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Warum das Dilemma der Nachrichtenagenturen in die Zukunft der Medien weist

Nachrichtenagenturen stecken in der Klemme. Ihr Geschäftsmodell ist fast zwei Jahrhunderte alt – der französische Publizist Charles-Louis Havas gründete die erste Agentur bereits 1835 – und das Internet, natürlich wieder dieses Internet gräbt ihnen nun das Wasser ab. Reuters, dpa, ddp und all die anderen sind eingekeilt zwischen ihren Kunden auf der einen Seite – vor allem Zeitungen finanzieren ihre Arbeit – und dem Netz – diesem unendlichen Informationsspeicher, den nicht mehr nur Journalisten durchpflügen und sortieren – auf der anderen.

Einen Teil des Dilemmas brachte ddp-Chefredakteur Joachim Widmann (mein geschätzter Ex-Chef) während einer Diskussionsrunde am Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses in München auf seine Weise den Punkt: Agenturen müssten überlegen, ob sie mindestens einen Teil ihres Dienstes, vor allem Analysen und Feature, erst mit einer Zeitverzögerung an Onlinemedien senden sollten. Erst dann, wenn Zeitungen sie gedruckt haben. Aus Sicht der Agentur ist diese Überlegung verständlich. Zeitungen sind nach wie vor die wichtigeren Kunden, sie zahlen deutlich höhere Preise für die Agenturdienste als Onlinemedien. Eine Analyse aber, die schon am Tag zuvor auf Nachrichtenportalen zu lesen war, ist für die Zeitung wertlos. Schließlich gibt niemand Geld für Papier aus, auf dem (fast) nur steht, was er bereits aus dem Netz gefischt hat. Das ist die eine Seite des Problems.

Die andere Seite heißt Google News (neben anderen News-Aggregatoren). Diesen Nachrichten-Sammelmaschinen steht Widmann – wie dem Netz insgesamt – kritisch gegenüber. Aus seiner Sicht folgerichtig: Aggregatoren sortieren das Netz und machen riesige Mengen Informationen, darunter Agenturmaterial, überhaupt erst zugänglich. Die Agenturen bekommen dafür keinen Cent, es sei denn, sie schließen Verträge mit den Aggregatoren, wie es AP in den USA mit Google getan hat (die Lage ist zurzeit allerdings ein wenig diffus). Wenn aber sagen wir mal Google News gegen Entgelt AP-Nachrichten hostet, also nicht nur Anreißer, sondern die Volltexte auf den eigenen Seiten auszuspielt, dann könnte das der letzte Vertrag sein, den die Agentur abschließt. Warum sollten andere (Online-) Medien Agenturdienste abonnieren, wenn Google doch nur die eigenen Seiten ausliefert und nicht mehr auf identische Inhalte anderswo im Netz verweist. Klar, oder? (Und trotzdem hat ddp einen Vertrag mit nachrichten.de, den mein Arbeitgeber TOMORROW FOCUS Portal betreibt.)

Damit sind wir beim Kern des Problems: Das Geschäftsmodell der Agenturen basiert darauf, dass Korrespondenten Informationen sammeln, diese verarbeiten, also Texte schreiben, fotografieren, Videos produzieren, eine Redaktion all das zu Diensten zusammenstelllt und an die Kunden verteilt. In der analogen Medienwelt dereinst war das ein formidables System, schließlich ersparte es der Zeitung in Ulm, einen eigenen Korrespondenten in Hamburg zu haben und umgekehrt. Doch diese Welt ist Vergangenheit. Heute ist die Information aus Hamburg auch für die Redaktion in Ulm nur einen Klick entfernt.

An dieser Stelle kommt Jeff Jarvis ins Spiel. Der US-Blogger, Medienprofessor und Berater wiederholt schon seit Jahren sein Mantra: „Cover what you do best. Link to the rest.“ Sieht man sich im (deutschen) Internet um, hört ihm jedoch kaum jemand zu. Lokal- und Regionalzeitungen verlinken für Geschichten aus Berlin nicht etwa auf den „Tagesspiegel“ oder die „Berliner Zeitung“. Stattdessen fluten sie die eigenen Seiten mit dpa-Meldungen, wie mein erster Arbeitgeber „Die Glocke“ (ich war so um 1990 freier Mitarbeiter). Ist das sinnvoll? Nein. Es führt dazu, dass 80 Prozent der Inhalte im deutschen Internet austauschbare Agenturtexte sind (das sagt nachrichten.de- und mein Chef Jochen Wegner, der mit Widmann auf dem Podium saß). Aber es hat Tradition. Schließlich bedient sich die Mantelredaktion auch bei den Agenturen und bastelt aus ihren Dienste große Teile des ersten Buchs einer typischen deutschen Zeitung.

Das ganze System funktioniert so lange wie Zeitungen noch funktionieren (und die Onlineportale von den meisten lokalen und regionalen Medien eher Feigenblätter als erst gemeinte Versuche mit Onlinejournalismus sind). Das mögen sie bitte auch gerne noch sehr lange, denn Papier ist ja ein sehr schönes Medium. Aber nach allem was man so hört und liest, geht es mit der (Gesamt-) Auflage der deutschen Zeitungen Jahr für Jahr bergab. Und auch der Werbemarkt hat seine besten Zeiten im Printgeschäft wohl hinter sich gelassen.

Nun setzen wir mal voraus, dass die etablierte Medienwelt eher so denkt wie Joachim Widmann, das alte System also bewahren möchten, so lange wie es Gewinne abwirft (und das tut es ja in den meisten Verlagen noch). Vermutlich passiert dann auch in den kommenden zehn Jahren das, was schon in den vergangenen 15 Jahren passiert ist: nichts. Ok, wenig. Statt über neue Geschäftsfelder nachzudenken, bleibt der traditionsbewusste Medienmensch bei den Dingen, die er kennt. Bis es nicht mehr geht. Und ganz bestimmt wird es bei einigen Verlagen irgendwann nicht mehr gehen.

So lange Zeitungen (und andere) ihr angestammtes Geschäft verfolgen, können aber Entdecker Neues ausprobieren, Leute wie Hardy Prothmann mit seinem Heddesheimblog (Hardy saß mit Widmann und Wegner auf dem Podium im ifp). Der Journalist bastelt seit rund einem Jahr an einem kleinen Blognetzwerk für seinen Heimatort Heddesheim und die umliegenden Gemeinden. Platz dafür lässt ihm der „Mannheimer Morgen“, ist Prothmann überzeugt. Schließlich betreibe der überwiegend „Bratwurstjournalismus“, gefällige Lokalberichterstattung, die das Objekt der Berichterstattung ernster nehme als den Leser (und den Leser somit an der Nase herumführe).

Nun könnte es ja sein, dass das Heddesheimblog ein Erfolg wird und Hardy ein Leben finanziert. Und dann könnte es ja sein, dass es weitere ähnliche Projekte gibt, also noch mehr Blogs über Orte wie Heddesheim (die Gemeinde hat 10.000 Einwohner) und Publikationen wie die Ruhrbarone. In einer idealen Welt könnten all diese Nischenmedien sich zusammenschließen, ein gemeinsames Netzwerk bilden und so auf eine nennenswerte Reichweite kommen, um auch jenseits der lokalen Anzeigenakquise am Werbekuchen zu knabbern.

Was die Medien dieser neuen Welt sicher nicht brauchen, sind Agenturen. Prothmann sagt ganz klar, er fliege deutlich unter dem Radar von Agenturdiensten, er berichtet detaillierter und kleinteiliger als das selbst die dpa mit ihrem engen Korrespondentennetz je leisten könnte. Was die neuen hyperlokalen Medien allerdings gebrauchen könnten, wäre ein Aggregator, eine intelligente Maschine, die aus den einzelnen Nachrichtenströmen ein auf die Bedürfnisse einzelner Nutzer oder regional sortiertes Netz spinnt. Dann würde das Heddesheimblog auf das Berlinblog verlinken und eben kein ddp-Feature kopieren.

Natürlich könnte es auch ganz anders laufen. Schließlich hätten Zeitungen mit ihren Portalen heute schon die Möglichkeit, sich zu vernetzen. Sie müssten sich nur mal auf den Weg machen. So langsam. Doch egal wie die Entwicklung weitergeht: Die Agenturen stecken in der Klemme. Medien brauchen sie zwar noch, aber von Jahr zu Jahr ein bisschen weniger.

Die Zukunft der Medien. Oder: Jeff Jarvis, kritisch gelesen

In den vergangenen Tagen gab es hier und dort (vor allem auf Twitter) einigen Applaus für die Keynote von Jeff Jarvis auf den Medientagen (Jeff, sorry for writing in German, but I know you read quite well). Das ist erstaunlich (auch weil die Medientage schon ein Weilchen vorbei sind; zugleich erklärbar, denn carta hat die Keynote als Transkript veröffentlicht). Nicht weil Jarvis unter seinen Möglichkeiten geblieben wäre, im Gegenteil, er war wie immer prägnant und provozierend. Nur hat er im Kern nichts Neues gesagt. Seine Thesen stehen in seinem Blog, und er hat sie mit „What would Google do“ zwischen zwei Buchdeckeln verewigt.

Wenn also das geneigte Netzpublikum – wieder einmal – applaudiert, was heißt das dann? Denkbar ist, dass Jarvis zwar gehört, aber nicht verstanden wird. Da er jedes Mal brillant klingt, kann man immer erneut begeistert sein, ohne jedoch seine Erkenntnisse in den Medienalltag zu übertragen. Deshalb die Frage: Was sagt er denn eigentlich? Eine Interpretation.

„We had a content economy when we could obviously sell many copies of anything we created. Now we have a link economy, where there is the need for only one copy of anything online.“

In der analogen Welt konnten zum Beispiel Tageszeitungen es sich leisten, ihre Überregionale Berichterstattung vor allem auf Agenturmaterial aufzubauen (viele tu das heute noch). Da der typische Leser nur eine Zeitung liest, fällt ihm nicht auf, dass überall (mehr oder weniger) die gleiche Nachrichtensuppe gereicht wird.

Im Netz sieht das dann so aus:

Jarvis und seine Link-Ökonomie ist also noch nicht angekommen bei den Zeitungen bzw. deren Online-Ablegern. Sie machen im Netz weiter wie bisher. Google ist da anders, denn Google News erkennt – wie andere Aggregatoren auch – Inhalte, die es an vielen Orten im Netz gibt und sortiert diese aus den Ergebnislisten aus:

Denkt man die Link-Ökonomie konsequent weiter, dann müssten alle Online-Medien – als ersten Schritt – ihre dpa-Ticker abschalten und dürften Agenturmaterial allenfalls als Steinbruch für Autorengeschichten verwenden. Kürzungen oder Kündigungen der Agenturverträgen wären die Folge. Nachrichtenagenturen ginge ihr tradiertes Geschäftsmodell verloren. Sie müssten eigene Portale aufbauen und ihre Inhalte an den Endkunden verkaufen – gegen Gebühren oder Werbeeinblendung. Gemeinsam ist Autoren- und Agenturportalen ein Schönheitsfehler: Es gibt kein Finanzierungsmodell. Der Werbekuchen jedenfalls dürfte zu klein sein. Und Bezahlinhalte funktionieren bisher nur bei Fachinformationen.

Mit den Bezahlschranken sind wir auch wieder bei Jarvis angekommen, der aus der Link-Ökonomie ein paar Schlüsse zieht, unter anderem diesen:

„The first is that you have to have your content open to the world. If you’re not searchable, you will not be found. So talk of going behind pay walls I think is dangerous because you potentially lose audience, you lose discovery. And you have unlimited competitors out there that will be free.“

Die Botschaft ist eindeutig: Lass die Schranke herunter und Du bist tot. Ob das auch für Inhalte auf dem Handy gilt? Ich vermute, dass das so ist. In Deutschland läuft die Diskussion allerdings in die entgegengesetzte Richtung (als Pars pro toto sei WAZ-Chef Bodo Hombach an dieser Stelle angeführt).

Die Notwendigkeit, die Nachrichtenticker abzuschalten, präzisiert Jarvis mit seinem – fast schon zum Mantra gewordenen – Rat:

„Do what you do best and link the rest.“

Gemeint ist damit nichts anders als: radikale Spezialisierung. Brauchte in der analogen Medienwelt noch jede Zeitung Kinokritiken, so reichen heute ein paar Kinoportale aus. Und braucht es wirklich von 190 (so viele Verlage und Sender sind Gesellschafter der dpa) und mehr Medien Leitartikel oder Kommentare zur Politik in Berlin? Jeden Tag? In der Link-Ökonomie reichen vermutlich ein paar Dutzend, um Pluralität zu gewährleisten. Denn es kann ja jeder, der will, seine Meinung ins Internet schreiben. In einer Link- und (wir kommen zum übernächsten Jarvis-Argument) Stream-Ökonomie hat sogar jeder (fast) die gleiche Chance, Gehör zu finden. Große Medienmarken haben auf Twitter und Facebook kein Abo für die Link-Verbreitung. In einer Stream-Ökonomie wird jede Geschichte zur „Bild“-Zeitung, die sich ja auch jeden Tag am Kiosk aufs neue verkaufen muss (nur dass es in sozialen Medien nicht einmal die Gewohnheit gibt, jeden Tag Links von diesem oder jenem Medium zu verbreiten.

Ok, das klingt erst Mal aussichtslos. Doch das ist es nicht, sagt Jarvis. In den USA funktioniert auch jenseits der „Huffington Post“ einiges, zum Beispiel lokale Berichterstattung:

„We found that hyperlocal sites, sites covering a small town – fifty thousand people – were bringing in between $ 100.000 and $ 200.000 advertising revenue.“

Auch in Deutschland gibt es erste Versuche in diese Richtung, etwa Hardy Prothmann mit seinem Heddesheimblog und fussball-passau.de. Ob sich diese Modelle tragen: offen.

Folgen wir Jarvis, dann ist das Heddesheimblog die Zukunft:

„(…) we have to rethink what we are as media companies and that is very hard, because the future is a bunch of very small companies. And we have used to be very big. And I am not sure if it’s possible to go from big to small. It’s very painful. There’s a lot of jobs lost in that process.“

Zu sehen ist davon in Deutschland bisher kaum etwas. Nur eine handvoll Sites. Nun ja, und die Entlassungen bei der WAZ, die sind natürlich schon real.

Als wäre das alles noch nicht schlimm genug, die Medien haben noch ein weiteres Problem, sie ächzen unter der ganzen neuen Konkurrenz:

„I don’t know what the numbers are for sites in Germany, but in the U.S. most news sites get about 12 page views per user per month. That is criminally low. Facebook gets 12 page views per user per day.“

Jarvis vergleicht damit natürlich Äpfel und Birnen. In der analogen Welt hat ja auch keiner gefragt, wie viel Zeit die Menschen mit ihrer Zeitung und anderen Arten von Papier verbracht haben. Und dennoch ist es Teil des Problems. Denn wenn es Medien nicht schaffen, die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen, dann haben sie verloren. Wer grad bei Facebook chattet, der liest keine Nachrichten (also allenfalls die, auf die ihn gerade seine Freunde hinweisen).

Auch die Produktionsmethoden von Journalismus haben, folgt man Jarvis, ihr Verfallsdatum bereits überschritten. Als Grund nennt er die hohe Aufmerksamkeit, die Social-Media-Sites wie Facebook bekommen:

„We really are about process. Journalism and news is a process that doesn’t begin and that doesn’t end. When you think like that, I think you open up your world to collaboration.“

Das klitzekleine Problem: Journalisten (die meisten jedenfalls) sind bisher als Einzelkämpfer bekannt. Allenfalls bei den wirklich großen Medien entstehen Texte in Zusammenarbeit. Auch diese Teams sind jedoch noch sehr weit weg von der Zusammenarbeit, die Jarvis meint: Er sieht den ganzen Journalismus als Prozess. Journalisten machen in beta. Kaum vorstellbar. Im Perfektionsland Deutschland noch ein bisschen weniger.

So, das sind die Dinge, die mir in Jarvis Keynote aufgefallen sind. Alles in allem sind wir von der Vision des ständigen Deutschlandreisenden Jeff Jarvis noch sehr weit entfernt. Und: Es ist nur eine Vision. Für die meisten Argumente fehlt der Beweis, dass die Mechanismen wirklich funktionieren, vor allem der ökonomische Beweis fehlt. Den wird uns die Geschichte liefern.

Das wäre die ganze Keynote:

Jeff Jarvis: „Google is not an enemy, Google is a model“ from Carta on Vimeo.

Autorisierung in der Qualitätspresse

Da draußen regen sich gerade ein paar Leute über die „Süddeutsche Zeitung“ auf, die ihre Medienseite heute mit folgendem Satz verziert:

„Bei Interviews in Printmedien haben die Politiker weitreichende Möglichkeiten zur Korrektur, weil ihnen der gedruckte Wortlaut zur Autorisierung vorgelegt werden muss.“

In diesem Zusammenhang wollte ich nur mal kurz anmerken, dass es dazu ein Positionspapier gibt: vom Bundesverband deutscher Pressesprecher (PDF). Darin heißt es zum Beispiel:

„Die in Deutschland bei Interviews geltende Grundregel der Autorisierung des Interviews durch den Interviewten hat sich bewährt und bedarf keiner Änderung.“

Und:

„Das Interview lebt von der persönlichen Note des Interviewten – nicht des Interviewers. (…) Diese gewünschte Personalisierung und Akzentuierung setzt allerdings voraus, dass der Interviewte tatsächlich das letzte Wort über seine eigenen Aussagen hat.“

Und:

„Autorisierung verhindert Verzerrungen und unzulässige Verkürzungen.“

Diese Sicht der Dinge kann sich Journalist zu eigen machen, muss er aber nicht. Vom DJV oder Ver.di ist mir ein entsprechendes Papier nicht bekannt. Der DJV hat sich 2003 für das Gegenteil ausgesprochen.

Und weil es dazugehört: Ja, auch ich habe Interviews schon zur Autorisierung an Gesprächspartner gesandt. Ich biete das allerdings nie von mir aus an. Denn das Misstrauen zu formulieren, das aus der Bitte um eine Autorisierung spricht, ist nicht meine Aufgabe.

Nachrichtenagenturen sägen am Ast

Auf den ersten Blick könnte man meinen, das Geschäftsmodell Nachrichtenagentur überholt sich gerade. Erst hat die WAZ-Gruppe der dpa den Rücken gekehrt (was nicht immer funktioniert), nun folgt bei der „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ ein Test: Sechs Wochen lang will die Redaktion ohne die Meldungen, Features und Hintergründe der größten deutschen Agentur auskommen. Anschließende Kündigung des Agenturvertrags nicht ausgeschlossen.

Auf den zweiten Blick, besser gesagt beim Kramen in Erinnerungen, fällt auf: All das gab es schon mal. In der vorigen Krise haben es die „Rhein-Zeitung“ und die „Rheinische Postohne dpa probiert. Das war 2003. Heute bietet die „Rhein-Zeitung“ einen dpa-Ticker an, und auch die „Rheinische Post“ kommt nicht ohne aus.

Die Argumente von damals und heute ähneln sich sehr: dpa sei zu teuer, heißt es, zu schlecht, zu unflexibel – und man wolle ja eigentlich eine Autorenzeitung machen, dpa sparen heiße mehr Redakteure beschäftigen.

Nun ließe sich schlicht folgern: Die dpa hat die Krise nach dem Platzen der New-Economy-Blase mit anschließender Anzeigenflaute und Medienkrise überstanden, dann wird sie das auch heute schaffen. Doch es gibt ein paar Gründe, warum es dieses Mal deutlich schwerer werden könnte, warum Nachrichtenagenturen vielleicht gerade dabei sind, sich zur Hälfte selbst überflüssig zu machen und zu anderen Hälfte von der Medienentwicklung hinweggespült zu werden.

Da wären zunächst ein paar inhaltliche Gründe, die Augen-geradeaus!-Blogger Thomas Wiegold unlängst auf Peter Zschunkes agenturjournalismus.de zusammengefasst hat. Die Kernpunkte: Die Agenturen sind nicht mehr in erster Linie Anbieter exklusiver Informationen, sondern zum Distributionskanal verkommen. In der Praxis heißt das, Agenturen schreiben all das zusammen, was Medien ihnen zutragen, garnieren aber nur in Ausnahmefällen mit Informationen, die nur sie haben.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn auf der anderen Seite nagt das Netz an der Existenzberechtigung von Agenturen.

Online-Medien zahlen nicht so viel Geld für Agenturen, wie es einst Print tat. Denn dazu reichen die Werbeeinnahmen nicht aus, ob das künftig anders sein wird, ist mindestens fraglich. Auch Print wird weniger zahlen wollen. Denn schließlich bröckeln die Erlöse auch bei den Holzmedien. Zugleich schließen immer mehr Agenturen Verträge mit Google. Damit sägen sich nicht nur am Ast der Online-Ableger klassischer Medienhäuser, sondern auch an ihrem eigenen.

Bisher leitet Google viel Traffic aus dem eigenen Suchschlitz auf große und kleine Nachrichtenangebote, die einen größeren oder kleineren Teil ihrer Berichterstattung mit Agenturen bestreiten. Künftig wird ein großer Anteil dieser Zugriffe den Kosmos von Google nicht mehr verlassen. Denn die Agenturmeldungen hostet der Such- und Werbekonzern schließlich selbst.

Für Medien bleibt somit nur ein Weg: Sie müssen – wie vielfach versprochen und selten wirklich verwirklicht – in eigene, originäre Berichterstattung investieren, damit ihr Angebot sich vom allgemeinen Google-Agenturen-Strom abhebt. Zur Kündigung zumindest von einem Teil der Agenturverträge ist es dann nur noch ein kurzer, logischer Schritt.

Und natürlich bleibt eine weitere Frage damit ungelöst: Wie soll künftig Qualitätsjournalismus und Medienvielfalt finanziert werden, wenn Google ein noch größeres Stück vom Werbekuchen für sich beansprucht? Vielleicht sind die Modelle Huffington, ProPublica und Spot.us ja wirklich ein Teil der Zukunft.

Update: DonAlphonso geht davon aus, dass die Zeitungen eh zur dpa zurückgehen, spätestens wenn sie merken, dass ihre Redakteure keine Autoren sind.

Update2: In den USA lassen Zeitungen AP fallen. Via Jeffs Buzzmachine.

Update 3: Auch der Tagesspiegel hat das Thema entdeckt: „Das Sparmodell“. Und Meedia.

Update 4: Jeff Jarvis hält Stiftungen für einen Teil der Zukunft.

Die Mär von der Kostenloskultur im Netz

Auf die Finanzkrise folgte die Rezession, auf die Rezession folgte die Werbekrise, und mit der Werbekrise kommt eine Debatte in Gang, die seit Jahren ausgefochten schien. Wenn Anzeigen Journalismus im Netz nicht finanzieren, dann müssen das eben die Leser übernehmen, ist das einfache Argument. In den USA, wo es Zeitungen bekanntlich noch ein bisschen schlechter geht als hierzulande, denkt zum Beispiel die Hearst-Zeitungsgruppe über neue Bezahlmodelle nach. Und auch in Deutschland müssen sich Chefs von Internetmedien fragen lassen, ob sie nicht bald eine Kasse für den Nutzer aufstellen wollten.

Nun liegt es mir fern, erneut zu erklären, warum Bezahlmodelle (Neudeutsch sagt der Medienmensch Paid Content) zumindest für mehr oder weniger allgemeine Nachrichtenangebote nicht funktioniert. Das haben Kollegen bereits erläutert in den vergangenen Wochen, etwa Thomas Knüwer. Aber ein Aspekt kommt mir in der Diskussion um die Frage, ob man den Nutzer zum Zahlen verdonnern kann oder nicht, bisher zu kurz (oder ich habe Beiträge zum Thema übersehen): Das Argument, Leser zahlten schließlich auch für Nachrichten und verwandte Texte, wenn diese in der Zeitung stehen, ist eine Lüge. Leser zahlen nicht für die Informationen, sie zahlen dafür, dass jemand diese auf Papier gedruckt und zum Zeitungskiosk ihrer Wahl oder direkt in den Briefkasten transportiert hat.

Es würde zu weit führen mich in diesem Moment überfordern, genau und möglicherweise für mehrere Verlage auszurechnen, wie sie ihre Druckerzeugnisse finanzieren, was Redaktion, Verwaltung Druck und Vertrieb jeweils kosten. Deshalb nähere ich mich dem Thema vom Nutzer, also vom Leser.

Ein Abo der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ kostet 37,50 Euro im Monat, die „Süddeutsche Zeitung“ belastet die Haushaltskasse mit 41,40 Euro (39,40 Euro innerhalb Bayerns). In Berlin, wo die Zeitungen traditionell günstiger, dafür aber auch nicht ganz so gehaltvoll sind, kostet der „Tagesspiegel“ 25,90 Euro. Im Jahr kostet der regelmäßige Genuss einer Tageszeitung damit zwischen 310,80 Euro („Tagesspiegel“) und 496,80 Euro (SZ, wenn man sie in Hamburg liest). Und im Internet ist das alles für lau zu haben? Mitnichten.

Wer Nachrichten im Netz lesen will, braucht einen Rechner und einen Internetanschluss. So ein Notebook fürs Sofalümmeln kostet (der Einfachheit halber angenommen) 1000 Euro. Nach drei bis fünf Jahren ist der Rechner veraltet oder kaputt. Macht pro Jahr Kosten von mindestens 200 Euro. Ein sinnvoller Internetanschluss schlägt mit etwa 15 Euro im Monat zu Buche (den gibt es in der Regel nicht ohne Festnetztelefon, zusammen sind es so gegen 30 Euro, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein). Im Jahr saugt das Netz damit etwa 180 Euro aus der Kasse. Zusammen mit dem Laptop sind es 380 Euro Bereitstellungskosten, um überhaupt Nachrichten online lesen zu können. (Nicht eingerechnet sind an dieser Stelle die Stromkosten und die vielen Stunden, die man damit verbringt, die Software auf dem Rechner aktuelle zu halten.)

Nun liest der geneigte Computernutzer nicht nur Nachrichten im Netz. Er schreibt auch E-Mails (wenn er etwas älter ist) oder treibt sich in sozialen Netzwerken herum (wenn er zur Gemeinde der Internet-Eingeborenen gehört). Es wäre also unfair, die Computer- und Internetkosten in voller Höhe anzusetzen. Die AGOF gibt in ihrer Studie „internet facts 2008-III“ an, dass 61,1 Prozent der Nutzer online Nachrichten zum Weltgeschehen lesen, 55,9 Prozent lokale und regionale Nachrichten. Hinzu kommen weitere Informationen, die Leser sich in einer vergangenen Welt aus der Zeitung gesucht haben, etwa das Kinoprogramm. Vielleicht können wir an dieser Stelle einfach mal annehmen, dass 60 Prozent der Internetnutzung Dinge sind, für die früher vor allem die Zeitung stand. Das macht Kosten von 216 Euro pro Jahr auf Nutzerseite.

Es ist also tatsächlich etwas billiger, Nachrichten um Netz zu lesen, als sich eine Zeitung zu kaufen. Aber es ist nicht für lau zu haben.

Und weil das Argument bestimmt kommt: Natürlich kann man Nachrichten im Internet auch ganz ohne Kosten lesen, etwa bei Freunden oder am Arbeitsplatz. Aber das geht ja auch mit der Tageszeitung des Kollegen oder der Freundin.

Update: Man könnte meinen, Meedia hat sich inspirieren lassen: „Wie Paid Content funktionieren kann“