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Medien? Done! Einige zumindest.

Chris Anderson ist der Mann, der den Long Tail erfand, und er ist der Autor von „Free“, einem Buch das beschreibt, wie kostenlos als Geschäftsmodell funktionieren kann (die Basics gibt es hier). Außerdem er ist Chefredaketeur eines Holzmediums: des Zukunftsmagazins „Wired“ (von dem es auch eine Internetversion gibt, mit Inhalten, die für den Nutzer kostenlos sind). Als Autor und Redakteur produziert er also eine Menge Gedrucktes. Ansonsten sind seine Ansichten … manche würden sagen radikal … andere halten realistisch für das richtige Adjektiv.

In einem „Spiegel“-Interview erklärt Anderson die Begriffe „Medien“, „Journalismus“ und „Nachrichten“ für tot:

„I don’t use the word journalism. (…) Sorry, I don’t use the word media. I don’t use the word news. I don’t think that those words mean anything anymore.“

Und Anderson sagt, wie er sich informiert. Zeitungen spielen da keine Rolle. Auf die Frage, die Neuigkeiten ihn errreichen sagt er:

„It comes to me in many ways: via Twitter, it shows up in my inbox, it shows up in my RSS feed, through conversations. I don’t go out looking for it.“

Wenn man das nicht für totalen Quatsch hält, dann muss man zu der Erkenntnis gelangen, dass wir erst ganz am Anfang eines sehr, sehr umfassenden Medienwandels stehen. Unweigerlich muss man eben genau dorthin gelangen.

Bei mir hat sich Twitter vor einigen Monaten vor den RSS-Reader geschoben. Und der stand lange auf der Eins. Ups.

Die posterous-Sau im Dorf

Vor einiger Zeit bin ich über posterous gestolpert. Und ich muss sagen, wow, das Ding ist wirklich einfach. Nicht mal ein Konto muss ich mir zulegen, um Dinge ins Internet zu schreiben (was wohl die sagen, denen das Netz auch vorher schon zu anonym war?). Selbst wenn ich mit meinem Namen zu meinen Bekanntmachungen stehen will, brauche ich keinen weiteren Zugang – und kein weiteres Passwort. Ich logge mich einfach mit meinem Facebook-Konto ein (ein gewisses Grundvertrauen vorausgesetzt). Also: Hier bin ich.

So, und dann? Posterous bedient alles für mich. Mit wenigen Klicks habe ich posterous mitgeteilt, wo ich sonst im Netz zu finden bin: Twitter, Flickr, Delicious … das ließe sich jetzt fortsetzen. Aber wozu brauche ich das?

Früher hatte ich eine (ziemlich statische) Homepage, die ich irgendwann gegen ein Blog eingetauscht habe. So vor fünf Jahren kam Flickr, vor gefühlt vier Jahren Delicious, vor gut zwei Jahren Twitter – Facebook zwischendurch. Irgendwann habe ich viele Dinge, die da dezentral im Netz herumschwirrten, auf Facebook und Friendfeed zusammengefasst. Wer dort mit mir verbunden ist, weiß nicht nur was ich so lese und mir merke, sondern erfährt auch, welche Musik ich bei Last.fm mag. Ach ja, all das lässt sich auch aus der Randspalte (der Startseite) dieses Blogs ablesen.

Nun wollen all diese Plattformen bedient werden. Und das ist nicht einfach. Für Twitter habe ich Clients unter Windows und Mac OS sowie auf dem BlackBerry (an Linux schraube ich gerade). Das Blog füttere ich über den Browser (seit ich Flock abgeschworen habe). Delicous auch, Flickr je nach Stimmung und Rechner per Client oder Browser. Die Lösung für diese etwas verfahrene Situation könnte posterous heißen. Das zumindest entnehme ich Jubelmeldungen und -tweets. Aber ich bin noch nicht überzeugt. Und bin damit nicht allein.

Ein Twitter-Client auf Rechner oder Telefon bietet mir immer mehr als es posterous kann. Meine WordPress-Installationen ebenso (abgesehen davon, dass jeden Tag ein Plugin ein Update braucht). Oder habe ich etwas entscheidendes übersehen? Ich bitte um wüste Beschimpfungen Anregungen, die meine Ignoranz brechen mögen. In den Kommentaren oder per Pingback.

Der neue Zeitungsjunge heißt Twitter

Haben Zeitungen zum Tod von Elvis Presly oder zum Mord an John Lennon eigentlich Extrablätter gedruckt? Gefühlt ist es schon ein paar viele Jahre her, dass mir ein Extrablatt in die Hand geflattert ist. Zum ersten Irak-Krieg, zum 11. September? Ein bisschen schade, dass ich mich nicht erinnere, denn es war die letzte Sonderausgabe „zum Zwecke maximaler Aktualität“, wie Wikipedia etwas hölzern schreibt.

Heute geht das so:

„Certainly the Jackson news spread quickly via Twitter. TMZ.com got the news first and it spread from tweet to retweet and then it spread beyond the web as each of those Twitterers acted as a node in a real-life network. An AP reporter told me she was riding on a bus when someone came on and announced the news to all the passengers – that person was a node, the bus the network – and then everyone on the bus, she said, took out their smart phones and spread the news farther. The live, ubquitous, mobile web is an incredible distribution channel for news.“

Die Geschwindigkeit ist enorm. Das ist das eine. Die Herausforderung für Journalisten das andere. Franziska Blum schreibt über ihre Nacht mit Michael Jackson:

„Das ewige Beobachten der verschiedenen Quellen, das Warten auf seriöse Quellen, das Checken, was sich hinter den Eilmeldungen der Agenturen verbarg. Erst berichteten sie gar nicht und dann verschickten sie Eilmeldungen, die sich auf die Quellen beriefen, die schon gefühlte Ewigkeiten vorher über die Geschehnisse berichtet hatten. Und immer wieder die Frage: Darf man das jetzt melden? Oder lieber noch warten? Wie darstellen?“

Twitter ist schlicht schneller als Nachrichtenagenturen. Das ist eine Tatsache, die man als Journalist erst mal akzeptieren muss. Und das ist nicht einfach. Denn auf Agenturen konnten wir uns (meistens) verlassen (mindestens darauf, dass sie sich korrigieren, wenn sie eine Falschinformation verbreitet haben). Was aber nun, wenn eine Information bereits da ist (per Twitter), die Agenturen aber schweigen? Nichts tun ist dann keine Option mehr.

Wer per Twitter mitbekommt, dass Michael Jackson tot ist, der will mehr wissen, der will vor allem wissen, dass es sich nicht um einen üblen Scherz handelt (denn so medienkompetent sind die lieben Leser). Schweigt das Nachrichtenportal des Vertrauens, enttäuscht das Produkt. Unweigerlich. Journalisten, zumindest diejenigen, die ihre Geschichten nicht ausschließlich auf Papier drucken, müssen sich neue Quellen erschließen, müssen vor allem lernen, wie sie mit dem sozialen und dem Live-Web umgehen. Nur dann haben sie eine Chance, mit ihrem Produkt, das vor allem verlässliche Information heißt, zu überzeugen. Einfach ist das nicht, denn der Grat zwischen schneller Reaktion auf vermeintlich große Nachrichten und dem Hinterherhecheln falscher Informationen ist schmal, sehr schmal.

Der Mohr erklärt nicht nur Twitter

Fabian Mohr schreibt auf ZEIT ONLINE drei Sätze, die sich hervorragend als Textblock eignen, um neun von zehn Twitter-Geschichten in deutschen Mainstream-Medien zu kommentieren (ist ja inzwischen langweilig, immer dagegen zu halten):

„Journalisten neigen dazu, neue technologische Entwicklungen daran zu messen, was sie bereits kennen. Ein gesunder Reflex. Nur haben die Medien traditioneller Prägung, in denen sie sich zu Hause fühlen, bislang mit Blogs, Twitter oder Facebook bestenfalls am Rande zu tun.“

Dass der Mohrsche Text auch jenseits dieser Sätze höchst lesenswert ist, versteht sich von selbst. Noch eine Kostprobe:

„Als Berichtsgebiet ist das Internet nicht nur ähnlich komplex wie die Finanzkrise oder das Thema Afghanistan – in der Lebenswirklichkeit vieler Menschen, die ihr Geld in Berufen verdienen, die es vor 15 Jahren noch nicht gab, hat das Internet auch eine ähnlich hohe Relevanz.“

Also, lesen!

Twitter – oder der Reiz des Live-Web

Vor ein paar Tagen fragte mich ein PR-Arbeiter: „Herr Sievers, sollen wir twittern?“ Und gestern, als beim Mittagessen das Gespräch auf Twitter kam, wieder: „Twitter ja, aber doch nicht für ein B2B-Unternehmen!?“ Ich bin dann immer ein wenig ratlos. Natürlich gibt es immer ein paar Gründe, warum ein Mensch oder eine Institution twittern könnte, z.B. um dieses Dings, über das alle reden, zu erfahren, um zu schauen, ob es einem selbst oder seinem Arbeitgeber etwas bedeuten könnte. Und natürlich spricht vieles dagegen: die Arbeitsbelastung, der Trott, (vermeintlich) kein Nutzen. Kann sein. Doch vermutlich sollten für Kommunikationsarbeiter, zu denen ich PR-Menschen sowieso, inzwischen aber auch Journalisten zähle, dringend twittern. Mindestens sollten sie ihre Lauscher aufstellen. Der simple Grund: Twitter ist das Netz. Das Netz ist Twitter. Und beides wird jeden Tag spannender, nicht nur, weil Twitter und andere Netzwerke eine bedeutende Rolle in den Protesten im Iran spielen.

Ein paar Erläuterungen: Twitter ist zunächst nichts anderes als das Angebot, in 140 Zeichen was auch immer ins Internet zu schreiben. Das kann dann jeder sehen. Oder niemand. So betrachtet ist Twitter wie eine Graffitiwand, nur lange nicht so bunt. Doch Twitter ist im Internet, und wie jeder gute Internetdienst entfaltet auch Twitter seine Macht erst, wenn Netzwerkeffekte hinzukommen. In dieser Hinsicht ist Twitter nicht anders als das Telefon. Wenn einer ein Telefon hat, ist es nutzlos für ihn. Erst wenn ein zweiter auch einen Apparat nebst Anschluss hat, ist das Ding zu gebrauchen. Mit jedem Teilnehmer steigt dann Nutzen. Kein Wunder also, dass ich mich mit meinem Twitteraccount im März 2007 noch ein wenig einsam fühlte – und den Dienst nicht gleich verstanden habe. War ja kaum jemand da, und die die da waren schrieben kaum anderes als: „Habe gerade gefurzt.“

Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass da mehr Leute sind und dass – das war noch wichtiger – diese Leute sich nicht mehr nur über Flatulenzen unterhielten. Binnen Wochen ersetzte mir Twitter plötzlich meinen RSS-Reader zum Teil. Jedenfalls merkte ich, dass diese Menschen, denen ich folgte, mich viel früher auf spannende Themen stießen, als ich diese aus meinem Reader fischen konnte. Manche Themen drehen seit Twitter richtige Runden in meiner Wahrnehmung: erst Twitter, dann Reader und später poppen sie in Bookmarks lieber Kollegen wieder auf. Dann weiß ich, dass das Netz funktioniert, dass ich im Netz ausgelegt habe.

Seit einiger Zeit ist noch eine weitere wichtige Funktion hinzu gekommen: Mit Twitter folge ich Diskussionen im realen Leben, denen ich nicht beiwohnen kann. Das habe ich zum Beispiel getan, als ich letztens keine Zeit für den mediacoffee in München hatte. Twitter hat mir über die Suche die wesentlichen Statements geliefert. Die Pressemitteilung am nächsten Tag brachte mir kaum Neues; und auch in Blogs habe ich wenig gelesen, was über die Tweets hinaus ging.

Twitter habe ich auch benutzt, um einen ersten Eindruck von den Jugendmedientagen zu bekommen. Der Kongress mit 500 jungen Medienmachern fing an einem Donnerstagabend an, ich war als Referent für den Samstag für einen Workshop zum Wirtschaftsjournalismus eingeplant. Die Tweets der Teilnehmer haben mir einen ersten Eindruck vermittelt, wie die Stimmung auf dem Expo-Gelände in Hannover ist.

Twitter ist das Netz, weil aus einer simplen Graffitiwand ein mächtiges Werkzeug geworden ist, dessen Möglichkeiten jeder für sich selbst erschließen und bestimmen kann, dessen Nutzen nicht vorab definiert ist. Twitter hat die Bedeutungen, die seine Nutzer dem Dienst einhauchen. Vielleicht sind es fast so viele Bedeutungen, wie Twitter Nutzer hat. Und das Netz ist Twitter, denn – #zensursula hin oder her – ich vertraue darauf, dass die Netzbewohner ihre eigenen Wege finden, um Mauern niederzureißen, die sie an ihrer freien Entfaltung hindern (und damit meine ich nicht Gesetzesübertretungen). Gäbe es diesen Drang nicht und wäre er nicht stärker als jede Repression, dann wäre AOL heute noch ein wichtiges Portal und das Regime in Teheran in der Lage, Twitter, Flickr und Facebook zu kontrollieren.

Wer das Netz verstehen will, sollte sich Twitter ansehen. Und wer in Zukunft noch kommunizieren will (also die Version von Kommunikation, die darauf abzielt, dass das Gegenüber versteht), der muss das Netz verstehen.