ ist sogar geheftet), das macht den Charme dieses Produkts ja gerade aus. In der frühen Phase der Entwicklung von Medien im Netz haben AOL und Yahoo ihr Geschäftsmodell darauf aufgebaut, dem Nutzer einen Ort zu bauen, an dem er alles findet: seine Mails, seine Freunde, seine Nachrichten. Dieses Modell ist tot (AOL fast vergessen und Yahoo nicht eben in bester Verfassung), und das ist auch eine Folge der Googelisierung unserer Internetnutzung. In jüngster Zeit tragen auch Facebook und Twitter dazu bei.

FOCUS-Online-Chefredakteur Jochen Wegner hat diese Entwicklung vor einiger Zeit in einem Interview mit dem „Kress Report“ so zusammengefasst:

„Die Online-Medien wechseln derzeit in einen neuen Aggregatzustand, sie sind nicht mehr in einer festen Klammer gebunden sondern werden gleichsam flüssig – unsere Inhalte fließen in Einzelteilen durchs Netz, Medienmarken gewinnen damit als Absender eine ganz neue Bedeutung.“

Das hat auch für den Journalismus Konsequenzen: Es zählt nicht mehr das Gesamtprodukt. In einer Zeitung kann ja auch mal ein schwacher Artikel stehen, der schadet nicht unmittelbar dem Gesamtprodukt. Im Netz müssen Medien mit jedem Stück, das dort draußen weitergereicht wird oder über Suchmaschinen zu finden ist, ihr Markenversprechen einlösen.

Die Google-Informationsgesellschaft ist (auch) vorindustriell

Wir lebten einst in einer hochspezialisierten Gesellschaft. Für jede Aufgabe gab es jemanden, der sie erledigte für uns. Und wir bezahlten dafür. Wir haben das Reisebüro dafür bezahlt, uns einen Urlaub zu buchen, den Buchhändler, uns ein Buch zu bestellen – und den Zeitungsverlag dafür, uns Nachrichten und Reportagen zu bündeln, auf Papier zu drucken und dieses zu unserem Briefkasten oder wenigstens unserem Kiosk zu transportieren.

Und heute? Ein Reisebüro habe ich seit mehr als fünf Jahren nicht mehr betreten. Ferienhäuser findet Google für mich, Flug und Mietwagen buche ich auch übers Netz. Auch wenn ich hin und wieder noch in eine Buchhandlung gehe – vor allem in die Kleine ein paar Straßen weiter, weil ich so kleine Buchhandlungen einfach mag -, der größte Teil meines Bücherbudgets landet bei Amazon. Seit Jahren. Mein Verhältnis zu Zeitungen ist ähnlich, wie das zu Buchhandlungen: Ich liebe sie, aber den größten Teil meines Medienbudgets (hier im Sinn von Aufmerksamkeit) schenke ich dem Netz. Twitter, Blogs und all den Dingen, die mein Google Reader für mich zusammenhält. RSS und nicht ein Verlag oder eine Redaktion ist die Klammer meiner kleinen Medienwelt.

Und deshalb ist das Google-Zeitalter auch vorindustriell: Wir machen wieder viel mehr selbst. Das geht sogar soweit, dass Handarbeit sich wieder lohnen kann. Mit dem Netz gibt es einen weltweiten Markt für Nischenprodukte, die es niemals in die Regale von Ladengeschäften schaffen würden.

Google ist eine Chance für Journalismus in der Nische

Journalisten können sich ihre Nische suchen und dort selbst Verleger werden. Das geht schon kostenlos bei einem Bloghoster; und selbst wenn es ein bisschen professioneller aussehen und selbstgehostet sein soll, beläuft sich die Investitionssumme auf weniger als 100 Euro im Jahr (die eigene Arbeitszeit, der Internetanschluss und das Netbook, das wir eh alle haben, nicht mitgerechnet). Für die Distribution der Inhalte sorgt Google. Und Twitter. Und Facebook. Refinanzierungsmodell: Werbung.

Wie das funktionieren kann, erklärt zum Beispiel Sascha Pallenberg, der Macher von netbooknews.de in diesem Video:

Dass das mit einem IT-Thema relativ einfach und mit Reportagen aus Nepal eher schwierig ist, ist einer der Haken, den die Sache noch hat. Doch was sollen wir machen. Google ist. Vor allem die deutschen Internetnutzer wollen fast nur Google. Die pessimistische Sicht lautet: Damit müssen wir leben. Der Optimist denkt: Darauf kann ich aufbauen. Mir ist aufbauen lieber.

Hab ich was vergessen? Bestimmt.

Die Zukunft der Medien. Oder: Jeff Jarvis, kritisch gelesen

In den vergangenen Tagen gab es hier und dort (vor allem auf Twitter) einigen Applaus für die Keynote von Jeff Jarvis auf den Medientagen (Jeff, sorry for writing in German, but I know you read quite well). Das ist erstaunlich (auch weil die Medientage schon ein Weilchen vorbei sind; zugleich erklärbar, denn carta hat die Keynote als Transkript veröffentlicht). Nicht weil Jarvis unter seinen Möglichkeiten geblieben wäre, im Gegenteil, er war wie immer prägnant und provozierend. Nur hat er im Kern nichts Neues gesagt. Seine Thesen stehen in seinem Blog, und er hat sie mit „What would Google do“ zwischen zwei Buchdeckeln verewigt.

Wenn also das geneigte Netzpublikum – wieder einmal – applaudiert, was heißt das dann? Denkbar ist, dass Jarvis zwar gehört, aber nicht verstanden wird. Da er jedes Mal brillant klingt, kann man immer erneut begeistert sein, ohne jedoch seine Erkenntnisse in den Medienalltag zu übertragen. Deshalb die Frage: Was sagt er denn eigentlich? Eine Interpretation.

„We had a content economy when we could obviously sell many copies of anything we created. Now we have a link economy, where there is the need for only one copy of anything online.“

In der analogen Welt konnten zum Beispiel Tageszeitungen es sich leisten, ihre Überregionale Berichterstattung vor allem auf Agenturmaterial aufzubauen (viele tu das heute noch). Da der typische Leser nur eine Zeitung liest, fällt ihm nicht auf, dass überall (mehr oder weniger) die gleiche Nachrichtensuppe gereicht wird.

Im Netz sieht das dann so aus:

Jarvis und seine Link-Ökonomie ist also noch nicht angekommen bei den Zeitungen bzw. deren Online-Ablegern. Sie machen im Netz weiter wie bisher. Google ist da anders, denn Google News erkennt – wie andere Aggregatoren auch – Inhalte, die es an vielen Orten im Netz gibt und sortiert diese aus den Ergebnislisten aus:

Denkt man die Link-Ökonomie konsequent weiter, dann müssten alle Online-Medien – als ersten Schritt – ihre dpa-Ticker abschalten und dürften Agenturmaterial allenfalls als Steinbruch für Autorengeschichten verwenden. Kürzungen oder Kündigungen der Agenturverträgen wären die Folge. Nachrichtenagenturen ginge ihr tradiertes Geschäftsmodell verloren. Sie müssten eigene Portale aufbauen und ihre Inhalte an den Endkunden verkaufen – gegen Gebühren oder Werbeeinblendung. Gemeinsam ist Autoren- und Agenturportalen ein Schönheitsfehler: Es gibt kein Finanzierungsmodell. Der Werbekuchen jedenfalls dürfte zu klein sein. Und Bezahlinhalte funktionieren bisher nur bei Fachinformationen.

Mit den Bezahlschranken sind wir auch wieder bei Jarvis angekommen, der aus der Link-Ökonomie ein paar Schlüsse zieht, unter anderem diesen:

„The first is that you have to have your content open to the world. If you’re not searchable, you will not be found. So talk of going behind pay walls I think is dangerous because you potentially lose audience, you lose discovery. And you have unlimited competitors out there that will be free.“

Die Botschaft ist eindeutig: Lass die Schranke herunter und Du bist tot. Ob das auch für Inhalte auf dem Handy gilt? Ich vermute, dass das so ist. In Deutschland läuft die Diskussion allerdings in die entgegengesetzte Richtung (als Pars pro toto sei WAZ-Chef Bodo Hombach an dieser Stelle angeführt).

Die Notwendigkeit, die Nachrichtenticker abzuschalten, präzisiert Jarvis mit seinem – fast schon zum Mantra gewordenen – Rat:

„Do what you do best and link the rest.“

Gemeint ist damit nichts anders als: radikale Spezialisierung. Brauchte in der analogen Medienwelt noch jede Zeitung Kinokritiken, so reichen heute ein paar Kinoportale aus. Und braucht es wirklich von 190 (so viele Verlage und Sender sind Gesellschafter der dpa) und mehr Medien Leitartikel oder Kommentare zur Politik in Berlin? Jeden Tag? In der Link-Ökonomie reichen vermutlich ein paar Dutzend, um Pluralität zu gewährleisten. Denn es kann ja jeder, der will, seine Meinung ins Internet schreiben. In einer Link- und (wir kommen zum übernächsten Jarvis-Argument) Stream-Ökonomie hat sogar jeder (fast) die gleiche Chance, Gehör zu finden. Große Medienmarken haben auf Twitter und Facebook kein Abo für die Link-Verbreitung. In einer Stream-Ökonomie wird jede Geschichte zur „Bild“-Zeitung, die sich ja auch jeden Tag am Kiosk aufs neue verkaufen muss (nur dass es in sozialen Medien nicht einmal die Gewohnheit gibt, jeden Tag Links von diesem oder jenem Medium zu verbreiten.

Ok, das klingt erst Mal aussichtslos. Doch das ist es nicht, sagt Jarvis. In den USA funktioniert auch jenseits der „Huffington Post“ einiges, zum Beispiel lokale Berichterstattung:

„We found that hyperlocal sites, sites covering a small town – fifty thousand people – were bringing in between $ 100.000 and $ 200.000 advertising revenue.“

Auch in Deutschland gibt es erste Versuche in diese Richtung, etwa Hardy Prothmann mit seinem Heddesheimblog und fussball-passau.de. Ob sich diese Modelle tragen: offen.

Folgen wir Jarvis, dann ist das Heddesheimblog die Zukunft:

„(…) we have to rethink what we are as media companies and that is very hard, because the future is a bunch of very small companies. And we have used to be very big. And I am not sure if it’s possible to go from big to small. It’s very painful. There’s a lot of jobs lost in that process.“

Zu sehen ist davon in Deutschland bisher kaum etwas. Nur eine handvoll Sites. Nun ja, und die Entlassungen bei der WAZ, die sind natürlich schon real.

Als wäre das alles noch nicht schlimm genug, die Medien haben noch ein weiteres Problem, sie ächzen unter der ganzen neuen Konkurrenz:

„I don’t know what the numbers are for sites in Germany, but in the U.S. most news sites get about 12 page views per user per month. That is criminally low. Facebook gets 12 page views per user per day.“

Jarvis vergleicht damit natürlich Äpfel und Birnen. In der analogen Welt hat ja auch keiner gefragt, wie viel Zeit die Menschen mit ihrer Zeitung und anderen Arten von Papier verbracht haben. Und dennoch ist es Teil des Problems. Denn wenn es Medien nicht schaffen, die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen, dann haben sie verloren. Wer grad bei Facebook chattet, der liest keine Nachrichten (also allenfalls die, auf die ihn gerade seine Freunde hinweisen).

Auch die Produktionsmethoden von Journalismus haben, folgt man Jarvis, ihr Verfallsdatum bereits überschritten. Als Grund nennt er die hohe Aufmerksamkeit, die Social-Media-Sites wie Facebook bekommen:

„We really are about process. Journalism and news is a process that doesn’t begin and that doesn’t end. When you think like that, I think you open up your world to collaboration.“

Das klitzekleine Problem: Journalisten (die meisten jedenfalls) sind bisher als Einzelkämpfer bekannt. Allenfalls bei den wirklich großen Medien entstehen Texte in Zusammenarbeit. Auch diese Teams sind jedoch noch sehr weit weg von der Zusammenarbeit, die Jarvis meint: Er sieht den ganzen Journalismus als Prozess. Journalisten machen in beta. Kaum vorstellbar. Im Perfektionsland Deutschland noch ein bisschen weniger.

So, das sind die Dinge, die mir in Jarvis Keynote aufgefallen sind. Alles in allem sind wir von der Vision des ständigen Deutschlandreisenden Jeff Jarvis noch sehr weit entfernt. Und: Es ist nur eine Vision. Für die meisten Argumente fehlt der Beweis, dass die Mechanismen wirklich funktionieren, vor allem der ökonomische Beweis fehlt. Den wird uns die Geschichte liefern.

Das wäre die ganze Keynote:

Jeff Jarvis: „Google is not an enemy, Google is a model“ from Carta on Vimeo.

Freemium, Postjournalismus und die Medienmenschen

Gunnar Bender hat seinen Wechsel vom Medienkonzern Bertelsmann als freier Berater zur FDP mit einem spannenden Posting begründet, in dem auch folgender Satz steht. Bender argumentiert, er verlasse die Medienbranche nicht, selbst wenn das auf den ersten Blick so aussehe:

Denn meiner Meinung nach ist heute jeder im Mediengeschäft – jeder Unternehmer, jeder Kunde, jeder Politiker, jeder Wähler, jeder Lehrer, jeder Schüler, ja letztlich jeder Einzelne.

Genau über diesen Zusammenhang habe ich in den vergangenen Tagen viel nachgedacht – motiviert unter anderem durch Chris Andersons „Freemium“ und das, was Verlage daraus möglicherweise machen – sowie das Postjournalismus-Posting von Michel Reimon. Gestern nun auf dem Rennrad haben sich wie von selbst die Gedanken zusammengefügt, und ich bin sicher, hätte ich sie aufschreiben können, sie wären zu einem brillanten Posting geworden. Aber so gibt es wieder nur die gewohnte Flughöhe.

Also: Jeder ist im Mediengeschäft. Jeder Einzelne, jedes Unternehmen, jede Institution, jeder Politiker. Auf den ersten Blick bedeutet das eine neue Form der Gleichheit. Ein Blog zu starten oder auf Twitter zu publizieren zu beginnen, ist in etwa so schwierig, wie sich eine neue E-Mail-Adresse zuzulegen. Bei Google sind eh alle gleich. Und auch der Rest, das Handwerk ist kein Hexenwerk. Das werden wir alle viele von uns lernen. Schließlich haben wir auch gelernt mit E-Mails umzugehen, Reisen zu buchen und Bücher zu kaufen. (Vor einigen Wochen hatte ich ein Déjà-vu, in meinem Postfach landete doch tatsächlich ein Hoax. So etwas hatte ich jahrelang nicht erlebt.)

Nun ist es so, dass ich den Gedanken, dass jeder im Mediengeschäft ist, nicht zum ersten Mal höre. Kombiniere ich ihn mit Andersons „Freemium“, bringt er mich dennoch neu zum Nachdenken. Der einfache Grund: Wenn Unternehmen, Institutionen und Parteien verstehen, dass sie es selbst sind, die publizieren können, dann wird es für Medien noch ein bisschen schwerer Erlösmodelle jenseits von Werbung zu finden. Ich versuche den Gedanken mal in ein Beispiel zu pressen.

Nehmen einen deutschen Maschinenbauer, eines dieser typisch deutschen Unternehmen aus dem Rückgrad der Wirtschaft, so ein groß gewordener Mittelständler, der Maschinen anbietet, die sonst keiner bauen kann. Dieser nicht ganz kleine, aber weitgehend unbekannte Weltmarktführer aus der deutschen Provinz merkt plötzlich, dass auch er ein Publizist ist. Denn im Unternehmen gibt es Wissen, das es (fast) nur dort gibt. Vieles kann unser Unternehmen preisgeben, weil es eben nicht die Coca-Cola-Formel ist. Das hat es auch getan, nur hat kaum jemand zugehört. Nur dieser eine Redakteur dieses Fachmagazins zum Maschinen- und Anlagenbau, der wollte alle Informationen – am liebsten vorab.

Sobald unser Beispiel-Weltmarktführer sein Wissen mit dem Internet zusammenbringt, verliert der Redakteur seine Bedeutung. Natürlich darf er weiter über die Maschinen des Unternehmens schreiben. Doch das Netz wird schnell zur wichtigsten Plattform für die Publikationen aus dem Hause Maschinenschrauber. Ingenieure, die nach Begriffen googeln, die zu Maschinen passen, die das Unternehmen herstellt, landen auf der Website. Dort finden sie alles hübsch erklärt – Berichte von Anwendern inklusive. Natürlich sind diese Berichte kein Journalismus, nur ein – gut gemachtes – Imitat von Medienberichten. Geschrieben hat sie eine kleine PR-Agentur am Rande der großen Stadt. Kein Journalismus und doch gefährlich für Medien.

An dieser Stelle rühren wir Andersons „Freemium“ in die Gedankensuppe. Das „Wall Street Journal“ macht es vor, Rupert Murdoch will, dass alle Medien aus seinem Imperium nachziehen und auch einige Medienmenschen in Deutschland hoffen auf: Bezahlinhalte (der Medienmanager sagt lieber Paid Content). Das „Freemium“-Modell – für Medien grob erklärt: Nachrichten und alles, was es sonst noch an jeder Ecke im Netz gibt, bleiben kostenlos, für spezielle Inhalte muss der Nutzer zahlen. So weit, so einfach. Was aber heißt das für unser Gedankenspiel?

Die Inhalte des eben erfundenen Fachmagazins fallen in die Kategorie Bezahlinhalte. Denn das, was der Redakteur für das Blatt aufschreibt, interessiert in Deutschland gerade ein paar Hundert Ingenieure. Und die zahlen auch dann sicher gern, wenn die Texte nur über den Umweg des Kassenhäuschens zu haben sind. In der Rechnung taucht jedoch unser Weltmarktführer noch nicht auf. Der hat doch auch alle Informationen – im Kleid des Journalismus-Imitats – im Netz stehen. Nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch und Chinesisch versteht sich. Wie wird sich der Ingenieur am anderen Ende der Datenleitung entscheiden? Wie wird er sich entscheiden, wenn nicht nur unser Weltmarktführer, sondern auch der Konkurrent, Journalismus imitieren lässt?

Meine Prognose: Wenn das Fachmagazin einen guten Ruf hat und die Informationen im Netz frei zugänglich sind, dann wird es – mindestens auch – zur Kenntnis genommen. Sobald es ein Kassenhäuschen aufstellt, minimiert es seine Chancen, wahrgenommen zu werden.

Paid Content funktioniert. Sicher. Die Stiftung Warentest ist der lebende Beweis. Das Modell ist nur ebenso wie das Modell „Wall Street Journal“ nur schwer kopierbar. Im Moment habe ich das Gefühl, das derjenige gewinnt, der den längsten Atem hat, seine Türen offen zu halten. Aber das ist eben auch nicht mehr, wieder nur eine dieser Anekdoten. Und über Inhalte auf dem Telefon sagt es auch noch nicht so viel. Vermutlich.

Twitter ist kein Second Life

Der geschätzte Kollege Christian Jakubetz ist Journalist, Dozent, Blogger – und er ist Twitterer. Das soziale Netzwerk für Kurznachrichten nutzt er jedoch eigentlich nur, weil er es gerne kritisiert. Das kann man hier und hier und hier lesen. Heute auch hier.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, es ist gut, dass Christian diese Rolle übernommen hat, denn irgendjemand muss das ja tun. Erstens. Und zweitens tut es ja auch gut, wenn in diesem ganzen Twitter-ist-toll-Gedudel wenigstens einer einen kühlen Kopf bewahrt und aufschreibt, warum Twitter nicht für die Ewigkeit gebaut sein könnte. Genau das hat Christian getan. Mal wieder.

Unter der Überschrift „Und alles gute noch bei der Revolution“ sammelt Christian eine ganze Menge Argumente, die gegen die Paarung Twitter und Ewigkeit sprechen. Twitter hat etwa bei beim Versuch einer Revolution im Iran eine Rolle gespielt, doch der Regimewechsel ist misslungen. Keine Erfolgsgeschichte für Twitter also.

Die Zahlen der neuen Twitterer stagnieren ausgerechnet jetzt. Und außerdem werden viele, viele (die meisten?) Twitter-Accounts gar nicht genutzt. Das sind, das stimmt, Anzeichen für einen Hype bzw. für das Ende desselben. Doch ist damit auch das Ende von Twitter so gut wie besiegelt? Ist Twitter damit das Second Life (remember?) des Jahres 2009? Ich glaube nicht. Und liefere ein paar Argumente frei Haus.

Twitter ist einfach. 140 Zeichen und Schluss. Dann muss man nur noch die Sache mit dem @ und dem RT verstehen und lernen, wie man einen Link verkürzt – und schon ist man drin. (Geständnis: Ich habe zwei oder sogar drei Anläufe gebraucht, hatte aber auch niemanden, der es mir erklärt hat.)

Twitter ist mobil. Während man für Second Life einen Rechner und einen ordentlichen Internetanschluss brauchte, reicht für Twitter ein handelsübliches Mobiltelefon und selbst die schlechteste Verbindung im ICE aus (ok, dann kann dieses Twitter schon mal quälen). Wie gut, dass das Netz ausgerechnet jetzt so richtig mobil wird.

Twitter ist überall. Twitter läst sich mit den sozialen Medien da draußen im Netz verbinden. Meine Tweets füttern Facebook und Friendfeed. Ich muss mich nicht entscheiden, Twitter oder was anders. Ich füge einfach alles zusammen. Und könnte ja auch noch alles von posterous aus füttern (Mag mir das jemand erklären? Ich jakubetze damit ein wenig rum.).

Twitter ist, was Du draus machst. Bei Twitter muss ich nichts tun, um dabei zu sein. Ich kann einfach lauschen. Oder ich twittere einmal in der Woche. Oder nur, nachdem ich im Kino war. Oder alle zwei Minuten. Über Schokoladeneis oder den Medienwandel. Wurscht. Alles geht.

Twitter ist das Leben. Bei Second Life haben sich die Menschen hinter Avataren versteckt. Twitter wird erst gut, wenn jeder mit seinem Namen und seinem Foto für seine Tweets einsteht. Und das passiert. Zumindest ich folge niemandem, der sich nicht zu erkennen gibt.

Der Hype mag vorbei sein. Doch Twitter bleibt.

Hab ich was vergessen? Bestimmt!

Und was uns zwei angeht, lieber Christian, vielleicht sollten wir das alles mal beim Bier besprechen. 🙂