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Wiesenhof und die Zukunft der PR

Eines vorweg: Ich esse Fleisch, auch Geflügel. Und nicht immer stammt das, was auf meinem Teller liegt, aus einer Bioproduktion. So, das ist schon mal raus. Gut. Außerdem bin ich nicht naiv. Dass es Massentierhaltung gibt, dass die nicht wirklich toll ist für die Tiere, all das ist mir klar. Auch, dass ich als Fleischesser den Markt und damit die Tierhaltung mitgestalte. Produziert wird, was ich kaufe. (Bei Hähnchen habe ich ehrlich gesagt noch nie auf die Marke geachtet, höchstens auf das Biosiegel.)

Was aber nun sagt mir die Aufregung um den Geflügelkonzern Wiesenhof? Mir als Verbraucher? Und mir als Berater?

Da ist zunächst die SWR-Reportage: Der Film hat eine klare Botschaft: Wiesenhof ist böse.

Doch schon einen Klick weiter frage ich mich, haben die Reporter tatsächlich sauber gearbeitet. Wiesenhof ist schon einmal ins Visier von SWR-Reportern geraten, vor gut anderthalb Jahren.

Nun bin ich kein Spezialist für bewegte Bilder. Doch mein Eindruck ist, dass der SWR seine Argumentation damals wie heute nicht nur auf dieselbe Kronzeugin (eine ehemalige Wiesenhof-Pächterin) gestützt hat, sondern auch auf dieselben Bilder aus Wiesenhof-Ställen. Was also an der neuen Reportage ist wirklich neu?

Und dann ist da natürlich noch das “Gegenmedium”, Wiesenhof selbst. Die Reporter mit einem eigenen Kamera-Team zu filmen ist: sehr schlau.

Der Beitrag ist (nein, ich bin kein Bewegtbild-Spezialist) gut gemacht. Er zeigt das SWR-Team aus Wiesenhof-Perspektive, auch den hilflosen Versuch des Reporters, den Titel der Reportage “Das System Wiesenhof – Wie ein Geflügelkonzern Menschen, Tiere und die Umwelt ausbeutet” als Arbeitstitel zu verkaufen (wohlgemerkt, der Titel stand bereits fest, bevor die Dreharbeiten abgeschlossen waren). Diesen Teil zeigt der SWR-Film nicht.

Außerdem hat Wiesenhof eigene Kronzeugen befragt, die den Reportern eine unredliche Arbeitsweise vorwerfen (eigentlich allen Journalisten). Besonders geschickt sind zwei Kameraeinstellungen, in denen Wiesenhof zeigt, wie man Hähnchenställe filmen kann, um entweder Enge oder viel Platz zu zeigen (nein, der Wahrheitsgehalt dieser Einstellungen lässt sich nicht überprüfen).

Am Ende bleibe ich, der Verbraucher, ratlos zurück. Ich habe immer schon, so seit meiner Jugend, angenommen, dass in der Massentierhaltung nicht immer alles fein ist. Ich weiß auch, dass der Verbraucher als sparsames Wesen gerne billig einkauft und dass wir heute wesentlich weniger für unser Essen ausgeben als noch vor ein paar Jahrzehnten. Dafür fahren wir häufiger in den Urlaub und gerne weiter weg.

Wesentlich erhellender finde ich die Wiesenhof-Geschichte aus der Perspektive des Ex-Journalisten und Beraters, der ich bin. Denn Journalisten und PR-Leute können eine ganze Menge lernen. Nicht mehr nur Reporter haben Kameras, nicht nur Redaktionen drehen Reportagen. Unternehmen können das auch. Und sie brauchen keinen TV-Sender, um ihre Botschaft in die Welt zu bringen. YouTube und die eigene Website reichen völlig. Wer sich mit Wiesenhof beschäftigt, stößt fast automatisch auch auf den Film des Unternehmens und damit dessen Version der Wahrheit. Am Ende steht Aussage gegen Aussage.

Und weil das so ist, nehme ich als Verbraucher nur eines mit: Weniger Fleisch ist kein Fehler.