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In eigener Sache: Der DJV und ich

Nun bin ich ausgetreten aus dem DJV. Da ich den Verband in den vergangenen Wochen an dieser Stelle hier und da kritisiert habe, sage ich kurz, was mich bewogen hat.

Meine Kritik am Verband und das, was ich von aktiven Kollegen über die Arbeit im Verband erfahren habe, ließen mir nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich engagiere mich, oder ich trete aus. Engagement für den DJV hätte bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und – wenn man es zu Ende denkt – Gewerkschafter zu werden. Da das keine Option für mich ist, habe ich den Verband verlassen (meine Mitgliedschaft endet am 30. September 2009).

Ich wünsche den Kollegen, die versuchen, den Verband von innen zu verändern, viel Glück und vor allem einen langen Atem. Ich habe großen Respekt vor ihrer Arbeit.

Kaiser Konken oder die Selbstherrlichkeit im DJV-Bundesverband

Der DJV ist ein seltsames Gebilde. Da äußert sich sein Vorstandschef Michael Konken zum Internet – und reist nach dem Diktat der Pressemitteilung in den Urlaub (oder er war schon im Urlaub und hat äußern lassen oder wurde geäußert, die Darstellungen gehen wild durcheinander). Auf meinen offenen Brief, der in erster Linie ein Hilferuf war und die einzige Möglichkeit für mich, nicht sofort aus dem Verband auszutreten, antwortet seine Stellvertreterin Ulrike Kaiser – und da der DJV kein Medium, also so etwas wie ein Blog zum Beispiel, besitzt, in dem er als Verband reagieren könnte, übernehme ich hilfsweise die Veröffentlichung. Derweil läuft in Blogs und über Twitter eine Diskussion, die die Herrschaften im Bundesvorstand vermutlich nicht einmal mitbekommen.

So weit, so schlecht. Inzwischen wird klar, dass die öffentliche Diskussion über den DJV nur ein Tel der Debatte ist. Auch intern wird sie geführt. Leider nur haben die Leute, die die offizielle Position des Verbandes betrifft, also zum Beispiel im Verband aktive Onliner, nicht das Gefühl, dass sie von ihren gewählten Vertretern gehört werden (wie bereits gezeigt). Und die Verzweiflung ist größer als ich dachte. Anders ist es nicht zu erklären, dass Albrecht Ude seinen Kollegen im Fachausschuss Online gestattet, seine Analyse der Situation im Verband über die interne Mailingliste hinaus bekannt zu machen – und dass dies dann auch tatsächlich geschieht. Bei mir zum Beispiel ist sein Schreiben gelandet. Auch das ist nichts anderes, als ein verzweifelter Hilferuf von Kollegen, die Energie haben, die sich engagieren, die kompetent sind, doch die der Bundesvorstand ignoriert – und das nicht erst seit gestern.

In der E-Mail zeichnet Albrecht ein desolates Bild der internen Strukturen und der Arbeitsweise des DJV. Er bemängelt, dass weder der Fachausschuss Online, noch der Vorsitzende Thomas Mrazek konsultiert worden sind, bevor Michael Konken sich (ein weiteres Mal) zum Internet geäußert hat (Thomas hatte das ja auch bereits kritisiert). Das Urteil von Albrecht:

„Ich moechte ganz deutlich sagen, dass ich das fuer SATZUNGSWIDRIG halte.“

In der Satzung steht nämlich:

„Die Fachausschüsse haben die Aufgabe, die Organe des DJV in fachlichen Fragen zu beraten und deren Beschlussfassung vorzubereiten.“ (Quelle)

Weiterhin kommt Albrecht zu dem Schluss, dass die Belange gerade freier Journalisten mit der Pressemitteilung mit Füßen getreten werden. Schließlich verbrüdert sich die Gewerkschaft DJV mit den Arbeitgebern, vergisst aber das Thema Urheberrecht zu erwähnen. Albrechts Erkenntnis: Es wird in Zukunft viel schwerer für den Verband, gegen Verträge vorzugehen, die freien Kollegen die gesamten Nutzungsrechte ihrer Werke für ein Honorar abnehmen.

Außerdem kritisiert Albrecht die Entstehung und Veröffentlichung der Pressemeldung. Dass der Fachausschuss nicht gehört wurde, ist wohl nur Teil des Problems.

„Zum einen ist das fachlich kompetente Gremium nicht konsultiert worden, wie es die Satzung vorschreibt. Zweitens ist fraglich, auf wessen Initiative diese PM entstand und wer vor Veroeffentlichung dazu gefragt wurde bzw. davon wusste. Salopp gefragt: Auf wessen Mist ist das gewachsen? Ich habe diese Frage gestellt. Beantwortet wurde sie bislang nicht, auch das ist bezeichnend.“

Und so geht es munter weiter:

„Jetzt haben wir a) eine externe Diskussion ueber den DJV in verschiedenen Weblogs stattfindet, an der sich der DJV eigentlich nicht beteiligt (Ausnahme: Frau Kaiser und Thomas Mrazeks Replik); b) keine interne Diskussion! Weder findet eine Diskussion um die Willensbildung statt, noch kann ich erkennen, dass die offensichtliche Fehlleistung dieser PM analysiert wird.“

Albrechts Schlussfolgerung:

„Es ist offensichtlich, dass seitens Angehoeriger der Bundesgeschaeftsstelle Positionen vertreten und veroeffentlich werden, die niemals mit den Mitgliedern oder uns als deren gewaehlten Vertretern abgestimmt wurden.“

Und:

„Die PM ist falsch, dumm, und die Interessen von Journalisten werden dadurch nicht vertreten. Im Resultat haben wir jetzt ein Desaster, denn der DJV (und namentlich Herr Konken) steht als bescheuert da. Mitglieder treten aus.“

Wir fassen zusammen:

Irgend jemand aus dem DJV will sich mit Politik und Verlegern gegen Google verbünden. Laut Pressemitteilung ist dieser jemand DJV-Chef Michael Konken; ob er wirklich Urheber seiner eigenen Zitate ist, wissen nicht einmal Leute, die sich auf Bundesebene im Verband engagieren.

Der DJV kann Pressemitteilungen veröffentlichen, an der damit angezettelten öffentlichen Debatte vermag er nicht teilzunehmen; nur Einzelnen gelingt das mithilfe von (sonst gerne gehassten) Bloggern und Kommentarfunktionen in (sonst gerne gehassten) Blogs.

Ups, mir war nicht klar, dass es so schlimm steht um den DJV.

Ein Schlusswort: Ganz ehrlich, es war nie mein Ziel, dieses Blog (und auch nicht mich selbst) zum Teil einer Verbandsdiskussion zu machen. Deshalb habe ich ein Angebot abgelehnt, die Erwiderung eines Landesverbandes auf Ulrike Kaiser an dieser Stelle zu veröffentlichen. Liebe Kollegen, ein Blog einzurichten ist in etwa so schwer, wie sich bei einem beliebigen Anbieter eine neue E-Mail-Adresse zu holen. Es gibt Unternehmen, die stellen die gesamte Infrastruktur zur Verfügung, so dass man wirklich nur noch schreiben muss, um ins Internet schreiben mit diskutieren zu können.

Dieses Wissen ist jedoch im DJV noch nicht angekommen. Wie sonst ist es zu erklären, dass der brandenburgische DJV-Vorstand Klaus Minhardt zwar Position bezieht, das aber in einem Kommentar auf Netzpolitik.org tut? Da darauf natürlich keiner kaum jemand kommen kann, weist er per Tweet auf den Text hin – und verlinkt direkt auf den Kommentar (dass die Tweets des DJV-Brandenburg nur drei Dutzend Menschen oder Maschinen verfolgen, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt). Nun ja, immerhin ist der DJV-Bandenburg der einzige Landesverband, der twittert (Hamburg hat das im vergangenen Jahr mal versucht, aber bald wieder aufgegeben).

Nachtrag: Erst jetzt gesehen, dass die Redaktion der Freien Infos, eine Art DJV-Blog für freie Journalisten, die Diskussion über den Verband auf der eigenen Site vor zehn Tagen abgewürgt und die Kollegen stattdessen hierher verweisen hat:

„So, alle Argumente sind ausgetauscht, es wird ermüdend. Dann werden wir wohl den Freien empfehlen dürfen, Google-Aktien zu kaufen. Auch gut. Vorschlag: Bei Björn Sievers kann man ja weiterdiskutieren. Das wäre hier: http://bjoern-sievers.de/2009/07/23/djv-antwortet-auf-offenen-brief/ Danke für die schöne Diskussion, die insgesamt interessant war.“

So kann man das natürlich auch nicht machen. (Danke für den Hinweis, Giesbert.)

Gesammelte Zitate von DJV-Chef Michael Konken

Nun habe ich zwar nicht jedes dieser Zitate nachrecherchiert. Doch allein die, die ich noch im Kopf hatte, sind ausreichend erschütternd. (Via Kühlschranknotizen).

Update: Ok, doch noch das böse, böse Google bemüht. Bis aus das Zitat auf Folie 8 alles gefunden.

DJV antwortet auf offenen Brief

In der vergangenen Woche habe ich mich über diese Äußerungen von DJV-Chef Michael Konken aufgeregt und ihm einen offenen Brief geschrieben (zu Kartellrecht und Google hatte ich dann noch ein ausführlicheres Posting verfasst). Seine Stellvertreterin Ulrike Kaiser antwortet nun. Da mir an einer öffentlichen Diskussion liegt, veröffentliche ich ihr Schreiben an dieser Stelle – mit ihrem Einverständnis und zunächst unkommentiert.

Lieber Kollege Sievers,

danke für Ihren Offenen Brief, den Sie an den DJV-Vorsitzenden Michael Konken gerichtet haben. Da dieser in Urlaub ist, möchte ich Ihnen als seine Stellvertreterin antworten und greife damit gerne das Angebot zum Dialog auf.

Was den DJV betrifft, freue ich mich, dass Sie Mitglied sind (und hoffentlich bleiben), weil wir nach meiner festen Überzeugung den argumentativen Diskurs pflegen müssen, der häufig viel zu kurz kommt. Und da sind uns alle willkommen, die sich für den Journalismus, für die Zukunft der Medien, für berufsethische Fragen engagieren und in diesem Sinne äußern.

Zum konkreten Anlass: Auch Sie betonen eingangs die Ausnahmestellung von Google, die für mich weit über die Online-Werbung hinausreicht. Google hat sein erfolgreiches Geschäftsmodell auf der systematischen Auflistung und Verlinkung zu Beiträgen Dritter aufgebaut, für die das Unternehmen keinen Cent bezahlt. In Google News wird dieses Modell aktuell ausgeweitet.

Von diesen Modellen profitieren vordergründig alle: der Konzern selbst unmittelbar durch Werbung, die (Online-) Medien durch publizitäts- und damit werbewirksame Zugriffsraten (welches Medium wollte darauf verzichten?), wir Journalisten – wie die jüngste Studie (M. Machill) ergeben hat – handwerklich in der Recherche (manchmal auch nicht) und die nichtjournalistischen Internet-Nutzer ganz allgemein im Zugang zu weltweitem Wissen. Das alles ist unbestritten. Und der DJV wäre der Letzte, der die Vorzüge von Suchmaschinen im Speziellen und dem Internet im Allgemeinen nicht erkennen und in seine Überlegungen einbeziehen würde. So von Gestern sind wir nun wirklich nicht …

Aber neben den Vorteilen sehen wir Gefahren, auf die auch Sie aufmerksam machen. Die eine besteht darin, dass hier gutes Geld verdient wird, ohne die eigentlichen Urheber am Geschäft zu beteiligen. Die andere besteht in einer Machtballung, deren medien- und gesellschaftspolitischen Folgen erst in Konturen zu erkennen sind; denken Sie nur an die Frage, welche Anbieter und Themen (künftig) berücksichtigt werden, wer das Ranking beeinflusst etc…

Mit beiden Problembereichen muss sich der DJV als Vertreter von journalistischen Urheberinnen/Urhebern und als Verfechter publizistischer Vielfalt befassen. Letztere wird trotz der, von Ihnen zu Recht betonten, allgemeinen Meinungsvielfalt per Netz im professionell-journalistischen Bereich gerade auf lokaler Ebene erheblich eingeschränkt (nicht nur die WAZ mit ihren Einsparungen lässt grüßen). Und wenn der DJV dann – wie im Fall Google – weder durch Selbstkontrolle (die uns immer lieber als gesetzliche Regulierung ist) noch durch tarifliche Vereinbarungen weiterkommt, dann wird ein Gesetzgeber regulierend eingreifen müssen. Wie in der Vergangenheit auch. Ich nenne nur die Stichworte Urheberrecht, Pressefusionskontrolle, Leiharbeit etc. Auf welcher Grundlage arbeiteten sonst Urheberorganisationen wie die GEMA oder die Verwertungsgesellschaften Wort bzw. Bild. Wie sonst wäre es zu einer Kopierabgabe gekommen, von der noch heute Journalistinnen und Journalisten profitieren. Vergleichbares ist auch in Sachen Internet denkbar.

In unserem Rechtsstaat ist – wenn Grundrechte dabei nicht eingeschränkt, sondern im Gegenteil gestützt werden – genau dieser gesetzliche Weg der angemessene und legitime, vor allem, wenn es um weitreichende Strukturveränderungen in der Medienlandschaft geht. Diese ausschließlich dem angeblich freien Spiel der Kräfte zu überlassen wäre nicht im Sinn der demokratischen, kulturellen Funktion von Medien, wie sie nach 1945 bewusst organisiert wurden.

Dass wir dabei das Schlagwort von der „Gratiskultur“ (besser: „Gratis-Unkultur“?) aufgreifen, richtet sich selbstverständlich nicht gegen das Geschäftsmodell von focus online oder anderer Gratis-Angebote im Netz, erst recht nicht gegen Blogger. Wir greifen damit aber die berechtigten Bedenken der Medienmacher/innen auf, die inzwischen selbst problematisieren, ob es der richtige Weg war, den Gratis-Gedanken für professionelle journalistische Arbeit im Internet wie selbstverständlich nachzuvollziehen. Inzwischen scheinen damit Fakten geschaffen worden zu sein, die als beinahe unumstößlich gelten. Aber sind sie es? Das ist die Frage an die Geschäftsmodelle von morgen, von denen dann auch wiederum Journalisten profitieren könnten.

Sie beschreiben das Dilemma der Medien treffend. Auf der einen Seite müssen sie Google den Datenzugang gestatten, um auffindbar zu sein und weltweit Gehör zu finden (das allein ist schon auf die Machtposition von Google zurückzuführen). Auf der anderen Seite wollen sie das nicht gratis erlauben, sondern am Geschäft partizipieren. Kommen wir also noch mal zu den Urheberrechten. Die Urheber sind, wie Sie zu Recht feststellen, die Journalisten. Und die sind von ihren eigenen Auftrag- bzw. Arbeitgebern ziemlich gebeutelt. Denn häufig sollen sie Rechte abtreten, die sie von weiteren Einnahmen aus der Verwertung ausschließen. Das weiß gerade der DJV, und er kämpft auf allen möglichen Gebieten dagegen, individuell durch Rechtsschutz, tariflich, juristisch (die Axel Springer AG oder der „Nordkurier“ können da aktuell Auskunft geben) und auch politisch (wieder Richtung Gesetzgeber übrigens!).

Der DJV weiß, welch schwache Karten Urheber gegenüber ihren Auftrag-/Arbeitgebern haben, wie Urheberrechte mit Füßen getreten, wie freie Journalistinnen und Journalisten mit Billighonoraren abgespeist werden. Deshalb haben wir uns auch (übrigens ausführlich begründet!) so wohlfeilen Verleger-PR-Aktionen wie jüngst zum Leistungsschutzrecht nicht angeschlossen. Der DJV-Bundesvorstand singt zwar überzeugt das Hohe Lied auf die geistigen Leistungen und die Kreativen – aber nicht unbedingt im Chor mit Medienunternehmern, die sich in der Praxis weigern, diese geistigen Leistungen und diese kreativen Freien angemessen zu bezahlen und sie an Weiterverwertung zu beteiligen.

Wir haben allerdings noch Hoffnung auf „gemeinsame Sache“ zwischen Urhebern und Medienunternehmern. Durch Tarifverträge, durch Verwertungsgesellschaften, durch die noch nicht abgeschlossenen Verhandlungen über gemeinsame Vergütungsregeln für Freie. Wenn wir die Hoffnung aufgegeben hätten, dass Urheber und Verleger zu gemeinsamen Lösungen finden könnten (und sei es durch Arbeitskampf oder gesetzlich bewirkt!), könnten wir einpacken. Als Gewerkschaft und als Berufsverband.

Nein, es ist nicht alles schwarz-weiß, weder im DJV noch anderswo. Deshalb, lieber Kollege Sievers: Bleiben Sie dabei, und gestalten Sie mit. Manchmal an Grautönen. Aber auch die sind wichtig in einem stimmigen Medienbild.

Ich freue mich auf weitere Diskussionsbeiträge,

freundliche Grüße

Ulrike Kaiser
Stellvertretende Vorsitzende

Deutscher Journalisten-Verband
Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Zum Thema hat sich (neben vielen anderen) auch Thomas Knüwer geäußert – und seinen Austritt aus dem DJV begründet. Eine muntere Debatte läuft bei Twitter.

Mit dem Kartellrecht gegen Google? Eher nicht

Setzen wir voraus, dass Google ein Monopolist ist. Zum Beispiel in einem Segment des Online-Werbemarktes. Und setzen wir voraus, dass dieser Monopolist seine Marktmacht missbraucht. Dann könnte man, zum Beispiel Verlage, Verbände und Politik, wie es der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) vorschlägt, gegen den Konzern vorgehen, also sie könnten zumindest das Bundeskartellamt oder die EU-Kommission dazu animieren. Eine prima Idee, oder?

Um den Vorschlag bewerten zu können, bemühen wir an dieser Stelle die Geschichte eines anderen Kartellstreits: das Verfahren der EU-Kommission gegen den Softwarehersteller Microsoft. Der Vergleich erscheint statthaft, schließlich ist Microsoft ebenso wie Google ein weltweit agierender Konzern mit einer monopolartigen Stellung in einem Marktsegment. Im Bereich von PC-Betriebssystemen dürfte Microsoft ähnlich stark sein wie Google mit seiner Suche. Die Macht, in diesem Bereichen die Konditionen zu diktieren, dürften beide haben. Bei Google geht es da vor allem um die Werbung, die neben den Suchergebnissen steht und mit der Konzern Milliarden scheffelt. Außerdem sind beide auch noch in der gleichen Branche unterwegs, ja in einigen Bereichen sogar Konkurrenten.

Die sehr vielschichtigen Auseinandersetzungen der EU mit Microsoft, in denen es unter anderem um Serversoftware und den Windows-Media-Player ging, gehen ursprünglich zurück auf eine Beschwerde des Konkurrenten Sun Microsystem aus dem Jahre 1998. Die Ermittlungen waren nicht eben trivial, weshalb die EU-Kommission erst 2004, also sechs Jahre später, ein Bußgeld verhängte, dann aber immerhin in der Rekordhöhe von 497 Millionen Euro. Damit war der Streit jedoch noch lange nicht ausgestanden. Microsoft klagte. Es geht wieder jahrelang hin und her, bis schließlich 2007 der Europäische Gerichtshof erster Instanz das Bußgeld der Kommission bestätigt. Microsoft musste zahlen. Nur noch mal zum Mitschreiben: Von der Beschwerde bis zur Zahlung des Bußgeldes vergingen neun Jahre.

Um zu verstehen, was dieser Streit mit dem Vorschlag von DJV-Chef Michael Konken zu tun hat (der ja auch sonst am Ziel vorbeischießt), das Kartellrecht zu bemühen, um gemeinsam mit Verlegern und Politik gegen Google vorzugehen, rufen wir uns die Entwicklung der Microsoft-Produktpalette und zwei, drei weitere Dinge in Erinnerung. 1998 waren die meisten privaten PC-Anwender noch mit Windows 95 unterwegs. Wer unbedingt einen neuen Rechner kaufen musste oder wollte, arbeitete schon mit Windows 98. In Unternehmen dominierte Windows NT 4.0. Wer schon online war, hatte ein analoges Modem und einen Vertrag mit AOL. Webseiten ließ man sich typischerweise von Netscape anzeigen. Von Google hatte noch niemand etwas gehört, den (kleinen) Suchmarkt beherrschte Altavista. Remember?

Als die Kartellstrafe verhängt wurde, hatte Microsoft sich mit Windows Vista bereits selbst ins Knie geschossen. Vom Windows Media Player redete kaum noch jemand, denn der kleine Computerschrauber Apple hatte den Online-Musikmarkt in Schwung gebracht. Und bei den Servern hat Microsoft zwar eine starke, aber keine Monopolstellung. Außerdem tobt der eigentliche Kampf jetzt ums Handy.

Da dieser Text sowieso auf unbewiesenen Hypothesen aufbaut (darauf, dass ein Kartellverfahren gegen Google Erfolg haben könnte), schadet es nicht, noch ein klein wenig hypothetischer zu werden. Wir nehmen also einfach die Länge des Kartellverfahrens gegen Microsoft und fragen: Wenn morgen eine Allianz gegen Google genug Material gesammelt hätte, um die Kartellwächter davon zu überzeugen, ein Verfahren einzuleiten, und wenn die Kartellwächter von Indizien zu Beweisen und am Ende zu einer Strafe gegen den Werbekonzern kämen und obendrein Google vor Gericht verlieren würde: Dann müsste Google 2018 eine empfindliche Strafe zahlen und vielleicht Unternehmensteile verkaufen. Auch an dieser Stelle bitte wieder mitschreiben: 2018.

Natürlich habe auch ich keinen blassen Schimmer, wie das Internet und die Welt in fast einem Jahrzehnt aussehen wird. Von heute aus betrachtet gibt es aber zumindest zwei denkbare Szenarien: Google hat die Weltherrschaft übernommen und alle Informationen verschlungen. Oder Google ist 2012 von Twitter geschluckt worden, vom Markt verschwunden und die Weltherrschaft gehört dem Live-Web-Konzern.

So weit, so zynisch. Natürlich verschlingt Google Geschäftsmodelle. Doch ist der Konzern deshalb böse? Ich kann das nicht beurteilen. Doch ich bin mir sicher, dass Google vor allem deshalb so erfolgreich ist, weil die Leute, die dort arbeiten, das Internet verstehen – und es am Ende also das Internet ist, das einst gut laufende Geschäfte zerstört (das Internet ist die Webmaschine des 21. Jahrhunderts). Der Konzern ist, wie ein paar weitere Internetunternehmen auch, der lebende Beweis dafür, dass man mit dem Internet sehr viel Geld verdienen kann. Nur in Ausnahmefällen allerdings mit Erlösmodellen, die nach einem Muster aus der Offlinewelt gestrickt sind.

Natürlich kann man mit Google reden, sollte man sogar. Die Aussichten auf Erfolg sind allerdings nicht so wahnsinnig rosig. Vermutlich sollten Verlage, Werber und werbende Unternehmen mehr miteinander reden. Sie sind es vor allem, die kein Interesse daran haben können, dass Googles Macht in diesem Markt noch weiter wächst. Für das Kartellrecht aber ist das Netz mit ziemlicher Sicherheit zu dynamisch.

Und schlussendlich der DJV: Der Journalistenverband sollte das Internet und auch Google endlich als Realität akzeptieren – und seinen Mitgliedern nicht einreden, dass es als Hort der Kostenloskultur zu verdammen ist.