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Nachrichtenagenturen und das Missverständnis mit der Exklusivität

Lese eben das Interview von Daniel Bouhs mit Cord Dreyer zum siebten Neustart von ddp Start des neuen dapd-Dienstes – und darin diesen Satz:

„Es wird um Qualitätsjournalismus und Exklusivinhalte gehen.“

Da stecken zwei Dinge drin: eine Selbstverständlichkeit, denn natürlich erwarten die Kunden von Nachrichtenagenturen, dass diese Qualität liefern, also Inhalte, die deutlich über das Umschreiben von Pressemitteilungen hinaus gehen; und darin steckt eine Seltsamkeit, denn warum eigentlich wollen Agenturen Exklusivinhalte liefern, also Nachrichten, die nur sie haben?

Auf den ersten Blick mag das eine seltsame Frage sein, denn schließlich wollen alle Medien irgendwie exklusiv sein, sich durch die Inhalte, die sie darbieten, von den Mitbewerbern unterscheiden. Nur: Agenturen sind keine Medien. Sie sind Dienstleister. Medien leisten sich Agenturen, weil es der eleganteste und billigste Weg ist, sich Brot und Butter liefern zu lassen. Das Grundrauschen eben. Für Wurst, Käse, Honig und Marmelade, also die wirklich leckere Seite der eigenen Publikation, gebraucht aber niemand Agenturen. Das gilt umso mehr, seit das Internet das Mediengeschäft durchsichtig gemacht hat.

Was passiert also, wenn eine Agentur Exklusives liefert? Möglichkeit 1 (wenn der Inhalt nicht gar so brisant erscheint): Der diensthabende Nachrichtenredakteur rümpft die Nase und verwirft die Meldung. Hat schließlich nur eine Agentur berichtet, wer weiß, ob wirklich stimmt, was im Ticker steht. Und für eine eigene Recherche erscheint das Thema zu unbedeutend. Möglichkeit 2 (wenn die Exklusivmeldung nach einem echten Thema riecht): Der diensthabende Nachrichtenredakteur merkt auf und leitet die Meldung unverzüglich dem Fachkollegen zu, der zum Beispiel sein Telefonbuch bemüht, um die Geschichte selbst hart zu bekommen. Läuft es wirklich, wirklich gut für die Agentur, bringt die Redaktion die Meldung, bevor das eigene Stück steht.

An dieser Stelle treten wir einen Schritt zurück und betrachten das Geschehen aus der Distanz, vor allem die Frage: Welchen Nutzen hat die Agentur nun von ihrer Exklusivgeschichte? Wird sie nicht gebracht: keinen. Wird sie gebracht: auch keinen. Denn entscheidend ist, dass das, was die Agentur exklusiv herausgefunden hat, schon in dem Moment seine Exklusivität verliert, in dem der Slot-Redakteur auf den Senden-Knopf drückt. Für die Agenturkunden ist die Meldung nicht exklusiv, im Gegenteil, alle anderen Kunden haben sie auch. Und sie ist binnen Minuten überall online zu finden. Wer sich differenzieren will, muss selbst mindestens den Telefonhörer in die Hand nehmen.

Was an der ganzen Sache wirklich frustrierend ist – für die Agenturen: Nicht mal der diensthabende Nachrichtenredakteur wird sich daran erinnern, wo die neue Geschichte eigentlich hergekommen ist, aus der der neue Aufmacher wurde. Das hat er spätestens nach Feierabend vergessen.

Für Agenturen folgt daraus: Investiert in Brot und Butter!

Warum das Dilemma der Nachrichtenagenturen in die Zukunft der Medien weist

Nachrichtenagenturen stecken in der Klemme. Ihr Geschäftsmodell ist fast zwei Jahrhunderte alt – der französische Publizist Charles-Louis Havas gründete die erste Agentur bereits 1835 – und das Internet, natürlich wieder dieses Internet gräbt ihnen nun das Wasser ab. Reuters, dpa, ddp und all die anderen sind eingekeilt zwischen ihren Kunden auf der einen Seite – vor allem Zeitungen finanzieren ihre Arbeit – und dem Netz – diesem unendlichen Informationsspeicher, den nicht mehr nur Journalisten durchpflügen und sortieren – auf der anderen.

Einen Teil des Dilemmas brachte ddp-Chefredakteur Joachim Widmann (mein geschätzter Ex-Chef) während einer Diskussionsrunde am Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses in München auf seine Weise den Punkt: Agenturen müssten überlegen, ob sie mindestens einen Teil ihres Dienstes, vor allem Analysen und Feature, erst mit einer Zeitverzögerung an Onlinemedien senden sollten. Erst dann, wenn Zeitungen sie gedruckt haben. Aus Sicht der Agentur ist diese Überlegung verständlich. Zeitungen sind nach wie vor die wichtigeren Kunden, sie zahlen deutlich höhere Preise für die Agenturdienste als Onlinemedien. Eine Analyse aber, die schon am Tag zuvor auf Nachrichtenportalen zu lesen war, ist für die Zeitung wertlos. Schließlich gibt niemand Geld für Papier aus, auf dem (fast) nur steht, was er bereits aus dem Netz gefischt hat. Das ist die eine Seite des Problems.

Die andere Seite heißt Google News (neben anderen News-Aggregatoren). Diesen Nachrichten-Sammelmaschinen steht Widmann – wie dem Netz insgesamt – kritisch gegenüber. Aus seiner Sicht folgerichtig: Aggregatoren sortieren das Netz und machen riesige Mengen Informationen, darunter Agenturmaterial, überhaupt erst zugänglich. Die Agenturen bekommen dafür keinen Cent, es sei denn, sie schließen Verträge mit den Aggregatoren, wie es AP in den USA mit Google getan hat (die Lage ist zurzeit allerdings ein wenig diffus). Wenn aber sagen wir mal Google News gegen Entgelt AP-Nachrichten hostet, also nicht nur Anreißer, sondern die Volltexte auf den eigenen Seiten auszuspielt, dann könnte das der letzte Vertrag sein, den die Agentur abschließt. Warum sollten andere (Online-) Medien Agenturdienste abonnieren, wenn Google doch nur die eigenen Seiten ausliefert und nicht mehr auf identische Inhalte anderswo im Netz verweist. Klar, oder? (Und trotzdem hat ddp einen Vertrag mit nachrichten.de, den mein Arbeitgeber TOMORROW FOCUS Portal betreibt.)

Damit sind wir beim Kern des Problems: Das Geschäftsmodell der Agenturen basiert darauf, dass Korrespondenten Informationen sammeln, diese verarbeiten, also Texte schreiben, fotografieren, Videos produzieren, eine Redaktion all das zu Diensten zusammenstelllt und an die Kunden verteilt. In der analogen Medienwelt dereinst war das ein formidables System, schließlich ersparte es der Zeitung in Ulm, einen eigenen Korrespondenten in Hamburg zu haben und umgekehrt. Doch diese Welt ist Vergangenheit. Heute ist die Information aus Hamburg auch für die Redaktion in Ulm nur einen Klick entfernt.

An dieser Stelle kommt Jeff Jarvis ins Spiel. Der US-Blogger, Medienprofessor und Berater wiederholt schon seit Jahren sein Mantra: „Cover what you do best. Link to the rest.“ Sieht man sich im (deutschen) Internet um, hört ihm jedoch kaum jemand zu. Lokal- und Regionalzeitungen verlinken für Geschichten aus Berlin nicht etwa auf den „Tagesspiegel“ oder die „Berliner Zeitung“. Stattdessen fluten sie die eigenen Seiten mit dpa-Meldungen, wie mein erster Arbeitgeber „Die Glocke“ (ich war so um 1990 freier Mitarbeiter). Ist das sinnvoll? Nein. Es führt dazu, dass 80 Prozent der Inhalte im deutschen Internet austauschbare Agenturtexte sind (das sagt nachrichten.de- und mein Chef Jochen Wegner, der mit Widmann auf dem Podium saß). Aber es hat Tradition. Schließlich bedient sich die Mantelredaktion auch bei den Agenturen und bastelt aus ihren Dienste große Teile des ersten Buchs einer typischen deutschen Zeitung.

Das ganze System funktioniert so lange wie Zeitungen noch funktionieren (und die Onlineportale von den meisten lokalen und regionalen Medien eher Feigenblätter als erst gemeinte Versuche mit Onlinejournalismus sind). Das mögen sie bitte auch gerne noch sehr lange, denn Papier ist ja ein sehr schönes Medium. Aber nach allem was man so hört und liest, geht es mit der (Gesamt-) Auflage der deutschen Zeitungen Jahr für Jahr bergab. Und auch der Werbemarkt hat seine besten Zeiten im Printgeschäft wohl hinter sich gelassen.

Nun setzen wir mal voraus, dass die etablierte Medienwelt eher so denkt wie Joachim Widmann, das alte System also bewahren möchten, so lange wie es Gewinne abwirft (und das tut es ja in den meisten Verlagen noch). Vermutlich passiert dann auch in den kommenden zehn Jahren das, was schon in den vergangenen 15 Jahren passiert ist: nichts. Ok, wenig. Statt über neue Geschäftsfelder nachzudenken, bleibt der traditionsbewusste Medienmensch bei den Dingen, die er kennt. Bis es nicht mehr geht. Und ganz bestimmt wird es bei einigen Verlagen irgendwann nicht mehr gehen.

So lange Zeitungen (und andere) ihr angestammtes Geschäft verfolgen, können aber Entdecker Neues ausprobieren, Leute wie Hardy Prothmann mit seinem Heddesheimblog (Hardy saß mit Widmann und Wegner auf dem Podium im ifp). Der Journalist bastelt seit rund einem Jahr an einem kleinen Blognetzwerk für seinen Heimatort Heddesheim und die umliegenden Gemeinden. Platz dafür lässt ihm der „Mannheimer Morgen“, ist Prothmann überzeugt. Schließlich betreibe der überwiegend „Bratwurstjournalismus“, gefällige Lokalberichterstattung, die das Objekt der Berichterstattung ernster nehme als den Leser (und den Leser somit an der Nase herumführe).

Nun könnte es ja sein, dass das Heddesheimblog ein Erfolg wird und Hardy ein Leben finanziert. Und dann könnte es ja sein, dass es weitere ähnliche Projekte gibt, also noch mehr Blogs über Orte wie Heddesheim (die Gemeinde hat 10.000 Einwohner) und Publikationen wie die Ruhrbarone. In einer idealen Welt könnten all diese Nischenmedien sich zusammenschließen, ein gemeinsames Netzwerk bilden und so auf eine nennenswerte Reichweite kommen, um auch jenseits der lokalen Anzeigenakquise am Werbekuchen zu knabbern.

Was die Medien dieser neuen Welt sicher nicht brauchen, sind Agenturen. Prothmann sagt ganz klar, er fliege deutlich unter dem Radar von Agenturdiensten, er berichtet detaillierter und kleinteiliger als das selbst die dpa mit ihrem engen Korrespondentennetz je leisten könnte. Was die neuen hyperlokalen Medien allerdings gebrauchen könnten, wäre ein Aggregator, eine intelligente Maschine, die aus den einzelnen Nachrichtenströmen ein auf die Bedürfnisse einzelner Nutzer oder regional sortiertes Netz spinnt. Dann würde das Heddesheimblog auf das Berlinblog verlinken und eben kein ddp-Feature kopieren.

Natürlich könnte es auch ganz anders laufen. Schließlich hätten Zeitungen mit ihren Portalen heute schon die Möglichkeit, sich zu vernetzen. Sie müssten sich nur mal auf den Weg machen. So langsam. Doch egal wie die Entwicklung weitergeht: Die Agenturen stecken in der Klemme. Medien brauchen sie zwar noch, aber von Jahr zu Jahr ein bisschen weniger.

Medien? Done! Einige zumindest.

Chris Anderson ist der Mann, der den Long Tail erfand, und er ist der Autor von „Free“, einem Buch das beschreibt, wie kostenlos als Geschäftsmodell funktionieren kann (die Basics gibt es hier). Außerdem er ist Chefredaketeur eines Holzmediums: des Zukunftsmagazins „Wired“ (von dem es auch eine Internetversion gibt, mit Inhalten, die für den Nutzer kostenlos sind). Als Autor und Redakteur produziert er also eine Menge Gedrucktes. Ansonsten sind seine Ansichten … manche würden sagen radikal … andere halten realistisch für das richtige Adjektiv.

In einem „Spiegel“-Interview erklärt Anderson die Begriffe „Medien“, „Journalismus“ und „Nachrichten“ für tot:

„I don’t use the word journalism. (…) Sorry, I don’t use the word media. I don’t use the word news. I don’t think that those words mean anything anymore.“

Und Anderson sagt, wie er sich informiert. Zeitungen spielen da keine Rolle. Auf die Frage, die Neuigkeiten ihn errreichen sagt er:

„It comes to me in many ways: via Twitter, it shows up in my inbox, it shows up in my RSS feed, through conversations. I don’t go out looking for it.“

Wenn man das nicht für totalen Quatsch hält, dann muss man zu der Erkenntnis gelangen, dass wir erst ganz am Anfang eines sehr, sehr umfassenden Medienwandels stehen. Unweigerlich muss man eben genau dorthin gelangen.

Bei mir hat sich Twitter vor einigen Monaten vor den RSS-Reader geschoben. Und der stand lange auf der Eins. Ups.

Eine Geburtsanzeige für den Journalismus

Ein zauberhafter Satz von Jeff Jarvis. In einem Interview mit der „Washington Post“ sagt er auf die Frage, ob sich das Reden über den Niedergang der Zeitungen anfühlt, wie einen Nachruf zu schreiben:

„I’m writing a birth notice. With the Internet come incredible opportunities. And I can be an obnoxious optimist about this, and I know I am, but I really believe that.

Lesenswert, auch wenn viele von Jarvis Thesen ja bekannt sind.

Nachrichtenagenturen sägen am Ast

Auf den ersten Blick könnte man meinen, das Geschäftsmodell Nachrichtenagentur überholt sich gerade. Erst hat die WAZ-Gruppe der dpa den Rücken gekehrt (was nicht immer funktioniert), nun folgt bei der „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ ein Test: Sechs Wochen lang will die Redaktion ohne die Meldungen, Features und Hintergründe der größten deutschen Agentur auskommen. Anschließende Kündigung des Agenturvertrags nicht ausgeschlossen.

Auf den zweiten Blick, besser gesagt beim Kramen in Erinnerungen, fällt auf: All das gab es schon mal. In der vorigen Krise haben es die „Rhein-Zeitung“ und die „Rheinische Postohne dpa probiert. Das war 2003. Heute bietet die „Rhein-Zeitung“ einen dpa-Ticker an, und auch die „Rheinische Post“ kommt nicht ohne aus.

Die Argumente von damals und heute ähneln sich sehr: dpa sei zu teuer, heißt es, zu schlecht, zu unflexibel – und man wolle ja eigentlich eine Autorenzeitung machen, dpa sparen heiße mehr Redakteure beschäftigen.

Nun ließe sich schlicht folgern: Die dpa hat die Krise nach dem Platzen der New-Economy-Blase mit anschließender Anzeigenflaute und Medienkrise überstanden, dann wird sie das auch heute schaffen. Doch es gibt ein paar Gründe, warum es dieses Mal deutlich schwerer werden könnte, warum Nachrichtenagenturen vielleicht gerade dabei sind, sich zur Hälfte selbst überflüssig zu machen und zu anderen Hälfte von der Medienentwicklung hinweggespült zu werden.

Da wären zunächst ein paar inhaltliche Gründe, die Augen-geradeaus!-Blogger Thomas Wiegold unlängst auf Peter Zschunkes agenturjournalismus.de zusammengefasst hat. Die Kernpunkte: Die Agenturen sind nicht mehr in erster Linie Anbieter exklusiver Informationen, sondern zum Distributionskanal verkommen. In der Praxis heißt das, Agenturen schreiben all das zusammen, was Medien ihnen zutragen, garnieren aber nur in Ausnahmefällen mit Informationen, die nur sie haben.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn auf der anderen Seite nagt das Netz an der Existenzberechtigung von Agenturen.

Online-Medien zahlen nicht so viel Geld für Agenturen, wie es einst Print tat. Denn dazu reichen die Werbeeinnahmen nicht aus, ob das künftig anders sein wird, ist mindestens fraglich. Auch Print wird weniger zahlen wollen. Denn schließlich bröckeln die Erlöse auch bei den Holzmedien. Zugleich schließen immer mehr Agenturen Verträge mit Google. Damit sägen sich nicht nur am Ast der Online-Ableger klassischer Medienhäuser, sondern auch an ihrem eigenen.

Bisher leitet Google viel Traffic aus dem eigenen Suchschlitz auf große und kleine Nachrichtenangebote, die einen größeren oder kleineren Teil ihrer Berichterstattung mit Agenturen bestreiten. Künftig wird ein großer Anteil dieser Zugriffe den Kosmos von Google nicht mehr verlassen. Denn die Agenturmeldungen hostet der Such- und Werbekonzern schließlich selbst.

Für Medien bleibt somit nur ein Weg: Sie müssen – wie vielfach versprochen und selten wirklich verwirklicht – in eigene, originäre Berichterstattung investieren, damit ihr Angebot sich vom allgemeinen Google-Agenturen-Strom abhebt. Zur Kündigung zumindest von einem Teil der Agenturverträge ist es dann nur noch ein kurzer, logischer Schritt.

Und natürlich bleibt eine weitere Frage damit ungelöst: Wie soll künftig Qualitätsjournalismus und Medienvielfalt finanziert werden, wenn Google ein noch größeres Stück vom Werbekuchen für sich beansprucht? Vielleicht sind die Modelle Huffington, ProPublica und Spot.us ja wirklich ein Teil der Zukunft.

Update: DonAlphonso geht davon aus, dass die Zeitungen eh zur dpa zurückgehen, spätestens wenn sie merken, dass ihre Redakteure keine Autoren sind.

Update2: In den USA lassen Zeitungen AP fallen. Via Jeffs Buzzmachine.

Update 3: Auch der Tagesspiegel hat das Thema entdeckt: „Das Sparmodell“. Und Meedia.

Update 4: Jeff Jarvis hält Stiftungen für einen Teil der Zukunft.