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Über das Dilemma der Journalistenausbildung

Vor ein paar Monaten saß ich im kleinen Kreis mit ein paar Kollegen zusammen. Das Institut zur Förderung journalistischen Nachwuchses hatte uns gebeten, miteinander und mit den Studienleitern über die Journalistenausbildung und das Curriculum zu sprechen. Das Ergebnis lautete kurz zusammen gefasst: Handwerk, Handwerk, Handwerk. Denn wer nicht gelernt hat zu recherchieren oder seine Darstellungsformen nicht beherrscht, der kann kein guter Journalist sein. Aber: Reicht das heute noch? Ich fürchte nein.

Das mittelgroße Problem: Alles, was früher in der Journalistenausbildung gut und richtig war, ist auch heute noch wichtig, ja unumgänglich. Doch es kommen noch ein paar Dinge hinzu, die Journalisten heute dringend können oder mindestens verstehen sollten. Die Debatte, die der geschätzte Kollege Matthias Spielkamp vor einigen Tagen mit seinen Thesen zur Journalistenausbildung begonnen hat und die der ebenso geschätzte Kollege Christian Jakubetz mit seinem Buchprojekt weiterführt, ist dringend notwendig.

Das Handwerk steckt in Matthias erster These: “Es geht um Journalismus – nicht Online-Journalismus”. Anders formuliert: Die Plattform hat nichts mit der Qualität des Produkts zu tun. Oder wird ein “Zeit”-Essay anderer Journalismus, nur weil die Kollegen von “Zeit Online” es auch im Netz veröffentlicht haben?

Die vier weiteren Thesen zeigen, dass es mit Handwerk nicht getan ist: Matthias fodert “digital residents” als Ausbilder in den Verlagen, eine produktive “Fehlerkultur”, Freude am Widerspruch des Lesers und die Bereitschaft, von Volontären zu lernen. Marcus Lindemann, ebenso geschätzt, ergänzt in den Kommentaren, auch von den Lesern, Zuschauern, Grafikern, IT-Leuten, Fotografen und Sekretärinnen müssten wir lernen.

Das alles ist richtig. Und doch ist es nur ein Teil des Dilemmas, in dem wir alle stecken – und das auch das Dilemma der Journalistenausbildung ist. Denn die Ausbildung müsste noch so viel mehr vermitteln. Darunter:

Publikationstechniken:

Dereinst – als es noch kein Internet gab – war der Verlag oder Sender dafür zuständig, die Plattform zu stellen. Der Journalist recherchierte, schrieb seinen Text, als Redakteur baute er die Zeitungsseite; im Radio oder im Fernsehen wurde sein Beitrag geschnitten und gesprochen. Die Ressourcen für die Publikation stellte indes die Organisation. Natürlich gibt es dieses Modell nach wie vor, aber wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass es in jedem Fall ewig funktioniert. Und vor allem: Es ist nicht mehr das einzige Modell. Publizität kann jeder herstellen, ein Blog und ein Twitter-Account sind ebenso leicht (und kostenlos) einzurichten wie ein E-Mail-Postfach beim Anbieter der Wahl. Wenn aber jeder publizieren kann, dann wird Publizität zu einer Kulturtechnik. Und die sollten Journalisten unbedingt beherrschen. Sie sollten bloggen, twittern und bei Facebook sein. Wie sollen sie sonst ihren Lesern aus Augenhöhe begegnen?

Kommunikationstechniken:

Dereinst – als es noch kein Internet gab – war die Leserbrief- oder Zuschauer-Redaktion fürs Publikum zuständig, sie war der Rückkanal. Der Redakteur bekam nur das geliefert, was ihn betraf (Unsinn, Beschimpfungen und Niveauloses wurde ausgefiltert). Auch heute gibt es dieses Modell noch, sogar in der Online-Welt. Community-Abteilungen kümmern sich um Leserzuschriften per Mail, in Foren und in Kommentaren, sie filtern, sie veröffentlichen, werfen weg – und sie liefern dem Redakteur sein Päckchen mit Zuschriften, die ihn betreffen. Aber das ist mehr das einzige Modell: Reaktionen auf die eigene Arbeit finden auch auf Blogs und in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook statt. Online-Kommunikation auf den unterschiedlichsten Kanälen ist längst eine Kulturtechnik geworden. Journalisten müssen sie beherrschen, wollen sie ihren Lesern auf Augenhöhe begegnen.

Recherchetechniken (besser bekannt als Datenjournalismus):

Dereinst – als es noch kein Internet gab – ging der Journalist auf eine Pressekonferenz, griff zum Telefon und recherchierte so seine Geschichte, die er anschließend aufschrieb. Auch dieses Modell gibt es heute noch, es ist sogar im Online-Journalismus weit verbreitet. Aber es ist nicht mehr das Einzige. Journalisten, zum Beispiel die Kollegen vom Guardian, spielen mit Daten, visualisieren sie, motivieren ihre Leser, ihnen bei der Recherche zu helfen. Aber Journalisten sind auch auf diesem Spielfeld nicht allein, wie zum Beispiel das Projekt Offener Haushalt zeigt. Journalisten oder besser Redaktionen sollten sich jedoch mit diesen Methoden vertraut machen, sonst werden sie von anderen Akteuren abgehängt.

Das Dilemma der Journalistenausbildung ist: Journalisten sollten Physiker, Biologen, Wirtschaftswissenschaftler, Juristen, Politologen oder Historiker sein, die das traditionelle Handwerk ebenso wie die neuen Kulturtechnik der Medien- und Kommunikationswelt beherrschen. Nur das ist kaum in einer Ausbildung zu vermitteln. Und angewandt widerspricht es dem an sich ja sehr erfolgreichen Prinzip der Arbeitsteilung – gegen das auch nichts spricht, außer der Personalabbau in den Medien.

Der Vollständigkeit halber: Die Folien von Matthias, auch ohne Tonspur aufschlussreich.

Studie: Journalismus und Blogs ergänzen sich

Angesichts einer zuweilen etwas hitzig geführten Debatte über Journalismus, Medien und das Internet, in der nicht jeder Beitrag durch vollendete Sachkenntnis glänzt, tut es gut, wenn sich mal jemand so richtig intensiv mit dem Thema beschäftigt – und zu erstaunlichen Ergebnissen kommt.

Im Rahmen des DFG-Forschungsprojekts „Journalismus im Internet: Zwischen Profession, Partizipation und Technik“ (Zusammenfassung in der Ausgabe 4/2009 von “Media Perspektiven” als PDF, 160 KB, via) haben die Studienautoren Christoph Neuberger, Christian Nuernbergk und Melanie Rischke Macher journalistischer Angebote im Netz befragt. Berücksichtigt haben sie dabei nicht allein die Netzableger traditioneller Medien, sondern auch ein paar Blogger.

Für den Aufwand, den die Autoren getrieben haben, erscheinen die Ergebnisse so: naheliegend. Die Studie gelangt zu dem Schluss,

„dass zwischen dem professionellen Journalismus sowie den partizipativen und technischen Angeboten im Internet vor allem eine vielschichtige komplementäre Beziehung besteht, weniger ein Konkurrenzverhältnis. Weblogs, Nutzerplattformen und (Nachrichten-)Suchmaschinen sind für die journalistische Recherche wichtig geworden. Darüber hinaus findet in partizipativen Angeboten die Anschlusskommunikation des Publikums der Massenmedien statt. Auch durch die wechselseitige Thematisierung und Kommentierung beeinflussen sich journalistisch-professionelle und partizipative Angebote.“

Anders formuliert: Der gemeine Nutzer/Leser diskutiert einfach mit und ergänzt. Das macht er nicht allein in Kommentaren, sondern im eigenen Blog und wer weiß wo noch überall.

Dieses Partizipationsdings spielt sich nicht nur im Bereich von Medien und Journalismus ab, stellen die Autoren fest:

„Ähnliche Auswirkungen der Partizipation am neuen Netzwerkmedium lassen sich auch in anderen Bereichen der Öffentlichkeit beobachten: Die kollaborative Produktion, Vervielfältigung und Verbreitung von Informationsgütern aller Art (Bildung, Beratung, Unterhaltung, Kunst, Software) durch unbezahlte Laien ist im und durch das Internet zu einem verbreiteten Phänomen geworden.“

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es für diese Erkenntnisse eine Studie gebraucht hätte. Ein bisschen Surfen hätte auch gereicht. Möglicherweise. Aber vielleicht trägt eine von der DFG finanzierte Untersuchung dazu bei, die Debatte zu versachlichen. Denn eine Studie ist eine Studie und eben kein Geschwätz von Internetverstehern.

Und noch ein Ergebnis liegt auf der Hand – und sollte doch Anlass zum Nachdenken geben:

„Die eigentliche Bedrohung des Internets für den professionellen Journalismus besteht nicht auf dem Publikums-, sondern auf dem Werbemarkt: Neue Werbeträger im Internet stellen die Querfinanzierung des Journalismus durch Werbeerlöse infrage.“

Wie wäre es denn, wenn wir (Journalisten) einfach mal anfangen, an einem Strang zu ziehen. Denn, finden sich keine Geschäftsmodelle jenseits des unsteten Werbemarkts, die Journalismus nachhaltig finanzieren, könnten wir alle noch zu Bloggern werden.

Businessmodelle für Journalismus

Wenn Jeff Jarvis schreibt:

„Any business model is just a list of assumptions and ranges.“

Dann heißt das faktisch: Für ein Geschäftsmodell braucht man nicht nur Argumente, man muss es auch verkaufen können. Und das ist vielleicht noch wichtiger. Eigentlich klar. Und doch auch beängstigend.

Jarvis geht es übrigens um Geschäftsmodelle für Journalismus. Schon seit Monaten sucht er nach Zahlen zu Bezahlmodellen (an die er bisher nicht glaubt). Jetzt gibt es ein Projekt an der CUNY Graduate School of Journalism, wo Jarvis unterrichtet. Bin sehr gespannt auf die Ergebnisse.

Absolutheit und die Geschichte

Es gibt Zitate, die beeindrucken mich in ihrer Bestimmtheit und Absolutheit. Diese ist so eines:

„Die aufgeklärteren Blogger, Bürgerreporter, Online-Journalisten wissen, dass sie Zeitungen ergänzen und Respekt lehren können. Ersetzen können sie die Profis der „New York Times“, „Washington Post“, des „Wall Street Journal“ (das als einziges Blatt, recht erfolgreich, Geld verlangt für den Onlinezugriff), auch „Time“ und „Newsweek“ noch lange nicht und wahrscheinlich niemals. Guter Journalismus mit gründlichen Recherchen und der nötigen Unabhängigkeit von Politik, Verbänden, Unternehmen kostet Geld. Umsonst ist Online und der Tod, was frei ist, ist auf Dauer nichts wert.“

Die Sätze stehen im Artikel „Das große Zeitungssterben“ von „Welt“-Korrespondent Uwe Schmitt. In mir regen sie die Frage an: Wie werden sie in fünf oder in zehn Jahren klingen?

Wie war das noch gleich mit dem Aufstieg der „Huffington Post“? Hatten nicht die Verfehlungen der „New York Times“ und anderer Traditionsmedien in den USA den schnellen Aufstieg dieses blogartigen Online-Mediums zumindest begünstigt?

Was mich beruhigt: Was immer wir Journalisten, ob Profis oder Leute wie ich – Online-Journalisten – schreiben, es kommt eh wie es kommt, denn das Internet ist gelebte Konsumentenethik. Die Leute klicken, wo sie wollen.

Und was mich freut: Der Text wurde nicht nur gedruckt und wandert mit der Zeitung ins Archiv (oder den Papierkorb), er steht auch im Netz. Vermutlich für die Ewigkeit. Wir können ihn in fünf oder zehn Jahren einfach nochmal lesen.

Dann werden wir auch wissen, ob wir eine solide Refinanzierung für Journalismus gefunden haben. Denn die alten Modelle laufen ja gerade aus.

Medienwandel in einem Zitat

Um den Medienwandel zu erklären, den das Internet uns bringt, braucht es kaum mehr als ein paar Sätze. Zum Beispiel diese hier von Marcel Weiß auf netzwertig.com:

Wenn in den USA etwas passiert, was ich online auf den jeweiligen Newsdiensten zeitnah erfahre, kann ich die Artikel dazu direkt auf den Websites der New York Times, der Washington Post oder auch der Huffington Post nachlesen. Ich kann die Meinungen von Allerweltsamerikanern auf FriendFeed oder über die Twittersuche in Erfahrung bringen. Wenn ich dann in der Tagesschau die vereinfachte Sicht der Dinge vom Auslandskorrespondent aus Washington näher gebracht bekommen soll, ist das vor allem ein bisschen absurd.

Das klingt aussichtslos. Für die traditionellen Mediengattungen. Und doch steckt in den Sätzen auch eine ganze Menge Hoffnung.

Denn 60 Prozent der Deutschen sprechen kein Englisch, von den restlichen 40 Prozent kann die Mehrheit vermutlich kaum mehr als ein Bier, ein Essen oder ein Taxi bestellen. Das schreibt zumindest Wolf Schneider in „Speak German!“ (bin mir nicht mehr ganz sicher, ob er seine Angaben belegt, aber schlüssig klingen sie allemal). Damit hat die Mehrheit der Menschen in Deutschlang nicht die Möglichkeit, über Vorgänge in den USA auf dortigen Websites oder gar in Tweets zu recherchieren.

Mit den Tweets kommt neben der Sprache eine weitere Kompetenz ins Spiel, ohne die es nicht geht in der neuen Welt: die Medienkompetenz. Twitter und Blogs sind noch lange nicht massentaugisch (im Sinne der „Bild“-Zeitung). Selbst einige Medienmenschen – also solche, die ihre Familien mit dem Medienmachen ernähren – fällt es schwer, diese und andere Primärquellen anzuzapfen (und manchmal passt das auch einfach nicht in den hektischen Alltag). Schließlich ist es allemal einfacher, sich bei Agenturen zu bedienen. Da weiß man, was man hat. Im besten wie auch im schlechtesten Sinne.

Für Journalisten bedeutet das nichts anderes als: Sie werden gebraucht. Dingend. Nur sollten sie die neue Welt der Blogs, Tweets und den ganzen Social-Media-Krams ein bisschen herzlicher umarmen als bisher. Denn sonst wird die Medienwelt am Ende zu einer Parallelwelt ohne Verbindungstür zum wahren Leben – im Netz.

Auch dafür hat Marcel Weiß zwei gelungene Sätze parat:

„Das Internet ist nicht die digitale Fortsetzung der analogen Medienwelt. Es ist eine neue Welt mit neuen Spielregeln.“