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DJV hält sich Onliner als Statisten

Auch wenn man ein Posting kaum schwachsinniger beginnen kann, muss ich dennoch zwei Dinge vorwegschicken: Wie ich bereits schrieb, halte die das Gattungsdenken in Mediendingen für überholt. Und wie ich bei einer weiteren Gelegenheit schrieb, hat mich der DJV als Onlinejournalist noch nie vertreten, weil es ihm in mehr als zehn Jahren Medien im WWW nicht gelungen ist, Tarifverträge für Internetpublikationen durchzusetzen (was ich persönlich nicht einmal bedauere). So, dann kann es ja losgehen.

Der geschätzte Kollege Daniel Fiene hat DJV-Vizechefin Ulrike Kaiser zur aktuellen Diskussion über diese Pressemitteilung, Google, die Verlage und den deutschen Journalismus befragt. Dafür von hier aus: herzlichen Dank.

Nun habe ich keine Lust, die Argumente von Frau Kaiser zu sezieren, wenngleich es mich ein wenig in den Fingern juckt. Auf eines aber sei an dieser Stelle hingewiesen. Ulrike Kaiser sagt:

„Ich denke, es ist an der Zeit, diese Diskussion zwischen den “Holzjournalisten” und den Onlinern zu versachlichen und mehr miteinander zu reden, als übereinander. Wir im DJV tun das übrigens. Wir haben sehr viele Onliner bei uns im Verband. Die arbeiten sehr aktiv mit. Die arbeiten unter anderem auf Landesebene oder auf Bundesebene in einem Fachausschuss für Online-Journalisten mit (…)“

So weit, so wunderbar. Das würde mich nun gerne unterschreiben. Nur weiß ich, das das leider nicht so ist. Die Kollegen Onliner, die im Verband aktiv sind, arbeiten zwar emsig. Nur der Bundesvorstand fragt eben nicht den Fachausschuss Online, bevor er sich zu Internetdingen äußert und den Verband und den in ihm organisierten Teil des deutschen Journalismus damit in die Sackgasse manövriert positioniert. Daniel weist dankenswerter Weise auf einen Kommentar von DJV-Onliner-Chef Thomas Mrazek hin, der genau das öffentlich bestätigt. Und der Bundesvorstand hat die Fachkollegen nicht zum ersten Mal ignoriert.

Wozu bitte ist ein Fachausschuss dann da? Also abgesehen davon, dass die Reisekosten seiner Mitglieder von meinen Beiträgen bezahlt werden. Ich kann nur vermuten: Onliner sind für den DJV allenfalls Statisten.

Ach ja, Ulrike Kaiser sagt auch noch:

„Wir versuchen zum Beispiel jetzt gerade – und ich denke, da sind wir auf einem guten Weg – die Onliner selbst in die Tarifarbeit mit einzubeziehen.“

Tatsächlich? Dann chapaeu, im Jahr 13 des Bestehens von zum Beispiel FOCUS Online.

Gesammelte Zitate von DJV-Chef Michael Konken

Nun habe ich zwar nicht jedes dieser Zitate nachrecherchiert. Doch allein die, die ich noch im Kopf hatte, sind ausreichend erschütternd. (Via Kühlschranknotizen).

Update: Ok, doch noch das böse, böse Google bemüht. Bis aus das Zitat auf Folie 8 alles gefunden.

DJV antwortet auf offenen Brief

In der vergangenen Woche habe ich mich über diese Äußerungen von DJV-Chef Michael Konken aufgeregt und ihm einen offenen Brief geschrieben (zu Kartellrecht und Google hatte ich dann noch ein ausführlicheres Posting verfasst). Seine Stellvertreterin Ulrike Kaiser antwortet nun. Da mir an einer öffentlichen Diskussion liegt, veröffentliche ich ihr Schreiben an dieser Stelle – mit ihrem Einverständnis und zunächst unkommentiert.

Lieber Kollege Sievers,

danke für Ihren Offenen Brief, den Sie an den DJV-Vorsitzenden Michael Konken gerichtet haben. Da dieser in Urlaub ist, möchte ich Ihnen als seine Stellvertreterin antworten und greife damit gerne das Angebot zum Dialog auf.

Was den DJV betrifft, freue ich mich, dass Sie Mitglied sind (und hoffentlich bleiben), weil wir nach meiner festen Überzeugung den argumentativen Diskurs pflegen müssen, der häufig viel zu kurz kommt. Und da sind uns alle willkommen, die sich für den Journalismus, für die Zukunft der Medien, für berufsethische Fragen engagieren und in diesem Sinne äußern.

Zum konkreten Anlass: Auch Sie betonen eingangs die Ausnahmestellung von Google, die für mich weit über die Online-Werbung hinausreicht. Google hat sein erfolgreiches Geschäftsmodell auf der systematischen Auflistung und Verlinkung zu Beiträgen Dritter aufgebaut, für die das Unternehmen keinen Cent bezahlt. In Google News wird dieses Modell aktuell ausgeweitet.

Von diesen Modellen profitieren vordergründig alle: der Konzern selbst unmittelbar durch Werbung, die (Online-) Medien durch publizitäts- und damit werbewirksame Zugriffsraten (welches Medium wollte darauf verzichten?), wir Journalisten – wie die jüngste Studie (M. Machill) ergeben hat – handwerklich in der Recherche (manchmal auch nicht) und die nichtjournalistischen Internet-Nutzer ganz allgemein im Zugang zu weltweitem Wissen. Das alles ist unbestritten. Und der DJV wäre der Letzte, der die Vorzüge von Suchmaschinen im Speziellen und dem Internet im Allgemeinen nicht erkennen und in seine Überlegungen einbeziehen würde. So von Gestern sind wir nun wirklich nicht …

Aber neben den Vorteilen sehen wir Gefahren, auf die auch Sie aufmerksam machen. Die eine besteht darin, dass hier gutes Geld verdient wird, ohne die eigentlichen Urheber am Geschäft zu beteiligen. Die andere besteht in einer Machtballung, deren medien- und gesellschaftspolitischen Folgen erst in Konturen zu erkennen sind; denken Sie nur an die Frage, welche Anbieter und Themen (künftig) berücksichtigt werden, wer das Ranking beeinflusst etc…

Mit beiden Problembereichen muss sich der DJV als Vertreter von journalistischen Urheberinnen/Urhebern und als Verfechter publizistischer Vielfalt befassen. Letztere wird trotz der, von Ihnen zu Recht betonten, allgemeinen Meinungsvielfalt per Netz im professionell-journalistischen Bereich gerade auf lokaler Ebene erheblich eingeschränkt (nicht nur die WAZ mit ihren Einsparungen lässt grüßen). Und wenn der DJV dann – wie im Fall Google – weder durch Selbstkontrolle (die uns immer lieber als gesetzliche Regulierung ist) noch durch tarifliche Vereinbarungen weiterkommt, dann wird ein Gesetzgeber regulierend eingreifen müssen. Wie in der Vergangenheit auch. Ich nenne nur die Stichworte Urheberrecht, Pressefusionskontrolle, Leiharbeit etc. Auf welcher Grundlage arbeiteten sonst Urheberorganisationen wie die GEMA oder die Verwertungsgesellschaften Wort bzw. Bild. Wie sonst wäre es zu einer Kopierabgabe gekommen, von der noch heute Journalistinnen und Journalisten profitieren. Vergleichbares ist auch in Sachen Internet denkbar.

In unserem Rechtsstaat ist – wenn Grundrechte dabei nicht eingeschränkt, sondern im Gegenteil gestützt werden – genau dieser gesetzliche Weg der angemessene und legitime, vor allem, wenn es um weitreichende Strukturveränderungen in der Medienlandschaft geht. Diese ausschließlich dem angeblich freien Spiel der Kräfte zu überlassen wäre nicht im Sinn der demokratischen, kulturellen Funktion von Medien, wie sie nach 1945 bewusst organisiert wurden.

Dass wir dabei das Schlagwort von der „Gratiskultur“ (besser: „Gratis-Unkultur“?) aufgreifen, richtet sich selbstverständlich nicht gegen das Geschäftsmodell von focus online oder anderer Gratis-Angebote im Netz, erst recht nicht gegen Blogger. Wir greifen damit aber die berechtigten Bedenken der Medienmacher/innen auf, die inzwischen selbst problematisieren, ob es der richtige Weg war, den Gratis-Gedanken für professionelle journalistische Arbeit im Internet wie selbstverständlich nachzuvollziehen. Inzwischen scheinen damit Fakten geschaffen worden zu sein, die als beinahe unumstößlich gelten. Aber sind sie es? Das ist die Frage an die Geschäftsmodelle von morgen, von denen dann auch wiederum Journalisten profitieren könnten.

Sie beschreiben das Dilemma der Medien treffend. Auf der einen Seite müssen sie Google den Datenzugang gestatten, um auffindbar zu sein und weltweit Gehör zu finden (das allein ist schon auf die Machtposition von Google zurückzuführen). Auf der anderen Seite wollen sie das nicht gratis erlauben, sondern am Geschäft partizipieren. Kommen wir also noch mal zu den Urheberrechten. Die Urheber sind, wie Sie zu Recht feststellen, die Journalisten. Und die sind von ihren eigenen Auftrag- bzw. Arbeitgebern ziemlich gebeutelt. Denn häufig sollen sie Rechte abtreten, die sie von weiteren Einnahmen aus der Verwertung ausschließen. Das weiß gerade der DJV, und er kämpft auf allen möglichen Gebieten dagegen, individuell durch Rechtsschutz, tariflich, juristisch (die Axel Springer AG oder der „Nordkurier“ können da aktuell Auskunft geben) und auch politisch (wieder Richtung Gesetzgeber übrigens!).

Der DJV weiß, welch schwache Karten Urheber gegenüber ihren Auftrag-/Arbeitgebern haben, wie Urheberrechte mit Füßen getreten, wie freie Journalistinnen und Journalisten mit Billighonoraren abgespeist werden. Deshalb haben wir uns auch (übrigens ausführlich begründet!) so wohlfeilen Verleger-PR-Aktionen wie jüngst zum Leistungsschutzrecht nicht angeschlossen. Der DJV-Bundesvorstand singt zwar überzeugt das Hohe Lied auf die geistigen Leistungen und die Kreativen – aber nicht unbedingt im Chor mit Medienunternehmern, die sich in der Praxis weigern, diese geistigen Leistungen und diese kreativen Freien angemessen zu bezahlen und sie an Weiterverwertung zu beteiligen.

Wir haben allerdings noch Hoffnung auf „gemeinsame Sache“ zwischen Urhebern und Medienunternehmern. Durch Tarifverträge, durch Verwertungsgesellschaften, durch die noch nicht abgeschlossenen Verhandlungen über gemeinsame Vergütungsregeln für Freie. Wenn wir die Hoffnung aufgegeben hätten, dass Urheber und Verleger zu gemeinsamen Lösungen finden könnten (und sei es durch Arbeitskampf oder gesetzlich bewirkt!), könnten wir einpacken. Als Gewerkschaft und als Berufsverband.

Nein, es ist nicht alles schwarz-weiß, weder im DJV noch anderswo. Deshalb, lieber Kollege Sievers: Bleiben Sie dabei, und gestalten Sie mit. Manchmal an Grautönen. Aber auch die sind wichtig in einem stimmigen Medienbild.

Ich freue mich auf weitere Diskussionsbeiträge,

freundliche Grüße

Ulrike Kaiser
Stellvertretende Vorsitzende

Deutscher Journalisten-Verband
Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Zum Thema hat sich (neben vielen anderen) auch Thomas Knüwer geäußert – und seinen Austritt aus dem DJV begründet. Eine muntere Debatte läuft bei Twitter.

Das Verschwinden von Zeitungen und ein Fragezeichen

Die Medienforscher Stephan Weichert und Leif Kramp haben ihre jüngste Studie zum deutschen und internationalen Zeitungsmarkt mit dem Titel „Das Verschwinden der Zeitung?“ (PDF, 1,3 MB) versehen. Und das lässt stutzen. Stellt sich doch (bei mir auf den zweiten Blick) die Frage, ob eine Studie mit einem Fragezeichen im Titel ihre Kernthese überhaupt belegen oder widerlegen kann. In diesem Fall kann sie es nicht. Nach der Lektüre bleibt vor allem eines: ein großes Fragezeichen.

Der wichtigste Grund: Die Handlungsempfehlungen, die die Autoren der eigentlichen Auswertung vorweg stellen, wollen nicht so recht zum Resümee am Schluss passen.

Auf den ersten Seiten heißt es unter anderem:

„Das Internet ist nicht einfach ein neues, höher entwickeltes Medium; vielmehr saugt es alle bestehenden Massenmedien in sich auf, deutet sie um und definiert deren Ausdrucksformen und publizistische Wirkung neu.“

„Die Vertriebsform der klassischen Zeitung auf Papier ist überholt; elektronische Verteilformen sind nutzerfreundlicher, wirtschaftlicher und ökologischer.“

„Elektronische Datenträger bieten kompakte, handliche Darstellungen von Zeitungsinhalten, ohne vollständig auf den haptischoptischen Eindruck des Zeitungslesens verzichten zu müssen.“

Alles in allem wollen die Autoren offenbar sagen: Die Zeitung ist ein Auslaufmodell.

Rund 100 Seiten schreiben die beiden Forscher dann aber:

„Das Ende der Zeitung ist dennoch keine ausgemachte Sache: Der journalistische Geist der gedruckten Presse kann – und muss – weiterleben, nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil er identisch ist mit der Idee einer lebendigen Demokratie: Ohne das publizistische Gegengewicht einer funktionierenden Medienlandschaft kann keine Aufklärung, keine Meinungsbildung mehr stattfinden. Glaubwürdigkeit, Orientierung, Unabhängigkeit sind die Pfunde, mit denen der Zeitungsjournalismus nach wie vor wuchern kann.“

Um Missverständnissen vorzubeugen: Weder wünsche ich irgendeiner Zeitung, dass sie vom Markt verschwindet (schon gar nicht denen, die ich liebe), noch glaube ich, dass das Ende bedruckten Papiers unmittelbar bevorsteht. Aber ich frage mich: Wieso brauchen wir Zeitungen, um Demokratie zu leben?

Was wir tatsächlich brauchen, ist ein funktionierender Journalismus, sind Ressourcen für Recherchen, ist ein Rückgrat für unbequeme Geschichten (das stellt auch die Studie klar). All das lässt sich jedoch nicht durch das Überleben einer Mediengattung sicherstellen, schon gar nicht, wenn diese subventioniert würde. Eine Zeitung ist ja nicht per se ein gutes Medium, nur weil sie auf Papier gedruckt ist (und einige Leuchttürme des Journalismus in den vergangenen Jahrzehnten zu dieser Gattung gehören). Fundament können allein gesicherte Geschäftsmodelle für Journalismus (und nicht Mediengattungen) oder – sollte es diese künftig nicht mehr geben – alternative Wege, etwa über Stiftungen (ich bin allerdings ausreichend kulturoptimistisch und glaube an Geschäftsmodelle, wenngleich sie nicht die Renditen abwerfen dürften, wie gut gemachtes Investmentbanking vor der Finanzkrise).

Auf der Suche nach einem Grund für die Widersprüche in der Studie von Weichert und Kramp fallen mir die Befragungen ins Auge, auf denen ein wesentlicher Teil der Analyse fußt. Die Autoren haben „ausgewählte Experten auf Basis persönlicher Kontakte und fachlicher Netzwerke kontaktiert“. Das klingt ein bisschen nach: Wir haben unser Adressbuch durchgesehen und angerufen, wen wir finden konnten.

Nun sind zum Beispiel der Medienforscher Stephan Russ-Mohl und Volker Lilienthal, Verantwortlicher Redakteur von epd-Medien, ganz sicher wertvolle Gesprächspartner, die sehr nah an der aktuellen Medienentwicklung dran sind. Bei anderen, wie etwa Hans Joachim Otto, Medienpolitischer Sprecher der FDP, kann ich das nicht beurteilen. Was jedoch alle Experten gemein haben: Sie gehören einer Generation an, über die das Internet irgendwann hereingebrochen ist. In ihrer Kindheit hat das Netz keine Rolle gespielt. Ein Notebook gab es nicht im Wohnzimmer oder auf dem Küchentisch. Stattdessen lag dort die Tageszeitung, die die Eltern jeden morgen aus dem Briefkasten fischten.

Es verwundert daher nicht, wenn Hans Joachim Otto mit „gewachsenen Lesegewohnheiten“ argumentiert, die ein Aussterben von Zeitungen unwahrscheinlich erscheinen ließen (es könnten seine eigenen Gewohnheiten sein). Wie aber sieht es mit den Lesegewohnheiten der Generation aus, die Don Tapscott digital natives nennt. Für die meisten Menschen, die sich nicht an den Mauerfall erinnern können, war nicht nur Deutschland immer eins, sondern auch das Internet immer schon da. Handys natürlich auch. Für all diejenigen, die das Platzen der Dotcom-Blase nicht miterlebt haben, werden Mobiltelefone auch immer schon online gewesen sein.

Es ist kaum zu vermuten, dass diese Generation die gleichen Lesegewohnheiten entwickeln wird, als ihre Großeltern. Das liegt nicht zuletzt daran, weil schon ihre Eltern häufig keine Tageszeitung mehr abonniert hatten. Statt des Fernsehers am Abend ist der Rechner eingeschaltet – und immer online.

Und deshalb stellt sich die dringende Frage: Wieso haben Weichert und Kramp nicht (auch) die junge Generation befragt, um aus dem Studien-Titel mit dem Fragezeichen eine echte These zu machen?

Und trotzdem: Lesenswert ist die Studie allemal. Vielleicht gerade weil man sich so vortrefflich an ihr reiben kann.